Andrea Wandel
deutsche Architektin und Hochschullehrerin
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Andrea Wandel (* 1963 in Saarbrücken) ist eine deutsche Architektin und Hochschulprofessorin, die für ihre Gedenkstätten und Sakralbauten ausgezeichnet wurde.
Leben
Andrea Wandel ist eine Tochter des Architekten Hubertus Wandel. Sie ist die jüngere Schwester von Rena Wandel-Hoefer und besuchte das staatliche wissenschaftliche Gymnasium Saarbrücken bis zum Abitur. 1982 begann sie ein Architekturstudium an der Universität Kaiserslautern, wechselte 1983 an die Technische Hochschule Darmstadt (THD)[1] und schloss dort 1990 mit dem Diplom ab.[2] Ab 1990 arbeitete sie im Büros ihres Vaters. 1994 machte sie sich als Architektin und Stadtplanerin selbstständig. Zu ihren verschieden besetzten Architekturbüros gehören und gehörten als weitere Geschäftsführer Florian Götze, Nikolaus Hirsch, Andreas Hoefer, Wolfgang Lorch, Thomas Wach und Rena Wandel-Hoefer.[3][4]
1990 arbeitete sie an der THD als Assistenz am Städtebaulehrstuhl von Roland Wick (1935–2011). Nach einer Vertretungsprofessur von 2010 bis 2011 erhielt sie 2011 eine Professur für Entwerfen, Raumbildung und Darstellung an der Hochschule Trier. 2012 wurde sie in den Konvent der Bundesstiftung Baukultur berufen. Zudem ist sie seit 2013 Mitglied der Diözesanbaukommission des Bistums Trier und war von 2015 bis 2021 Mitglied des Planungs- und Gestaltungsbeirates der Landeshauptstadt Mainz, dessen Vorsitzende sie 2018 wurde.[1] Andrea Wandel ist als Preisrichterin bei Architekturwettbewerben tätig.[5]
Werk
In ihrer Tätigkeit als Architektin und Hochschullehrerin befasst sich Andrea Wandel neben Wohn-, Büro- und Geschäftsbauten mit Orten der Erinnerungskultur, mit Gedenkstätten und Sakralbauten.[1]
Bereits als Architekturstudentin beteiligte sie sich mit Wolfgang Lorch und Nikolaus Hirsch am Wettbewerb für die Gedenkstätte Neuer Börneplatz in Frankfurt. Der Entwurf, der sich städtebaulich sowie künstlerisch mit der Geschichte des Gedenkortes auseinandersetzt, wurde schließlich 1996 eröffnet.[6] Auch das Projekt Mahnmal Gleis 17 in Berlin-Grunewald realisierten Wandel, Lorch und Hirsch 1998 nach einem Wettbewerbserfolg. Die Deutsche Bahn als Nachfolgerin der Reichsbahn betrieb hier die Aufarbeitung ihrer Rolle bei der Deportation in der Zeit des Nationalsozialismus. Vom Bahnhof Grunewald wurden von Herbst 1941 bis Frühjahr 1942 ca. 10.000 Juden in Arbeits- und Konzentrationslager deportiert. Das Mahnmal besteht aus dem Gleis und sowie dem Bahnsteig mit 186 Stahlguss-Platten. Die Platten benennen die Daten und Bestimmungsorte der Züge aus Berlin mit der Anzahl der deportierten Menschen. Man lässt zu, dass zwischen den Schienen teilweise Vegetation aufwächst. Dies ist ein Zeichen dafür, dass nie wieder ein Zug auf dem Gleis fahren wird.[7]


Mit Nikolaus Hirsch, Wolfgang Lorch, Rena Wandel-Hoefer und Andreas Hoefer realisierte Andrea Wandel die Neue Synagoge und das Gemeindezentrum in Dresden an der Stelle der ehemaligen Semper-Synagoge.[8] Am Standort des ehemaligen SS-Sonderlagers Hinzert sind die sichtbaren Spuren der Vergangenheit verschwunden. Eine Rekonstruktion oder Simulation erschien dem Architekturbüro fragwürdig. Deshalb wurde ein Konzept für eine Ausstellungsgebäude gewählt, dass mit seiner geknickten Fassade aus rostendem Metall für die Verwerfungen in der heute vorhandenen Landschaftsidylle steht.[9] Das Büro Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch baute in München ein jüdisches Zentrum mit Synagoge. Sie sanierten in Bayreuth eine barocke Synagoge, die aufgrund der Nähe zum Markgräflichen Opernhaus die Nazizeit verwüstet überstand, und entwarfen eine neue Mikwe.[10] In Stuttgart schufen Andrea Wandel und Wolfgang Lorsch mit den Büropartnern Florian Götze und Thomas Wach einen Lern- und Erinnerungsort im ehemaligen Hotel Silber. In dem Gebäude war in den Jahren zwischen 1938 und 1945 die Landeszentrale der Gestapo für Württemberg und Hohenzollern untergebracht. Es sollte einem Shopping Center weichen. Eine Bürgerinitiative verhinderte den Abriss des Gebäudes.[11][3]

Zu den christlichen Sakralbauten des Büros gehörte der Einbau eines Kolumbariums in der Karmeliterkirche Boppard 2017. Die Bauaufgabe sah ursprünglich vor, das Kolumbarium im linken Seitenschiff der doppelschiffigen Basilika anzuordnen. Jedoch geht von der historischen Gestaltung der Langhäuser eine Spannung aus, die architektonisch einzigartig ist. Sie wäre durch den ursprünglichen Plan gefährdet gewesen. Es wurde deshalb unter der Orgelempore eine Alternativlösung realisiert.[12]

Die als einschiffige, im neogotischen Stil erbaute Auferstehungskirche Überlingen befindet sich nahe des Seeufers. Die Raumwirkung wurde durch An- und Umbauten in der Vergangenheit mehrfach verändert. Für die Aufgabe, den Sakralraum an zeitgemäße Anforderungen als Raum für Musik und Gemeinschaft anzupassen, wurde das Langhaus in Richtung Bodensee verlängert und ein neues Portal geschaffen. Die Detailgestaltung greift traditionelle Bauformen auf und übersetzt sie in zeitgenössische Architektur.[13]
Wandels Bauten zeigen eine klare, materialbewusste und detailgenaue Architektursprache. Der Neubau des Evangelisches Landeskirchenamt in der Münchner Maxvorstadt befindet sich zwischen Baudenkmälern u. a. von Friedrich von Tiersch und Oswald Bieber. Die zeitgemäß interpretierte Fassade aus gegossenem Sichtbeton wurde ähnlich einer Faltung gestaltet. So entsteht nicht nur eine Ornamentierung, sondern auch ein Wechsel von Licht und Schatten.[14][15]
Auszeichnungen (Auswahl)
Auszeichnungen mit den Architekturbüros Wandel Hoefer Lorch beziehungsweise Wandel Hoefer Lorch + Hirsch oder Wandel Lorch Götze Wach:
- 2003: Auszeichnung im Rahmen der Verleihung des Deutschen Architekturpreises[16] (nach anderen Quellen: 2. Preis des Deutschen Architekturpreises)[17]
- 2006: Auszeichnung beim Preis des Deutschen Stahlbaues für das Dokumentationshaus der Gedenkstätte Hinzert[18]
- 2007: Auszeichnung im Rahmen der Verleihung des Deutschen Architekturpreises für Dokumentationshaus Hinzert[19]
- 2008: Deutscher Städtebaupreis für das Jüdische Zentrum München[20]
- 2011: Auszeichnung im Rahmen der Verleihung des Deutschen Architekturpreises für Jüdisches Zentrum München, Synagoge, Gemeindezentrum und Museum[21]
Auszeichnungen mit Wolfgang Lorch
Persönliche Auszeichnungen
- 2026: Kunstpreis des Saarlandes im Bereich Architektur[23]
Bauten (Auswahl)
Andrea Wandel beziehungsweise das Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch arbeiteten an verschiedenen Projekten mit, unter anderem:
- Stiftskirche Sankt Arnual, Saarbrücken, 1994[1]
- Gedenkstätte Gleis 17, Berlin-Grunewald, 1998[24]
- Neubau Synagoge Dresden, 2001[25]
- Jüdisches Zentrum München, Synagoge, 2006[26]
- Jüdisches Zentrum München, Gemeindezentrum und Museum, 2007[21]
- Hybrid Highrise Pixel 34, Tiflis, Georgien, 2009[1]
- Ökumenisches Forum HafenCity, Hamburg, 2012[27]
- Evangelisches Landeskirchenamt München, 2015[14]
- Kolumbarium Karmeliterkirche Boppard, 2017[28]
- Umgestaltung der Auferstehungskirche Überlingen, 2018[29]
- Kapelle St. Peter und Paul, Urbar, 2022[30]
- Archäologische Zone und Jüdisches Museum – MiQua, in Bau[31]
Veröffentlichungen
Andrea Wandel hat Beiträge veröffentlicht (Auszug):[1]
- Bauwerk des Jahres 2012, in DAI regional. Jan 2014 Seite 14
- Ökumenisches Forum HafenCity. in Architektur Premium. Okt/Nov 2013 Seite 66 f
- Ökumenisches Forum HafenCity. in db. 06.2013 Seite 64
- Technical – Ecumenical Forum HafenCity in Brick Bulletin. Summer 2013 Seite 22 f
Literatur
- K. Klemp: Gedenkstätte Neuer Börneplatz, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-2323-5
- Ch. Schittich (Hrsg.): Im Detail: Innenräume: Raum, Licht, Material, Birkhäuser Verlag, Basel 2002, ISBN 978-3-7643-6632-2, S. 70–73
- Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.): Bau und Raum Jahrbuch. Gerd Hatje, 2011, ISSN 1612-1406.
- Sven Schütte: Köln Archäologische Zone/Jüdisches Museum, Stadt Köln (Hrsg.), Köln 2012, ISBN 978-3-9812541-1-2, S. 261–265.
- Andrea Wandel, in: Ursula Schwitalla (Hrsg.): Frauen in der Architektur. Rückblicke Positionen Ausblicke. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-7757-4868-1, S. 200–203, 212.
Weblinks
- Profil auf der Website der Hochschule Trier
- Wandel Lorch Architekten
- Andrea Wandel. In: archINFORM.
- Andrea Wandel - Synagogenmodelle, Vortrag beim Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ)