Atomic Weapons Establishment
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Das Atomic Weapons Establishment (AWE), früher das Atomic Weapons Research Establishment (AWRE), ist ein öffentliches Unternehmen des britischen Verteidigungsministeriums, das für die Entwicklung, Herstellung, Wartung und Stilllegung/Entsorgung der britischen Kernwaffen zuständig ist.

Die Kernsprengköpfe der AWE kommen seit der Nassauer Vereinbarung prinzipiell auf SLBM-tragenden Atom-U-Booten der Vanguard-Klasse der Royal Navy zum Einsatz. Diese bilden seit 1994 die Atomstreitkräfte des Vereinigten Königreichs.
Der aktuelle Namen der Einrichtung ist AWE Nuclear Security Technologies.
Geschichte
Entstehung (Zweiter Weltkrieg und danach)
AWRE entstand 1950 auf dem ehemaligen Militärflugplatz, RAF Aldermaston.
Der AWRE gingen die folgenden Untergruppen voraus, wobei die AWRE hauptsächlich aus der letzten Gruppe hervorging:
- Der Industrial Group unter Leitung von Sir Christopher Hinton
- Der Research Group unter Leitung von Sir John Cockcroft
- Der Weapons Group unter Leitung von Sir William Penney
Den o. g. Gruppen gingen die folgenden Organisationen und Acts voraus: Das zivile Forschungszentrum Atomic Energy Research Establishment (AERE) wurde 1946 durch das Ministry of Supply gegründet. Die ehemalige Production Group etablierte den Standort Windscale, welcher für die Produktion von waffenfähigem Spaltmaterial zuständig war.
Großbritanniens nukleare Systeme werden seit 1958 im Rahmen der „speziellen Partnerschaft“ (genauer des Mutual Defence Agreement (MDA)[1]) teilweise mit den USA weiterentwickelt. Während des Zweiten Weltkrieges entwickelten die USA gemeinsam mit Großbritannien in verschiedenen Kooperationen (MAUD Committee, Tube Alloys und Manhattan Project). Diese Kooperation wurde von den USA einseitig durch den Atomic Energy Act von 1946 (McMahon Act) beendet. Großbritannien verfolgte daraufhin für gut 12 Jahre sein eigenes Nuklearprogramm bis zur Entwicklung der thermonuklearen Waffe. Folglich nahmen ab 1958 die USA und Großbritannien ihre Zusammenarbeit wieder auf. In den USA ist heutzutage die National Nuclear Security Administration (NNSA) die führende Organisation für nukleare Sicherheit.
Kalter Krieg
Die AERE wurde später zur United Kingdom Atomic Energy Authority (UKAEA) oder kurz „Authority“ durch den britischen Atomic Energy Act 1946. UKAEA war damit ab 1954 die Dachorganisation, welcher auch die AWE zugeordnet war. Dies galt speziell im Kalten Krieg (1947 bis 1990).
1971 teilte der Atomic Energy Act 1971 die UKAEA in verschiedene Einheiten auf: (1) den Radiochemical Centre, (2) die British Nuclear Fuels (BNFL), und (3) die zivile nukleare Forschung verblieb bei der AEA. Die BNFL übernahm diverse Aktivitäten und wurde ab 1974 teilprivatisiert (als Public limited company).
Ab 1973 wurde die Weapons Group an das Secretary of State for Defence/MOD übertragen.
Zerfall der Sowjetunion
Nach dem Ende der Existenz der Sowjetunion (SU oder UdSSR), etwa ab 1992 wurde der Name Atomic Weapons Establishment (AWE) etabliert und folglich kam es zu einer Teilprivatisierung, nach dem sog. Regierungs-Besitz/Auftragnehmer-Betreiber Modell.
Im Jahre 1993 übernahm das privatwirtschaftliche Konsortium Hunting-BRAE (Hunting Engineering, Brown & Root und AEA Technology) das operative Management der AWE. Nach dem Auslaufen des Kontraktes wurde im Jahre 2000 ein neuer Kontrakt über eine Laufzeit von 25 Jahren mit dem Konsortium AWE plc (British Nuclear Fuels, Lockheed Martin und Serco) geschlossen.[2]
Neues Jahrtausend / 21. Jahrhundert
2009 verkaufte die BNFL ihre Anteile an die Jacobs Engineering Group.[3]
Seit 2021 ist die AWE wieder in Vollbesitz der britischen Regierung bzw. des Ministry of Defence (MoD) und wird von der Defence Nuclear Organisation (DNO) beauftragt. Das vorherige Betreibermodell wurde eingestellt.
Ab dem Jahr 2024 wurde der neue Name AWE Nuclear Security Technologies eingeführt. AWE ist Teil des sogenannten UK Defence Nuclear Enterprise (DNE).
Seit den 2010er Jahren und konkret seit den 2020ern kommt es weltweit zu einer erheblichen Aufrüstung, speziell auch der nuklearen Kampfmittel. Dabei kommt dem AWE eine Führungsrolle zu, welche bis 2030 ihre Infrastruktur und Labore modernisiert, sowie einen neuen britischen Kernsprengkopf entwickelt und herstellt.
Kernwaffensysteme
AWE liefert die britischen Atomwaffen, z. B. die ehemalige Freifallbombe WE.177 (im Dienst von 1966 bis 1998), getragen von der ehemaligen V-Flotte, sowie Kernsprengköpfe für U-Boot-gestützte ballistische Raketen, Polaris (bereits eingestellt) und Trident (heutiger Stand), an das britische Militär bzw. die Royal Navy. Die Entwicklung und Produktion der Interkontinentalraketen (Trident) ist US-amerikanisch.
NATO
Die nukleare Abschreckung Großbritanniens ist Teil der NATO und auch Teil der nuklearen Planungstruppe (NPG). Die strategischen Kräfte des Landes sind jedoch nicht Teil der verlängerten nuklearen Abschreckung des Verteidigungsbündnis, welches mittels taktischen US-amerikanischen Atomwaffen (vgl. B61) gewährleistet wird.
Seit der vollständigen Außerdienststellung des RAF Bomber Command (z. B. die strategischen Bomber, auch genannt V-Bomber oder V-Flotte, wie der Avro Vulcan) um 1990, welche zur Abschreckung der Sowjetunion diente, wird eine ausschließlich seegestützte Abschreckung mit eigenen Atom-U-Booten betrieben, da moderne Luft- und Raketenabwehrsysteme die Abschreckung durch Bomber einschränken und landbasierte Interkontinentalraketen (ICBMs) aufgrund ihrer stationären Lagerung generell als verwundbar gelten. Großbritannien hat nie ICBMs hergestellt oder betrieben.
Anmerkung: Die französischen Atomstreitkräfte sind seit 1966 kein Teil der NATO NPG mehr. Die nukleare „Force de dissuasion“ Frankreichs ist vollständig unabhängig und wird nur von Frankreich kontrolliert.
Standorte
Der Hauptsitz von AWE ist in Aldermaston, ein zweiter Standort ist Burghfield. An dem Außenstandort Blacknest wird die seismische Überwachung von Kernwaffentests durchgeführt.[4]
1987 fusionierten die Royal Ordnance Standorte Cardiff und Burghfield mit den AWRE Standorten Aldermaston und Foulness zu AWE[5]. Die Standorte Cardiff und Foulness wurden nach dem Ende des Kalten Krieges geschlossen. Dementsprechend ging auch die Mitarbeiterzahl von 6400 im Jahre 1993 auf 4500 im Jahre 2013 zurück[6].
Literatur
- Margaret Gowing: Britain and Atomic Energy 1939-1945. Macmillan & Co ; St Martin’s Press, London ; New York 1964 (englisch, archive.org).
- AWRE: AWRE - Atomic Weapons Research Establishment. AWRE, Aldermaston 1970 (englisch, en).
- Robert Jackson: V-bombers (= Modern Combat Aircraft. Band 11). Ian Allan, Surrey 1981, ISBN 978-0-7110-1100-7 (englisch).
- John Simpson: The Independent Nuclear State. Palgrave Macmillan UK, London 1983, ISBN 978-1-349-17260-3, doi:10.1007/978-1-349-17258-0 (englisch).
- Eric Grove: Vanguard to Trident: British Naval Policy since World War 2. Bodley Head, London 1987, ISBN 978-0-370-31021-3 (englisch).
- David J. Hawkings: Keeping the Peace: The Aldermaston Story. Leo Cooper, South Yorkshire 2000, ISBN 978-0-85052-775-9 (englisch).
Siehe auch
Weblinks
- Offizielle Website. AWE, abgerufen am 6. März 2025 (englisch).