Arthur Seligo
deutscher Hydrobiologe, Limnologe, Ichthyologe, Fischereiwissenschaftler und Fischereilobbyist
From Wikipedia, the free encyclopedia
Arthur Seligo (* 19. März 1859 in Gumbinnen; † 1. August 1932 in Danzig) war ein deutscher Hydrobiologe, Limnologe, Ichthyologe, Fischereiwissenschaftler und Fischereilobbyist. Er leitete zwischen 1886 und 1932 als Geschäftsführer den Westpreußischen Fischerei-Verein und leistete während dieser Jahrzehnte wertvolle Beiträge zu all seinen Fachgebieten. Auf deren Basis wurde er posthum als Mitbegründer der deutschen Fischereiwissenschaft, der Seenforschung und der Fischereibiologie bezeichnet.

Leben
Herkunft und Ausbildung
Er kam 1859 als eines von vier Kindern des Geheimen Regierungsrates Gustav Adolph Seligo (1820–1892) und dessen Ehefrau Clara Luise Theodore Lamle in Gumbinnen zur Welt. Die Stadt hatte damals etwa 7000 Einwohner und gehörte innerhalb des Königreiches Preußen zur Provinz Preußen. Nachdem sein Vater, ein höherer Justizbeamter,[1] nach Posen (Provinz Posen) versetzt worden war, besuchte Arthur zwischen 1865 und 1875 das dortige Gymnasium. Eine längere Krankheit hinderte ihn allerdings zunächst daran, die Schulausbildung mit der Reifeprüfung abzuschließen. Stattdessen arbeitete er von 1876 bis 1879 in einer Apotheke in Fraustadt (ebenfalls Provinz Posen), um sich auf den Apothekerberuf vorzubereiten.[1] Da er aber bereits früh naturkundlich interessiert war und eigentlich ein Studium anstrebte, holte er seinen Schulabschluss am Gymnasium in Rogasen nach und erhielt dort zu Ostern 1882 sein Reifezeugnis.
Mit dem Ziel, Lehrer zu werden, studierte er anschließend in Tübingen, Königsberg und Breslau Naturwissenschaft, Deutsche Sprache und Philosophie. Am 18. Dezember 1885 verteidigte er an der Universität Breslau bei Franz Carl Hellwig (1861–1889) seine Dissertation Untersuchungen über Flagellaten und wurde infolgedessen zum Dr. phil. promoviert. Es folgte eine kurze Tätigkeit als Schulamtskandidat in Posen.[1]
Berufliche Karriere
Seligo hatte bereits im Auftrag des Westpreußischen Fischerei-Vereins fischereibiologische und hydrographische Untersuchungen an der Drewenz, einem Nebenfluss der Weichsel, durchgeführt.[2] Am 29. April 1886 wurde er vom Vorstand des in Danzig (Provinz Westpreußen) ansässigen Vereins zum Wanderlehrer für Fischereipflege gewählt[3] – „ein günstiges Angebot und besondere Neigungen“[1] bewogen ihn zur Übernahme der Stelle. Nur wenig später wählte man ihn als Nachfolger des verstorbenen Berthold Adolph Benecke (1843–1886) auch zum neuen Geschäftsführer des Vereins, sodass er schon auf der Vorstandssitzung am 20. Mai 1886 sein Arbeitsprogramm präsentieren konnte.[4] Arthur Seligo sollte diesen Posten für mehr als 46 Jahre bis an sein Lebensende innehaben.
Nachdem Benecke als Geschäftsführer in Personalunion auch den Ostpreußischen Fischerei-Verein in in Königsberg geleitet hatte, strebte der Westpreußische Fischerei-Verein nun wieder nach Eigenständigkeit.[4] Eine von Seligos ersten Maßnahmen war daher die Wiedereinführung der vereinseigenen Mitteilungshefte, die ab dem 1. Juli 1886 herausgegeben wurden. Gleichwohl zeigten sich für fünf Jahre Parallelen zur Amtszeit Beneckes, denn am 24. Juli 1892 wurde Seligo ebenfalls in Personalunion zum Geschäftsführer des östlichen Nachbarvereins gewählt. Dessen Vorstand hatte die Hoffnung, dadurch dem „in den letzten Jahren eingetretenen Rückgang in der Vereinstätigkeit und der Mitgliederzahl erfolgreiche Abhilfe verschaffen zu können“.[5] Seligo verlegte für diese Tätigkeit seinen Wohnsitz vorübergehend nach Königsberg, gab die Stelle allerdings 1897 auf, um sich wieder hauptsächlich auf den Westpreußischen Fischerei-Verein konzentrieren zu können. Daraufhin zog er für ein Jahr zwecks limnologischer Feldforschungen nach Stuhm (Provinz Westpreußen) und dann wieder nach Danzig.[2] Nachdem Deutschland nach Ende des Ersten Weltkrieges im Rahmen der Gebietsabtretungen große Teile Westpreußens verloren hatte, konzentrierte der Verein seine Tätigkeit weitgehend auf die etwa 1900 Quadratkilometer messende Freie Stadt Danzig.[6] Dort amtierte Seligo dann auch als Fischereisachverständiger.[7] Zudem war er während seiner Karriere auch provinzübergreifend als Gutachter gefragt.
Seligo gehörte ebenfalls zu den Mitbegründern des Aquarien-Vereins Danzig und war sehr aktives Mitglied der Internationalen Vereinigung für theoretische und angewandte Limnologie.[8] Dem Deutschen Fischereiverein gehörte er seit seiner Königsberger Zeit an und hatte zwischen 1909 und 1929 den Vorsitz in dessen Fachausschuss für Seenbewirtschaftung inne.[2] Darüber hinaus war er zeitweise Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses, des Verwaltungsrats und des Fischereirates.[6]
Unerwartet starb Seligo im Sommer 1932 im Alter von 73 Jahren während der Arbeit an seinem Schreibtisch infolge eines Herzinfarktes.[9][1]
Fischereibiologische Forschung
„Solche Versuche sind nur aushilfsweise in geschlossenen künstlichen Becken und Aquarien vorzunehmen. Eine Hauptsache für die Gültigkeit ihrer Ergebnisse für die Praxis ist die, dass die Gewässer selbst und die ihnen unmittelbar entnommenen Organismen Gegenstand der Studien sind, sodass die Zufälligkeiten und Naturwidrigkeiten künstlicher Züchtung fortfallen. Andererseits ist volles Gewicht darauf zu legen, dass die natürlichen äußeren Einflüsse, welche das Gewässer und das Wetter auf die Lebewesen ausüben, ausgiebig in die Beobachtung einbezogen werden.“
Inhaltlich war Seligo stets bestrebt, die durch exakte Gewässeruntersuchungen gewonnenen Erkenntnisse direkt für die Fischereiwirtschaft nutzbar zu machen.[2] Er hielt regelmäßig Vorträge, leitete Fischereikurse und publizierte im Laufe seiner Karriere zahlreiche Monographien, Beiträge in Sammelwerken und Fachartikel – beispielsweise in den Berichten des Westpreußischen Botanisch-Zoologischen Vereins, in den Mitteilungen des Westpreußischen Fischerei-Vereins, in den Rundschreiben des Pommerschen Fischerei-Vereins, in den Westpreußischen Landwirtschaftlichen Mitteilungen, in den Schriften der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig, in der Zeitschrift für Fischerei sowie im Handbuch der Seefischerei Nordeuropas und im Handbuch der Binnenfischerei Mitteleuropas. Sein Fokus war dabei zwar zumeist die Binnenfischerei, doch über die Beschäftigung mit Arten wie dem Atlantischen Lachs und dem Europäischen Aal sowie mit Stören und Neunaugen kam er auch vielfach mit der See- und Küstenfischerei in Kontakt.[10] Ein in der Fischerei-Zeitung veröffentlichter Nachruf listete 1932 mehrere Schwerpunktthemen Seligos auf, die allesamt „im Brennpunkt fischereiwissenschaftlicher Forschung stehen“:[2]
- Er legte erstmals die Zusammenhänge zwischen der geomorphologischen Form von Seen und deren Bioproduktivität dar.
- Er war der Erste, der auf die produktionsbiologische Bedeutung hinwies, die von den Unterwasserpflanzen bedeckenden Überzügen aus mikroskopisch kleinen Pflanzen und Tieren ausgeht. Für diese Bewuchse an submersen Substraten führte er 1905 den noch heute gängigen Fachbegriff „Aufwuchs“ ein.
- Er war einer der ersten Bearbeiter der „Zusammensetzung des Fischkörpers“ und legte dabei die wissenschaftlichen Grundlagen für spätere Untersuchungen zu Fischlipiden.
- Er erkannte die Lücken im damaligen Wissen bezüglich Jungfischen und versuchte, sie mit eigenen Forschungsergebnissen zu füllen.
- Er beschäftigte sich im Laufe der Jahre zunehmend mit Fischkrankheiten und Fischsterbeereignissen.
Schon früh erkannte Seligo, dass eine umfassende Förderung der Fischerei exakt arbeitender Forschungsstationen erforderte, wie er seit 1898 eine eigene in Danzig betrieb. Es sollte allerdings noch zehn Jahre dauern, ehe ihm 1908 die finanziellen Mittel für die Gründung der offiziellen „Fischereiversuchsanstalt für den Westpreußischen Fischerei-Verein“ zur Verfügung gestellt wurden, in deren kleinem Labor fortan wissenschaftliche Versuche durchgeführt werden konnten.[2] Außerdem setzte er sich sehr für die Gründung von Brutanstalten im Vereinsgebiet ein, um einen geregelten, ununterbrochenen Besatz zu ermöglichen. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg waren 17 dieser Brutanstalten in Westpreußen in Betrieb.[2][8]
Bewertung und Anerkennung
„Alle [seine] Arbeiten fanden bald Beachtung und Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt, die gründliche Sachkenntnis ihres Verfassers und sein sicheres Urteil wurden in Fachkreisen und von Behörden geschätzt und oft angerufen [und auch] zu Kongressen [...] im Auslande [wurde er] eingeladen.“
Die Autoren verschiedener Nachrufe hoben Seligos Verdienste ausführlich hervor. So war beispielsweise in der Fischerei-Zeitung zu lesen, dass er „auf Grund seiner umsichtigen und hervorragenden Bearbeitung aller wichtigen biologischen Fragen der Gewässerkunde [ein] Mitbegründer der deutschen Fischereiwissenschaft [wurde]“.[8] Seine Hydrobiologischen Untersuchungen – eine ab 1890 in mindestens sieben Teilen publizierte Aufsatzreihe – fehle demzufolge „in [der] Bücherei [k]eines Fischereiwissenschaftlers“.[8] Ferner galt Seligo als „Mitbegründer der Seenforschung und der Fischereibiologie“ und sei einer der „selbstlosesten, eifrigsten Förderer [sowie einer der] besten und gründlichsten Kenner“ der deutschen Fischerei gewesen.[2] Sowohl in der Limnologie als auch in der Fischereibiologie genoss er einen ausgezeichneten Ruf, der sich auf die Veröffentlichung mehrerer wichtiger Arbeiten stützte.[2][6] Ein „sehr erheblicher Teil“ der Anfang der 1930er Jahre von der Fischereiwissenschaft „weiterverfolgten Probleme verdankt [seiner] Anregung ihr Entstehen und auch vielfach die ersten Grundlagen.“[2] Weiter hieß es, dass der Deutsche Fischerei-Verein mit ihm „einen seiner arbeitsfreudigsten und erfolgreichsten Mitarbeiter“ verliere.[6] Mit folgenden Auszeichnungen wurde Seligo zu Lebzeiten bedacht:
- 1913: Ernennung zum Professor (in Anerkennung seiner „großen Verdienste um die Entwicklung der Fischerei in Ostdeutschland“)[11]
- 1929: Ehrenmitglied des Deutschen Fischerei-Vereins[6][9]
- 1929: Ehrenmitglied des Ostpreußischen Fischerei-Vereins[8]
- 1929: Ehrenmitglied des Aquarien-Vereins Danzig[8]
- 1929: Ehrenmitglied des Westpreußischen Botanisch-Zoologischen Vereins[1]
- 1929: Preußischer Staatspreis in Silber (verliehen vom preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten „in Anerkennung seiner Verdienste um die Förderung der Fischerei und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, insbesondere als ehrenamtlicher ‚Oberfischmeister für die Binnengewässer‘ der früheren Provinz Westpreußen“)[12][13]
Publikationen (Auswahl)
Monographien
Anmerkung: Bei mehreren dieser Monographien handelt es sich um Aufsätze, die Seligo ursprünglich in Fachzeitschriften veröffentlicht hatte und die dann noch einmal separat als Sonderabdruck publiziert wurden.
- Seligo: Untersuchungen über Flagellaten. Buchdruckerei zum Gutenberg, 1885, 36 Seiten.
- Seligo: Ueber einige Flagellaten des Süßwasserplankton. L. Saunier’s Buch- und Kunsthandlung, 1893, 8 Seiten.
- Seligo: Untersuchungen in den Stuhmer Seeen. Commissions-Verlag von Wilhelm Engelmann, 1900, 88 Seiten.
- Seligo: Die Fischgewässer der Provinz Westpreußen in kurzer Darstellung. L. Saunier’s Buch- und Kunsthandlung, 1902, 193 Seiten.
- Seligo: Kurze Belehrung über die Binnenfischerei in Westpreußen. Verlag von A. Schroth, 1904, 103 Seiten.
- Seligo: Die Fischerei in Moorgewässern. Verlag von A. Schroth, 1904, 37 Seiten.
- Seligo: Tiere und Pflanzen des Seenplaktons. Franckh, 1908, 62 Seiten.
- Seligo: Grundsätze für die Besetzung von Seen mit Fischen. Verlag von Friedländer & Sohn, 1908, 16 Seiten.
- Seligo: Tiere und Pflanzen des Seenplanktons. In der Reihe: „Mikrologische Bibliothek“, Band 3. Franckh’sche Verlagshandlung, 1908, 62 Seiten.
- Seligo: Die Fanggeräte der deutschen Binnenfischerei. Verlag von Paul Parey, 1914, 148 Seiten.
Beiträge in Sammelwerken
- Seligo: Die Seen Westpreußens. In: Hugo Conwentz; Paul Kumm (Hrsg.): Beiträge zur Landeskunde Westpreußens. Verlag Kafemann, 1905, Seiten 67–90.
- Seligo: Die Fischerei in den Fliessen, Seen und Standgewässern Mitteleuropas. In der Reihe: Reinhard Demoll; Hermann Nikolaus Maier (Hrsg.): Handbuch der Binnenfischerei Mitteleuropas; Band 5, Lieferungen 1–2. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, 1925, 422 Seiten.
- Seligo: Die Seefischerei von Danzig. In der Reihe: Heinrich Lübbert; Ernst Ehrenbaum (Hrsg.): Handbuch der Seefischerei Nordeuropas; Band 8, Heft 7. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, 1931, 33 Seiten.
Museums- und Ausstellungsführer
- Seligo; Max Braun: Führer durch die Fischerei-Abteilung der Nord-Ostdeutschen Gewerbe-Ausstellung zu Königsberg 1895. Selbstverlag des Ausstellgs-Komitees, 1895, 75 Seiten.
- Seligo: Die Danziger Fischerei. Eine Erläuterung der Fischereiausstellung im Landesmuseum für Danzigs Geschichte in Oliva. In der Reihe: „Führer des Museums“, Band 9. 1932.