American Broadcasting Station in Europe
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Die American Broadcasting Station in Europe (ABSiE) war ein Kurzwellen-Hörfunksender, der von den USA gegründet wurde. Verantwortlich war das Office of War Information (OWI), das mit der britischen BBC kooperierte. Die Rundfunkstation diente der Bekämpfung der Nazi-Propaganda.
Geschichte
Der Sender begann am 30. April 1944 mit der Ausstrahlung, zwei Monate vor dem D-Day, mit den Worten: "This is the American Broadcasting Station in Europe... In this historic year, 1944, the allied radio will bring you tremendous news..." (Übersetzung: "Dies ist die amerikanische Rundfunkstation in Europa... In diesem historischen Jahr 1944 wird Ihnen das alliierte Radio großartige Nachrichten bringen...").[1]
Der Radiosender informierte die Hörerschaft im besetzten Europa über ihre geplante Befreiung von der Hitler-Diktatur und verwies auf den D-Day und die russische Invasion aus dem Osten.[2] Senderstandort war ein umgebautes Filmgebäude bei den Gaumont-British-Büros.[3] in der Wardour Street in London und sendete bis zum 4. Juli 1945 weiter.[4]
ABSiE sendete täglich ein etwa achtstündiges Programm, davon bis Februar 1945 zweieinhalb Stunden in deutscher Sprache, schwerpunktmäßig in den frühen Morgenstunden und abends zwischen 20:00 Uhr und 01:15 Uhr. Der Programmbeginn war meist fünfzehn Minuten nach der vollen Stunde.
Die Redaktion war in London untergebracht, wo ABSiE die BBC Studios im Bush House mitbenutzen konnte. Die Ausstrahlung der Sendungen erfolgte ebenfalls über verschiedene britische Sendeanlagen. Um eine möglichst große Verbreitung in Deutschland zu erreichen, benutzte man parallel mehrere Mittelwellen und Kurzwellenfrequenzen gleichzeitig.[5]
Der innere Aufbau der Londoner Redaktion entsprach dem des European Service der BBC: Es existierten Regional Branches mit eigenem Redaktionsteam unter der Leitung eines US Chefredakteurs, meist im Range eines US Offiziers. Die Organisationsstruktur war angelsächsisch- militärisch geprägt. Sendungen erfolgten in Deutsch, Englisch, Französisch, Dänisch, Norwegisch, Holländisch. Die Deutschlandredaktion war neben der englischsprachigen Sektion die größte Abteilung von ABSiE sowohl in Bezug auf Personalstärke wie hinsichtlich der Sendezeit.[6] Anfangs sendete ABSiE auf den Kurzwellenfrequenzen 9520, 9550, 9625 und 9640 kHz und identifizierte sich alle 15 Minuten gegenüber seiner Hörerschaft.[7]
Neben Sendungen, die für europäische Zuhörer gedacht waren, wurden auch Musik- und Unterhaltungsprogramme ausgestrahlt, die mit vorgeblich entmutigenden Botschaften für die deutschen Streitkräfte gemischt waren. Bing Crosby und Dinah Shore gehörten zu häufigen Akteuren in ABSiE-Programmen.[8]
Programminhalte
Für Nachrichten und Kommentare machte sich der Sender das Prinzip Never tell a lie zunutze, jedoch wurde nicht alles, was berichtenswert gewesen wäre, auch tatsächlich gesendet. Die Auswahl der Inhalte wurde von kriegsstrategischen Erwägungen der Amerikaner geleitet. Auch wurden offizielle Verlautbarungen aus dem Oberkommando der alliierten Streitkräfte unter General Dwight D. Eisenhower verbreitet.[9] Im Laufe seines Bestehens strahlte ABSiE die folgenden festen Sendereihen (Hörfolgen) aus:[10]
- Programm für die Wehrmacht.
- 60 Minuten täglich zum Teil Überspielung aus New York: Nachrichten, Kommentare. Auch das Musikprogramm sollte Soldaten zum Überlaufen animieren.
- Amerika ruft Europa.
- 30 Minuten täglich Überspielung aus New York: Berichte aus USA.
- Österreich-Programm.
- 30 Minuten sonntags politischer Wochenüberblick, Sketche, Satire usw.
- Arbeitersendung / Frauensendung.
- Kriegsgefangenensendungen.
- Fünf Minuten täglich Wehrmachtsprogramm mit Namensverlesungen, Vorstellung einzelner Gefangener, Aufrufe zum Überlaufen.
- Ein Wort zur Situation in Deutschland.
- Fünfzehn Minuten wöchentlich Kommentare von Golo Mann.
- Die Yankees kommen.
- Alfred Zimmermann sprach zwei- bis dreimal pro Woche fünf- bis zehnminütige Kommentare aus der Sicht eines normalen US Bürgers zur Weltlage.
Mitwirkende
Von amerikanischer Seite wirkten unter anderem folgende Personen an maßgeblicher Stelle bei ABSiE mit:[11]
- Brewster Morgan als Gründer und Leiter der gesamten Station.
- William Harlan Hale als Chief of German Propaganda Operations for OWI London[12].
- Henry Hatfield als Leiter und Koordinator des deutschsprachigen Kriegsgefangenendienstes.
- George Herald als Chief Intelligence Officer und Feature-Autor.
- William L. Klein als Chief Producer und Music Editor.
- Colonel Neslin als Autor und Sprecher der Serie Die Yankees kommen.
- Henry Platt als Chief News Desk Call.
- Colonel Rau als Leiter der deutschsprachigen Abteilung und Militärkommentator.
Namentlich lassen sich die folgenden deutschsprachigen Emigranten nachweisen:
- Robert Albert Bauer als Leiter der deutschsprachigen Abteilung von März bis 13. August 1944.
- Fred Bock-Bordy als Mitarbeiter am Programm für Österreich, etwa ab Anfang 1945.
- Franz Borkenau als Redakteur für die Serien Worte und Fakten sowie für die Surrender Stories.
- Josef Brant als Redakteur für die Serien Worte und Fakten sowie für die Surrender Stories.
- George Hanfmann als Chef der deutschsprachigen Abteilung mindestens seit Februar 1945.
- Peter Herz als Feature-Autor.
- Golo Mann als stellvertretender Leiter der deutschsprachigen Abteilung bis Februar 1945, unter anderem Redakteur der Sendereihen Ein Wort zur Lage und Tagespolitischer Wochenüberblick. Er sprach die meisten seiner Beiträge selbst.[13]
- Mutz Meyer als Mitarbeiterin und Sprecherin in Österreichprogramm.
- Karl Ostertag als Sprecher.
- Alfred Zimmermann als politischer Kommentator zeitweiser Leiter der deutschsprachigen Abteilung.
- Edward Rothe als Sprecher.
- Edmund Schechter als Sprecher, Redakteur und stellvertretender Leiter von ABSiE ab dem 4. Februar 1945 bis kurz vor Kriegsende.[14]
- Arthur Steiner als Mitarbeiter der Österreich-Sendungen bis zu deren Einstellung
- Gloria Wagner, als Leiterin der Frauensendungen und der Programme für die deutsche Arbeiterschaft.
- Friedrich Walter als Feature-Autor 1944/45.
- Clementine Zernik als verantwortliche Redakteurin und Sprecherin für die Sendungen nach Österreich.
Die deutschsprachigen Mitarbeiter bereisten häufig die nach und nach von den Alliierten besetzten deutschen Gebiete und interviewten Menschen, die froh waren, dass der Krieg bald zu Ende gehen würde.[15]
Resonanz
Das OWI behauptete, ABSiE habe eine außergewöhnlich große Hörergemeinde gehabt. Befragungen von Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung ergaben einen Bekanntheitsgrad von 50 bis 60 %, wobei zu vermuten ist, dass hörerseitig die deutschen Dienste der BBC, der Stimme Amerikas, Radio Luxemburgs mit dem von ABSiE verwechselt worden sein könnte. ABSiE war heftiger deutscher Störsendertätigkeit ausgesetzt, die deutschen Abhördienste beobachteten die Station regelmäßig.
Quellen
- Conrad Pütter: Rundfunk gegen das Dritte Reich. Ein Handbuch. K.G.Saur Verlag, München, London, New York, Oxford, Paris 1986, ISBN 3-598-10470-7
- Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler. Dhv Der Hörverlag, München 2016, 8 CDs, 9h 42 Min. (582 Min.), ISBN 978-3-8445-2326-3
- Deutsches Rundfunkarchiv: Auswahl der wichtigsten Tonaufnahmen vom 1.4. 1945 bis 20.6.1945: https://www.dra.de/fileadmin/www.dra.de/downloads/pdf/Sonderhinweisdienst_Ende_Zweiter_Weltkrieg.pdf