Al-Raschid-Straße
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Die Al-Raschid-Straße (arabisch شَارِعُ الرَّشِيدِ, DMG Šāriʿ al-Rašīd; auch Al-Rashid-Straße bzw. Al-Rashid-Küstenstraße, von al-Rashīd „der Gerechte“, einem der Gottesnamen im Islam, ungefähre Bedeutung „Führer auf dem rechten Weg“) ist eine von zwei Hauptverbindungsstraßen durch den Gazastreifen. Während die Saladinstraße als Hauptmagistrale in der Mitte des Gazastreifens verläuft, folgt die Al-Raschid-Straße der Küstenlinie auf fast der gesamten Länge von rund 45 km von der israelischen Grenze im Norden bis kurz vor der ägyptischen Grenze und entfernt sich nirgendwo mehr als zwei Kilometer von der Küste.

Verlauf

Die Straße beginnt im nördlichsten Küstenabschnitt als nicht asphaltierter Fußweg, der vom israelischen Kibuz Zikim kommend an dieser Stelle die abgeriegelte Grenze quert (zum Ort Atatra zugehörig) und als asphaltierte Nebenstraße auf Gaza-Stadt zuläuft. Sie wird lediglich auf etwa sechs Kilometern in Gaza-Stadt unterbrochen, wo die beiden Teilstrecken auf rund sechs Kilometer Länge von der Hauptstraße Ahmed Oraby verbunden werden. Von dort aus verläuft sie als Hauptstraße bis ins kriegsbedingt inzwischen völlig zerstörte Dorf Al Qarya as Suwaydiya,[1] wo eine Ortsverbindungsstraße nach Rafah als Querverbindung abzweigt. Ihre Verlängerung an der Küste („Kerr“) überbrückt die restlichen ca. 200 Meter bis zur ägyptischen Grenze als Nebenstraße und führt dort entlang der Grenze (Philadelphi-Route bzw. von den Palästinensern als Salah-al-Din-Achse bezeichnet) bis zum Grenzübergang bei Kerem Schalom. Im September 2024 beobachtete die BBC, wie israelische Streitkräfte diese (früher nicht durchgängige) Strecke auf einer Breite asphaltiert haben, die breit genug für den Begegnungsverkehr ist, sodass sich von Norden nach Süden eine durchgängige Verbindungsstraße zwischen den israelischen Grenzen ergibt, die an der ägyptischen Grenze jedoch nicht öffentlich zugänglich ist. Beobachter sehen im Bau dieser etwa 12,6 km langen Teilstrecke den Versuch Israels, den Gazastreifen langfristig zu halten und Verhandler unter Druck zu setzen.
Charakter vor 2006 und in der Zeit bis 2023

Auf weiten Abschnitten war die Straße die Küstenpromenade, die die Hotels und Resorts im örtlichen Verkehr an den überörtlichen Verkehr anband und mit weiteren Touristenzielen und der Stadt Gaza verband. Die Straße wurde seit 2006 in vier Kriegen zerstört und bis 2015 aus Mitteln der Regierung von Katar für fast 30 Millionen Dollar wieder aufgebaut und mit Solarmodulen versehen, um die häufigen Stromausfälle zu kompensieren.[2] Aus dieser Zeit ist sie auch als „die Straße, die niemals schläft“ bekannt. Auch bei Nacht pulsierte hier das Leben mit Restaurants, Cafés und Straßenhändlern. Für viele Anwohner war der Straßenabschnitt im Stadtgebiet von Gaza vor allem während der vielen Stromausfälle ein Ort mit Aufenthaltsqualität, um den Sorgen des Alltags und der psychischen Belastung zu entfliehen. Über sie ist auch der Hafen von Gaza angebunden, ein strategischer Handels-, Militär- und Verkehrsknotenpunkt.
Entlang der Straße liegen zahlreiche Wahrzeichen und Ruinen, darunter die Al-Hassaina-Moschee mit ihrer eleganten Architektur und den Zwillingsminaretten mit Blick auf den Hafen[3] sowie die inzwischen zerstörte Al-Khalidi-Moschee in moderner Architektur im Flüchtlingslager Al-Schati (ebenfalls ein ehemaliges Hotelviertel). Im Stadtzentrum wurden in unmittelbarer Nähe die Ruinen des St.-Hilarion-Klosters ausgegraben (heutige Ruinenstätte Tell Umm el-ʿAmr), eines der ältesten, größten und komplexesten Klöster im Nahen Osten, das die erste Mönchsgemeinschaft im Heiligen Land beherbergte und seit 2012 als UNESCO-Welterbe geführt wird.[4] Auch das private Archäologische Museum Gaza lag bis zu seiner Zerstörung 2023 an dieser Straße.
Rolle als Flüchtlingsroute
Mit dem Krieg in Israel und Gaza seit 2023 wandelte sich die Straße zur Flüchtlingsroute, die die Binnenflüchtlinge nutzen, um in vermeintlich sichere Gebiete des Gazastreifens zu wechseln oder um hier an internationale Hilfslieferungen zu gelangen. Sie ist als Standort zahlreicher Interviews und Fernsehumfragen zum Symbol der Flucht geworden.[5] An ihr liegen das Flüchtlingslager Deir al-Balah sowie im Norden und Süden zwei weitere Flüchtlingslager in der Nähe der Straße. Tragische internationale Bekanntheit erlangte die Straße, als am 29. Februar 2024 in Gaza-Stadt ein internationaler Hilfstransport von hungernden Palästinensern gestürmt wurde und die begleitenden israelischen Soldaten das Feuer eröffneten.[6][7] (Siehe auch Chronik des Kriegs in Israel und Gaza, Februar und März 2024#29. Februar.) Der Vorfall, den die Hamas als Massaker bezeichnete, konnte aufgrund widersprechender Aussagen nicht vollständig aufgeklärt werden. Im Zuge der Abriegelung von Gaza-Stadt im September 2025 war die Al-Raschid-Straße die einzig verbleibende Fluchtroute.[8][9]