Anne Truitt
US-amerikanische Bildhauerin
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Anne Dean Truitt (* 16. März 1921 in Baltimore; † 23. Dezember 2004 in Washington, D.C.) war eine US-amerikanische Bildhauerin und Schriftstellerin, die als Pionierin des Minimalismus gilt, aber neben Künstlern wie Morris Louis und Kenneth Noland auch mit der Farbfeldmalerei verbunden wird.
Leben
Anne Truitt absolvierte von 1938 bis 1943 ein Studium der Psychologie am Bryn Mawr College in Pennsylvania, das sie mit einem Bachelor abschloss. Anschließend arbeitete sie als Hilfskrankenschwester für das Rote Kreuz am Massachusetts General Hospital. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs forschte sie dort tagsüber in der psychiatrischen Abteilung und betreute nachts eingelieferte Fliegersoldaten.
1947 heiratete sie James Truitt († 1981), der während des Zweiten Weltkriegs als Leutnant der US Navy im Pazifik gedient hatte. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst für das US-Außenministerium und später als Korrespondent für die Zeitschriften Life und Time. Seine beruflichen Stationen führten zu häufigen Umzügen der Familie, unter anderem nach Washington, New York, Dallas und San Francisco. Das Paar hatte drei Kinder und war in Washington mit John F. Kennedy befreundet sowie mit der Malerin Mary Pinchot Meyer († 1964), die 1962/63 dessen Geliebte war. 1971 wurde die Ehe geschieden.
Anne Truitt entschied sich gegen eine akademische Karriere in der klinischen Psychologie und verfolgte stattdessen in den 1940er-Jahren eine künstlerische Ausbildung. 1944 studierte sie bei Franz Denghausen in Cambridge, Massachusetts, 1949 bei Alexander Giampietro in Washington, 1950 bei Octavio Medellín in Dallas und 1951 bei Peter Lipman-Wulf in New York, wo sie neben Bildhauerei auch Kurse im Aktzeichnen nahm.
Anne Truitt bewegte sie sich in einem engen Kreis befreundeter Künstler: James Lee Byars, Anthony Caro, Helen Frankenthaler, Sam Gilliam, Morris Louis, Mary Pinchot Meyer, Robert Motherwell, Kenneth Noland, Martin Puryear und David Smith gehörten zu ihrem Umfeld.
Eine ihrer Töchter war mit dem Kunstkritiker Charlie Finch verheiratet. Der Nachlass von Anne Truitt wird von der Familie verwaltet und von der Matthew Marks Gallery in New York präsentiert.[1]
Werk
Das Jahr 1961 markierte einen Wendepunkt in Anne Truitts künstlerischer Entwicklung. In der Ausstellung „American Abstract Expressionists and Imagists“ im Solomon R. Guggenheim Museum in New York sah sie Werke von Ad Reinhardt, Barnett Newman und Nassos Daphnis. In mehreren Interviews und ihren Büchern beschrieb den Besuch als ein Schlüsselerlebnis.[2] Unmittelbar im Anschluss entstand mit First (1961) ihr erstes eigenständiges, reifes Werk. Im darauffolgenden Jahr entstanden rund 35 großformatige Skulpturen aus Holz, mit denen Anne Truitt neben Donald Judd, Carl Andre, Robert Morris und Ellsworth Kelly zu den wichtigsten Vertretern des US-amerikanischen Minimalismus gezählt wird.[3] Zugleich trennte sich Anne Truitt radikal von ihrer bisherigen Arbeit und zerstörte die meisten ihrer Werke aus Ton, Gussbeton und geschweißtem Stahl, die in den Jahren 1949 bis 1961 entstanden waren. Rückblickend schrieb Anne Truitt über ihre künstlerische Vision: „Was ich eigentlich versuchte, war, Bilder von der Wand zu nehmen, Farbe um ihrer selbst willen in drei Dimensionen zu entgrenzen.“[4]
Ihr Durchbruch gelang ihr mit ihrer ersten Einzelausstellung im Februar 1963 in der André Emmerich Gallery, einer der einflussreichsten Galerien für zeitgenössische Kunst in New York.[5]
Von 1964 bis 1967 lebten die Truitts in Tokio, wo James Truitt als Büroleiter von Newsweek für die Region Ostasien zuständig war. Dort fertigte Anne Truitt 23 lackierte Metallskulpturen und mehr als 150 Zeichnungen. 1973 zerstörte sie alle in Japan gefertigten Skulpturen aus gefaltetem Aluminium, die sich noch in ihrem Besitz befanden, mit der Erklärung: „Es waren einfach intelligente Arbeiten, leblos.“[6]
Zwischen 1964 und 1967 stellte sie in Einzelausstellungen in der Galerie Minami in Tokio aus. Außerdem nahm sie an den richtungsweisenden Ausstellungen „Black, White and Grey“ des Wadsworth Atheneum Museum of Art (1964), „7 Sculptors“ im Institute of Contemporary Art in Philadelphia (1965/66), als eine von nur drei Frauen neben Judy Chicago und Tina Spiro an „Primary Structures“ im Jewish Museum in New York (1966) und an „American Sculpture of the Sixties“ im Los Angeles County Museum of Art und im Philadelphia Museum of Art (1967) teil.[7] 1967 würdigte der Kritiker Clement Greenberg in seinem Katalogbeitrag „Neuerdings die Skulptur“[8] Anne Truitts Werk als Vorläufer des Minimalismus und Michael Fried nahm ihre Skulpturen als Auftakt für sein Essay „Kunst und Objekthaftigkeit“[9].
Ihre Werke ließ sie von externen Fabrikanten aus Mahagoniholz produzieren. Nachdem die Trägerkonstruktionen in ihr Atelier gebracht wurden, trug sie auf das Holz mehrere Schichten kreideweißer Grundierung auf. Anschließend folgten rund vierzig Schichten Acrylfarbe, jede sorgfältig mit Sandpapier abgeschliffen, bis eine Oberfläche von außergewöhnlicher Tiefe und Leuchtkraft entstand. Ihr Material bearbeitete Anne Truitt so lange, bis es von Erinnerungen, Gedanken und Assoziationen durchdrungen war. Anne Truitt lehnte es ab, dass ihr Werk auf die Kunstrichtung des Minimalismus reduziert wird: „Für mich ist meine Kunst maximal. Es mag nicht aussehen, als wäre da viel, aber für mich ist es alles“[10], sagte sie 1986. Sie begriff Farbe als eigenständigen Bedeutungsträger und erweiterte den Minimalismus um eine poetische, persönliche und sinnlich erfahrbare Seite.
1973 richtet das Whitney Museum of American Art in New York eine umfassende Retrospektive von Anne Truitts Skulpturen und Zeichnungen aus, die anschließend in die Corcoran Gallery of Art weiterreiste. 1975 widmete das Baltimore Museum of Art ihr mit „White Paintings“ eine erste eigene Ausstellung, die eine Debatte über Konzeptkunst und Minimalismus auslöste. 1992 organisierte das Baltimore Museum of Art die große Überblicksausstellung „Anne Truitt: A Life in Art“. In Washington wurden ihre Arbeiten von der Pyramid Gallery und später von der Osuna Gallery vertreten. Von 1975 bis 1996 war Anne Truitt als Professorin der University of Maryland und der Künstlerkolonie Yaddo, deren Präsidentin sie 1984 war, verbunden. 2009 widmete das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington ihr eine große posthume Retrospektive.
Anne Truitt wurde auch als Schriftstellerin für die Veröffentlichung ihrer Journale bekannt. 1982 erschien Daybook: The Journal of an Artist, 1986 Turn: The Journal of an Artist sowie 1996 Prospect: The Journal of an Artist. Im Jahr 2022 wurde Yield: The Journal of an Artist posthum von ihrer Tochter Alexandra Truitt bei der Yale University Press veröffentlicht, welches Journale aus den Jahren 2001 bis 2002 umfasst.[11] In Yield kommt Truitts Ehrlichkeit zum Ausdruck, wenn sie über ihren Platz in der Welt nachdenkt und sich mit den intellektuellen, praktischen, emotionalen und spirituellen Problemen auseinandersetzt, mit denen eine Künstlerin konfrontiert ist, wenn sie ihre Kunst mit ihrem Leben in Einklang bringt.
Sammlungen und Auszeichnungen
- 1970 Guggenheim Fellowship
- 1971, 1977 National Endowment for the Arts
- Baltimore Museum of Art, Baltimore[12]
- Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington, D.C.
- National Gallery of Art, Washington, D.C.[13]
- National Museum of Women in the Arts, Washington,D.C.[14]
- Smithsonian American Art Museum, Washington, D.C.[15]
- Metropolitan Museum of Art, New York[16]
- Museum of Modern Art, New York[17]
- Whitney Museum of American Art, New York[18]
- Dia Beacon, Beacon, New York[19]
- Buffalo AKG Art Museum, Buffalo, New York[20]
- Los Angeles County Museum of Art, Kalifornien[21]
- Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf[22]
- Kunstmuseum Basel, Basel[23]
Literatur
- Ausst.Kat., Anne Truitt. Perception and Reflection, Washington, D. C. (Hirshhorn Museum and Sculpture Garden) 2009.
- de Baca, Miguel, Memory Work. Anne Truitt and Sculpture, Oakland 2016.
- Burnham, Jack W., „Sculpture’s Vanishing Base“, in: Artforum, Jg. 6, Nr. 3, November 1967, S. 47–55.
- Dubay, Rebecca, „Anne Truitt: Painting in Three Dimensions“, in: Eva Ehninger und Antje Krause-Wahl (Hgg.), In Terms of Painting, Berlin 2016, S. 104–123.
- Fielding, Helen A., „Multiple Moving Perceptions of the Real: Arendt, Merleau-Ponty, and Truitt“, in: Hypatia. Ethics of Embodiment, Jg. 26, Nr. 3, Sommer 2011, S. 518–534.
- Fried, Michael, „Kunst und Objekthaftigkeit“ (1967), in: Minimal Art: Eine kritische Retrospektive, hrsg. von Gregor Stemmrich, Übersetz. aus dem Engl. von Christoph Hollender, Dresden/Basel 1998, S. 334–374.
- Greenberg, Clement, „Neuerdings die Skulptur“ (1967), in: Minimal Art: Eine kritische Retrospektive, hrsg. von Gregor Stemmrich, Übersetz. aus dem Engl. von Christoph Hollender, Dresden/Basel 1998, S. 324–333.
- Meyer, James, Minimalism. Art and Polemics in the Sixties, New Haven und London 2001.
Weblinks
- annetruitt.org
- Biografie (englisch)
- Lebenslauf und Ausstellungsliste (englisch)
- Grand Allusion: James Meyer talks with Anne Truitt ( vom 8. Juli 2012 im Webarchiv archive.today) Interview, ARTFORUM, Mai 2002 (englisch)
- Matt Schudel: Minimalist Sculptor Anne Truitt, 83, Dies The Washington Post, 25. Dezember 2004 (englisch)
- Katy June-Friesen: Anne Truitt’s Artistic Journey Smithsonianmag, 30. September 2009
- Anne Truitt auf CLARA, National Museum of Women in the Arts
- Anne Truitt: Perception and Reflection Ausstellung im Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, 8. Oktober 2009 – 3. Januar 2010