Ali Laridschani

iranischer Politiker (1958–2026) From Wikipedia, the free encyclopedia

Ali Ardeschir Laridschani (auch Ali Laridjani bzw. Larijani; persisch على اردشیر لاریجانی [æˈliːe lɔːriːʤɔːˈniː]; * 3. Juni 1958 in Nadschaf, Königreich Irak;[1]17. März 2026 in Teheran[2]) war ein iranischer Politiker.

Ali Laridschani (2025)
Unterschrift von Ali Laridschani

Laridschani war langjähriger Gefolgsmann Ali Chameneis, von 2005 bis 2007 Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats und – durch die Machtverschiebung bei den iranischen Parlamentswahlen 2008[3] – von 2008 bis 2020 Sprecher des Parlaments bzw. Parlamentspräsident.

Für die Präsidentschaftswahlen in Iran 2021 und 2024 hatte er seine Kandidatur angekündigt, wurde aber nicht zugelassen. Im August 2025 wurde er erneut zum Sekretär des Sicherheitsrats ernannt.[4] Nach der Tötung von Ali Chamenei am 28. Februar 2026 galt er zeitweise als faktischer Führer des iranischen Machtapparats.[5][6] Am 17. März 2026 wurde er bei einem israelischen Luftangriff nahe Teheran getötet; iranische Staatsmedien bestätigten seinen Tod am selben Tag.[7][5]

Leben

Laridschani als Kind, 1965

Herkunft und Familie

Laridschani, Sohn des Großajatollah Haschem-Amoli (1899–1993), entstammte einer politisch einflussreichen Familie.[8] Schon sein Vater war ein enger Mitarbeiter von Ali Chamenei.[9] Die Familie wurde als „Kennedys des Iran“ bezeichnet. Sein Bruder Sadegh Laridschani erreichte den Rang eines Ajatollah und leitete die iranische Justiz von 2009 bis 2019. Ein weiterer Bruder, Mohammad-Dschavad, ist außenpolitischer Funktionär und war Berater Chameneis. Noch vor dem Tod Chameneis kursierten Gerüchte, die Familie Laridschani versuche, einen ihrer Angehörigen als nächsten Obersten Führer zu positionieren.[8] Die Familie hatte Iran bereits in den 1930er Jahren im Konflikt mit der Pahlavi-Dynastie verlassen und war in den 1960er Jahren zurückgekehrt.[6] Ali Laridschani war mit Farideh, der Tochter des Ajatollah Morteza Motahhari, verheiratet, und ein Cousin des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Ahmad Tavakkoli. Zunächst betrieb Laridschani in Qom religiöse Studien.[10] Motahhari galt als sein Mentor, einer der führenden Theoretiker der Islamischen Revolution und enger Vertrauter Ruhollah Chomeinis.[11]

Ausbildung

Laridschani erwarb dann einen Abschluss in Mathematik und Informatik sowie einen Master und eine Promotion in westlicher Philosophie an der Universität Teheran.[8] Seine akademische Schwerpunktsetzung, einschließlich der Dissertation von 1995, lag auf Immanuel Kant.[8] Eine Ahmadineschad-nahe Quelle behauptete in den 2000er Jahren, die Dissertation sei zunächst abgelehnt und eigentlich von Bediensteten der Madschles verfasst worden.[9] Er war Philosophieprofessor.[11]

Politische Laufbahn

An der islamischen Revolution war er noch kaum beteiligt, trat 1981 aber den Revolutionswächtern (englisch IRGC) bei und stieg in deren Führungskorps auf. In den frühen Jahren des Iran-Irak-Kriegs diente er als Kommandeur.[8] Später fungierte er innerhalb des Systems auch als Verbindungsmann zwischen den Revolutionsgarden und dem Parlament.[6] Anschließend besetzte er verschiedene Posten in der Ministerialbürokratie.[9][12] Aus dem aktiven Dienst beim IRGC schied er 1993 als Brigadegeneral aus.[13]

Unter Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani war er Kulturminister. Er wurde bereits in seinen mittleren Dreißigern Kulturminister und nutzte dabei Kriegsbiografie und Familiennetzwerke als politisches Kapital. Von 1994 bis 2004 leitete er die staatliche Rundfunkanstalt IRIB.[8] Nach dem Ende seiner Amtszeit bei IRIB wurde er 2004 Sicherheitsberater Chameneis.[7] Laridschani war Gegner der Reformpolitik des damaligen Präsidenten Mohammad Chatami. In seiner Zeit als Fernsehchef habe er nur konservative Stimmen zu Wort kommen lassen, kritisierten iranische Reformpolitiker.[14] Er nutzte die IRIB als Propagandainstrument der Regierung und verantwortete unter anderem die Ausstrahlung der Sendereihe Hoviat (Identität), die regimekritische Intellektuelle als vom Westen finanzierte Verräter brandmarkte.[8] In dieser Phase wurden auch erzwungene Geständnisse im Staatsfernsehen ausgestrahlt und Reformkräfte gezielt verfolgt und eingeschüchtert.[11] Bei der Präsidentenwahl im Juni 2005 hatte er als Kandidat der Konservativen knapp sechs Prozent der Stimmen bekommen.[8]

Laridschani wurde unter der Regierung Mahmud Ahmadineschad zum Chefunterhändler bei den Atomverhandlungen mit der EU ernannt. Er löste am 18. August 2005 den als gemäßigt geltenden Hassan Rohani ab. Unter seiner Verhandlungsführung konnte kein Durchbruch im Streit um das iranische Atomprogramm erzielt werden,[15] da er sich zwar in der Wortwahl jedoch nicht in der Sache von der Linie des Präsidenten unterschied.[16] Laridschani befürwortete später stets ein Atomabkommen und beschleunigte als Parlamentspräsident die Zustimmung des Parlaments zum Wiener Atomabkommen von 2015.[11] Auch nach seiner Ablösung blieb er in zentrale außenpolitische Dossiers eingebunden und führte unter anderem Gespräche mit Russland und China sowie Missionen gegenüber Oman und Katar.[6] Am 20. Oktober 2007 wurde sein angeblich schon länger beabsichtigter Rücktritt als Chefunterhändler in den Atomgesprächen mit der EU-3 von Regierungssprecher Gholam-Hossein Elham bekannt gegeben, sein Nachfolger wurde Said Dschalili. Diplomaten deuten dies als einen Sieg der Hardliner um Präsident Ahmadineschad, zu dessen Kritiker sich Laridschani entwickelt hatte.[17]

Nach seinen Angaben vom 7. Dezember 2007, anlässlich der Veröffentlichung des Geheimdienstberichts der US-Regierung, war der Iran „niemals“ bestrebt, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. „Die in dem jüngst veröffentlichten US-Geheimdienstbericht enthaltene Formulierung, Teheran habe sein Atomwaffenprogramm 2003 eingestellt, sei schlichtweg eine ‚Lüge‘.“[18]

Durch die Wahl zum Parlamentspräsidenten im Mai 2008 galt Laridschani als neuer starker Mann Teherans, dem als ausgewiesenem Gegner Mahmud Ahmadineschads Chancen bei der nächsten Präsidentenwahl eingeräumt wurden.[19] Im Zusammenhang mit der umstrittenen Wiederwahl Ahmadineschads 2009 kritisierte Laridschani das Vorgehen von Hardlinern, die Manipulationen zur Absicherung des Wahlausgangs betrieben hätten.[11]

Laridschani auf der Münchner Sicherheitskonferenz (2009)

Am 6. Februar 2009 sorgte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz für Irritationen. Zur Frage des Holocaust sagte er: Er sei „doch etwas überrascht, wie sensibel Sie reagieren.“ In westlichen Ländern dürfe Mohammed ungestraft beschimpft werden, im Iran seien den Holocaust bestreitende Aussagen nicht strafbar. Es gebe da eben „unterschiedliche Sichtweisen“. Er sei kein Historiker: „Ich bin Politiker, ich möchte jetzt nicht über das Thema sprechen.“[20] In einem Spiegel Online gegebenen Interview bezeichnete Laridschani den Holocaust als „historisches Ereignis“, das nicht das Problem des Iran wäre.[21] In einem Interview mit Euronews verglich Laridschani die iranischen Atomaktivitäten mit den japanischen und bestand auf einer friedlichen Nutzung der Atomenergie durch den Iran.[22]

Ende Mai 2012 wurde Laridschani zum zweiten Mal zum Parlamentspräsidenten gewählt. Er gewann die Wahl mit 173 von 275 Stimmen gegen den ebenfalls Ahmadineschad-kritischen Gholam Ali Haddad-Adel, auf den 100 Stimmen entfielen.[23]

Laridschani galt als gut vernetzter Politiker mit wechselnden Allianzen und politischen Zugehörigkeiten. Manche Beobachter sahen in ihm bereits einen Politiker der rechten Mitte, andere einen Befürworter der islamischen Theokratie.[24][25] Zunächst konservativer „Prinzipalist“, wandte er sich nach der Jahrtausendwende allmählich moderateren Positionen zu und trat gelegentlich auch mit Reformern in Verbindung.[26][27] Obwohl er dem konservativen Lager zugerechnet wurde, wurde er von Teilen der Hardliner nie vollständig akzeptiert.[8] Laridschani verfügte über Einfluss in unterschiedlichen Machtzentren und leitete zeitweise das Freitagsgebet in Vertretung Chameneis.[11]

2020 wurde Laridschani mit der Aufsicht über ein strategisches 25-Jahres-Kooperationsabkommen Irans mit China betraut, das 2021 finalisiert wurde. Im Zusammenhang mit dem Abkommen wurden Investitionen Chinas in Irans Energiesektor in Höhe von rund 400 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt.[8] Im Gegenzug sagte Iran langfristige Lieferungen verbilligten Öls zu und das Abkommen galt als wichtige Entlastung für die unter Sanktionen stehende iranische Wirtschaft.[6]

Bei der Präsidentschaftswahl im Iran 2021 sowie 2024 wurde er nicht als Kandidat zugelassen. Der Wächterrat aus sechs vom Obersten Führer ernannten Klerikern und sechs vom Parlament bestätigten Juristen nannte für die Nichtzulassung 2021 keine Gründe. Gemutmaßt wurden unter anderem familiäre Auslandsbezüge sowie die innerkonservative Konkurrenz um die Präsidentschaft. Sadegh Laridschani kritisierte die Entscheidung öffentlich und verwies auf „falsche Informationen“ der Geheimdienste als Grundlage der Bewertung. Als weiterer Hintergrund galt, dass Laridschani Präsident Ebrahim Raisi und Angehörige der Revolutionsgarde kritisiert hatte und sich zugleich nicht an öffentlichen Angriffen auf unter Hausarrest stehende Oppositionspolitiker beteiligt hatte.[8]

Obwohl seine politische Karriere westlichen Beobachtern damit faktisch beendet schien,[28][29] nahm er infolge des Israelisch-iranischen Krieges 2025 eine wichtige Rolle ein und wurde erneut Sekretär des Sicherheitsrates.[30] Bereits vor dem offenen Krieg hatte Chamenei ihn damit beauftragt, für den Fall eines großangelegten israelisch-amerikanischen Angriffs und der Tötung der Führungsspitze ein Überlebensszenario für die Islamische Republik auszuarbeiten.[7][6] Nach dem militärischen Scheitern der libanesischen Hisbollah und weiterer schiitischer Stellvertreterorganisationen hatte Chamenei Laridschani bereits mit der Koordinierung der Beziehungen zu Akteuren in Libanon und Jemen beauftragt, was als Signal gegen die Generäle der Revolutionsgarde gedeutet wurde.[11]

Laridschani wurde als Schlüsselfigur bei der Niederschlagung der Proteste im Iran 2025/2026 angesehen und war Ziel von US-Sanktionen.[31] Chamenei machte ihn im Januar 2026 de facto zum führenden Koordinator des Regimes, um die landesweiten Proteste niederzuschlagen und den inneren Dissens einzudämmen.[6] Zuletzt verantwortete er zugleich den Krieg gegen Israel und die USA, die Niederschlagung der inneren Unruhen sowie das Atomprogramm mitsamt den festgefahrenen indirekten Gesprächen mit Washington.[5] Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump sanktionierte ihn nach den Massakern im Januar 2026 namentlich.[11]

Irankrieg 2026

Während der Eröffnungsphase des Irankriegs 2026 wurden bei einem Luftangriff große Teile der iranischen Führungsstruktur getötet. In der entstehenden Machtlücke trat Laridschani als ranghöchster Sicherheitsfunktionär öffentlich hervor und wurde als maßgebliche Figur der Krisensteuerung wahrgenommen. Rund 24 Stunden nach dem Angriff wandte er sich im Staatsfernsehen und in sozialen Medien an die Öffentlichkeit und drohte den Vereinigten Staaten und Israel mit Vergeltung. Zugleich wurde Laridschani trotz der Rhetorik international auch als pragmatischer Verhandler wahrgenommen, der über Jahre Kontakte und Verhandlungserfahrung unter anderem gegenüber Russland, China und den Vereinigten Staaten aufgebaut hatte.[8] Chameneis Sohn Mojtaba Chamenei wurde in der Folge zwar als Nachfolger aufgebaut, blieb seit Kriegsbeginn jedoch weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, sodass Laridschani im Regierungslager öffentlich noch stärker hervortrat.[7][5] In den letzten Kriegswochen reagierte er regelmäßig in sozialen Medien auf Äußerungen Donald Trumps und war zuletzt am 13. März 2026 bei einer staatlich organisierten Quds-Tag-Kundgebung in Teheran öffentlich zu sehen.[7][6]

Eine Tochter Laridschanis, Fatemeh, war als Ärztin am Krebsforschungsinstitut der Emory University in Atlanta beschäftigt. Nach einer öffentlichen Kampagne wurde sie Anfang 2026 entlassen.[32] Laridschani hatte weitere Verwandte im Westen, darunter einen im Vereinigten Königreich tätigen Wissenschaftler, was von Hardlinern als politisch problematisch betrachtet wurde.[11]

Am 17. März 2026 teilte das israelische Verteidigungsministerium mit, Laridschani sei bei einem gezielten nächtlichen Luftangriff getötet worden.[33] Wenig später bestätigten iranische Staatsmedien seinen Tod.[7][5] Er war damit der ranghöchste iranische Funktionär, der seit Chameneis Tötung am 28. Februar 2026 ums Leben kam.[7] Sein Tod galt als weitere Zuspitzung der Führungskrise der Islamischen Republik und als möglicher Machtgewinn militärischer Akteure zulasten der politischen Koordination im Zentrum des Regimes.[5][6]

Commons: Ali Laridschani – Sammlung von Bildern und Videos

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI