Alfred Kantor

tschechisch-jüdischer Künstler und Holocaust-Überlebender (1923-2003) From Wikipedia, the free encyclopedia

Alfred Kantor (* 7. November 1923 in Prag; † 16. Januar 2003 in Yarmouth, Maine[1]) war ein tschechisch-jüdischer Künstler.

Leben

Adolf Kantor wurde als jüngstes von drei Kindern in Prag geboren. Sein Zeichentalent wurde früh entdeckt, sodass sein künstlerischer Werdegang eigentlich vorbestimmt war.

Nachdem die Tschechien im März 1939 besetzt worden war und sich die Verhältnisse der Juden durch den zunehmenden Antisemitismus verschlechterte, wollte die Familie eigentlich auswandern, was durch eine Erkrankung des Vaters aber verhindert wurde.

Postkarte „Fredy“ Kantors aus dem Ghetto Theresienstadt (1943)
Postkarte Kantors aus dem KZ-Auschwitz-Birkenau (1944)
Kantors Übersicht der Häftlingskennzeichnungen (1945)

Nachdem der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, konnte der junge Zeichner Alfred Kantor noch seine gerade begonnene Ausbildung zum Werbegrafiker an der Prager Rotter-Schule für Werbegrafik weiterführen, musste dann aber im Juni 1940, nachdem die Nationalsozialisten den Ausschluss aller Juden aus öffentlichen und privaten Schulen im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren anordneten, die Schule doch verlassen.

Am 1. Dezember 1941, nachdem sein Vater gestorben war, erhielt Kantor den Deportationsbefehl ins KZ Theresienstadt und wurde als einer von 1.000 Männern deportiert. Er war damit im Aufbaukommando, um die Stadt in ein Ghetto für Juden umzuwandeln. Im Mai 1942 wurde seine Mutter nach Theresienstadt deportiert, wobei die anderen Geschwister, sein Bruder und seine Schwester, weil sie mit Nicht-Juden verheiratet waren, in Prag blieben. Kantor war in Theresienstadt u. a. als Heizer einer Großküche eingesetzt, sodass es ihm möglich war Nahrung für seine Mutter und seine Freundin, Eva Glauber, welche er noch aus Prag kannte, abzuzweigen. Zu dieser Zeit erhielt er auch noch Lebensmittelpakete von seiner Schwester.

Im September 1943 wurde erst seine Mutter nach Auschwitz deportiert. Als Eva Glauber im Dezember 1943 ebenfalls nach Auschwitz überführt werden sollte, meldete sich Kantor freiwillig für den Transport. Weder seine Mutter noch seine Freundin Eva überlebte Auschwitz.

Im Juli 1944 kam er ins KZ-Außenlager Schwarzheide, einem Außenlager des KZ Sachsenhausen. Hier musste er bei der Instandsetzung des von alliierten Bomben beschädigten Fabrikanlagen der Braunkohle-Benzin AG helfen. Zusätzlich war er bei der Entschärfung von Blindgängern und dem Bau von Schutzbunker eingesetzt. In dieser Zeit fertigte er auf Wunsch von Mithäftlingen für den Lagerältesten eine Bilderserie an. Als die russische Front immer näher rückte, wurde Mitte April 1945 das KZ-Außenlager Schwarzheide ausgelöst. Die ca. 500 gehfähigen Häftlinge, darunter auch Kantor, wurde unter Bewachung auf einen Marsch in Richtung Theresienstadt gebracht. Die Bewacher verschwanden am 7. Mai 1945 kurz vor diesem Ziel. In beiden Lagern hielt Alfred „Fredy“ Kantor heimlich die Erfahrungen und Eindrücke der Unmenschlichkeit in Skizzen und Bildern fest, die er aber aus Sicherheitsgründen fast alle (s. u.) vernichten musste.

Wenige Tage nach der Befreiung kehrte er nach Prag zurück, wo er seine Schwester wiedersah. Anschließend ging er nach Deggendorf in ein Lager für Displaced Persons, wo er von Juli bis September 1945 war und hier ein Buch mit Aquarell- und Tuschbildern anfertigte.

Veröffentlicht und bekannt geworden ist Das Buch des Alfred Kantor – Erstausgabe 1971 New York – mit 127 wasserfarbig kolorierten Zeichnungen, die der 22-Jährige nach der Befreiung aus den KZs in nur zwei Monaten in Deggendorf anfertigte. Frei von Sentimentalität und Hass geben die vorwiegend aus der Erinnerung gestalteten dokumentarischen Bilder mit knappen zweisprachigen Textangaben den Horror des Holocaust und das schwer zu fassende Martyrium der dreieinhalb Jahre dauernden Haft wieder:[2]

Wandelnde Leichen! Ein Neuer fragt: Wo kommt der grässliche Rauch her? Life of corpses! A „greenhorn“ asks „What, the hell, is the meaning of this awful smoke!“

Über seine Erlebnisse und die Möglichkeit, sich mit dem Zeichnen in den Lagern seinen Lebenswillen zu bewahren, hat der am 14. März 1947 in die USA ausgewanderte Alfred Kantor zusammen mit seiner späteren Frau Inge, die er auf dem Schiff nach New York das erste Mal gesehen hatte, immer wieder in den Schulen Maines berichtet. Die junge Inge Nattmann, von 1940 bis 1943 zur Zwangsarbeit in einem Kabelwerk eines deutschen Industrieunternehmens verpflichtet, am 27. Februar 1943 in Berlin verhaftet und auf LKWs deportiert – Goebbels hatte Hitler „ein judenfreies Berlin“ versprochen – hat 1945 in ihrer Freude über die Befreiung aus Theresienstadt durch Soldaten der Roten Armee mit einem Sprung auf einen sowjetischen Panzer reagiert. Beide heirateten 1950.

In den USA besuchte Kantor Abendkurse am Pratt Institute in New York und konnte 1948 einen Abschluss erreichen.

Alfred Kantor, der ab 1952 28 Jahre lang, als Grafiker der Firma McAdams Advertising Agency im Bereich medizinischer Reklamegestaltung arbeitete und nach seinem Ruhestand seit 1980 im US-Bundesstaat Maine lebte, führte rückblickend aus:[1]

Mein Drang zum Zeichnen kam aus einem tiefen Instinkt der Selbsterhaltung und verhalf mir zweifelsohne, den unbeschreiblichen Horror des Lebens zu jener Zeit zu verleugnen. Durch die Rolle des Beobachters konnte ich mich wenigstens für ein paar Augenblicke loslösen von dem, was in Auschwitz vor sich ging, und somit war es mir möglich, die Fäden des Verstandes beieinander zu behalten.

Kantor ist am 16. Januar 2003 an den Folgen einer langjährigen Parkinson-Krankheit verstorben.[3] Unveröffentlichte Bilder aus Schwarzheide, einem Mithäftling zur Aufbewahrung überlassen, liegen heute im Archiv des Jüdischen Museums Washington D.C. Die Rückgabe wird der verwitweten Inge Kantor – trotz rechtlicher Bemühungen – bis heute vorenthalten.

Werk

Deutsche Ausgabe (1972)

Literatur

Commons: Alfred Kantor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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