Akzelerationismus
politische Philosophie
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Akzelerationismus (über englisch acceleration „Beschleunigung“ von lateinisch accelerare „beschleunigen, beeilen, herbeieilen, fördern, befördern“) umfasst eine Reihe von Ideologien, die den Einsatz von Prozessen wie Kapitalismus und technologischem Wandel fordern, um radikale gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen.[1][2][3][4]
Dem Akzelerationismus gingen Ideen von Philosophen wie Gilles Deleuze und Félix Guattari voraus.[5] Inspiriert von diesen Ideen gründeten einige Dozenten und Studenten der Universität Warwick ein Philosophiekollektiv namens Cybernetic Culture Research Unit (CCRU) unter der Leitung von Nick Land.[1] Land und die CCRU griffen weitere Ideen aus dem Posthumanismus und der Cyberkultur der 1990er Jahre auf, wie Cyberpunk und Jungle-Musik, und wurden so zur treibenden Kraft hinter dem Akzelerationismus.[6][5] Nach der Auflösung der CCRU wurde die Bewegung von Benjamin Noys in einem kritischen Werk als Akzelerationismus bezeichnet.[7][1] Es entstanden unterschiedliche Interpretationen: Während Lands rechtsgerichtetes Denken den Kapitalismus als Motor der Moderne, der Deterritorialisierung und einer technologischen Singularität fördert,[8][9] nutzten linke Denker wie Nick Srnicek und Alex Williams ähnliche Ideen, um die Umnutzung kapitalistischer Technologie und Infrastruktur zur Erreichung des Sozialismus zu fördern.[5]
Rechtsextremisten wie Neofaschisten, Neonazis, weiße Nationalisten und weiße Vorherrschaften haben den Begriff alternativ verwendet, um die Verschärfung rassistischer Konflikte durch Attentate, Morde und Terroranschläge zu beschreiben, mit denen sie gewaltsam einen "weißen Ethnostaat" errichten wollen.[10][11][12][13]
Grundlagen
Nick Land theoretisiert, aufbauend auf Karl Marx und den Theorien von Deleuze und Guattari, dass Karl Marx zwar weitestgehend mit seiner Analyse des Kapitalismus Recht hatte, er allerdings die Fähigkeit des Kapitalismus zur ständigen Anpassung und Beschleunigung unterschätzt habe. Nick Land prophezeit, dass am Ende des Kapitalismus nicht die Selbstzerstörung des Kapitalismus und die Befreiung des Menschen aus diesem stehe, wie Karl Marx vorhergesagt hatte, sondern die Befreiung des Kapitals vom Menschen. Der Kapitalismus ist laut Nick Land nicht irrational, er berge keine dialektischen Widersprüche, sondern Widersprüche entständen durch die menschliche Komponente im System. Weil der Kapitalismus all das desintegriere und zerstöre, was nicht in seine sich konstant rationalisierenden Prozesse passt, werde er an seinem Ende die durch den Menschen erzeugten Widersprüche durch die Desintegration des Menschen auflösen. Der Kapitalismus werde daher nicht sich selbst, sondern den Menschen zerstören, entweder durch eine transhumanistische Umgestaltung des Menschen oder durch dessen Extinktion, die den Weg ebne in eine neue Zivilisation aus Maschinen und Künstlichen Intelligenzen, die zusammen eine Singularität bildeten.[14][15]
Linke Strömungen des Akzelerationismus weichen von Nick Lands Prognose ab und erhoffen sich die Schaffung einer postkapitalistischen Gesellschaft durch technologische Innovationen, die der sich Richtung Singularität beschleunigende Kapitalismus hervorbringt.
Akzelerationistisches Manifest
In „Postcapitalism and a World without Work“[16] begründen die Autoren des „akzelerationistischen Manifests“[17] Nick Srnicek und Alex Williams ein linkes Konzept des Akzelerationismus in erster Linie mit einem politischen Mangel. Ihrer Ansicht nach habe sich die Linke auf lokale und horizontale Politikformen (sogenannte „folk politics“) zurückgezogen und dem Neoliberalismus damit das Feld überlassen. Dadurch erscheine jede Veränderung heute unmöglich. Eine politische Gegenbewegung bedürfe nicht nur einer groß angelegten Strategie zur Erlangung von Hegemonie, sondern auch einer utopischen Gegenerzählung. Der technische Fortschritt, der heute schon ein Leben mit drastisch verringerter Arbeitszeit möglich macht, zeige eine solche utopische Gegenperspektive in einer Welt ohne Arbeit auf.[18][19]
Siehe auch
Literatur
- Armen Avanessian (Hrsg.): #Akzeleration. Merve, Berlin 2013, Einleitung (PDF)
- Armen Avanessian, Robin Mackay (Hg.): #Akzeleration#2. Merve, Berlin 2014.
- Nick Land: Fanged Noumena. Collected Writings 1987–2007. Urbanomic, 2011, ISBN 978-0-9553087-8-9
- Robin Mackay: ACCELERATE: The Accelerationist Reader. Urbanomic, 2014, ISBN 978-0-9575295-5-7 (englisch).
- Benjamin Noys: Malign Velocities: Accelerationism and Capitalism. Zero Books, 2013, ISBN 978-1-78279-300-7 (englisch).
- Nick Srnicek / Alex Williams: Inventing the Future. Postcapitalism and a World without Work Verso Books: London / New York 2015, ISBN 978-1-78478-098-2
Weblinks
- Nick Srnicek und Alex Williams: #Beschleunigungsmanifest für eine akzelerationistische Politik. ( vom 22. Oktober 2016 im Internet Archive) In: Akzelerationismus.de.
- Alex Williams und Nick Srnicek: #Accelerate Manifesto for an Accelerationist Politics. In: CriticallegalThinking.com. 2013 (englisch).
- Nick Land: A Quick-and-Dirty Introduction to Accelerationism, in: JacobiteMag.com. 25. Mai 2017 (englisch).
- Justus Spott: Die Zukunft gestalten
Quelle
- Jan Drees im Gespräch: Philosophie: Das akzelerationistische Manifest. In: Deutschlandfunk. 26. April 2015, abgerufen am 22. November 2020.