American Jesus

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American Jesus ist ein Lied der US-amerikanischen Punkband Bad Religion. Der gesellschaftskritische Titel wurde 1993 als erste Single aus dem siebenten Studioalbum der Band, Recipe for Hate, ausgekoppelt und entwickelte sich zu einem der bekanntesten Songs der Kalifornier. Laut ihrem Biografen Jim Ruland hinterfragt die Band darin die „toxische Kombination von Religiosität und Kriegstreiberei“.

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Inhalt

Aussagen von Präsident Bush inspirierten die Band zu dem Titel

Sänger Greg Graffin und Gitarrist Brett Gurewitz schrieben American Jesus als Reaktion auf die amerikanische Invasion des Iraks im Zuge des Zweiten Golfkrieges.[1] Im Hinblick auf die US-Intervention im Nahen Osten hatte Präsident George H. W. Bush mehrfach öffentlich Gottes Unterstützung für die Vereinigten Staaten vereinnahmt. Am 27. Januar 1991 etwa hatte er verlautbart „God willing, we will win this war“ (So Gott will, werden wir diesen Krieg gewinnen).[2][3] Bad Religion kritisieren diese in ihrem Heimatland weitverbreitete Geisteshaltung und den damit legitimierten Imperialismus, der sich – in den Worten von Jim Ruland – „scheinheilig auf christliche Moralvorstellungen beruft“.[1][4]

Der Titel baut auf einem markanten Gitarrenriff auf, das sowohl im Intro als auch im Outro rahmend erklingt. In Kombination mit der häufig wiederholten Refrainzeile „We’ve got the American Jesus“, die sich melodisch auf das Riff bezieht, entsteht die charakteristische Hookline. Wie bereits in der ersten Textzeile „I don’t need to be a global citizen/‘cause I’m blessed by nationality“ verdeutlicht, nimmt Graffin einen ironischen Standpunkt ein. Er feiert den amerikanischen Exzeptionalismus und blickt mit Bedauern auf alle herab, die ihr Dasein außerhalb der USA fristen und sich mit der Nachahmung der eigenen Moralität begnügen müssen („At least the foreigners can copy our morality/they can visit, but they cannot stay“).[5]

In der Bridge vollzieht der Leadsänger eine inhaltliche Kehrtwende. Er beschwört bedrohliche Bilder wie den Gesichtsausdruck hungernder Menschen, Motiv und Gewissen eines Mörders oder den scheinheiligen Fernsehprediger herauf, die in der transzendentalen Kraft des „American Jesus“ konkret greifbar werden, und fürchtet trotz missbilligender Distanz, die unheilvolle Macht selbst in sich zu tragen. Als Kontrapunkt zu den anklagenden Worten repräsentieren die Hintergrundsänger um Eddie Vedder die US-Mehrheitsgesellschaft und skandieren ein trotziges Glaubensbekenntnis:[5]

Lead

He’s the preacher on TV
The false sincerity
The form letter that’s written by the big computers
The nuclear bombs
The kids with no moms
And I’m fearful that he’s inside me

Backing

(Strong heart!)
(Clear mind!)
(And infinitely kind!)
(You lose!)
(We win!)
(He is our champion!)[6]

Im Outro wiederholt ein Chor mit stoischer Bestimmtheit mehrmals die Phrase „One nation under God“. Die Worte sind seit 1954 Bestandteil des patriotischen Treue-Gelöbnisses Pledge of Allegiance und wurden von Bad Religion bereits 1988 im Refrain zu Part II (The Numbers Game) auf dem Album Suffer verarbeitet.

Single-Cover

Schnelle Fakten
American Jesus
Coop, 1993 (neue Version 2013)

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(bitte Urheberrechte beachten)

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Das Plattencover zu American Jesus wurde vom „Hot-Rod-Künstler“ Coop gestaltet und zeigt einen überspitzt maskulinen Jesus mit grimmigem Blick. Die muskulöse, aber bierbäuchige Schwarzweiß-Cartoonfigur posiert vor der farbigen US-amerikanischen Flagge, die rechte Hand zur Faust geballt, den linken Arm um eine lasziv dreinblickende, bloß mit einer Haube und Handschuhen bekleidete Nonne gelegt. An Jesus rechten Oberarm schmiegt sich eine weitere spärlich bekleidete Nonne. Eine Hand der von ihm umarmten Nonne führt (außerhalb des Bildes) in seine Lendengegend. Laut Religionswissenschaftlerin Vanessa Kopplin offenbart sich so ein „scheinheiliges Bild, das die Überhöhung einer transzendenten Macht auf ein wackliges Fundament stellt“.[1] Neben Accessoires wie Nietenarmbändern und einer Zigarette in der linken Hand verfügt Coops Jesus über die typischen ikonografischen Merkmale wie Heiligenschein, Dornenkrone und Nägelmale auf beiden Händen.

Musikvideo

Das in Sepia gehaltene Musikvideo des späteren Filmregisseurs Gore Verbinski[1] wurde in Los Angeles und in der Sonora-Wüste gedreht und soll dem Liedtext mit einer von christlicher Symbolik geprägten Bildsprache visuell Ausdruck verleihen. Die Kamera wechselt dabei zwischen zwei Schauplätzen: In Downtown L.A. tragen viele Bewohner ein schweres lateinisches Kreuz auf dem Rücken, was einen Rekurs auf die Passion Christi darstellt. Unterdessen spielt die Band den Song in voller Besetzung vor drei Kreuzen in einer kargen Wüstenlandschaft. Vanessa Kopplin vermutet darin eine Allegorie auf Moses Zug durch die Wüste. Für Irritationen beim Zuseher sorgt eine von Sänger Greg Graffin getragene Taucherbrille, die laut Kopplin für das „Eintauchen in eine fremde Lebenswirklichkeit“ stehen bzw. „die zugrundeliegenden Strukturen klarer erschließen“ könnte.[5] Laut der Band-Autobiografie Do What You Want. The Story of Bad Religion handelt es sich dabei um die Schutzbrille einer Gasmaske aus dem Zweiten Weltkrieg.[1] Am Ende des Videos stehen mehrere Bewohner von Los Angeles stramm in einer Reihe vor imposanten Holzkreuzen und wiederholen mit verbundenen Augen und Hand auf dem Herzen die Phrase „One nation under god“.

Das Video wurde im Juni 2007 auf dem YouTube-Kanal von Epitaph Records veröffentlicht und ist mit über 26 Millionen Aufrufen das meistgesehene der Band auf der Videoplattform.[7]

Rezeption

American Jesus konnte sich 1993 wie auch die zweite Single-Auskopplung aus dem Album Struck a Nerve nicht in den Charts platzieren, entwickelte sich aber zu einem der beliebtesten Bad-Religion-Songs und ist heute vor 21st Century (Digital Boy) ihr am häufigsten auf Konzerten gespieltes Lied. Mit dem Titelsong zu ihrem Album The Empire Strikes First knüpfte die Band 2004 thematisch an American Jesus an, indem sie George W. Bush und den Irakkrieg kritisierte.[5]

Die kanadische Pop-Punk-Band Simple Plan veröffentlichte 2002 ein Live-Cover unter anderem auf der europäischen Ausgabe ihres Debütalbums No Pads, No Helmets… Just Balls. Bad Religion selbst brachten 2013 einen Andy-Wallace-Remix des Songs auf ihrem Weihnachtsalbum Christmas Songs heraus.[8]

Literatur

  • Bad Religion & Jim Ruland: Die Bad Religion Story. Do What You Want. Hannibal, Höfen 2020, ISBN 978-3-85445-690-2 (englisch: Do What You Want. The Story of Bad Religion. Übersetzt von Paul Fleischmann).
  • Vanessa Kopplin: The Empire Strikes First – Politische und religiöse Dimensionen von Protest am Beispiel der Punk-Band Bad Religion. In: Knut Holtsträter & Michael Fischer (Hrsg.): Lied und populäre Kultur/Song and Popular Culture, Jahrbuch des Zentrums für Populäre Kultur und Musik: Musik und Protest/Music and Protest. Band 60/61. Waxmann, Münster/New York 2016, S. 180–183.

Einzelnachweise

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