Angela Carlevaris
Schwester Angela, Ordensgeistliche, Hildegardforscherin
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Angela Carlevaris OSB (* 21. Juni 1921 in Fiume, heute Rijeka, Kroatien; † 17. November 2015 in Rüdesheim am Rhein) war eine italienische Benediktinerin und Altphilologin. Als Mitglied der Abtei St. Hildegard (Rüdesheim am Rhein) gehörte sie zu den international profiliertesten Forscherinnen zu Hildegard von Bingen und legte unter anderem die kritischen Editionen von Scivias und Liber vitae meritorum vor.
Leben und Wirken
Angela Carlevaris wurde 1921 in der damals mehrsprachigen Hafen- und Grenzstadt Fiume (heute Rijeka) unter dem bürgerlichen Namen Gigliola Aloysia Carlevaris geboren. In der von italienischen, kroatischen, ungarischen und weiteren Einflüssen geprägten Umgebung erlernte sie früh mehrere Sprachen und entwickelte ein anhaltendes Interesse an kultureller und religiöser Vielfalt.[1][2] Nach einem Studium der slawischen Sprachen an der Universität Padua wechselte sie 1941 zur Altphilologie und wurde 1944 mit einer Arbeit zur griechischen Geschichte promoviert.[1]
Im selben Jahr trat Carlevaris in den Konvent der Sacré-Coeur-Schwestern in Florenz ein. Nach der zeitlichen und feierlichen Profess wirkte sie dort als Lehrerin und später als Studiendirektorin eines Mädchengymnasiums; von 1954 bis 1969 gehörte sie dem Provinzialrat der Kongregation an. 1969 wurde sie in den Konvent Trinità dei Monti in Rom versetzt, wo sie das Amt der stellvertretenden Oberin übernahm.[2]
In den Umbrüchen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil reifte in ihr der Entschluss, sich monastisch neu zu orientieren. Durch Kontakte nach Maria Laach lernte sie die Abtei St. Hildegard in Eibingen kennen und trat dort am 29. September 1970 ein; am 6. August 1972 übertrug sie ihre Gelübde auf das Benediktinerinnenkloster im Rheingau.[2] Fortan verband sich ihre Lebensgeschichte eng mit der wissenschaftlichen Erschließung von Werk und Theologie Hildegards von Bingen.
Zunächst arbeitete Carlevaris eng mit ihrer Mitschwester Adelgundis Führkötter zusammen. Als deren „rechte Hand“ war sie maßgeblich an der historisch-kritischen Edition der ersten Visionsschrift Hildegards, Scivias, beteiligt, die 1978 als zweibändige Ausgabe in der Reihe Corpus Christianorum erschien. Anschließend übernahm sie eigenständig die Edition der zweiten Visionsschrift Liber vite meritorum, die nach jahrelangen Handschriftenstudien 1995 als Band 90 derselben Reihe vorgelegt wurde.
Neben der Editionsarbeit bemühte sich Carlevaris darum, Hildegards Denken im italienischsprachigen Raum zu verankern. Sie wirkte an der italienischen Übersetzung des Liber vite meritorum mit und war an der Gründung des Mailänder Hildegard-Studienzentrums Centro Studi St. Ildegarda beteiligt, dem sie über Jahre im Vorstand angehörte.[2] Zudem edierte und kommentierte sie Hildegards Auslegung der Benediktsregel und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze, in denen sie Hildegards Schriftgebrauch, ihr Verhältnis zur Patristik und ihre Wahrnehmung von Judentum und Zeitgenossen untersuchte.[1][2]
Im März 2002 verlor Carlevaris infolge einer schweren Augenerkrankung ihr Sehvermögen und musste 2003 ihre aktive Publikationstätigkeit einstellen.[1][2] Trotz ihrer Erblindung blieb sie bis ins hohe Alter eine gefragte Ansprechpartnerin für die internationale Hildegardforschung. Jüngere Forscherinnen wie Maura Zátonyi bezeichnen sie rückblickend als „große Hildegardforscherin“, die sie in Textkritik und theologischer Interpretation eingeführt habe.[3]
Carlevaris starb am 17. November 2015 im Alter von 94 Jahren in Rüdesheim am Rhein.[2]
Bedeutung
Carlevaris setzte die Reihe von Hildegard-Forscherinnen aus dem Konvent der Abtei St. Hildegard – Maura Böckeler, Marianna Schrader und Adelgundis Führkötter – fort und prägte insbesondere die textkritische Erschließung der Visionsschriften Hildegards. Ihre Edition des Liber vitae meritorum gilt in Forschung und Editionenreihen als Referenztext und wird in Überblicksdarstellungen zu Hildegard regelmäßig als Standard angegeben. Zugleich trug sie wesentlich dazu bei, Hildegards Theologie in Italien zu verankern und in ökumenische und kulturwissenschaftliche Debatten einzuspeisen.[2][1]
Werke (Auswahl)
- Editionen
- Hildegardis Bingensis: Scivias I–II. Hrsg. Adelgundis Führkötter, unter Mitarbeit von Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 43/43A). Brepols, Turnhout 1978.
- Hildegardis Bingensis: Liber vite meritorum. Hrsg. Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 90). Brepols, Turnhout 1995.
- Ildegarda di Bingen: Il centro della ruota. Spiegazione della Regola di San Benedetto (testo latino a fronte). Übersetzung und Einleitung von Angela Carlevaris, mit einem Beitrag von Patricia Alloni, Mimesis, Mailand 1997.
- Monographien
- Das Werk Hildegards von Bingen im Spiegel des Skriptoriums von Trier St. Eucharius (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier, 12). Trier 1999.
- Die Vision der heiligen Hildegard von Bingen in der Vita Juttae (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier, 18). Trier 2003.
- Aufsätze
- De S. Hildegarde abbatissa (+ 1179). In: Vox Latina 15 (1979), S. 205–207.
- Scripturas subtiliter inspicere subtiliterque excribrare. In: Margot Schmidt (Hrsg.): Tiefe des Gotteswissens. Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen (Mystik in Geschichte und Gegenwart, I/10). Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, S. 29–48.
- Hildegard von Bingen. Urbild einer Benediktinerin? In: Edeltraud Forster (Hrsg.): Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Freiburg u. a. 1997, S. 87–108.
- Ildegarda e la Patristica. In: Charles Burnett, Peter Dronke (Hrsg.): Hildegard of Bingen. The Context of her Thought and Art (Warburg Institute Colloquia, 4). London 1998, S. 65–80.
- Sie kamen zu ihr, um sie zu befragen. Hildegard und die Juden. In: Alfred Haverkamp (Hrsg.): Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Mainz 2000, S. 117–128.
- Hildegard von Bingen (1098–1179). In: Giuseppe Tanzella-Nitti, Alberto Strumia (Hrsg.): Dizionario Interdisciplinare di Scienza e Fede. Bd. 2. Rom 2002, S. 1846–1853.
Literatur
- Michael Embach: Sr. Angela Carlevaris OSB (1921–2015). In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 68, 2016, S. 533–535.
Weblinks
- Literatur von und über Angela Carlevaris im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Maura Zátonyi: Angela Carlevaris OSB. Kurzvita und Publikationen. St. Hildegard-Akademie Eibingen.