Raketenabwehr
Typ von Militärtechnik
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Als Raketenabwehr (englisch missile defense) wird Militärtechnik bezeichnet, die dem Erkennen und der Abwehr feindlicher Raketen oder Flugkörper dient und eigene Raketen zur Abwehr einsetzt. Da an der Abwehr verschiedene technisch-funktionale Systeme und Plattformen beteiligt sind, wird auch der Begriff Raketenabwehrsystem verwendet. Diese Systeme existieren etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts und werden seitdem kontinuierlich erneuert, ersetzt oder weiterentwickelt.[1] Im Zusammenhang mit Raketenabwehrsystemen spricht man auch von defensiven Systemen.


Dieser Artikel stellt die Raketenabwehr größtenteils aus Sicht der technischen Entwicklungen dar. Das Thema ist jedoch seit den 1960er Jahren Teil einer „Raketenabwehrpolitik“ (siehe der Abschnitt dazu), die im Rahmen der Sicherheitspolitik speziell von den USA betrieben wird.
Einleitung
Ein Raketenabwehrsystem besteht aus einem oder mehr (1) Führungs- und Kontrollsysteme, (2) Sensoren (Frühwarnsysteme z. B. Radarsysteme) zur Erkennung anfliegender Bedrohungen und (3) Gegenmitteln, meist Abfangraketen. Zur Abwehr dienen auch Täuschkörper, Maschinenkanonen und Energiewaffen.
Zu den generellen Bedrohungen zählen Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen. Bekannte und erprobte Abwehrsysteme wie Patriot befinden sich heute im Einsatz als Teil der Flugabwehr durch Flugabwehrraketen, wobei Patriot auch zur Raketenabwehr dient.[2]
Zu den Bedrohungen im 21. Jahrhundert zählen landbasierte Interkontinentalraketen (ICBMs), U-Boot-gestützte ballistische Rakete (SLBM), aeroballistische Raketen und Hyperschallwaffen und Marschflugkörper. Auch das Konzept des Fractional Orbital Bombardment Systems (FOBS) aus dem Kalten Krieg stellt weiterhin eine Bedrohung dar. FOBS würde aktuelle Frühwarnsysteme (vgl. auch Vorwarnzeit und Überraschung) herausfordern, da die Flugobjekte auch über den Südpol auf die Nordhalbkugel gelangen könnten.
Um diesen und anderen Bedrohungen gerecht zu werden, sind die technischen und operationellen Anforderungen an Raketenabwehrsysteme sehr hoch. Zur Erfüllung dieser Anforderungen werden verschiedene Abwehrsysteme kombiniert, weshalb auch von einem Netzwerk oder einem „System von Systemen“ gesprochen wird.[3] Des Weiteren sind die Abwehrsysteme, nebst ihrer Sicherheitsfunktion, ein Kostenfaktor. Der ehemalige US-amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara schrieb 1968 dazu: „Nicht der finanzielle Aspekt ist das problematische, sondern die Durchlässigkeit eines solchen projektierten Schutzschildes. Es ist doch ohne Zweifel sinnlos, 40 Milliarden Dollar zu investieren, wenn wir dafür nicht eine wesentliche Stärkung unserer Sicherheit eintauschen“.[4]
Raketenabwehrsystem bauen technisch auf der Raketentechnik und Wehrtechnik (vgl. auch Ballistik) auf und werden von militärischen Organisationen oder Rüstungsunternehmen hergestellt und von Militär getestet. Die meist milliardenschweren Raketenabwehrsystem werden teils politisch über Initiativen angekündigt und über langfristige Programme der Rüstungsindustrie beschafft. Sie dienen der nationalen Sicherheit und sind Teil der Sicherheits-, Abrüstungs- und Rüstungskontrollpolitik. Hier ist speziell der ABM-Vertrag aus dem Kalten Krieg zu erwähnen, siehe weiter unten.
Abschließend noch eine Anmerkung. Im Zusammenhang mit der Raketenabwehr wird auch von einem „Abwehrschild“ oder „Schutzschild“ gesprochen. Dieser Begriff wurde jedoch in den 1950er bis 1980er Jahren auch für das „nukleare Abwehrschild“, also die nukleare Abschreckung, genutzt und sollte nicht verwechselt werden.
Geschichte
Seit dem Kalten Krieg haben die Sowjetunion (heute Russland) und die USA verschiedene Abwehrsysteme konzipiert[5], die als Anti Ballistic Missile (ABM)-Systeme (früher) oder Ballistic Missile Defense (BMD)-Systeme[6] (heute) bekannt sind. Sie sollen vor einem Angriff mit ballistischen Raketen schützen. Damit sollen Raketensilos, Städte, militärische Infrastruktur, Einrichtungen und Soldaten geschützt oder verteidigt werden. Ein ältere Bezeichnung ist auch Defensive Missile Systems (DMS). Im Kontext der „Raketenabwehr-Diplomatie“ (siehe weiter unten) der USA wurde seit den 1990er Jahren auch vom einem National Missile Defense (NMD)-System oder Programm gesprochen. Der Begriff steht ganz allgemein für ein modernes Abwehrsystem für die USA. Das US-Raketenabwehrsystem wird Stand 2025 als Ballistic Missile Defense System (BMDS) bezeichnet. Zur Politik siehe auch der Abschnitt Raketenabwehrpolitik.
Im Folgenden sind einige dieser ursprünglichen Abwehrsysteme dokumentiert.
USA
Das Nike-System bestand aus Raketen, Radaranlagen und den dazugehörigen Kontrollsystemen. Die ursprüngliche Nike Zeus-Rakete (später Spartan genannt) wurde für größere Reichweiten modifiziert, um feindliche Sprengköpfe auch außerhalb der Atmosphäre zu zerstören. Eine zweite Kurzstreckenrakete mit hoher Beschleunigung, Sprint genannt, sollte Atomsprengköpfe zerstören, die der Spartan-Rakete entgangen waren. Die Sprint-Rakete beschleunigte dazu sehr schnell (13.000 km/h in 4 Sekunden mit 100 g) und wurde mit einem kleineren ein bis drei Kilotonnen (kt) starken Kernsprengköpfen W66 ausgerüstet, um das Ziel in der Atmosphäre zu zerstören.
Die neue Spartan-Rakete veränderte die Stationierungspläne. Ursprünglich sollten verstreute Nike-Systeme die amerikanischen Städte als „last-ditch defense“ beschützen, die Spartan-Rakete hingegen erlaubte es, Ziele in hunderten von Kilometern Entfernung zu zerstören. Also wurde das Konzept zu einem „Schutzschild“ für die gesamten Vereinigte Staaten umgemünzt, das als Sentinel bezeichnet wurde. Als die Kosten explodierten, wurde das Programm verkleinert: von nun an stand der Schutz der Startsilos für Interkontinentalraketen (ICBM) im Mittelpunkt. Dieses als Safeguard genannte Abwehrsystem sollte sowjetische Atomangriffe auf die Startsilos abwehren, um den Vereinigten Staaten als Teil der Assured destruction-Strategie die Möglichkeit eines Gegenschlages zu garantieren. Ein weiteres Raketensystem war BOMARC.
Ab 1954 wurde gemeinsam mit Kanada das North American Aerospace Defense Command (NORAD) aufgebaut. NORAD überwacht Nordamerika.
In den 1980er Jahren machte die Strategic Defense Initiative (SDI) von US-Präsident Ronald Reagans Schlagzeilen, die die Entwicklung teilweise satellitengestützter Raketenabwehrsysteme zum Inhalt hatte. Das Programm war so futuristisch, dass es auch als Star Wars (nach dem Film Star Wars; wörtlich „Krieg der Sterne“) bekannt wurde.[7]
SDI wurde mit dem Ende des Kalten Krieges in den 1990ern unterbrochen und größtenteils verworfen. Beispielsweise wird die im SDI-Programm begonnene Entwicklung von Energiewaffen nach hohen Entwicklungsaufwendungen mit mäßigem Erfolg, so etwa Tactical High Energy Laser (THEL), nicht mehr verfolgt.
In den 2000er Jahren wurde von US-Präsident George W. Bush unter neuem Namen ein Abwehrprogramm unter dem Namen National Missile Defense (NMD) fortgeführt. Dies wurde unter anderem von der Volksrepublik China und der Sowjetunion scharf kritisiert. Sie warnten 2001 vor einem neuen Wettrüsten im Weltraum. 2009 gab US-Präsident Barack Obama bekannt, in Polen[8] und Tschechien keine Anlagen dafür stationieren zu wollen.
In den späten 1980er Jahren wurde jedoch auch das Missile Defense Integration and Operations Center (MDIOC) aktiviert, welches zur Missile Defense Agency (MDA) gehört. MDIOC befindet sich, mit anderen Organisationen auf der Schriever Space Force Base.
Technisch stützt sich die einsatzfähige Raketenabwehr heute auf Abfangraketen und auf Systeme zur Blendung des Suchkopfes der anfliegenden Lenkwaffen (z. B. das MCD des M6 Linebacker).
Für die Neuerungen ab den 2010er Jahren, siehe in dem Abschnitt Entwicklungen.
Sowjetunion

Die Sowjetunion schützte ab 1963 die Hauptstadt Moskau als politisches und wirtschaftliches Zentrum Russlands mit dem A-35-System (DIA-Code: ABM-1 NATO-Codename: SAM-1). Es war in der Lage, Ziele außerhalb der Atmosphäre zu zerstören, eine „last ditch“-Komponente wie die Sprint-Rakete beim amerikanischen Safeguard-System war nicht vorgesehen. Das System verwendete den Raketentyp A350 / 5W61 (DIA-Code: ABM-1 Galosh) mit Kernsprengkopf und wurde an vier Stellen rund um Moskau gebaut. Das System System A wurde ab 1956 entwickelt und war ab 1960 einsatzbereit.
Ursprünglich sollten wie beim US-amerikanischen Sentinel-Programm mehrere Städte geschützt werden. Die Nukleargefechtsköpfe wurden aber mit dem ABM-Vertrag 1972 verboten.[9][10]
Im Jahr 1978 ging in Moskau das modernisierte Raketenabwehrsystem A-35M (DIA-Code: ABM-1B) in Betrieb. Dieses basierte auf dem Vorgängersystem und verwendete verbesserte Radaranlagen sowie die verbesserten A350Sch / 5W61R-Abfangraketen.[9][10]
In den späten 1970er Jahren arbeitete man in der Sowjetunion an dem mobilen Raketenabwehrsystem S-225 (DIA-Code: ABM-X-3). Mit diesem sollten die beiden Abfangraketen 5Ja26 und 5Ja27 zum Einsatz kommen. Das S-225-System kam nicht über das Prototypenstadium hinaus, bildete aber die Grundlage für das spätere A-135-ABM-System.[9][10][11]
Nach langen Verzögerungen wurde das A-35-System im Jahr 1995 durch das Raketenabwehrsystem A-135 (DIA-Code: ABM-4) ersetzt. Dieses verwendet exoatmosphärische Abfangraketen vom Typ 51T6 (DIA-Code: ABM-4 Gorgon) sowie die endoatmosphärische 53T6-Abfangraketen (DIA-Code: ABM-3 Gazelle). Insgesamt wurden um Moskau 64 Abfangraketen stationiert. Beide Raketentypen waren mit Nukleargefechtsköpfen bestückt. Die größeren 51T6-Raketen wurden im Jahr 2003 ausgesondert und die noch verbleibenden 53T6-Raketen wurden Anfang der 2000erJahre modernisiert.[9][10][12]
NATO (Europa)

Die Geschichte eines NATO-Abwehrschilds geht zurück bis den Kalten Krieg, dort bekannt als NATO Integrated Air and Missile Defence System (NATINAMDS). Ab 1999 wurde das NATO Air Command and Control System (ACCS)-Programm etabliert.[13] Seit 2005 existiert auch das NATO-Abwehrprogramm Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD).[14]
Die NATO plant seit den 2010er Jahren die Aufstellung eines reduzierten Abwehrsystems für Europa, auch bekannt als NATO Integrated Air and Missile Defence (NATO IAMD).[13][15] Mit dem System wurde auch eine Policy bekannt gegeben, die NATO Integrated Air and Missile Defence Policy.[16]
Genutzte Einrichtungen befinden sich neben der Türkei u. a. in Ramstein, Deveselu, Stolp (Słupsk) und Rota. Als Antwort plant Russland ein eigenes System in der Oblast Kaliningrad, u. a. in Jesau (Juschny).
Eine moderne Beschreibung des europäischen Abwehrschirms stellt auch das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMS) zur Verfügung.[14]
Klassen
Die hohe bis sehr hohe Geschwindigkeit und die meist geringe Größe anfliegender Raketen machen die integrierten Detektionssysteme und Waffensteuerungssysteme für eine erfolgreiche Abwehr hochkomplex und aufwendig. Für die Technologie des US-Abwehrsystems siehe auch das NMD-System ab den 2000er Jahren und das BDM-System ab den 2010er Jahren.
Konzepte
| Abwehrkonzept | Hauptziel und Bedrohungen |
|---|---|
| Theater Missile Defense (TMD)[17] | Regionale Bedrohungen (Gefechts- oder Operationsfeld) |
| Strategic Missile Defense | Schutz des Staatsgebiets vor ICBMs oder SLBMs, anfänglich SDI |
| Air Defense | Flugzeuge, Marschflugkörper, Drohnen, u. a. Flugkörper |
| Ballistic Missile Defense (BMD) | Übergeordneter Sammelbegriff, synonym mit Strategic Missile Defense in Kombination mit TMD |
Strategische Raketenabwehr

Strategische Raketenabwehrsysteme (heute: englisch Ballistic Missile Defense (BMD)) dienen dem Schutz eines ganzen Gebietes (Raumschutz) vor ballistischen Raketen. Sie verfügen über spezielle Abfangraketen, die anfliegende Raketen oder andere Flugkörper zerstören sollen. Sie wurden zuerst im Kalten Krieg von der Sowjetunion und den USA zur Abwehr gegen mit Kernsprengköpfen beladene Interkontinentalraketen (ICBMs oder SLBMs) aufgebaut und durch den ABM-Vertrag begrenzt. Seit dem Aufkommen der MIRV-Technologie (Mehrfachwiedereintrittskörper) in den 1970er Jahren ist die Abwehr von ICBMs oder SLBMs jedoch erheblich eingeschränkt bis unmöglich. Jede der fünf Kernwaffenstaaten verfügt über diese Technologie, welche jedoch durch Rüstungsabkommen begrenzt wurde, siehe Strategic Arms Reduction Treaty (START).
Die Systeme sind üblicherweise mit Feststoffantrieb ausgerüstet und erreichen Höchstgeschwindigkeiten über Mach 2 bis Mach 10. Wesentlich zur Abwehr ballistischer Raketen sind leistungsfähige Radargeräte und ggf. thermische und optische Sensoren zur Erfassung der angreifenden Rakete. Die Zerstörung erfolgt entweder über kinetische Wirkung (auch bekannt als „Hit-To-Kill“) oder durch konventionelle Detonationswirkung.
Taktische Raketenabwehr
Seegestützte Systeme dienen in erster Linie dem Selbstschutz eines Schiffes gegen Seezielflugkörper, landgestützte Systeme dienen meist zum Schutz wichtiger militärischer oder ziviler Anlagen (Objektschutz). Um militärische Fahrzeuge zu schützen, werden auch abstandsaktive Schutzmaßnahmen verwendet.
Inzwischen verfügen eine Reihe weiterer Staaten über taktische Raketen-Abwehrsysteme.
Passive Raketenabwehr
Passive Systeme sind Selbstschutzsysteme, wie das kontinuierliche Ausstoßen von Täuschkörpern durch Flugzeuge bei Landeanflügen auf Flughäfen in Gebieten, wo Angriffe mit MANPADS befürchtet werden. Daneben existieren Hochenergielaser, die den Suchkopf einer infrarotgesteuerten Rakete blenden können.
Raketenabwehrpolitik
USA
Die Vereinigten Staaten engagieren sich seit der Amtszeit von US-Präsident Eisenhower auch politisch im Bereich der Raketenabwehr. Die Abwehr von Raketen (ballistischen Raketen oder Raketenwaffen) ist eng mit deren Entwicklung verbunden, jedoch nicht dasselbe, weder politisch noch technisch. Darüber hinaus ist die Raketenabwehr unmittelbar mit der nuklearen Abschreckung und den Atomwaffenarsenalen verbunden.[18] Raketenabwehr ist Teil der Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS), des National Security Council (NSC) und einer Missile Defense Policy oder auch Space Policy. In den USA ist dafür der Under Secretary of War for Policy U.S. Department of War zuständig. Die Ballistic Missile Defense Review (BMDR)[19] ist ab 2022 Teil der National Defense Strategy (NDS) geworden.
Eine knappe Übersicht dazu (nur relevante und bekannte Einträge oder Angaben, ansonsten unbekannt oder nicht weiter recherchiert):
| US-Präsident | Bevorzugung
Präsident (Programm oder Initiative) |
Bevorzugung
Kongress |
Ergebnis | Tatsächliches System im Einsatz | DOD
Organisation |
Weiteres (Anmerkungen) | Geopolitische Ordnung und Militärstrategie |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Kennedy | Späte 1950er bis 1961 Nike-Zeus-Programm, Project Defender | Bipolar (USA–UdSSR), vgl. die Nuklearstrategien der beiden Länder (20. Jahrhundert) | |||||
| Johnson | Sentinel-Programm[20][21] | Vollständige Bereitstellung | Finanzierung vollständig ermöglicht | ||||
| Nixon | Ab 1967 Safeguard-Programm | Begrenzte Bereitstellung | Begrenzte Bereitstellung und dann Beschränkung | Eintritt ABM-Vertrag 1972 | |||
| … | |||||||
| Reagan | Strategic Defense Initiative (SDI)[22] | Verhinderung der Bereitstellung | Nur Forschung für SDI, keine Entwicklung | Strategic Defense Initiative Organization (SDIO) 1984–1994 | |||
| H. W. Bush | Strategic Defense Initiative (SDI): Global Protection Against Limited Strikes (GPALS)[23][24][25]; Anfänge des NMD-Konzepts (siehe unten) | Ballistic Missile Defense Organization (BMDO)[26] 1994–2002 | Ende der Sowjetunion, des Warschauer Pakts und damit des Kalten Kriegs; Abrüstung des Kernwaffenkomplex der USA und ehemaligen UdSSR | ||||
| Clinton | Übergang zu einer neuen „National Missile Defense“ (NMD)[27] und einem Theater Missile Defense (TMD)[28] Teil, sowie weltallbasierte Systeme | Bereitstellung unter bestimmten Bedingungen | Finanzierung ermöglicht, NMD hinausgezögert | National Missile Defense Act of 1999[29] | Übergangsphase | ||
| W. Bush | Weiterentwicklung der NMD + TMD + Space-Systeme[30] | Ballistic Missile Defense System (BMDS)[31] | Missile Defense Agency (MDA) seit 2002 | 2001: 9/11 Terroranschläge
2002: Austritt aus ABM-Vertrag[32] |
Ab 2000er Jahre: Terrorismusabwehr und Aufstandsbekämpfung (Intervention) | ||
| Obama | Fokus der NMD-Aktivitäten auf die Abwehr von Internkontinentalraketen (ICBM); Aufkommen des Ballistic Missile Defense (BMD)-Programms | Nordkorea-Krise 2013[33]; siehe auch das nordkoreanische Kernwaffenprogramm | Heterogene bzw. Multipolare Umgebung. Alte und neue Bedrohungen; Großmachtpolitik | ||||
| Trump 45. | |||||||
| Biden | Aufrüstung (auch nuklear) einer Staaten aufgrund einer sich stark verändernden Sicherheitslage | ||||||
| Trump 47. | Golden Dome angekündigt |
US-Organisationen der Raketenabwehrsysteme (Logos)
- Strategic Defense Initiative Organization (SDIO) 1984–1994
- Ballistic Missile Defense Organization (BMDO) 1994–2002
- Missile Defense Agency (MDA) seit 2002
US-Geschichte der Raketenabwehr
Spätestens seit den späten 1950er Jahren bis in die 1970er hatten die USA immer wieder versucht, ein Raketenabwehrsystem aufzubauen, dies erwies sich aus finanziellen oder anderen Gründen als problematisch und scheiterte jeweils. Auch die 1983 von Ronald Reagan initiierte Strategic Defense Initiative (SDI) hatte ihre Wirkung weniger im militärischen als im politischen Raum. Unter Bill Clinton (US-Präsident von 1993 bis Januar 2001) wurde im Januar 1999 der National Missile Defense Act of 1999[29][34] beschlossen und das Programm National Missile Defense (NMD) begründet. In dem Gesetz heißt es:
„It is the policy of the United States to deploy as soon as is technologically possible an effective National Missile Defense system capable of defending the territory of the United States against limited ballistic missile attack (whether accidental, unauthorized, or deliberate) with funding subject to the annual authorization of appropriations and the annual appropriation of funds for Nationel Missile Defense.“
„Es ist die Politik der Vereinigten Staaten, so bald wie technologisch möglich ein effektives nationales Raketenabwehrsystem zu stationieren, das in der Lage ist, das Territorium der Vereinigten Staaten gegen begrenzte ballistische Raketenangriffe (ob versehentlich, unbefugt oder vorsätzlich) zu verteidigen. Die Finanzierung unterliegt der jährlichen Genehmigung der Haushaltsmittel und der jährlichen Bereitstellung von Mitteln für die nationale Raketenabwehr.“
Während der Amtszeit von George W. Bush (US-Präsident von 2001 bis Januar 2009) wurde NMD weiterentwickelt und sollte vor Terroristen, so genannten „Schurkenstaaten“ wie Iran und Nordkorea und vor versehentlich abgeschossenen Interkontinentalraketen (ICBMs oder SLBMs) schützen. Obwohl auch frühere Programme ein Erschüttern oder Beeinträchtigen der wechselseitigen Abschreckung gegenüber Russland und Volksrepublik China weder beabsichtigten (siehe Gesetzestext oben) noch dies technisch möglich ist (wegen der zu erwartenden Übersättigung, d. h. zu viel Rakete auf einmal, siehe unten) kritisieren beide Staaten seit Jahren diese als globales Wettrüsten mit Weltraumtechnologie.[35]
Kurz nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 haben die USA den ABM-Vertrag aufgekündigt (13. Dezember 2001). Die Kündigung wurde sechs Monate später, am 13. Juni 2002, wirksam. Siehe auch die National Security Strategy vom September 2002.
Seit dieser Zeit wird unter der Leitung der Missile Defense Agency (MDA) ein nationales Abwehrsystem weiterentwickelt und betrieben. In seiner physikalischen Ausprägung basiert es auf der Architektur des Ballistic Missile Defense Systems (BMDS), das verschiedene Sensoren, Kommunikationssysteme und Abfangplattformen umfasst.[36][31] Das System BMD basiert auf Teilen der Architektur des NMD-Systems.
US-Präsident Donald Trump kündigte das Golden-Dome-Programm ab dem Jahr 2025 an.
Abrüstung
Verschiedene technische, wirtschaftliche und politische Gründe führten zum ABM-Vertrag im Jahr 1972, welcher die Stationierung von strategischen Abwehrsystemen einschränkte, nicht jedoch von taktischen wie MIM-104 Patriot oder S-400 Triumf. Einzig ist die Maximalgeschwindigkeit der Abfangraketen dieser Systeme auf 3 km/s beschränkt.
Unter dem ABM-Vertrag und seiner Überarbeitung im Jahre 1974 war es jedem Land erlaubt, ein ABM-System mit 100 Abfangraketen zu besitzen. Die Sowjetunion und später Russland schützten damit Moskau, die USA schützten damit ihre Interkontinentalraketen in der Grand Forks Air Force Base (AFB) in North Dakota. Das System wurde aber vorzeitig stillgelegt.
Der Vertrag wurde am 13. Juni 2002 von den Vereinigten Staaten aufgekündigt. Die Kündigung trat nach der vorgeschriebenen Frist von 6 Monaten in Kraft, um die von US-Präsident Bill Clinton ins Leben gerufene „Abwehr gegen eine begrenzte Anzahl ballistischer Raketen“ aufzubauen, was vorher durch ebendiesen Vertrag noch verboten war. Aus russischer Sicht wurde der Vertrag nie mit Russland, sondern mit der Sowjetunion geschlossen, d. h. zwischen Richard Nixon und Leonid Breschnew.
Der ABM-Vertrag wurde nur zwischen den USA und Russland geschlossen, andere Atommächte wie Indien oder die Volksrepublik China sind davon nicht betroffen. Des Weiteren wurde die nuklearen Projektile (viz. Kernsprengköpfe) der Abwehrsysteme durch keinen expliziten Rüstungskontrollvertrag abgebaut, sondern entlang einen Reihe von Verträgen, z. B. START. Das Ziel besteht in diesem Kontext darin, die nukleare Rüstungsdynamik bzw. Stabilität zu erhalten, um Vertrauen zu schaffen und ein weiteres atomares Wettrüsten einzudämmen.
Entwicklungen
USA und NATO

Nach dem Rücktritt aus dem ABM-Vertrag im Jahr 2002 begannen die USA unter US-Präsident George W. Bush ihr modernes Abwehrsystem durch die National Missile Defense (NMD)-Initiative landesweit auszubauen.
NMD sollte durch schiffsgestützte (SM-3), mobile landgestützte (THAAD/Patriot) und landgestützte (GBI) Raketen mit kinetischen Gefechtsköpfen realisiert werden. In allen Fällen werden die anfliegenden ballistischen Raketen im Weltall bzw. außerhalb der Atmoshäre zerstört. Das mobile Medium Extended Air Defense System (MEADS)-System dient dabei als „last-ditch“-System („letzte Möglichkeit“), um durchbrechende Raketen zur Not in der Atmosphäre zu zerstören.
Weitere Methoden wie weltraumgestützte Abwehr (NFIRE) oder das Abfangen der Rakete in der Startphase (Boeing YAL-1) befinden sich noch in der Testphase. Außerdem befindet sich das Integrated Army Active Protection System (IAAPS) in der Entwicklung. Letzteres soll den Radpanzer Stryker vor anfliegenden Lenkwaffen und Projektilen aller Art durch die Zerstörung dieser vor deren Einschlag schützen.[37]
NMD wurde mittlerweile eingeholt und die seit 2002 konsolidierte Missile Defense Agency (MDA) stellt das sogenannte Ballistic Missile Defense System (BMDS), eine Raketenabwehrinfrastruktur bestehend aus verschiedenen Kapazitäten für die USA.[38] Für die NATO (Europa) existiert das Programm Active Layered Theatre Ballistic Missile Defence (ALTBMD).
Zu den modernen Frühwarnsystemen gehören z. B. das Solid State Phased Array Radar System (SSPARS) als Teil eines Ballistic Missile Early Warning System Radarnetzwerk (BMEWS), welche auf Phased-Array-Technologie basieren.[39][40]
2019 wurde die United States Space Force (USSF) gegründet.
Seit dem Jahr 2025 wurde durch US-Präsident Trump das mehrschichtige Abwehrsystem Golden Dome per Executive Order (EO) 14186 verkündet.[41]
Sowjetunion / Russland
In Russland sollen die atomaren gegen konventionelle Gefechtsköpfe der Raketen ausgetauscht worden sein. Da das System in den 1980er Jahren installiert wurde, entspricht es vermutlich dem Stand der Technik dieser Jahre. Über Modernisierungen oder andere Details wurde in der Öffentlichkeit nichts bekannt. Ursprünglich verwendete das System zwei Lenkwaffentypen: Die Exo-Atmosphärischen Abfanglenkwaffen 51T6 (NATO: Gorgon), sowie die Endo-Atmosphärischen Abfanglenkwaffen 53T6 (NATO: Gazelle). Die größeren 51T6-Raketen wurden im Jahr 2003 ausgesondert und die noch verbleibenden 53T6-Raketen wurden Anfang der 2000er Jahre modernisiert.[9][12]
In der Zukunft soll das System A-135 in Moskau durch das 14TS033 Nudol-Raketenabwehrsystem ersetzt werden. Dieses basiert auf dem nie realisierten A-235-Abwehrsystem und verwendet die exoatmosphärischen 14A042-Abfangraketen. Diese sollen sowohl mit Nukleargefechtsköpfen wie mit konventionellen Gefechtsköpfen bestückt werden können.[42][43]
Auf der taktischen Ebene stehen die Systeme S-300P und S-400 im Einsatz. Für mechanisierte Formationen steht das System S-300W zur Verfügung. Mit diesen Systemen lassen sich ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen bekämpfen.
Israel

Mit finanzieller Unterstützung der Vereinigten Staaten entwickelten die Israelis das Raketenabwehrsystem Arrow.[44] Es ist durch seine Mobilität mit dem Patriot-System vergleichbar, kann aber nur ballistische Raketen angreifen. Es besitzt einen konventionellen Gefechtskopf. Nachdem Langstreckenradare (Green Pine) die anfliegende ballistische Rakete geortet haben, wird eine zweistufige Arrow-Rakete auf das Ziel abgefeuert. Die Rakete zerstört die angreifende Rakete in ca. 50 km Höhe, also innerhalb der Atmosphäre.
Im Oktober 2023 schoss Israel mit einer Arrow-Rakete erstmals in der Menschheitgschichte eine feindliche Rakete im Weltraum ab. Die Rakete wurde von Huthi-Rebellen im Jemen gestartet.[45]
In Israel kommt außerdem das Iron-Dome-System zum Einsatz.
Indien
Indien arbeitet aktiv am Ausbau seiner ABM-Fähigkeiten. Zu diesem Zweck wurden zum Beispiel israelische Green-Pine-Radaranlagen erworben. Das indische ABM-System beinhaltet zwei Raketen. Ein Abfangsystem, um Ziele außerhalb der Atmosphäre zu zerstören (englisch exoatmospheric interceptor system, Prithvi Air Defence (PAD)), und ein weiteres System, das Ziele innerhalb der Erdatmosphäre zerstört (englisch endo atmospheric missile system, Advanced Air Defence (AAD)). Das PAD ist eine zweistufige Abfangrakete, mit Flüssig- und Festtreibstoffstufe. Die Reichweite der Rakete (nicht die maximale Höhe) beträgt 80 km, die Reichweite des Ortungsradars 600 km. Die AAD haben eine Reichweite von 25 km und werden durch ein Phased-Array-Radar ins Ziel gelenkt.
Im November 2006 testete Indien erfolgreich das PAD. Eine ballistische Prithvi-II-Rakete wurde außerhalb der Atmosphäre mit „Hit-To-Kill“- Technologie zerstört. Damit ist Indien nach den USA das zweite Land der Welt, das über diese Technologie zur Abwehr ballistischer Raketen verfügt.
Systeme
Raketenabwehrsysteme für Verkehrsflugzeuge
In den Vereinigten Staaten gab es Planungen, Systeme zur Blendung des Suchkopfes auch in aktuelle Verkehrsflugzeuge einzubauen, da in einigen Regionen der Welt mit Anschlägen durch tragbare Luftabwehrraketen (MANPADS, wie Stinger) gerechnet wird. Nach Studien hatte es innerhalb von 25 Jahren etwa 35 Anschläge dieser Art auf Flugzeuge (7 auf große Passagiermaschinen) gegeben, wobei 24 Maschinen abgeschossen wurden und über 500 Menschen starben. Diese Pläne wurden in den USA jedoch wegen der angezweifelten Effizienz und der hohen Kosten aufgegeben.
2007 wurde das Northrop Grumman Guardian eingeführt. Ein weiteres System ist das BAe Systems Jeteye, das seit 2008 von American Airlines an drei Boeing 767 eingesetzt wird. 2020 erfolgte über Teheran der Abschuss einer Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines (siehe Ukraine-International-Airlines-Flug 752).
Bei der israelischen Airline El Al ist jede Maschine mit Infrarotraketenabwehrsystemen vom Typ Flight Guard (entwickelt durch die Israel Aerospace Industries) ausgerüstet,[46] um hitzesuchende Lenkwaffen mittels Radar erkennen und mit Täuschkörpern ablenken zu können. Obwohl mittlerweile verschiedene Raketenabwehr-Systeme existieren, nutzt keine weitere Fluggesellschaft diese Technologie. Das System wurde von einigen europäischen Staaten, insbesondere der Schweiz, kritisiert und verboten, da ein Abschuss der Täuschungskörper zu einem Brand am Boden führen könnte.[47]
Militärische Systeme
Kontroversen
Die Effektivität von Raketenabwehrsystemen wird seit Jahrzehnten sowohl im zivilen als auch im militärischen Umfeld diskutiert.[48][49][50] Ein weiterer Aspekt sind die Kosten derartiger Rüstungsprogramme, siehe dazu auch die Strategic Defense Initiative (SDI) und ihre Nachfolgerprogramme.[31]
Siehe auch
Literatur
Analysen, Berichte, Strategiedokumente
- Michael Rühle, Hans Rühle: Sowjetische und amerikanische Raketenabwehr. Eine Historische Bilanz. In: Strategie-Handbuch. 2 (= Libertas optima rerum ; Deutsche Strategie-Forum. Band 9). E. S. Mittler & Sohn, Herford 1990, ISBN 978-3-8132-0349-3.
- Edward Reiss (Hrsg.): The Strategic Defense Initiative (= Cambridge Studies in International Relations. Band 23). Cambridge University Press, Cambridge 1992, ISBN 978-0-521-41097-7 (englisch, Online).
- Daniel Lübbert, Christian Behme, Felix Faltin: Raketenabwehr. (PDF; 15 kB) technische Aspekte und naturwissenschaftlicher Hintergrund. In: Info-Brief des Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages. 10. Oktober 2007, abgerufen am 27. Januar 2014.
- Daniel Möckli: US-Raketenabwehr. (PDF) Eine strategische Herausforderung für Europa. In: CSS Analysen zur Sicherheitspolitik. April 2007, abgerufen am 27. Januar 2014.
- Marc Oprach: Dimitri Medwedjew spielt auf Zeit. Russland und die US-Raketenabwehr. In: Russlandanalysen. Nr. 167. Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (Otto Wolff Stiftung), S. 10–11 (PDF [abgerufen am 27. Januar 2014]).
- Götz Neuneck, Christian Alwardt, Hans Christian Gils: Raketenabwehr in Europa (= Schriftenreihe der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Band 1). Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Baden-Baden 2015, ISBN 978-3-8487-2018-7.
Technische Grundlagen und Geschichte
- Ian Bellany, Coit D. Blacker (Hrsg.): Antiballistic Missile Defence in the 1980s. Frank Cass, London 1983, ISBN 978-1-00-309852-2, doi:10.4324/9781003098522 (englisch).
- Ashton B. Carter, David N. Schwartz (Hrsg.): Ballistic Missile Defense. Brookings Institution, Washington, D.C. 1984, ISBN 978-0-8157-1312-8 (englisch, Online).
- James Nickolas Constant: Fundamentals of Strategic Weapons. Springer Netherlands, Dordrecht 1981, ISBN 978-94-015-0157-6, doi:10.1007/978-94-015-0649-6 (englisch).
- CMH: History of Strategic Air and Ballistic Missile Defense Vol. 1 (= Special Studies Series. 1 v. 2). U.S. Army Center of Military History (CMH), Washington, D.C. 2008 (englisch, Online).
- CMH: History of Strategic Air and Ballistic Missile Defense Vol. 2 (= Special Studies Series. 2 v. 2). U.S. Army Center of Military History (CMH), Washington, D.C. 2008 (englisch, Online).
- Mike Gruntman: Intercept 1961. The Birth of Soviet Missile Defense (= Library of Flight). American Institute of Aeronautics and Astronautics, Reston, VA 2015, ISBN 978-1-62410-349-0 (englisch).