Anna Judic

französische Schauspielerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Anna Marie Louise Judic, eigentlich Anne Damiens (* 17. Juli 1850 in Semur-en-Auxois; † 14. Oktober 1911 in Golfe-Juan, Gemeinde Vallauris, Département Alpes-Maritimes) war eine französische Theaterschauspielerin und Opernsängerin (Sopran).

Anna Judic, Photographie von Nadar, 1875

Leben

Damiens war eine Großnichte des Herrn Adolphe Auguste Lemoine-Montigny (1805–1880). Ihre Mutter, Montigny Nichte, arbeitete als Tabakhändlerin am Théâtre du Gymnase, so dass sie im Umfeld des Theaters aufwuchs und schon früh eine unwiderstehliche Leidenschaft für die darstellende Kunst verspürte. Diese Ambitionen wurden von der Familie unterdrückt und sie wurde als junges Mädchen zu einer Wäscherin am Boulevard des Italiens in die Lehre zu geben, um Verkäuferin in einem Weißwarengeschäft in Paris zu werden. Als sie aus Verzweiflung in den Hungerstreik trat und zwei Tage lang jegliche Nahrung verweigerte, nahm Montigny seine Nichte bei sich auf und meldete sie zum Klavier- und Gesangsunterricht bei François-Joseph Regnier am Pariser Konservatorium an.[1]

Noch am Beginn ihrer Künstlerlaufbahn heiratete sie 1867 Léon-Émile Israël. Dieser Familienname erschien ihr für die Bühne ungeeignet und sie nannte sich fortan „Madame Judic“. Sie sang im Café-concert Eldorado unter der Regie ihres Mannes und kam nach den Flitterwochen als Siebzehnjährige zur Bühne wurde am 2. Juni 1867 mit einem Gehalt von 100 Francs im Monat am Théâtre du Gymnase engagiert und spielte dort am 1. September 1867 in dem Stück L’Affaire est arrangée von Édouard Cadol und William Busnach mit. Zunächst wandte sie sich dem Chanson zu, dem leichtesten Genre dieser Kunst Der französische Komponist und Klavierbauer Xavier Boisselot schrieb eigens für sie ein ganzes Repertoire an Liedern für sie.[2] Sie bekam Rollen in Les Grandes Demoiselles und bei der Wiederaufführung von Les Malheurs d’un amant heureux nach einem Roman von Sophie Gay. Im Winter 1868 wurde sie von dem Direktor Lorge des Eldorado zu einem Vorsingen eingeladen. Dieser bot Madame Judic anschließend einen Dreijahresvertrag mit dem Konzerthaus an. Dabei wurde festgelegt, dass sie im ersten Jahr 400 Francs, im zweiten 500 Francs und im dritten Jahr 600 Francs monatlich erhalten würde. Judics Debüt im Konzerthaus Eldorado, in dem sie in La Première Feuille von Georges Lefort auftrat, war ein durchschlagender Erfolg. Zahlreiche Autoren und Komponisten kamen in die Vorstellungen, um sie für Auftritte in ihren Stücken zu gewinnen. Lorge honrierte Judics Erfolg, indem er ihr vom ersten Jahr an das für das zweite Jahr vorgesehene Gehalt und bis zum zweiten Jahr das für das dritte bezahlte. Zudem stellte er ihren Mann als Geschäftsführer des Eldorado ein, bis das Theater am 4. September 1870 kriegsbedingt schließen musste.[1]

Karriere am Theater

Durch den Deutsch-Französischen Krieg, der das kulturelle Leben in Paris in ihrem Genre zum Erliegen brachte, hatte sie keine Auftritte mehr. Daher begab sie sich 1871 auf eine Reise durch Belgien. Dort trat sie zunächst in Lüttich und anschließend in Brüssel auf. Schnell wurde Judic so bekannt, dass ihr Name auf einem Plakat ausreichte, um die Säle zu füllen. Nach ihrer Rückkehr am 15. Januar 1842 wurde sie für die Rolle der Prinzessin Kunigunde in der Komischen Oper Le Roi Carotte (Libretti Victorien Sardou) in dem von Jacques Offenbach geleiteten Gaité-Theater engagiert. In den 1870er Jahren begeisterte sie das Pariser Publikum auch bei Auftritten in den Folies Bergère. Anschließend wurde sie von Jules Noriac und dessen Partner Charles Comte als Sängerin für La Timbale d’argent von Léon Vasseur am Théâtre des Bouffes-Parisiens engagiert. Sie bekam Rollen in Petite Reine, Rosière d’Ici, Branche cassée, Madame L’Archiduc oder La Créole.[3]

Nachdem die Chanconetten beim Publikum in Verruf geraten waren, wandte sie sich der Operette zu und startete eine zweite erfolgreiche Karriere. Judic erhielt die Hauptrollen in den Operetten Niniche und Mam’zelle Nitouche. Durch ihre Darbietungen trug sie maßgeblich zur Blüte der französischen Operette und des Vaudevilles und des Théâtre des Variétés bei, indem sie in Gastspiele in den europäischen Großstädten wie London oderd Sankt Petersburg auftrat. In Paris hatte sie zunächst eine Wohnung in der Rue de la Fidélité im Viertel Saint-Laurent. Nach ihrem Erfolg in La Timbale d’argent war sie zu einer Diva mit hohen Gagen aufgestiegen und die Wohnung entsprach nicht mehr ihren Bedürfnissen. Judic zog in ein Gebäude in die Rue de Boulogne um, das am Ende eines Innenhofs lag und zur Straße hin von zwei quadratischen Pavillons flankiert wurde. Mit ihrem wachsenden Erfolg und Wohlstand wuchs auch ihr Freundeskreis und sie veranstaltete zur Einweihung einen großen Kostümball, zu dem rund 200 Einladungen verschickt wurden, um niemanden aus ihrem Bekanntenkreis auszuschließen.[4] 1885 bereiste sie die Vereinigten Staaten und spielte unter anderem eine Saison lang in New York für Maurice Grau. Von ihrem Manager hatte Judic offenbar ein beachtliches Angebot erhalten zu dem, neben der Kostenübernahme für die gesamte achtmonatige Reise, auch eine Garantie von umgerechnet 42.000 Pfund Gage und ein eigener Zug für die Tournee gehörten.[5]

Grabkapelle

Als sie ihre Gesangstimme einbüßte, blieb sie der Bühne weiterhin treu und wandte sich nun dem Schauspielfach zu. Sie spielte 1903 sehr erfolgreich die Rolle der Großmutter in dem Stück Le Secret de Polichinelle von Pierre Wolff. Zuletzt war sie Mitdirektorin des Théâtre du Palais-Royal.[6] Der nachlassende Erfolg zwang Judic immer mehr zu einem bescheideneren Lebensstil. 1890 trennte sie sich von einigen Besitztümern und 1894 musste sie sogar ihr elegantes Stadthaus zu einem Spottpreis verkaufen und sie zog in ihre Villa in Chatou. Im Jahr 1900 trat sie letztmalig im Folies Bergère als Sängerin auf. Während eines dreimonatigen Aufenthalts in Golfe-Juan starb sie 1911 im Alter von 62 Jahren. Ihre sterblichen Überreste wurden in ihrer Grabkapelle auf dem Friedhof Montmartre, im 25. Abschnitt.

Familie

Judic war mehrmals verheiratet:

1. am 25. April 1867 mit Léon-Émile Israël (1843–1884), Regisseur des kleinen Theaters Eldorado

  • Fernande Marie Israël (* 1869) ⚭ Jules Rodolphe Théodore Loisel
    • Simone Louise Fernande Loisel (19. April 1890 – 22. April 1964) ⚭ mit dem Theaterschauspieler, Regisseur, Drehbuchautor Luitz-Morat. Sie arbeitete ursprünglich als Verkäuferin im Friseursalon ihrer Familie und wurde unter dem Namen Simone Reva und später als Simone Judic ebenfalls Sängerin und Schauspielerin.
    • Fernand Eugène Théodore Loisel (1892–1970)

2. mit Arthur David Albert Paul Samuel Millaud (1844–1892), Dramatiker, Journalist, Librettist und Schriftsteller.

Rollen (Auswahl)

  • La Belle Hélène 1864 (Offenbach)
  • La Périchole ‚Die Straßensängerin‘, 1868 (Offenbach)
  • Niniche
  • Mam’zelle Nitouche 1883, ‚Fräulein Scheinheilig‘ oder ‚Fräulein Rührmichnichtan‘ Komische Operette in drei Akten und vier Bildern. Komposition Hervé, Text von Henri Meilhac und Arthur David Albert Paul Samuel Millaud, Uraufführung am 26. Januar 1883 im Pariser Théâtre des Variétés.[7]
  • Le Cœur de Paris Musikrevue 1887 von Alexandre-Philippe Régnier, Opéra-Comique
  • Le Secret de Polichinelle 1903 Pierre Wolff, Théâtre du Gymnase

Auszeichnungen (Auswahl)

  • Eine gravierte Medaille für ihren Benefizauftritt in Lille, der ehemaligen Hauptstadt von Französisch-Flandern, den sie anlässlich der Niederlage der Franzosen am 22. Januar 1871 veranstaltet hatte, bei dem 27.000 Francs für die verwundeten Soldaten gesammelt wurden.[1]
  • 1906: Ritter des Ordre du Mérite agricole. Sonderpreis für wissenschaftliche Studien. Zahlreiche Auszeichnungen für ihr Geflügel in Avallon (Yonne).[8]
  • Das Lycée Polyvalent in Semur-en-Auxois wurde nach ihr Lycée Anna Judic benannt.

Literatur

Commons: Anna Judic – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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