Ayoreo
Indigenes Volk in Südamerika
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Ayoreo ist der Name einer indigenen Volksgruppe, die in Nordwest-Paraguay und Südost-Bolivien lebt. In Paraguay werden sie auch als morotocós oder moros, corazo oder kursu bezeichnet. Ayoreo ist die Selbstbezeichnung der im nördlichen Gran Chaco an der Grenze lebenden Gruppen, deren Gesamtzahl auf etwa 4.000 geschätzt wird. Die Sprache der Ayoreo gehört zur Familie des Zamuco.[1] Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bewohnten sie ein Gebiet von rund 330.000 km² Fläche zwischen Río Paraguay, Río Pilcomayo, Río Parapetí und Río Grande.


Gruppen in Bolivien und in Paraguay

In Bolivien unterscheidet man zehn historische Lokalgruppen, die seit der „Befriedung“ durch Missionare (1949–1962?) in den Siedlungen Zapocó, Poza verde, Puesto Paz, Guidai Ichai, Santa Teresita, Tobita, Urucú, Motacú, Rincón del Tigre, und Belen sowie Bario Bolivar in der Provinz Germán Busch und der Provinz Chiquitos im Departamento Santa Cruz leben. Es handelt sich um rund 1.700 Menschen, davon eine Gruppe, die die freiwillige Isolation gewählt hat. Diese Menschen führen das traditionelle Leben als Jäger und Sammler mit einfachem Gartenbau fort.[2]
In Paraguay unterscheidet man drei Gruppen, nämlich die Guidaygosode – ein erst seit den 1950er Jahren bestehender Zusammenschluss von sechs verschiedener, im südlichen Chaco Central lebender Lokalgruppen – die Garaygosode und die Totobiegosode. Sie leben in 16 Dörfern in den nordwestlichen Departamento Boquerón und Departamento Alto Paraguay. Eine Subgruppe der Lokalgruppe der Totobiegosode sowie bis zu neun weitere nicht identifizierte Gruppen führen ihre traditionellen Lebensweise als Wildbeuter mit einfachen Gartenbau fort. Der größere Teil der nicht identifizierten Gruppen leben grenzüberschreitend zu Bolivien. Auch dieser kleine Teil des Volkes der Ayoreo – max. 300 Personen stark (Kenntnisstand 2014) – lehnt den Kontakt zur westlichen Gesellschaft ab. Sie zählen damit zu den Isolierten Völkern und sind unter diesen die südlichsten auf dem Kontinent Amerika und der gesamten Welt.
Das Wort Totobiegosode bedeutet „Menschen vom Ort der Wildschweine“ und beschreibt die abgeschiedenste Gruppe der Ayoreo. Auch heute meiden sie noch den Kontakt zu Fremden. Die Totobiegosode sind Jäger und Sammler. Eines ihrer Rituale ist das asojna-Ritual, welches beginnt, wenn die Nachtschwalbe das erste Mal schreit und dadurch die Regenzeit ankündigt. Damit beginnt eine Zeit von Feierlichkeiten.[3] Laut Survival International gehören die Ayoreo-Totobiegosode heute zu den bedrohten indigenen Völkern der Welt.
Geschichte
Die ersten Europäer nahmen 1537 Kontakt mit einigen Ayoreo auf, als eine Expedition unter Führung von Juan de Ayolas († 1537) ihr Gebiet berührte. Die Jesuiten errichteten die Missionsstation San Ignacio Zamuco (1724 bis 1745).
Ende der 1940er Jahre begannen Erdölfirmen aus den USA im Gebiet der Ayoréo Bohrungen niederzubringen. Die Union Oil Company aus den USA arbeitete 1948 bei Madrejón, unweit des Cerro León und bei Kilometer 83 am Weg nach Puerto Casado. Ende der 1950er drang die US-amerikanische Firma Pure Oil Company in den Norden Paraguays vor. 1958 ist das Jahr des Beginns vermehrter Zusammenstöße mit den ihren Lebensraum verteidigenden Ayoreos. Waldindianer und Erdölfirmen prallten erbittert aufeinander. Sobald man den Gegner zu Gesicht bekam, schoss man aufeinander. Regelmäßig erhielt die Erdölfirma Unterstützung und Schutz durch die örtlichen Militärstationen, indem Einheiten ausrückten, um mit Waffengewalt gegen die Ayoreos vorzugehen. Nicht nur die überlegenen Waffen töteten die Ayoreos, schon bald forderten eingeschleppte Seuchen erste Opfer. Innerhalb kurzer Zeit grassierten Infektionskrankheiten, gegen die die traditionelle Heilkunde der Schamanen ohnmächtig war. In diesen Jahren ereigneten sich auch die ersten Abwehrüberfälle auf Mennoniten-Siedlungen. Krieger der Lokalgruppe der Totobiegosode töteten dabei am 28. November 1947 Mitglieder der Familie Stahl. Am 25. Januar 1950 fand ein Angriff auf das Anwesen der Familie Plett statt. Das Ehepaar wurde schwer verletzt. Einen Tag später wurde ein Traktor attackiert.[4]
Die Mennoniten nahmen 1948 mit Hilfe ihrer Mission in Filadelfia ihre Bemühungen zur Bekehrung der unabhängig in den Wäldern lebenden Ayoreos auf. Bereits 1946 hatte das „Mennoblatt“, die Zeitschrift der Mennoniten, öffentlich zu einer Missionierung aufgerufen: „Wer findet sich aus unseren Reihen, der diesen wilden Stämmen das Evangelium von Jesus Christus bringt? Jedenfalls wäre dieses die beste Waffe, um auch aus diesen ‚reißenden Wölfen‘ ‚friedliche Lämmer‘ zu machen. Die Missionsgeschichte hat genügend Beweise dafür“.
Erfolg konnte schließlich die Missionsgesellschaft der Salesianer melden. Maßgeblichen Anteil daran hatte der Ayoréo-Junge Iquebi, der 1956 von Reitern mit einem Lasso eingefangen worden war und den Taufnamen José erhielt. Bei den Salesianern hatte er Spanisch gelernt und diente den Missionaren als Lockvogel, um die Ayoréos aus dem Wald zu holen. So gelang es 1962 Pater B. Stella mit Hilfe von José und einem älteren Ayoréo erstmals eine dauerhafte Befriedung einer Ayoréo-Gruppe im neuen Wegenetz der Ölgesellschaft bei Madrejón. Bald kamen weitere Gruppen. Alle in ziemlich schlechter Verfassung. Sie waren krank. Der Missionar erreichte die Befriedung dieser Familiengruppen, die von den Ducodegosode, Amomegosode und Tiegosode stammten (Lokalgruppen des Verbandes der Guidaigosode) und brachte sie einige Zeit später in das bei Madrejoncito eingerichtete Missionslager. Unter ihnen waren auch Leute, die nach Norden aus ihrem Siedlungsgebiet um Fortin Bogado verdrängt worden waren. Die dort befindlichen Grassavannen mit etlichen Lagunen waren von Rinderzüchtern besetzt worden. Die Station wurde 1963 nach „Cauce del Indio“ verlegt und von dort nach „Maria Auxiliadora“ am Rio Paraguay. Gab es in den vorherigen Missionsstationen schon Elend und Tod, war mit der Verlegung der Missionssiedlung an den Paraguay-Fluss ein weiterer Schritt vollzogen. Mit der Deportation dorthin hatten die Missionare ein größeres Gebiet im nordöstlichen Chaco Paraguays ethnisch gesäubert, um die weitere ungestörte Ausbeutung des Gebietes zu forcieren. Insgesamt wurden 345 Personen in die neue Missionssiedlung gebracht, die vier- bis fünfhundert Kilometer entfernt vom bisherigen Lebensraum lag. Jeder vierte Ayoréo starb dort innerhalb der nächsten Jahre an Infektionskrankheiten.[5]
1965 nahm die New Tribes Mission (NTM) Kontakt zur mennonitischen Mission auf und erhielt die Zustimmung für ihren Plan, den „Wilden das Evangelium zu bringen“. Aktiven Anteil an der gelungenen Kontaktaufnahme von 1966 hatten José und Cona, die nun bei NTM im Dienst waren. Den Missionaren kam die Gewaltlosigkeit und die Sprachverständigung zugute. Die Ayoréos erhofften sich Schutz von der Mission gegen die übermächtige Kolonisation und waren deshalb zum Kontakt bereit. Bis zum Jahre 1972 konnten die Missionare drei weitere Gruppen „befrieden“, womit die Zahl auf über 400 anwuchs. In der Missionsstation Faro Moro regierte der Tod. Masern, Tuberkulose, Keuchhusten, Lungenentzündungen und besonders Grippe forderten immer wieder Opfer unter den Ayoréos. Faro Moro wurde 1979 aufgegeben. Die neue Missionsstation wird Campo Loro mit 860 Ayoréos, 35 km nördlich von Filadelfia. Bei NTM war es seit 1968 Praxis, unter Druck missionierte Indianer für die Jagd auf Nichtgetaufte zu missbrauchen. So geschehen u. a. auch 1978 und 1986, als der NTM-Missionar und Pilot Dean Lattin mit seiner Cessna in der Urwaldwildnis Lager der Totobiegosode aufspürte. Es war die Zeit der „Bibelfeldzüge“. Bei der Aktion 1986 kamen fünf der Menschenjäger zu Tode und wurden zu Märtyrern verklärt. Die Mitglieder der eingefangenen Gruppe wurde unter den siegreichen Einfängern (denen sie gemäß dem Kriegsethos zu dienen haben) aufgeteilt. Auch hier wurden alle krank und es gab – wie auch 1979 – Todesfalle zu beklagen. 2004 sowie 2007 zogen die in die Missionsstation Campo Loro verschleppten beiden Totoboegosode-Gruppen zurück in die neuerrichteten Dörfer Arocojnadi sowie Chaidi auf dem für sie erworbenen Land (Norden der ehemaligen Estancia San Antonio) in ihrem traditionellen Stammesgebiet (Forderung an den Staat auf Rückübertragung von 5.500 km²). 2004 kam es bei der Errichtung von Chaidi zu einer Begegnung zwischen den Totobiegosode, die 1986 gewaltsam kontaktiert worden waren und nun wieder auf ihr eigenes Land zurückkehren wollten, mit einer Gruppe von Waldindianern – den Areguedeurasade – die eine Untergruppe der Totobiegosode sind. Die Besetzung und den Ausbau natürlicher Wasserstellen durch Estancieros für Rinder und die im Gebiet unaufhörlich vorrückenden waldrodenden Bulldozer waren Anlass, Kontakt zu ihren Verwandten zu suchen. Obwohl aufgrund früherer Ereignisse mit Todesfällen nach Kontaktierung von Waldindianern zügig eine medizinische Betreuung veranlasst wurde, kam es bereits am fünften Tag nach der Begegnung zu ersten heftigen Grippeerkrankungen. Diese erfassten alle Mitglieder der Gruppe. Weitere Erkrankungswellen folgten. Und es waren wieder Todesfälle zu beklagen. Lungenkrankheiten fordern selbst nach Jahrzehnten immer wieder Todesopfer unter den Totobiegosode.
Anfang des 21. Jahrhunderts drangen Viehzüchter in die Waldgebiete vor, die wiederum zunehmend von der Sojaindustrie verdrängt wurden. Die Umweltorganisation Iniciativa Amotocodie koordiniert inzwischen den Landkauf für die Ayoreo. In ihr haben sich 14 Dörfer in Paraguay zusammengeschlossen, die 95 Prozent der Ayoreo im Lande repräsentieren. Sie garantieren die traditionelle Nutzung des nach und nach erworbenen Landes. Erste Anfänge für Gebietskäufe für die Ayoreo im Dep. Boquerón datieren aus dem Jahr 2003 mit dem Erwerb von 3.700 ha Waldland in der Region Amotocodie und 2008 mit 8.000 ha nahe dem Nationalpark Médanos del Chaco. Dabei wurden sie von dem gemeinnützigen Verein Rettet den Regenwald in Hamburg unterstützt. Im Dezember 2009 hatten die Ayoreo 1.800 ha erhalten, am 17. April 2010 konnte der Verein der Ayoreo-Organisation UNAP weitere 2.000 ha Trockenwald überschreiben, dessen Ankauf durch private Spenden ermöglicht wurde. Hinzu kamen Ijnapui (2005) sowie Cuyabia (2014). 2018 informierte Iniciativa Amotocodie, dass die Landtitel der der New Tribes Mission an die Ayoréo-Guidaigosode übergeben wurden. Das Eigentum betrifft die Flächen der drei Gemeinden Campo Loro, einschließlich der Siedlungen Cinto, 10 de junio, Garai und La Esquina sowie Ebetoque und Tunucojnai – insgesamt 124,16 km². (Dep. Boquerón), den in den 1980er Jahren an die Garaygosode übereignete Chovoreka (19.983 ha) sowie später hinzugekommenen Puerto Maria Auxiliadora (18.750 ha) und Cucaani (1.600 ha) - alle Dep. Alto Paraguay. Damit erhöht sich das Landeigentum der Ayoréo (Guidaigosode, Garaigo-sode, UNAP) auf 1.130,1 km². Mit den im Eigentum der Totobiegosode befindlichen Flächen (1.325,34 km²) + Flächen im Reclamo-Gebiet, die auf INDI eingetragen sind und für die Totobiegosode dienen (230 km²), sind es 2.685,44 km². Damit besitzen die Ayoreos nur noch 2,4 % ihres einstigen Gebietes in Paraguay, das ca. 110.000 km² umfasste und heute zumeist Privatland von Großgrundbesitzern ist. Daneben gibt es Naturschutzflächen im historischen Ayoreo-Land, die i. d. R. in staatlicher Hand sind.
Für die Totobiegosode sind 155.534 ha ihrer 550.000 ha Landforderung übereignet bzw. auf die staatlich Indianerbehörde INDI eingetragen. Dieses Projekt, dass seit 2014 stagniert, wird durch die NGO Gente, Ambiente y Territorio (GAT) betreut.
Für die traditionell lebenden Gruppen engagiert sich besonders der deutsche Verein Rettet die Naturvölker e. V.
Literatur
- Lucas Bessire: Behold the Black Caiman: A Chronicle of Ayoreo Life. The University of Chicago Press, 2014, ISBN 978-0-226-14089-6 (englisch, Inhaltsverzeichnis [PDF]).
Weblinks
- Die Ayoreo – Information und Aktuelles in: www.survivalinternational.de
- Etnia Ayoreo (spanisch)
- Gefährdete Ureinwohner Paraguays. Forscher als Eindringlinge, in: Süddeutsche Zeitung, 11. November 2010.
- Ulrike Prinz: Den Ayoreo bleibt nur noch die Sonne in Spektrum.de vom 19. Juni 2022