4-Hydroxycumarin

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4-Hydroxycumarin als Stammverbindung der so genannten 4-Hydroxycumarine ist ein in 4-Stellung mit einer Hydroxygruppe substituiertes Cumarin. Formal liegt es als 1,2-Benzopyron bzw. 2H-Chromen-2-on vor, das auch als mit einem ungesättigten δ-Lacton-Ring anelliertes Benzol aufgefasst werden kann. Die Verbindung ist Ausgangsstoff für eine Vielzahl von pharmakologisch aktiven Wirkstoffen[4], von denen die blutgerinnungshemmenden Antikoagulantien die größte Bedeutung erlangt haben.

Schnelle Fakten Strukturformel, Allgemeines ...
Strukturformel
Strukturformel von 4-Hydroxycumarin
Allgemeines
Name 4-Hydroxycumarin
Andere Namen
  • 4-Hydroxy-2H-1-benzopyran-1-on
  • 4-hydroxychromen-2-one (IUPAC)
  • 4-Hydroxy-2H-chromen-2-on
  • 4-HC
Summenformel C9H6O3
Kurzbeschreibung

beiges Pulver[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 1076-38-6
EG-Nummer 214-060-2
ECHA-InfoCard 100.012.783
PubChem 54682930
ChemSpider 10254753
DrugBank DB03410
Wikidata Q25323691
Eigenschaften
Molare Masse 162,14 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Dichte

1,1734 g·cm−3 bei 25 °C[2]

Schmelzpunkt

211–213 °C[1]

Löslichkeit

praktisch unlöslich in Wasser, löslich in Ethanol und Dimethylformamid[3]

Brechungsindex

1,4500 (25 °C, 589 nm)[2]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[1]
Gefahrensymbol

Achtung

H- und P-Sätze H: 302315319335
P: 261305+351+338[1]
Toxikologische Daten

2.000 mg·kg−1 (LD50, Maus, oral)[1]

Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0°C, 1000 hPa). Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C
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Vorkommen und Darstellung

4-Hydroxycumarin entsteht in Pflanzen, wie z. B. Steinklee (Melilotus alba), die Melilotosid – das Glucosid der o-Cumarsäure (2-Hydroxyzimtsäure) – enthalten. Durch Einwirkung von Pilzen auf schimmelndes Pflanzengut bildet sich 4-HC, das mit Formaldehyd spontan zu dem blutgerinnungshemmenden Dicumarol reagiert.[5]

Biosynthese von 4-Hydroxycumarin

Die Biosynthese des 4-Hydroxycumarins erfolgt aus den Coenzym-A-Estern der Salicylsäure (Salicyl-CoA) und der Malonsäure (Malonyl-CoA), die zu einem 1,3-Diketon reagieren, aus dem durch intramolekulare Cyclisierung das Lacton 4-HC gebildet wird.[5][6]

Biosynthese von 4-Hydroxycumarin
Biosynthese von 4-Hydroxycumarin

Chemische Synthese von 4-Hydroxycumarin

Bei der Fries-Umlagerung von Phenylacetat entsteht ein Gemisch von 4-Hydroxyacetophenon (4-HAP) und 2-Hydroxyacetophenon[7] (2-HAP), wobei letzteres mit Diethylcarbonat und Natriumhydrid zu 4-Hydroxycumarin cyclisiert werden kann (Ausbeute 87 %).[8]

Synthese von 4-Hydroxycumarin aus 2-HAP
Synthese von 4-Hydroxycumarin aus 2-HAP

Die Reaktion der preisgünstigen Ausgangsstoffe Phenol und Malonsäure in Gegenwart von Zinkchlorid (ZnCl2) und Phosphoroxychlorid (POCl3) erzeugt 4-HC in brauchbaren Ausbeuten (64 %).[9]

Synthese von 4-Hydroxycumarin mit Malonsäure
Synthese von 4-Hydroxycumarin mit Malonsäure

In einer Variante der Pechmann-Reaktion wird aus Phenol und Meldrumsäure – gebildet aus Malonsäure und Aceton – durch Katalyse mit dem so genannten Eaton-Reagenz 4-Hydroxycumarin in einer Gesamtausbeute von 69 % erhalten.[10]

Synthese von 4-Hydroxycumarin mit Meldrumsäure
Synthese von 4-Hydroxycumarin mit Meldrumsäure

Eigenschaften

4-Hydroxycumarin ist ein farbloser bis gelber, geruchloser Feststoff, der in Wasser praktisch unlöslich. Im Alkalischen, in Alkoholen und organischen Lösungsmitteln, wie Chloroform, Dioxan und Dimethylsulfoxid löst sich 4-HC hingegen gut. Die Verbindung weist Keto-Enol-Tautomerie auf und liegt überwiegend als 4-Hydroxy-2-chromenon (A), neben Chromon-2,4-dion (B) vor.[11]

Tautomerie bei 4-Hydroxycumarin
Tautomerie bei 4-Hydroxycumarin

Anwendungen

Die Reaktivität des 4-Hydroxycumarins – besonders ausgeprägt in der hohen Nukleophilie am C-Atom in 3-Stellung und an der enolischen Hydroxygruppe in 4-Stellung seines Chromenon-Rings – machen die Verbindung zu einem interessanten Molekülbaustein für eine Vielzahl chemischer Reaktionen. Daraus resultieren Produkte unterschiedlichster Eigenschaften und Anwendungen, von Farbstoffen bis Antitumormitteln, besonders aber Antikoagulantien zur Therapie von Blutgerinnungsstörungen und Vertilgung von Nagetieren (Rattengift).[4]

Azokupplung von 4-Hydroxycumarin mit aromatischen Diazoniumsalzen erfolgt in 3-Stellung des Chromenonrings und erzeugt Azofarbstoffe mit unterschiedlichen Absorptionsspektren,[12]

Azokupplung mit 4-Hydroxycumarin
Azokupplung mit 4-Hydroxycumarin

während Acylierungsprodukte mit langkettigen, ungesättigten Fettsäuren, wie z. B. 10-Undecensäure, antibakterielle Eigenschaften aufweisen.[13]

3C-Acylierung an 4-Hydroxycumarin
3C-Acylierung an 4-Hydroxycumarin

Unter Mikrowellenbestrahlung reagiert die Hydroxylgruppe in 4-Position mit Alkyl- und Acylhalogeniden in Gegenwart von Natriumhydroxid oder Kupfer/Kupfer(II)-chlorid zu O-Alkyl- bzw. O-Acylcoumarinen in Ausbeuten von 50 bis >70 %.[14]

4O-Acylierung an 4-Hydroxycumarin
4O-Acylierung an 4-Hydroxycumarin

So liefert O-Acylierung z. B. mit elektronenreichen Benzoesäuren farblose kristalline Materialien, die intensive Fluoreszenz aufweisen.[15]

Wichtigste Anwendung von 4-Hydroxycumarin ist als Baustein für gerinnungshemmende Wirkstoffe, die als so genannte Blutverdünner in der Medizin oder in der Landwirtschaft als Nagetiergifte eingesetzt werden.

Antikoagulantien: Derivate des 4-Hydroxycumarins
Antikoagulantien: Derivate des 4-Hydroxycumarins

Leitverbindung ist das 1947 patentierte und nach der Patentanmelderin Wisconsin Alumni Research Foundation (WARF) benannte Warfarin.[16] Als pharmazeutische Wirkstoffe in Europa eingeführt wurden Acenocumarol und das in Deutschland am häufigsten verordnete Phenprocoumon mit dem Handelsnamen Marcumar. Aus der Arbeitsgruppe von Matthias Beller stammt eine neuere Synthesevariante, nach der aus 4-HC und 1-Phenyl-1-propanol in Gegenwart von Eisen(III)-chlorid-Hexahydrat Phenprocoumon in hoher Ausbeute (92 %) erhalten werden kann.[17]

Phenprocoumon-Synthese mit 4-Hydroxycumarin
Phenprocoumon-Synthese mit 4-Hydroxycumarin

Die wegen ihrer extremen Wirksamkeit als „Superwarfarine“ bezeichneten Nagetiergifte Bromadiolon, Brodifacoum und Flocoumafen basieren ebenfalls auf 4-Hydroxycumarin als wesentlichen Ausgangsstoff (engl. building block).

In der letzten Synthesestufe des auch bei warfarinresistenten Ratten hochwirksamen Brodifacoums wird 4-Hydroxycumarins mit einem in vierstufiger Synthese aufgebauten Oligophenylderivat zum Endprodukt umgesetzt.[18][19]

Bildung der Brodifacoum-Endstufe mit 4-Hydroxycumarin
Bildung der Brodifacoum-Endstufe mit 4-Hydroxycumarin

Einzelnachweise

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