Akkord

Mehrklang, gleichzeitiges Erklingen zweier oder mehrerer verschiedener Töne From Wikipedia, the free encyclopedia

Im musikterminologischen Sinn wird als Akkord das simultane Zusammentreffen von unterschiedlichen Tönen bezeichnet. Der Begriff Akkord hat im Laufe der Geschichte unterschiedliche Bedeutungszuweisungen erfahren: Seit Mitte des 13. Jahrhunderts bezeichnet er in der Regel den konsonanten Zusammenklang von zwei Tönen, seit dem 17. Jahrhundert gehören zu einem Akkord mindestens drei Töne.[1] Bedeutsam für die Begriffsgeschichte war Jean-Philippe Rameaus Theorie der Basse fondamentale, die Akkordumkehrung sowie eine Unterscheidung zwischen Akkorddissonanzen und harmoniefremden Tönen (Intervalldissonanzen) voraussetzte. Nach Carl Dahlhaus sind Akkorde drei- oder mehrtönige Zusammenklänge, die als unmittelbar gegebene Einheiten mit einem Grundton aufgefasst werden. Die Abstände zwischen den Grund- oder Bezugstönen der Akkorde werden dabei zum Kriterium der Bestimmung von Klangverbindungen.[2] Das Besondere an der Definition von Dahlhaus ist, dass mit dem Begriff Akkord kein Sachverhalt bezeichnet wird, den man in den Noten sehen kann, sondern dass er Ausdruck einer musikalischen Hörweise ist. In diesem konstruktivistischen und kontextabhängigen Verständnis lassen sich bestimmte Probleme der Akkordtheorie lösen, z. B. ob in dem viertönigen Klang a-c-e-g die Töne a-c-e als Mollakkord (mit kleiner Septime g), c-e-g als Durakkord (mit Sixte ajoutée a) oder alle Töne (a-c-e-g) als Stimmenbewegung bzw. als kontrapunktischer Zusammenklang ohne Grundtonbezug zu interpretieren sind.

Herkunft des Wortes

Der Begriff Akkord leitet sich von französisch accord (beide erst „Übereinkunft, Übereinstimmung der Gefühle“, dann auch „[musikalischer] Zusammenklang“)[3] ab, das seinerseits auf das vulgärlateinische accordare in Übereinstimmung bringen, „anpassen, harmonisieren“ (von lateinisch cor Herz) zurückgeht. Daneben wirkte, wohl schon seit dem Spätlateinischen, das griechische χορδή chordḗ, deutsch Saite, auf das Wort ein und bestärkte vielleicht die Anwendung auf den musikalischen Bereich.[4] In der älteren Musiktheorie bezeichnete Akkord zunächst den Gleichklang, also die Erzeugung desselben Tons auf mehreren Saiten oder Stimmen. Diese Bedeutung ist unter anderem bei Michael Praetorius (1619) belegt. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich der heute gebräuchliche Begriff des Akkords als Zusammenklang verschiedener Töne durch.

Erklärungsmodelle

In der Natur finden sich physikalische Gegebenheiten, die in der älteren Musiktheorie zur Begründung musikalischer Phänomene wie z. B. Intervalle und Akkorde herangezogen worden sind. Die ganzzahligen Vielfachen der Frequenz eines musikalischen Tons bilden beispielsweise eine Obertonreihe (auch Naturtonreihe), deren Mitschwingen für die Klangfarbe eines Tons verantwortlich ist. Da Intervalle mit kleinzahligen Verhältnissen wie die Oktave (2:1) oder Quinte (3:2) in der älteren Musiktheorie als konsonant galten und der Durakkord eines Grundton in der älteren Musiktheorie häufig aus der Obertonreihe abgeleitet wurde (4., 5. und 6. Oberton), ist längere Zeit die Naturgegebenheit des Durakkordes (gegenüber der Unnatürlichkeit des Mollakkordes) mithilfe der Obertonreihe begründet worden.

Notwendige Voraussetzung, um eine Lehre von den Harmonien in der Musik entwickeln zu können, war das Umkehrungsprinzip bzw. die These, dass e-g-c' und g-c'-e' Varianten des Grundakkords c-e-g darstellen und dass der jeweils tiefste Ton eines Grundakkords den Grundton bildet.[5] Dieser Gedanke lässt sich zum Beginn des 17. Jahrhunderts in den Wittenberger Disputationen und der Straßburger Synopsis musicae novae des Universitätslehrers Johann Lippius sowie bei Henricus Baryphonus nachweisen.[6] Die Neuartigkeit des Denkens von Lippius liegt darin, dass er die klangliche Erscheinung des Dur-Dreiklangs durch religiöse Überhöhung aus traditionellen Kontexten gelöst und als ideelles Konzept theoriefähig gemacht hat: Das Gebilde der Naturtonreihe 4:5:6 (c-e-g) wird durch die Allegorie der »Heiligen Dreifaltigkeit« stabilisiert[7] und in der Nachfolge finden sich viele weitere theologische Überformungen des Naturphänomens.[8]

Jean-Philippe Rameau beschrieb Akkorde als aus Terzen zusammengesetzte Klanggebilde und begründete diese Struktur akustisch bzw. aus dem Grundtonprinzip und der Obertonreihe.

« Il y a effectivement en nous un germe d’Harmonie, dont apparemment on ne s’est point encore aperçu : il est cependant facile de s’en apercevoir dans une corde, dans un tuyau, etcaetera dont la résonance fait entendre trois sons différents à la fois […] »

Jean-Philippe Rameau: Nouveau système de musique théorique. Paris 1726, Préface.

Die Reduktion von Zusammenklängen (z. B. der durchgehende Septime oder große Sexte) auf Akkorde ist für die Stufentheorie eine wesentliche Voraussetzung. Ohne die heute bekannten Chiffrierungszeichen findet sich diese erstmalig vorgezeichnet in Georg Andreas Sorges Vorgemach der musicalischen Composition,[9] denn Sorge bezieht hier Klänge über eine Fundamental-Trias auf die Stufen der diatonischen Skala.[10]

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird dann bei Johann Gottfried Portmann eine didaktisch-konstruktive Auffassung mit einer starken Tendenz zur Systematisierung greifbar. Portmann zieht dabei das Prinzip der Terzenschichtung konsequent zur Erklärung von Zusammenklängen heran, wobei er einen Akkord mit drei Tönen als Dreiklang bezeichnet:

„§ 2 Die harmonische Verbindung der Töne übereinander geschieht Terzweise; daher entstehen Accorde. Drei kleine Terzenweise verbundene, heißt ein Dreiklang; vier Töne also verbunden, ein Septimenaccord; fünf Töne also verbunden, ein Nonenaccord; sechs Töne also verbunden ein Undezimenaccord; sieben Töne also verbunden, ein Terzdezimenaccord.“[11]

In den §§ 40–48 werden die Undezimenaccorde besprochen. Nach dem Hinweis darauf, dass diese Akkorde wegen „der darinnen liegenden vielen Dissonanzen selten vollstimmig gebraucht“ werden,[12] ist es aufschlussreich, dass Portmann unter den dreistimmigen Ausprägungen für die „Primen und Dominantenharmonie“ die Töne c-g-f und g-d-c aufführt.[13] Auf diese Weise werden Klänge, die sich kompositionsgeschichtlich angemessen als Vorhaltsbildungen bzw. kontrapunktisch verstehen lassen (C-Dur- und G-Durakkord mit Quartvorhalt), unter das Regime einer Akkordsystematisierung gestellt.

Gottfried Weber entwickelte in der ersten Auflage seiner Tonsetzkunst[14] das Stufendenken weiter. Gleichzeitig führte er Konventionen der Chiffrierung ein (z. B. Groß- und Kleinbuchstaben sowie große und kleine römische Ziffern für Dur- und Mollakkorde, das Zeichen ° für den verminderten Akkord, die 7 für eine kleine und die durchgestrichene 7 für eine große Septime usw.).[15] In verschiedenen Ausprägungen und Abwandlungen werden diese Zeichen bis heute zur Beschreibung von Harmonieverläufen eingesetzt.

Hermann von Helmholtz und Arthur von Oettingen bezogen sich in ihren Begründungen wieder auf das Vorkommen des Durakkordes in der Obertonreihe.[16] Doch Helmholtz war sich bereits der Relativität von Naturgegebenheiten als Begründung für kulturelle Leistungen wie Musik bewusst[17], die in jüngerer Vergangenheit auf der Grundlage musikethnologischer Forschung als eurozentristisch kritisiert worden ist.

Hugo Riemann entfaltete in der Musikalischen Syntaxis (1877), die er dem Begründer des musikalischen Dualismus Arthur von Oettingen widmete, seine dualistische Auffassung der harmonischen Fortschreitungs- und Kadenzlogik. Während Riemann Dur-Akkorde sowie die Fortschreitungslogik der Dur-Kadenz in der Obertonreihe begründet sah, bezog er Moll-Akkorde und die Moll-Kadenz auf eine hypothetische Untertonreihe. Mit dem Konzept der Scheinkonsonanzen, dem Bezug auf ein Centrum[18] sowie dem Begriff der Funktion löste Riemann zwar prinzipiell den Akkordbegriff von einer materiellen Beschaffenheit, koppelte jedoch gleichzeitig Akkord und Akkordfortschreitungen über die Ober- und Untertonreihe wieder an natürliche bzw. akustische Gegebenheiten. Die Probleme der Unvereinbarkeit von funktionalem und naturgegebenem (dualistischem) Denken durchziehen das theoretische Werk Riemanns sowie sein Chiffrierungssystem der Funktionstheorie gleichermaßen.

Akkordumkehrungen

Wird unter einem Akkord eine Wahrnehmungseinheit verstanden, lassen sich zwei Töne oder sogar ein Ton als Fragmente eines Akkordes interpretieren. In der Musik sind die folgenden Akkordumkehrungen häufig anzutreffen:

Akkordumkehrungen mit drei Tönen
Akkordumkehrungen mit vier Tönen
  • Erklingt der Grundton eines Akkordes in der tiefsten Stimme, wird von einer Grundstellung gesprochen.
  • Liegt die Terz in der tiefsten Stimme, wird von einem Sextakkord (im Falle von Dur- und Mollakkorden oder vermindert bzw. übermäßigen Akkorden) oder einem Quintsextakkord (im Falle von Septakkorden) gesprochen.
  • Liegt die Quinte in der tiefsten Stimme, wird von einem Quartsextakkord (im Falle von Dur- und Mollakkorden oder vermindert bzw. übermäßigen Akkorden) oder einem Terzquartakkord (im Falle von Septakkorden) gesprochen.
  • Liegt die Septime in der tiefsten Stimme, wird von einem Sekundakkord gesprochen.

Quartsextakkorde sind Folge der Transformation einer Systematik der Terzenschichtung. Da Quartsextakkorde auf relativ schwerer Taktszeit kompositionsgeschichtlich wie eine Dissonanz behandelt worden sind, ist auch der Begriff Vorhaltsquartsextakkord gebräuchlich. Auf der Grundlage der Definition von Dahlhaus ist dieser Begriff allerdings problematisch, weil Vorhalte nicht zur Akkordsubstanz zählen, sondern als akkordfremde Töne den Eintritt akkordeigener Töne verzögern. Die Töne e und c mit dem Basston g bilden daher in der Regel keinen (konsonanten) C-Dur-Quartsextakkord, sondern e und c sind auffassungsdissonante Töne (Vorhalte) zu d und h bzw. zu einem Durakkord mit dem Grundton g.

Akkordlagen

Eine Akkordlage beschreibt die räumliche (tonhöhenmäßige) Verteilung der Töne eines Akkords, insbesondere die Abstände zwischen den einzelnen Tönen sowie welcher Ton eines Akkords in der höchsten Stimme erklingt.

C-Dur-Dreiklang in verschiedenen Lagen (die schwarzen Notenköpfe zeigen „Lücken“ an):
a: Oktavlage / weit, b: Terzlage / eng,
c: Quintlage / gemischt, d: Grenzlage
  • weite Lage: der Abstand zwischen den drei Oberstimmen erlaubt dazwischen andere Akkordtöne.
  • enge Lage: die drei Oberstimmen liegen unmittelbar beieinander.
  • gemischte Lage: zwischen Sopran und Alt besteht enge, zwischen Alt und Tenor weite Lage oder umgekehrt. Ein Sonderfall der gemischten Lage ist die Grenzlage, bei welcher der Abstand zwischen Sopran und Tenor genau eine Oktave beträgt.

Siehe auch

Einzelnachweise

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