Aziz Gardi

kurdischer Schriftsteller, Übersetzer und Akademiker aus dem Irak From Wikipedia, the free encyclopedia

Aziz Gardi (kurdisch عەزیز گەردی; * 1947 als Aziz Ahmad Abdullah in Bahrka bei Erbil; † 6. Juni 2022) war ein kurdischer Schriftsteller, Übersetzer und Akademiker aus dem Irak. Er wurde zum bekanntesten kurdischen Übersetzer seiner Zeit und übersetzte etwa 200 Bücher, hauptsächlich literarische Werke, in den Sorani-Dialekt des Kurdischen.[1]

Aziz Gardi

Leben und Wirken

Gardi wurde 1947 in der kleinen Stadt Bahrka in der Autonomen Region Kurdistan des Irak geboren. Seine Grund-, Sekundar- und Hochschulreife absolvierte er in Bahrka, bevor er eine Hochschulausbildung aufnahm.[1] Er erwarb später den Bachelor-Abschluss in französischer Sprache an der Universität Mossul sowie den Master-Abschluss in kurdischer Literatur an der Salahaddin University Erbil 1994 mit einer Thesis über „Kurdische klassische Versmaße im Vergleich zu arabischer Prosodie und persischen Versmaßen: Eine analytisch-vergleichende Studie“. 1999 wurde er in kurdischer Literatur an der Universität Saladin promoviert, mit der Dissertation „Reim: Eine analytisch-vergleichende Studie in der kurdischen Dichtung“. Die zweite Promotion in englischer Literatur an der Koya-Universität erfolgte 2009 mit der Dissertation „Romeo & Julia und Mam & Zin: Eine vergleichende Studie“.[1]

Gardi lehrte als Professor am Fachbereich Literatur der Salahaddin University in Erbil. Er beherrschte fünf Sprachen fließend: Kurdisch (sowohl Sorani als auch Kurmanji), Englisch, Französisch, Arabisch und Persisch.[1] Er war Mitglied der Kurdischen Schriftstellervereinigung (ab 1970), der Irakischen Journalistenvereinigung (ab 1976) und der Übersetzungsgesellschaft (ab 1984).[1]

Gardi litt unter Nierenproblemen und unterzog sich im März 2022 einer Operation. Wegen Nierenversagen ging er zur Behandlung ins Ausland, wo eine Niere entfernt wurde.[1] Aziz Gardi starb am 6. Juni 2022 im Jin-Krankenhaus in Erbil an Nierenversagen. Nach seinem Tod gab eine Gruppe von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen eine Erklärung ab, in der sie Präsident Nêçîrvan Barzanî baten, Gardis Bibliothek in einem Nationalmuseum zu bewahren.[1]

Privates

Gardi führte ein weitgehend zurückgezogenes Leben und widmete sich vollständig seiner literarischen Arbeit.[1] Er blieb sein Leben lang unabhängig von kurdischen politischen Parteien und glaubte, dass man seiner Nation durch Schreiben und Übersetzen dienen könne, ohne sich direkt politisch zu engagieren.[1]

Werk

Gardi begann seine literarische Laufbahn im Alter von 21 Jahren, als er 1968 mit der Arbeit an seinem ersten Buch über Rhetorik in der kurdischen Literatur begann, das 1970 als erstes kurdisches Werk zur literarischen Rhetorik veröffentlicht wurde.[1] Seine erste veröffentlichte Übersetzung erschien 1976: eine Novelle mit dem Titel Drei Zeichnungen von Alexei Balakayev, herausgegeben vom Kurdischen Akademie-Zentrum in Bagdad.[1]

Gardi übersetzte etwa 200 Bücher, die meisten davon literarische Meisterwerke der Weltliteratur. Seine Übersetzungen waren bekannt für ihre poetische Sprache in Kombination mit der alltäglichen Sprache.[1] Für Gardi war Übersetzen mehr als nur sprachliche Umwandlung; er betrachtete es als „Neufassung oder sogar Erfindung eines neuen Werkes“. Er erklärte: „Eine Sprache zu kennen bedeutet nicht, dass man sie übersetzen kann. Übersetzen ist die Erfindung eines neuen Werkes, wie jedes andere Stück Literatur.“[1] Seine akribische Herangehensweise an Übersetzungen war legendär. Er überarbeitete seine Übersetzung von Mein Dagestan angeblich mehr als zehn Mal und war immer noch nicht zufrieden damit. 1982 reiste er 46 Kilometer, nur um die richtigen Wörter für seine Übersetzung von Das Leben der kurdischen Frau der dänischen Anthropologin Henny Harald Hansen (1900–1993) zu finden.[1] Gardi sah sich erheblichen Herausforderungen bei seiner Arbeit gegenüber, darunter das Fehlen geeigneter kurdischer Wörterbücher und ein Mangel an Büchern, die aus westlichen Sprachen ins Kurdische übersetzt worden waren. Er musste die kurdische Literaturübersetzung praktisch von Grund auf aufbauen.[1]

Einmal entging er knapp einem Attentat radikaler Islamisten aufgrund seiner Übersetzung von Die kurdischen Frauen, einem Teil von Die Frauen der Türkei und ihre Folklore von Lucy Garnett. Das Buch enthielt Geschichten über Mullahs, die Korruption unter einigen Religionsführern beleuchteten, was extremistische Mullahs dazu veranlasste, das Attentat zu planen. Ein Freund, der von dem Plan erfuhr, warnte ihn und rettete so sein Leben.[1]

Gardis Werk beeinflusste und inspirierte eine Generation kurdischer Übersetzer, unter anderem Azad Berzinji, Atta Qaradaghi und Adeeb Nader.[1]

Publikationen (Auswahl)

Eigene Werke

  • Rhetorik in der kurdischen Literatur. 1972
  • Literatur und Kritik. 1974
  • Fremde Literatur. 1982
  • Klassische kurdische Dichtungsmaße. 1999
  • Leitfaden zu klassischen Dichtungsmaßen. 2003
  • Der Strudel des Todes. 2008
  • Kurdische Prosodie. 2014[1]

Übersetzungen (Auswahl)

Literarische Werke

Sprachliche Beiträge

Gardi prägte viele neue Wörter im Sorani-Kurdischen durch seine Übersetzungen, darunter:

  • پێشخزمەت (pêshxizmet) für „Kellner“
  • وارخان (warxan) für „Wohnung“
  • هازی (hazî) für „Energie“
  • خێراکار (xêrakar) für „Computer“
  • کۆڕی زانیاری (korî zaniyarî) für „Akademie“
  • زانستگایی (zanstigayî) für „akademisch“[1]

Einzelnachweise

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