Acqua Alta
Novelle von Judith Hermann
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Acqua Alta ist eine Novelle der deutschen Journalistin und Schriftstellerin Judith Hermann. Sie veröffentlichte die Novelle 2003 in dem Erzählungsband „Nichts als Gespenster“, welcher beim S. Fischer Verlag erschienen ist.[1] Acqua Alta behandelt die Geschichte einer Frau, die ihre Eltern auf einer Reise in Venedig besucht und dort von einem Venezianer sexuell belästigt wird.
Inhalt
Bei der Protagonistin handelt es sich um eine namenlose Ich-Erzählerin.[2] Ihre Eltern sind viel am Reisen, seit sie und ihre Schwestern aus dem Elternhaus ausgezogen sind. Die Eltern reisen mit wenig Geld, besichtigen Sehenswürdigkeiten verschiedener Länder und Städte und verschicken Postkarten von dort.
Ein einziges Mal trifft die Protagonistin ihre Eltern auf einer ihrer Reisen. Zu diesem Zeitpunkt ist es Juli, und die Eltern sind bereits seit vier Wochen auf Reisen, da kreuzen sich ihre Wege in Venedig. Vorher beschließt die Protagonistin, nach Korsika zu reisen, um dort ihren 30. Geburtstag zu verbringen. In Korsika bleibt sie eine Woche, bis sie sich spontan dazu entscheidet, abzureisen, um ihre Eltern in Venedig zu besuchen.
Am Bahnhof in Venedig angekommen, macht sich die Protagonistin auf den Weg zur Pension ihrer Eltern. Die Pension befindet sich bei einem großen Platz, dem Campo San Geremia. Ihre Eltern entdecken sie von einem Balkon aus. Die drei treffen sich schließlich in einem Café an dem Platz. Dort erzählen die Eltern ihr von ihren bisherigen Reiseerlebnissen. In der Pension der Eltern ist kein Zimmer mehr frei. Der Vater schlägt daher vor, gemeinsam nach einem günstigen Zimmer zu suchen, doch die Tochter lehnt den Vorschlag ab. Ihr Vater missbilligt diese Entscheidung. Sie verabreden sich für abends am Markusplatz. Die Eltern wollen vorher noch einige Kirchen besichtigen. Die Protagonistin entscheidet sich für ein Hotel neben der Pension der Eltern.
Eine halbe Stunde vor dem ausgemachten Treffen verlässt die Protagonistin ihr Zimmer und folgt einigen Touristen, statt den Stadtplan zu nutzen. Normalerweise ist sie auf Reisen ängstlich. Die Vorstellung, dass ihre Eltern in der Nähe sind, gibt ihr jedoch ein Gefühl von Sicherheit. Die Protagonistin kommt bei ihrer Tour durch die Stadt bei der Rialtobrücke an. Sie bleibt stehen. Um sie herum sind Massen von Touristen. Ein Venezianer neben ihr schiebt seine Hand in ihren Hosenbund. Sie entzieht sich seiner Berührung, schaut ihn an und stößt ihn von sich. Die beiden haben wenige Sekunden Augenkontakt. Sie überlegt, ihn zu schlagen, doch er dreht sich weg und geht. Die Protagonistin reflektiert in Gedanken das Geschehene. Sie bemerkt, dass ihr Atem sehr schnell geht. Schließlich macht sie sich ein wenig zittrig auf den Weg zum Markusplatz, wo sie zehn Minuten zu spät zum Treffen ankommt.
Die Mutter beschließt, dass die drei ins Café Florian gehen sollten. Sie bestellen Rotwein und die Eltern gratulieren ihrer Tochter zum Geburtstag. Anschließend fahren sie mit einem Vaporetto durch das nächtliche Venedig. Nach der Bootstour laufen sie zurück zur Pension der Eltern und verabreden sich zum gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen. Die Eltern gehen schlafen. Ihre Tochter trinkt noch einen Wein im Café, bevor sie ebenfalls in das Hotel zum Schlafen geht.
Am nächsten Morgen weckt der Portier sie durch Klopfen an der Zimmertür, da die Eltern bereits an der Rezeption warten. Vom Hotel aus laufen sie durch das noch menschenleere Venedig zu einem Café vor dem Bahnhof, um dort zu frühstücken. Sie sind die einzigen Frühstücksgäste in dem Café, bis sich ein Mann an den Nachbartisch setzt. Es ist der Venezianer, welcher die Protagonistin an der Rialtobrücke belästigt hat. Sie schaut entsetzt, während er freudig überrascht guckt. Die Eltern bemerken den Mann nicht. Der Venezianer trinkt einen Espresso, raucht und greift mit seiner rechten Hand in seine Hosentasche, die Eltern reden und die Protagonistin lenkt sich ab, indem sie an Acqua Alta, das jährliche Hochwasser in Venedig denkt. Schließlich nimmt der Mann seine Hand aus der Hosentasche, bezahlt und geht.
Am restlichen Tag besichtigen sie einige Sehenswürdigkeiten, an die sich die Protagonistin nur verschwommen erinnert. Dann besorgen sie Reiseproviant und begeben sich zum Bahnhof. Die Eltern warten gemeinsam mit ihr, bis ihr Zug abfährt. Sie selbst bleiben noch drei Tage in Venedig und fahren ihre Reise danach fort. Der Zug hält hinter der italienischen Grenze auf einer Wiese. Die Protagonistin steigt aus und trifft draußen auf ein Pärchen auf Hochzeitsreise, das erzählt, dass ein Drachenflieger abgestürzt und in eine Leitung gefallen sei. Nach vier Stunden steigen alle Passagiere wieder ein, damit der Zug weiterfahren kann.
Interpretationen
Der erste sexuelle Übergriff
Im touristischen Zentrums Venedigs, an der Rialtobrücke, erliegt die Protagonistin der Schönheit Venedigs. Neben all den anderen Touristen empfindet sie zum ersten Mal keine Angst in dieser Stadt. Dort befinden sich nur Ortsfremde, so wie sie. Der Übergriff geschieht jedoch dann durch den scheinbar sich dort einzigen befindenden Venezianer.[3]
„Ich stand unter all den anderen und dachte unbeholfen und glücklich »Wie schön ist Venedig« und dachte das solange, bis ich spürte, daß der Tourist neben mir seine Hand in meinen Hosenbund geschoben hatte. […] Jetzt aber verstand ich, daß es gar nicht um diesen Blick ging, sondern um die verbotene Berührung einer Frau in der anonymen Masse, um mich.“[2.1]
In dieser Situation treffen zwei Pole aufeinander: das empfundene Glücksgefühl auf der Rialtobrücke und die anschließende schockierende Erfahrung durch die Übergriffigkeit des Venezianers.[4] Gerade dann, als die Protagonistin Venedig nicht mehr als gefährlich, sondern als schön wahrnimmt, passiert der Übergriff. Dadurch werden ihr die möglichen Gefahren Venedigs, die sie schon die ganze Zeit plagen, verdeutlicht.[4]
Der zweite sexuelle Übergriff
Der Venezianer tritt in der weiteren Erzählung erneut auf und kommt selbst im Schutz der Öffentlichkeit zum Orgasmus.[4]
„Ein zweiter Gast setzte sich an den Tisch neben uns. Ich sah flüchtig auf und wieder weg und dann wieder hin, und in dem Maße, in dem sich in meinem Gesicht ein entsetztes Erkennen abgezeichnet haben muss, zeigte sich im Gesicht dieses Gastes die hellste, freudigste Überraschung. Der, der sich da jetzt zurechtsetzte, einen Espresso bestellte und offenbar mit einem Blick die Situation erkannte, war der Venezianer von der Rialtobrücke. […] Er verstand, daß ich verloren und wehrlos war und daß ich mich ihm um meiner Eltern willen ausliefern würde.“[2.2] „der Venezianer legte den Kopf in den Nacken. Lautlos, endlich. Er nahm die Hand aus der Hosentasche.“[2.3]
Der sexuelle Übergriff geschieht zwar aus der Ferne, jedoch erneut in der Öffentlichkeit. Dass die sexuellen Handlungen des Venezianers in dieser Szene mit der Protagonistin korrelieren, verdeutlicht er durch seine Blicke.[4.1]
Verknüpfung der sexuellen mit der ökologischen Bedrohung
In Acqua Alta stehen nach literaturwissenschaftlichen Analysen Intersubjektivitäts- und Fremdheitserfahrungen einer Frau im Zentrum, die als Touristin nach Venedig reist. Dabei kommt es zu einer sexuellen Begegnung mit einem Einheimischen, die in einer geschlechtsspezifisch ausgeprägten Konstellation dargestellt wird.[3.1] In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass der weibliche Tourismus und die Erfahrung von Alterität mit dem Paradigma von Natur und Ökologie verknüpft seien, indem der sexuelle Kontakt mit der Bedrohung durch eine Naturkatastrophe, dem Untergang Venedigs, zusammengeführt werde.[3.2]
Besonders deutlich wird diese Verbindung laut Deutungen beim zweiten sexuellen Übergriff im Café, wo die Bedrohung des weiblichen Körpers mit der Gefährdung der Touristenstadt Venedig vernetzt wird.[3.3] Das touristische Venedig und die reisende Frau würden gleichermaßen als durch fremde Menschen und durch das andere Geschlecht bedroht beschrieben.[3.3] Einzelne Interpretationen sehen zudem eine Projektion der ökologischen Katastrophe, des drohenden Untergangs Venedigs, auf den Körper der weiblichen Touristin, die Opfer eines sexuellen Übergriffs durch einen Venezianer wird.[3.4]
Die Naturkatastrophe des Acqua Alta, die in einen Zusammenhang mit den Folgen des Massentourismus gestellt wird, bildet nach dieser Lesart den Fluchtpunkt der Erzählung.[3.2]
Motive
Todesmotiv
Eines der Hauptmotive in Acqua Alta ist der Tod. Bereits zu Beginn der Erzählung wird der Tod thematisiert.
„Meine Eltern sind aus Venedig zurückgekehrt. Sie sind unversehrt aus Venedig zurückgekehrt, es ist ihnen nichts geschehen. Man hätte sie überfallen, ausrauben und erstechen können. Es wäre möglich gewesen, daß sie an einer Fischvergiftung gestorben, in der Nacht vom Vaporetto aus angetrunken und unbemerkt kopfüber ins brackige Lagunenwasser gestürzt, auf dem Fliesenboden ihres Palazzo-Zimmers mit Herzinfarkt zusammengebrochen wären. Sie hätten sich im Gassenlabyrinth der Stadt verlaufen können und wären verschwunden, nie mehr aufzufinden gewesen, weg, vom Erdboden, vom Wasser verschluckt. Ist Venedig eine gefährliche Stadt. Ist nicht überhaupt alles mehr oder weniger gefährlich, also ungefährlich, also nichts. Ich rechne täglich mit dem Verschwinden meiner Eltern. Aus Venedig sind sie noch einmal zurückgekehrt.“[2.4]
Teilweise haben die genannten Todesgründe nichts mit der Tatsache zu tun, dass die Eltern sich in Venedig befinden. Ein Herzinfarkt könnte theoretisch überall passieren und hängt nicht mit der Stadt zusammen.[4.2] Jedoch wird bei diesem möglichen Todesgrund explizit das Palazzo-Zimmer der Eltern erwähnt und auch eine Fischvergiftung oder das Ertrinken im Lagunenwasser sind potentielle ortsspezifische Todesgefahren.[3] Das Ertrinken ist außerdem eine Gefahr, die im Zusammenhang mit der möglichen Überflutung Venedigs, dem Acqua Alta, steht.[3]
Während der Erzählung werden zwar mögliche Unfälle der Eltern angedeutet, sie bleiben jedoch folgenlos. So „stolperte [die] Mutter und fiel fast hin“[2.5] und der Vater äußert bei einem Telefonat, er sei „in schlechter Verfassung“[2.6]. Es tritt jedoch weder der eigene Tod, noch der der Eltern ein.
Dennoch bleibt der Tod während der Erzählung präsent. Der Vater erzählt vom „Suizidaltourismus in Venedig“[2.5]:
„»die Selbstmörder kommen extra nach Venedig gefahren und schießen sich dann morgens um fünf auf dem Markusplatz eine Kugel in den Kopf.«“[2.5]
Die Mutter bezeichnet diese Tode als „exzentrisch“[2.5]. Ein wirklicher Tod tritt in der Erzählung noch ein, allerdings trifft dieser weder jemanden aus der Familie, noch findet er in Venedig statt. „[H]inter der italienischen Grenze, irgendwo oben in den Bergen sei ein Drachenflieger abgestürzt und in die Leitung gefallen“[2.7].
Fremdheitsmotiv
Das Geschehen einer Fremdheitserfahrung ist in Acqua Alta relativ stark ausgeprägt, obwohl es sich bei Venedig um eine europäische Stadt handelt.[3.5] Für die Protagonistin sind Reisen und Fremdheit fundamental miteinander verbunden. Dabei reist sie ohne eine Perspektive auf eine Überwindung dieser Fremdheit.[3.6] Im Gegensatz zur negativ assoziierten Fremdheit in Venedig wird die Verfremdung ihrer Heimatstadt von positiven Gefühlen begleitet. Beim Berichten der Reisen der Eltern äußert die Protagonistin, dass ihr ihre Heimatstadt „wie immer in ihrer [der Eltern] Abwesenheit als eine endlich fremde, endlich schöne, herrliche, unbekannte schien, in der wir uns jetzt anders bewegen durften, frei und ungebunden und alleine“[2.8] vorkommt. Statt Impulse zum Überwinden der Fremdheitsgefühle in Venedig zu zeigen, macht die Protagonistin ihre identitätsbildenden Fremdheitserfahrungen eher in ihrer Heimatstadt.[3]
Das Motiv zeigt sich wiederholt in der Erzählung. So ist in der Pension der Eltern beispielsweise „ein Besuch von Fremden absolut verboten“.[2.9]
Angstmotiv
Das Motiv der Angst geht einher mit dem Motiv des Todes.
„Das Reisen fällt mir eigentlich schwer. Zwei oder drei Tage vor dem Beginn einer Reise werde ich ängstlich, ohne Grund, alles scheint mir sinnlos, die Ferne, die Fremde, die Kontinente nicht anders als jeder Blick aus meinem Fenster, vier Wochen in einem unbekannten Land, wozu, denke ich, was soll da anders sein und was soll es mir nützen, unsinnigerweise ist mir, als hätte ich alles schon gesehen. Es ist mir unmöglich, mich in fremden Städten sicher und unbeschwert zu fühlen, ich würde am liebsten im Hotelzimmer sitzen bleiben, die Tür verriegeln, überhaupt nicht hinausgehen.“[2.10]
Tourismusmotiv
Die Erzählung reflektiert verschiedene Formen des Tourismus, unter anderem die Altersreisen der Eltern. Die Eltern reisen mit niedrigem Budget, eher vergleichbar mit einer Jugendreise. Das kulturelle Pflichtprogramm wird jedoch erfüllt. Die Eltern widmen sich dem Sightseeing, was die Protagonistin eher weniger interessiert. Außerdem versenden die Eltern Postkarten von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, ein sehr konventionelles Verhalten, und zeigen dadurch einen touristischen Habitus, den die Protagonistin nicht verfolgt.[3.7]
Bezüge
Venedig als Handlungsort
Die Reise beginnt zuerst nach Korsika. Dieser Ort hat keinerlei Handlungsbedeutung. Er ist beliebig gewählt und unterliegt rein dem eskapistischen Drang der Protagonistin.[4.3] Die Wahl von Venedig als Handlungsort ist jedoch keineswegs kontingent. Judith Hermann wählt für ihre Erzählungen bestimmte Orte als Handlungsmittelpunkt. Venedig als Schauplatz ist daher nicht austauschbar mit einer anderen beliebigen Stadt.[4.2] Dabei geht es weniger um das reale Venedig, sondern eher um die literarischen Assoziationen, durch welche der Schauplatz Venedig an Relevanz gewinnt.[4.3] Spätestens seit Goethes Italienischer Reise wird Italien als Ort deutscher Sehnsucht und kultureller Vorbildlichkeiten betrachtet.[3.5] Judith Hermann hat vor dem Niederschreiben von Acqua Alta Venedig mit dem Goethe-Institut bereist.[5]
Die Protagonistin impliziert Venedig jedoch als gefährlichen Reiseort, aus welchem man als Tourist nicht zurückkehre, da sie explizit betont, dass ihre Eltern aus Venedig noch einmal zurückgekehrt seien.
„Meine Eltern sind aus Venedig zurückgekehrt. […] Aus Venedig sind sie noch einmal zurückgekehrt.“[2.4]
Durch die wiederholte Äußerung und die Vorranstellung „Aus Venedig“ bei der zweiten Wiederholung wird an die Leser eine gewisse Erwartung an Venedig geschaffen.[4.2] Das Verschwinden oder Sterben in Venedig ist jedoch keine alltägliche Sache, die ständig Touristen passieren würde.[4.2] Hier zeigt sich also erneut die dauerhafte große Angst der Protagonistin. Auch der letzte Satz der Erzählung lautet:
„Sie [die Eltern] sind auch aus Venedig noch einmal zurückgekehrt.“[2.11]
Das Zurückkehren der Eltern aus Venedig bildet somit den Rahmen der Handlung.
Der Titel: „Acqua Alta“
Während des zweiten sexuellen Übergriffs denkt die Protagonistin an Acqua Alta, das Hochwasser Venedigs.[4.1]
„ich dachte acqua alta, warum auch immer, acqua alta, Hochwasser, im Herbst und im Winter ist diese Stadt überschwemmt und irgendwann wird sie ganz versinken.“[2.3]
Bei dem Überschwemmen handelt es sich um das Schicksal der Stadt, nicht das der sich dort befindenden Menschen. Allen außer den Venezianern bleibt dieses Untergehen verwehrt. Die Touristen werden nicht mit untergehen, sondern lebend Venedig verlassen.[4.1] Die potentielle ökologische Gefahr einer Überflutung wird mit der sexuellen Gefahr übergriffigen Verhaltens verknüpft.[3.6]
Kontrafaktur zu Thomas Manns Der Tod in Venedig
Acqua Alta kann als Kontrafaktur zu Thomas Manns Der Tod in Venedig angesehen werden. Die Erzählung Judith Hermanns ist komplementär und spannungsreich zu Manns Erzählung angelegt.[4.4] Das Kernthema beider Novellen ist die Serenissima.[4.4] Judith Hermann greift zentrale Motive aus Der Tod in Venedig auf und nutzt die Symbolik hinter diesen Motiven. Es gibt jedoch kaum direkte intertextuelle Bezüge.[4.4] Die literarischen Kenntnisse aus Manns Novelle bringen eine bestimmte Erwartungshaltung und gewisse Assoziationen beim Lesen von Acqua Alta mit.
Die Ausgangssituation der Protagonistin aus Acqua Alta und des Protagonisten Gustav von Aschenbach aus Manns Novelle ist nahezu identisch. Beide fliehen krisenbedingt in den Süden. Sie reisen beide zuerst an einen anderen Ort als den Haupthandlungsort der Novellen. Die Protagonistin reist nach Korsika, Aschenbach nach Pola. Die Orte stellen sich für beide als ungeeignet und unbefriedigend heraus. Daher reisen sie jeweils nach Venedig, wo für beide ab ihrer Ankunft eine Besserung ihrer Ausgangssituation eintritt.[4.5]
Zwei Szenen, die sich aus den Novellen vergleichen lassen, sind die Badeszenen am Meer. In Acqua Alta ist es die kindlich vergnügte Mutter, die in den Wellen badet und dabei argwöhnisch von ihrem grimmig schauenden Mann beobachtet wird.[4.6]
„Einen Tag all dieser Wochen verbrachten sie meiner Mutter zuliebe am Meer. Sie ging dann ins Wasser und hüpfte in der Brandung auf und ab wie ein Kind, während mein Vater, ohne sich auch nur ein einziges Kleidungsstück auszuziehen, noch nicht einmal barfuß und mit fragendem Gesichtsausdruck im Schatten ausharrte.“[2.12]
In Der Tod in Venedig ist es der junge und begehrenswerte Tadzio, der beim Spiel in den Wellen von Aschenbach beobachtet wird.[4.6]
„Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte, weit draußen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus. […] Er kehrte zurück, er lief, das widerstrebende Wasser mit den Beinen zu Schaum schlagend, hintübergeworfenen Kopfes durch die Flut; und zusehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold und herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommend aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann: dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von der Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf diesen in seinem Innern antönenden Gesang, und abermals dachte er, daß es hier gut sei und daß er bleiben wolle.“[6]
Es gibt zwar keine direkte intertextuelle Referenz, dennoch erhellt die literarische Kenntnis über die Szene aus Der Tod in Venedig die Szenerie zwischen den Eltern aus Acqua Alta.[4.6] In beiden Texten spielt das Motiv des Todes eine zentrale Rolle, die mit der Stadt Venedig verknüpft ist. In Der Tod in Venedig ist Venedig der Schauplatz des physischen Sterbens des Protagonisten, während in Acqua Alta das mögliche Verschwinden oder der Tod, insbesondere durch das Hochwasser oder durch zufällige Gefahren, als ständige Möglichkeit im Hintergrund präsent bleibt. Damit greifen beide Texte das Motiv der tödlichen Bedrohung Venedigs auf, allerdings auf unterschiedliche Weise: Thomas Mann als tatsächliche Todeserfüllung, Judith Hermann als beständige Angst und potenzielles Verschwinden.[4.7]
In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass trotz offensichtlicher Zusammenhänge zu Manns Vorlage Hermann mit Acqua Alta in eine andere Richtung arbeitet.[4.4]
Adaptionen
Die Handlung aus Acqua Alta wird in einem Episodenfilm des Regisseurs Martin Gypkens namens „Nichts als Gespenster“ aus dem Jahr 2007 aufgegriffen. Der Film basiert auf den Erzählungen „Ruth (Freundinnen)“, „Kaltblau“, „Acqua Alta“, und „Nichts als Gespenster“ aus dem Erzählband „Nichts als Gespenster“ und „Hurrikan (Something farewell)“ aus dem Erzählband „Sommerhaus, später“ von Judith Hermann. Der Film ist eine Gemeinschaftsproduktion von box! Film Hamburg GmbH, Senator Film Produktion GmbH, Marco Polo High Definition GmbH und rbb in Zusammenarbeit mit ARTE.
Die Protagonistin trägt im Film den Namen Marion und wird von Fritzi Haberlandt verkörpert, der Venezianer von Alessio Bobbo. Zahlreiche Szenen sind eng an die Vorlage angelehnt, teils wortgleich übernommen. Unterschiede bestehen jedoch in der filmischen Ausgestaltung: Venedig wird als laut, überfüllt und unordentlich inszeniert, während sich bestimmte Handlungspunkte verschieben. So trifft Marion ihre Eltern nicht wie in der Novelle auf einem Marktplatz, sondern in einer Kirche, und sie reist mit der Fähre statt mit dem Zug an und ab. Der Drachenjäger-Absturz am Ende der Erzählung entfällt vollständig. Stattdessen zeigt der Film Marions emotionalen Zusammenbruch bei der Abfahrt auf der Fähre. In den Übergriffsszenen wird ihre Hilflosigkeit betont, während die Eltern im Café nichts bemerken und Marion zunehmend unfähig ist, sich ihnen mitzuteilen.
Literatur
Textausgaben
Judith Hermann: Nichts als Gespenster. 4. Auflage, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003, ISBN 978-3-596-15798-3, 320 Seiten.
Sekundärliteratur
- Judith Hermann. In: Munzinger-Archiv. Munzinger. Personen, Ravensburg: Munzinger-Archiv GmbH, 2022. Stand: 18. März 2023
- Hermann, Judith: Der Erfolg hat mich vorsichtiger gemacht. In: Radio-Interview mit Schriftstellerin Judith Hermann in der Sendung Zeitgenossen, 26. Dezember 2021, 45 Min. Moderation: Carsten Otte. Eine Produktion von SWR2.
- Kerscher, Julia: Weiblicher Tourismus im Zeichen von Alterität, Sexualität und Naturkatastrophen bei Judith Hermann. In: Literatur für Leser Nr. 4, 2013, S. 221–235.
- Mann, Thomas: Der Tod in Venedig. 34.–38. Auflage, S. Fischer Verlag, Berlin, 1919.
- Multhammer, Michael: Venedig überleben: Judith Hermanns "Acqua alta". In: Venedig in der deutschen Literatur, hrsg. Von Erik Schilling & Oliver Bach, Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2022, S. 239–254.