Augustus (Roman)

Buch von John Williams (Autor) From Wikipedia, the free encyclopedia

Augustus ist ein historischer Roman des amerikanischen Autors John Williams, der 1972 im Verlag Viking Press erschien. Thema des Briefromans ist der Aufstieg des jungen Octavius (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) zum Augustus, dem ersten Kaiser des Römischen Reichs (31 v. Chr. – 14 n. Chr.).

Kamee mit dem Porträt des Augustus

Das Buch ist der vierte von nur vier Romanen des Autors und gewann 1973 den National Book Award for Fiction. Es verkaufte sich ebenso schlecht wie sein Vorgänger, der Roman Stoner, der von der Kritik seinerzeit weitgehend ignoriert wurde und zu diesem Zeitpunkt bereits aus den Buchhandlungen verschwunden war..

Inhalt

Die „Bücher“ genannten drei Hauptteile werden durch einen Prolog eingeleitet und einen Epilog beendet, die jeweils in Briefform die Umstände von Augustus´ Aufstieg und seinem Ende beschreiben. Der Prolog besteht aus einem Brief Caesars aus dem Jahr 45 v. Chr. an seine Nichte Atia, in dem Brief bestätigt er, dass er ihren Sohn Gaius Octavius als Nachfolger vorgesehen hat, obwohl dessen Adoption im Senat wegen der Intrigen des Marcus Antonius gescheitert war. Der Epilog ist ein Brief von Philippus, Augustus´ Leibarzt, der den kranken Imperator die letzten Monate bis zu seinem Tod begleitet hatte, an Seneca aus dem Jahr 55 n. Chr.

Das erste Buch

Thema ist die brisante Situation nach dem Mord an Caesar, die offenen Kämpfe, die Intrigen und Schachzüge der Bewerber um die Macht. Geschildert wird die Zeit von der Ermordung Caesars bis zur Niederlage von Marcus Antonius bei Actium.

Octavius verlässt Apollonia, wo er sich zur Ausbildung seines Intellekts und seines Umgangs mit Waffen aufhält, und kehrt fast unbemerkt nach Rom zurück. Er wird begleitet von einem kleinen Trupp Bewaffneter und seinen engen Freunden Marcus Vipsanius Agrippa, Salvidienus Rufus und Gaius Cilnius Maecenas. Gerade erst neunzehn Jahre alt und von zerbrechlicher Gesundheit, im politischen Tagesgeschäft völlig unerfahren, wird er von seinen Konkurrenten nicht ernst genommen. Seine Mutter und sein Stiefvater flehen ihn an, das Erbe Caesars nicht anzutreten, um nicht die Feindschaft der erfahrenen Intriganten auf sich zu ziehen. Cicero, der die Republik und die alten Machtverhältnisse wiederherstellen möchte und daher mit den Verschwörern sympathisiert, schreibt an Brutus über den „foolish boy“: „Der Junge ist nichts, und wir müssen keine Angst haben.“[1] Aber seinen Namen, seinen Reichtum, die Beratung seiner Freunde und die Fehler seiner Feinde nutzend wächst Octavius´ Einfluss mit unerwarteter Geschwindigkeit. Das Parallelogramm der vier Gravitationspunkte Octavius, Antonius, Senat und die Gruppe der Cäsarenmörder ist in permanenter Veränderung und fügt sich zu überraschenden Bündnissen.

Einen breiten Raum nimmt die in einem vertraulich-leichten Ton gehaltene Korrespondenz zwischen Livius und Maecenas ein. Livius ist als Historiker an den Interna des Triumvirats von Marc Antonius, Lepidus und dem späteren Augustus (historisch im November 43 v. Chr.) und vor allem an den Motiven des späteren Augustus interessiert, warum er einerseits mit Gegnern wie dem Verschwörer Decimus kooperierte, eine Reihe Verschwörer in wichtige Ämter einsetzte, aber andererseits Weggenossen opferte und ehemalige Bündnispartner wie Marcus Antonius brutal bekämpfte. Woran Maecenas Anstoß nimmt, ist der moralisierende Unterton in Livius' Anfragen, und er schreibt ihm:

„Und in meinen Augen gibt es keine nutzlosere, verachtenswertere Kreatur als einen Moralisten. Er ist nutzlos, weil er all seine Energie damit vergeudet, Urteile zu fällen, statt sein Wissen zu mehren, und dies nur, weil Urteile leicht zu fällen sind, Wissen aber nur schwer zu erlangen ist. Und verachtenswert ist er, weil sein Urteil ein Selbstverständnis spiegelt, das er in seinem Stolz und seiner Ignoranz der ganzen Welt überstülpt.“[2]

Das zweite Buch

Das Hauptthema ist Augustus´ sich steigernde Vereinsamung. Der Tod seiner älteren Jugendfreunde und die Verbitterung seiner geliebten Tochter Julia, die sich von ihrem Vater mehr und mehr als Figur auf dem Schachbrett seiner Macht  benutzt sieht, lassen Augustus als von Bittstellern, Heuchlern und Feinden umgebenen „Herrn der Welt“ zurück: „Ich habe zuvor keinen Menschen gekannt, dem Freundschaft so viel bedeutet. […] Jetzt ist er jedenfalls allein. Er hat niemanden mehr.“ kommentiert sein Biograf Nikolaos.[3]

Der Julia Caesaris, Augustus´ Tochter, zugeschriebene Marmorbüste (11 oder 12 v. Chr.)

Augustus tritt nun nicht mehr als Autor auch nur eines der Briefe auf, wie noch im ersten Buch, sondern nur noch als Adressat oder als Thema von Briefen oder Berichten; die Tagebuchauszüge seiner Tochter Julia dagegen nehmen mit vierzehn Beiträgen den größten Teil des Buches ein. Wie im ersten Buch ergänzen sich die Informationen zu einem mehr oder weniger geschlossenen Handlungsverlauf. Da die Erinnerungen Julias (historisch 39 v. Chr. geboren) frühestens in den 30er Jahren einsetzen, beginnt die private Erzählung mit einem Bericht des ehemaligen Kindermädchens von Octavian/Augustus, Hirtia, die als Kind von Freigelassenen im Haushalt der Julier in Velitrae gelebt hat; sie war seine Spielkameradin und jugendliche Betreuerin, bis ihr Schützling „Tavius“ als Neunjähriger nach Rom geschickt wurde.

Julia, Spielball der väterlichen Macht- und Dynastiepolitik, wird von Augustus als Vorwand wegen Verstoß gegen seine Ehegesetze auf die winzige vulkanische Insel Pandateria westlich von Neapel verbannt. In ihrem Tagebuch lässt sie ihr Leben Revue passieren und versucht in der Rückschau, die Beweggründe für das Handeln des Vaters zu verstehen: Sie interpretiert die Verbannung als den Versuch ihres Vaters, sie aus dem Hochverratsprozess gegen ihre Liebhaber herauszuhalten und dadurch ihr Leben zu retten.[4] Schon als Kind aus politischen Gründen mit einem Sohn von Marcus Antonius verlobt, wird sie nacheinander mit Marcus Claudius Marcellus, Marcus Vipsanius Agrippa und schließlich Tiberius verheiratet. Der offene Umgang mit wechselnden Liebhabern und die Gefährdung der dynastischen Pläne ihres Vaters führen schließlich zu ihrer Verbannung für mindestens sechs Jahre (historisch ab 2 v. Chr. bis vermutlich 4 n. Chr.).

Das dritte Buch

Das dritte Buch besteht aus einem langen Brief des inzwischen 76 Jahre alten Augustus an Nikolaus von Damaskus gut eine Woche vor Augustus´ Tod im August 14 n. Chr. in Nola. Er ist an Bord seiner Yacht unterwegs von Ostia nach Neapel aus Gründen der Staatsräson, um seinem designierten und im Volk unbeliebten Nachfolger Tiberius durch einen Besuch Unterstützung zu signalisieren, obgleich er ihn verachtet. Nicht nur ist Tiberius für das Desaster der römischen Legionen in der Schlacht gegen Arminius verantwortlich, er ist darüber hinaus ein grausamer Mann, aber „Grausamkeit eines Herrschers ist ein kleinerer Fehler als Schwäche oder Dummheit.“ In seinem Brief blickt Augustus wie von außen auf sein ungewöhnliches Leben zurück, als Handelnder, als die Veränderung der römischen Republik Vorantreibender und als Getriebener. Vermischt mit Reflexionen über beispielsweise seine Ehe mit Livia, der Mutter seines Nachfolgers Tiberius, und über seine Vaterliebe zu Julia beschreibt er die Dialektik seiner Macht.

Vom Anfang an, vom Moment der Benachrichtigung über die Ermordung Cäsars, habe er eine Vielzahl von Rollen übernommen, in denen er sich mehr und mehr von sich selbst entfremdete. Es sei ihm so vorgekommen, dass der Mann, der „meinen Namen trug, aber jemand war, den ich kaum kannte.“[5] Er habe so viele Rollen gespielt, „dass es ein Selbst gar nicht mehr gibt.“[6] Auch als „Erster Bürger“ der neuen Republik  habe er sich „äußeren Notwendigkeiten“ beugen müssen: „Ich wurde immer eher beherrscht, als dass ich Herrscher war.“[7]

Zunächst habe er sich die Brutalität seines Handelns als „Ruf des Schicksals“ gutgeredet, aber im Rückblick durchschaue er das als Maske des eigenen Ehrgeizes, dessen Priester er gewesen sei: „Ich bin ein Mensch und so dumm und schwach wie alle Menschen.“ Folglich habe er nie damit gerechnet, bei anderen Menschen „eine größere Stärke und Weisheit als bei mir selbst zu finden. Dieses Wissen war eine der Quellen meiner Macht.“[8]

Die Götter redeten so undeutlich, „dass man letztlich selbst den Sinn dessen herausfinden muss, was sie einem mitteilen wollen.“[9] Das Leben habe daher nur den Sinn, den man sich erfinde. Alle Geschichtsschreibung, die die einzelnen Ereignisse nicht in einer diesem Ziel entsprechenden Ordnung präsentiere, bleibe trotz der Richtigkeit der einzelnen Fakten immer eine Lüge über das Ganze.[10]

Da er seinen Erfolg günstigen Umständen sowie fähigen Helfern zuschreibt und ihn sich „eher durch Instinkt als Klugheit“ erklärt,[11] gilt ihm das Fehlen eines dieser notwendigen Erfolgsfaktoren in der Zukunft als wahrscheinlich. Das werde eine baldige Veränderung der nun bestehenden Ordnung des Reiches – und vielleicht auch sein Ende – mit sich bringen: „Die Zeit wird Rom untergehen lassen.[…] Im Norden aber warten die Barbaren.[…] Ihre Stämme können nicht besiegt werden.“[12]

Auf dem Gipfel der Welt, nach einem Leben ohne Muße und Sicherheit, stellt diese Vergeblichkeit auch dem „Herrn der Welt“ die Frage nach dem Sinn seines Tuns. In der Gewissheit der Veränderung aller Dinge bleibe ihm wie jedem anderen letztlich als Trost nur der Gedanke, den Lauf der unabwendbaren Veränderungen ein wenig verändert zu haben: „Rom wird untergehen, aber darauf kommt es nicht an. […] Rom hatte seinen Augenblick, und der vergeht nicht spurlos.“[13]

Form und Erzählweise

Der Roman ist wie ein klassisches Drama gegliedert, mit einem Prolog beginnend, gefolgt von drei als „Bücher“ bezeichneten Teilen und mit einem Epilog endend. Epilog und Prolog bestehen jeweils aus einem einzigen Brief. Die drei Bücher setzen sich aus Briefen verschiedener Autoren, aus unterschiedlich langen Auszügen aus Memoiren, Tagebuchnotizen, Senatsprotokollen, Flugblättern und Militärbefehlen zusammen, die bis auf wenige Ausnahmen fiktiv sind.[14]

Der Handlungsfaden wird abwechselnd aus den Perspektiven mehrerer beobachtender oder handelnder Figuren vervollständigt. Die jeweils mit Quellenangaben überschriebenen Texte sollen zwar teilweise mit großem Abstand vom Geschehen rückblickend entstanden sein, erzählen aber den Ablauf der politischen Hauptereignisse nahezu chronologisch. So entsteht ein facettenreiches Bild eines geschlossenen Handlungsablaufs. Mit Blick auf die „Erzählsituationen“[15] verbindet der Roman den auktorialen Erzähler, etwa wenn der römische Schriftsteller Maecenas dem römischen Historiker Livius rückblickend umfangreich antwortet, mit dem Ich-Erzähler, indem beispielsweise Julia aus zeitlicher Distanz ihr Leben erzählt, und der personalen Perspektive, wenn einer der handlungsverdichteten Momente oder Szenen aus der Perspektive eines Teilnehmers beschrieben wird. Obgleich also in nahezu allen Textteilen fiktiv, entsteht durch die Multiperspektivität der Eindruck von Objektivität. Das Augustus-Projekt erwähnt Williams im Roman auch selbstironisch als Projekt des oströmischen Philosophen und Augustus-Biografen Nikolaos, der über ein Werk nachdenkt, das „Gespräche mit edlen Römern“ heißen könnte, und seinen Freund Strabo fragt, ob „der Dialog die dafür angemessene Form“ sei – aber sowohl „Dialog“ als auch „Briefroman“[16] beschreiben nicht das Ganze des Textmosaiks oder der Textmontage.

Im Gegensatz zu Augustus hat Thornton Wilder in seinem Roman Die Iden des März zum Sujet der Ermordung Cäsars eine komplexe Zeitstruktur implementiert. Dort erzählen vier Bücher vier Zeitläufe, die sich jeweils nach vorn und hinten ausdehnen: Jedes folgende Buch fängt früher an und endet später als das vorhergehende, ein Konzept der schrittweisen Überlappung und Ergänzung von Rahmeninformationen. Für Leser eher verwirrend ist dort die Chronologie, die innerhalb der Jahre progressiv in der Folge der uns bekannten Monate, von Jahr zu Jahr aber regressiv vor der Zeitenwende fortschreitet. Im Augustus dagegen kombiniert die Erzählung die Sichtweisen und Szenen in harten Gegenschnitten wie in einer Vorlage für einen Film.

Trotz der bei einzelnen Texten durch Verknappung oder Nachahmung römischer Urkunden entstehenden Verfremdungen haben die Texte durchweg einen gleichmäßig hohen, literarischen Stil, bei dem eine Individualisierung kaum festzustellen ist. Das unterstreicht den Charakter der Fiktion: „Falls es aber Wahrheit in diesem Werk gibt, dann handelt es sich um literarische, nicht um historische Wahrheit.“[17]

Rezeption

In seinem umfangreichen Nachwort von 2015[18] betont Daniel Mendelsohn die versteckte Verwandtschaft des Augustus mit früheren Romanen Williams´, in denen er ebenfalls die „Wandelbarkeit“ eines Charakters untersucht, der sich im Augustus mehr als andere „viele ´Ichs´ zulegen muss, um an der Macht zu bleiben“ oder in den Herausforderungen bestehen zu können. Mendelsohn geht den Stilunterschieden der Figuren nach und bemerkt, dass Williams durch das lange Feilen an seinen Sätzen bisweilen die Äußerungen seinen sich äußernden Figuren entfremdet habe – am Augustus hat Williams fünf Jahre geschrieben.[19] Der Kern des Romans sei jene Reibung zwischen einer Persönlichkeit und den Zufällen des Geschicks, die zur „unaufhaltsamen Erosion eines Menschen“ und seiner anfänglichen Grundsätze führen, „ein Prozess, bei dem das tatsächliche Handeln einer Figur all die anderen Möglichkeiten – das, ´was man hätte tun können´– ablöst, bis nur noch Taten bleiben: das, was man getan hat. Nichts anderes ist der Kern eines Menschen.“ Dieser Kern wird vom Saldo aus idealen Werten und realen Wirkungen bestimmt.

Johann Schliemann von der Süddeutschen Zeitung nennt das Buch „eine spannende Geschichte aus einer revolutionären Epoche der Weltgeschichte.“ Es erzähle von der Macht und ihrem Preis, das Besondere sei, wie John Williams mit seiner klaren, beweglichen Sprache Licht auf Charaktere wirft, die einem wie Figuren des menschlichen Lebens selbst erscheinen.„Und so kommt es, dass inmitten bunteren Personals die Zentralfigur selbst, der Kaiser, der schon in der Antike als Chamäleon galt, gerade nicht persönlich greifbar wird – sondern eine Ausnahmeerscheinung und ein trauriger Jedermann zugleich“.[20]

Alexander Camman von der Zeit nennt den Roman ein „atemberaubendes Buch“. „Das gilt für die Perfektion seines realistischen Erzählens ebenso wie für die Wahl dieses besonderen historischen Stoffes, für die gelungene Komposition, vor allem aber für die ungewöhnliche Form dieses Romans.“ Williams habe keinen „herkömmlichen Historienschinken geschrieben“, sondern er benutze Augustus vielmehr dazu, um ewige Probleme darzustellen: „… den Preis historischer Größe, die Einsamkeit und Melancholie der Macht, den eigentümlichen Willen, sein Schicksal zu erkennen und dieses als dessen Werkzeug zu vollstrecken. All das passiert in einem klaren, reduzierten existenzialistischen Sound“.[21]

Stefan Kister von der Stuttgarter Zeitung schreibt, der Roman sei spannend wie ein Thriller. Williams’ spezifisches Erzählverfahren verleihe dem historischen Stoff eine „tiefenscharfe Gegenwärtigkeit“, die den Historienplunder von Monumentalschinken des Kinos, die Melodramen von Marc Anton und Cleopatra – d. h. Richard Burton und Liz Taylor – bis hin zu Asterix beiseitewische. „Doch entgegen der Devise des von Augustus geförderten Horaz, wonach Dichter entweder unterhalten oder nützen sollen, schafft dieser Roman beides zugleich. Über den Abgrund der Zeiten hinweg zeichnet er das subtile Porträt eines Mannes, der in jungen Jahren die Welt verbessern wollte, der viel erreicht hat, aber vielleicht noch mehr verloren, und der wegen der zahlreichen Rollen, die er spielen musste, am Ende nicht mehr weiß, wer er ist.“ Kister würdigt explizit die Übersetzung Bernhard Robbens: „[…] aus lateinischem Geist aus dem Amerikanischen ins heutige Germanische gerettet.“[22]

Ausgaben

Hörbuch

Einzelnachweise

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