Massaker von Babyn Jar

Ermordung von mehr als 33.000 Juden durch deutsche Besatzer auf dem Gebiet der Ukraine (1941) From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Massaker von Babyn Jar war ein nationalsozialistisches Massenverbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD im Tal Babyn Jar (ukrainisch Бабин Яр, russisch Бабий Яр; teilweise auch Babi Jar/Babi Yar) am Stadtrand von Kiew insgesamt 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Es gilt als das größte einzelne Massaker an der jüdischen Bevölkerung während des Holocaust. Die Tat wurde überwiegend durch Angehörige des Sicherheitsdienstes der SS (SD) und Polizeieinheiten verübt, während die Wehrmacht organisatorische und logistische Unterstützung leistete.

Die Schlucht Babyn Jar (1941)

Vorgeschichte

Deutsche Soldaten auf der Zitadelle nach der Eroberung Kiews (September 1941)

Am 22. Juni 1941 begann der Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Das nationalsozialistische Deutsche Reich führte das militärische Unternehmen von Beginn an als rassenideologischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus.“ Insbesondere die im rückwärtigen Frontgebiet operierenden Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD weiteten den antisemitischen Terror zu einem Genozid an der jüdischen Bevölkerung aus.[1] Angesichts der systematischen Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen, die auch durch Wehrmachtseinheiten unterstützt wurden, wird von einem „Holocaust durch Kugeln“ gesprochen.[2] Der industrielle Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager hingegen begann erst im Frühjahr 1942 mit der „Aktion Reinhardt“. Die in hohem Tempo vorrückende deutsche Heeresgruppe Süd eroberte nach der siegreichen Schlacht um Kiew am 19. September 1941 die ukrainische Hauptstadt und besetzte bis Anfang Oktober fast das gesamte Gebiet der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik (siehe Hauptartikel).[3]

Vor dem deutschen Überfall lebten etwa 220.000 jüdische Einwohner in Kiew, das zu den wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in der Sowjetunion zählte. Ein großer Teil der Bevölkerung war geflüchtet oder evakuiert worden, als die Wehrmacht auf Kiew vorrückte, darunter etwa zwei Drittel der jüdischen Einwohner. Die jungen Männer waren zum Wehrdienst in die Rote Armee eingezogen worden, weshalb es sich bei den etwa 50.000 zurückgebliebenen Juden überwiegend um ältere Männer, Frauen und Kinder handelte.[4] Die besetzte Stadt lag im unmittelbaren Zuständigkeitsbereich des XXIX. Armeekorps unter General Hans von Obstfelder, das der deutschen 6. Armee unterstand. Von Obstfelder stellte Kiew unter Besatzungsrecht und ernannte den Chef der Feldkommandantur 195, Generalmajor Kurt Eberhard, zum Stadtkommandanten.[5][6]

Babyn Jar (deutsch: „Weiberschlucht“) war zum damaligen Zeitpunkt eine 2,5 Kilometer lange und bis 30 Meter tiefe Schlucht. Sie lag in einem Nebental des Potschajna, einem Dneprzufluss außerhalb der Stadtgrenze unweit des jüdischen Friedhofs.[7]

Das Massaker vom 29./30. September 1941

SS-Standartenführer Paul Blobel, Kommandeur des Sonderkommandos 4a
Habseligkeiten der Ermordeten in der Schlucht
„Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September bis 8 Uhr Ecke der Melny­kowa- /Dokto­riwski-Straße einzufinden. Mitzu­nehmen sind Doku­mente, Geld und Wert­sachen, sowie warme Be­kleidung, Wäsche, usw. Wer dieser Auffor­derung nicht nachkommt und ander­weitig angetroffen wird, wird erschossen. Wer in verlassene Woh­nungen von Juden eindringt oder sich Gegen­stände daraus aneignet, wird erschossen.“
Fotomontage des russischen, ukrainischen und deutschen Textes, 1942

Am 20. September 1941 – dem Tag nach dem Rückzug der Roten Armee aus Kiew – explodierte in der Zitadelle südöstlich des Stadtzentrums eine erste, vom sowjetischen Geheimdienst NKWD gelegte Zeitzündermine. In den Tagen ab dem 24. September erfolgten dann weitere derartige Bombenanschläge auf Gebäude entlang des zentralen Chreschtschatyk-Boulevards, in denen deutsche Besatzungsstellen untergebracht waren. Auch der Sitz des Oberkommandos der 6. Armee (AOK 6 unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau) wurde getroffen. Bei den Explosionen und Bränden kamen neben vielen Einheimischen auch zahlreiche deutsche Soldaten ums Leben. Noch während der Löscharbeiten fand am 26. September im Dienstsitz des Stadtkommandanten Kurt Eberhard eine Besprechung statt, um „Vergeltungsmaßnahmen“ zu beschließen. Neben Eberhard nahmen an diesem Treffen unter anderem SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln (Höherer SS- und Polizeiführer), SS-Brigadeführer Otto Rasch (Befehlshaber Einsatzgruppe C) sowie SS-Standartenführer Paul Blobel (Befehlshaber Sonderkommando 4a) teil. Die Anwesenden beschlossen, einen Großteil der Kiewer Juden zu ermorden – und zwar mindestens 50.000 der auf bis zu 150.000 Personen geschätzten Gemeinde.[8] Die Mordaktion sollte als „Evakuierungsaktion der Juden“ getarnt werden. Zur vereinbarten Arbeitsteilung zwischen Wehrmacht und SS berichtete SS-Obersturmführer August Häfner, der an dieser und den Folgebesprechungen teilnahm: „Wir mußten die Drecksarbeit machen. Ich denke ewig daran, daß der Generalmajor Kurt Eberhard in Kiew sagte: ‚Schießen müsst ihr!‘“ Vor den Angehörigen von SS und Wehrmacht sollte die Mordaktion als „Vergeltung für die Anschläge“ legitimiert werden.[9][10] Generalfeldmarschall von Reichenau forcierte die Aktion persönlich, wie aus einem Bericht der SS nach Berlin hervorgeht: „Wehrmacht begrüßt Maßnahmen und erbittet radikales Vorgehen“.[11]

Über eine öffentliche Bekanntmachung am 28. September forderten die Besatzer Jüdinnen und Juden in russischer, ukrainischer und deutscher Sprache auf, sich am Folgetag am westlichen Stadtrand von Kiew zu sammeln. Sie sollten warme Kleidung, Geld sowie persönliche Dokumente und Wertgegenstände mitbringen. Wer der Aufforderung nicht Folge leiste, werde erschossen. Mit dieser vorgeblichen Begründung sollte der Anschein geweckt werden, dass eine Umsiedelung oder Evakuierung der Bevölkerung stattfinden sollte. Dem Befehl folgten mehr als 30.000 Juden, die in Gruppen vom Sammelplatz in die Schlucht Babyn Jar außerhalb der Stadt getrieben wurden. Wehrmachtssoldaten halfen dabei, das Gelände zu umstellen und zu sichern. Die zusammengetriebenen Menschen mussten ihr Gepäck abgeben, sich entkleiden und in die mehrere Meter tiefe Schlucht treten. Anschließend wurden sie gezwungen, sich mit dem Gesicht zum Boden zu legen und gemäß dem „Einsatzbefehl der Einsatzgruppe Nr. 101“ systematisch durch Maschinengewehr- und Maschinenpistolenfeuer erschossen. In regelmäßigen Abständen wurde der wachsende Leichenberg mit Sand und Geröll zugeschaufelt. Nach dem Morden sprengten Pioniere der Wehrmacht zur Spurenbeseitigung die Ränder der Schlucht. Dabei wurden angeschossene, noch lebende Opfer lebendig begraben.[12][13] Bei den Erschießungen am 29. und 30. September wurden laut Ereignismeldung der SS-Einsatzgruppe C innerhalb von 36 Stunden 33.771 Juden ermordet.[14][15]

Eine der wenigen Überlebenden, Dina Pronitschewa, schildert das Grauen so:

„Sie mussten sich bäuchlings auf die Leichen der Ermordeten legen und auf die Schüsse warten, die von oben kamen. Dann kam die nächste Gruppe. 36 Stunden lang kamen Juden und starben. Vielleicht waren die Menschen im Sterben und im Tod gleich, aber jeder war anders bis zum letzten Moment, jeder hatte andere Gedanken und Vorahnungen, bis alles klar war, und dann wurde alles schwarz. Manche Menschen starben mit dem Gedanken an andere, wie die Mutter der schönen fünfzehnjährigen Sara, die bat, gemeinsam mit ihrer Tochter erschossen zu werden. Hier war selbst zum Schluss noch eine Sorge: Wenn sie sah, wie ihre Tochter erschossen wurde, würde sie nicht mehr sehen, wie sie vergewaltigt wurde. Eine nackte Mutter verbrachte ihre letzten Augenblicke damit, ihrem Säugling die Brust zu geben. Als das Baby lebendig in die Schlucht geworfen wurde, sprang sie hinterher.“[16]

Kurt Werner, Mitglied des Sonderkommandos 4a, berichtete 1947 vor dem Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess über das Massaker:

„Die Schützen standen jeweils hinter den Juden und haben diese mit Genickschüssen getötet. Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinuntersehen konnten (...) Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete, da unten diese schmutzige Tätigkeit auszuführen. Es war grauenhaft.“[17]

Vor den Erschießungen soll es laut Zeugenaussagen auch zu Fällen sexueller Gewalt gegenüber Frauen gekommen sein. Die Habseligkeiten der Ermordeten wurden in einem Lagerhaus aufbewahrt und an Volksdeutsche sowie bedürftige Einwohner Kiews verteilt. Die Kleider wurden in 137 Lkw verladen und der NS-Volkswohlfahrt übergeben.[18]

Nach dem Massaker lobte die Einsatzgruppe C die gute Zusammenarbeit mit der 6. Armee:

„Es ist der Einsatzgruppe gelungen, zu sämtlichen Wehrdienststellen vom ersten Tag an ein ganz ausgezeichnetes Einvernehmen herzustellen. Hierdurch wurde es auch ermöglicht, daß die Einsatzgruppe von Beginn ihres Einsatzes an sich niemals im Raum des rückwärtigen Heeresgebietes aufgehalten hat, daß vielmehr von der Wehrmacht immer wieder die Bitte ausgesprochen wurde, die Einsatzkommandos möchten sich möglichst weit vorne bewegen.“[19]

Für die Mordaktion waren Angehörige des SS-Sicherheitsdienstes (SD) des Sonderkommandos 4a unter Paul Blobel, der SS-Einsatzgruppe C unter Otto Rasch, die für die sogenannten Exekutivmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung zuständig war, das Polizeibataillon 303, Angehörige der Geheimen Feldpolizei, ukrainische Hilfspolizisten sowie die Wehrmacht verantwortlich.[20] Dem niederländischen Historiker Karel C. Berkhoff zufolge soll auch die „Bukowiner Kurin“, eine Militäreinheit der Melnyk-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten, am Massaker teilgenommen haben. Dem widerspricht Vitaly Nachmanovytsch mit dem Hinweis, die „Bukowiner Kurin“ sei frühestens Anfang November in Kiew eingetroffen. Zu der als erwiesen geltenden Beteiligung ukrainischer Hilfspolizisten seien Angaben in den Quellen zudem oft wenig differenziert, was eine genaue Bezifferung erschwere.[21][22][23]

Das Holocaust-Gedenkzentrum Babyn Jar veröffentlichte im Oktober 2021 anlässlich der offiziellen Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag eine Liste mit den ersten 161 erforschten Namen der Täter dieses Verbrechens.[24]

Weitere Massaker

Im April 1942 wurde, nur wenige hundert Meter von der Schlucht Babyn Jar entfernt, das Konzentrationslager Syrez errichtet. Es diente den deutschen Besatzern zur Internierung sowjetischer Kriegsgefangener, Partisanen und Juden, die die Massenerschießungen Ende September 1941 überlebt hatten. Von den 10.000 Häftlingen starb mehr als die Hälfte.[25]

Nach dem Massaker im September 1941 diente die Schlucht weitere zwei Jahre als Tötungsstätte. Die in Kiew stationierten Deutschen ermordeten dort Tausende von Menschen, sowohl Juden als auch Nichtjuden. Unter den weiteren Opfern befanden sich Patienten einer örtlichen psychiatrischen Einrichtung, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten. Die Tötungen in Babyn Jar wurden bis in den Herbst 1943 hinein fortgesetzt, kurz bevor die Rote Armee Kiew am 6. November 1943 von den Deutschen befreite (siehe hier).[26] Die Anzahl der Opfer liegt unterschiedlichen Schätzungen zufolge bei insgesamt zwischen 150.000 und 200.000 Menschen.

Vertuschungsaktion 1005 B

Mit dem Rückzug der Wehrmacht aus der Sowjetunion, sollten sämtliche Beweise für die Verbrechen an der Ostfront beseitigt werden. SS-Standartenführer Blobel kehrte im Juli 1943 als Verantwortlicher des Sonderkommandos 1005 nach Babyn Jar zurück und befahl die sogenannte „Enterdungsaktion.“[27] 327 Gefangene aus dem nahegelegenen KZ Syrez, bewacht von zehn SD-Männern sowie 30 deutsche Polizisten unter dem Befehl des SS-Sturmbannführers Hans Friedrich Sohns, gruben in vier Wochen rund 40.000 bis 45.000 Leichen aus dem Massengrab aus. Auf Scheiterhaufen verbrannten sie die Toten mit in Benzin getränkten Eisenbahnschwellen, die verbliebenen Knochen wurden in einer Knochenmühle zu Staub zermahlen. Den Opfern nahm man nachträglich noch Wertgegenstände ab.[28] Danach wurden die Zwangsarbeiter als Mitwisser erschossen. Einige entkamen und berichteten nach dem Krieg über diese Leichenverbrennungen.[29][30]

Rezeption in der Öffentlichkeit

Juristische Aufarbeitungen

Dina Pronitschewa, eine Über­lebende des Massakers, 1946 bei ihrer Aus­sage im Kriegs­verbrecher­prozess von Kiew[31]

Nach der Befreiung Kiews Anfang November 1943 verschafften sich sowjetische Untersuchungsorgane sofort einen genaueren Überblick. NKGB und die Außerordentliche Staatliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Verbrechen der deutschen faschistischen Eindringlinge erstellten Berichte. Im Januar 1946 wurden fünfzehn Deutsche im Kriegsverbrecherprozess von Kiew angeklagt. Ihnen konnte Babyn Jar nicht direkt zur Last gelegt werden, aber es nahm verhältnismäßig viel Platz ein, um das Wesen deutscher Besatzungspolitik und implizit die Angeklagten zu charakterisieren. Anklage und Urteil hoben allerdings für die Besatzungszeit die „Massenvernichtung sowjetischer Bürger“ hervor.[32]

Das Massaker von Babyn Jar war auch einer der Anklagepunkte in den Nürnberger Nachfolgeprozessen.[33] Das sowjetische Anklageteam legte dort schriftliche Dokumente über die Exhumierungen vor. Paul Blobel wurde beim Einsatzgruppen-Prozess des Mordes an 60.000 Personen, darunter der Opfer von Babyn Jar, für schuldig befunden, zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 in Landsberg gehängt.

Im Jahr 1968 wurden weitere sieben Mitglieder des Sonderkommandos 4a im Callsen-Prozess vom Landgericht Darmstadt zu Zuchthausstrafen verurteilt. Generalfeldmarschall Walter von Reichenau war schon 1942 an einem Schlaganfall gestorben; Generalmajor Kurt Eberhard verübte 1947 in US-Internierung in Stuttgart Suizid.[34]

Im Mai 1971 wurde vor dem Landgericht in Regensburg ein Prozess gegen den Kommandeur des Polizei-Bataillons 45, Martin Besser, den Kompanieführer Engelbert Kreuzer und den Feldwebel der Kompanie Fritz Forberg wegen Beihilfe zu tausendfachem Mord eröffnet. Nach zwei bzw. drei Tagen wurde das Verfahren gegen Besser und Forberg aufgrund amtlich attestierter Verhandlungsunfähigkeit eingestellt bzw. unterbrochen. Kompanieführer Kreuzer klagte man zudem als Mittäter bei 40.000-fachem Mord an. Im August 1971 wurde der Polizeimajor und SS-Sturmbannführer Kreuzer vom Gericht für schuldig befunden und zu sieben Jahren Haft wegen Beihilfe zum Massenmord von Babyn Jar verurteilt. Darüber hinaus war er laut Urteil an den Morden von Berdytschiw, Chorol, Slawuta, Schepetowka, Sudylkow und Winniza beteiligt. Das Regensburger Landgericht war örtlich zuständig, da das Polizeibataillon 45 zum Polizeiregiment Russland-Süd gehörte und dessen Kommandeur René Rosenbauer in Regensburg lebte. Das Verfahren gegen den Oberstleutnant Rosenbauer, der das Kommando des Regiments innehatte, wurde schon im Vorfeld wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.[35]

Keiner der Offiziere der Wehrmacht, die sich an Vorbereitung, Durchführung oder Vertuschung des Massakers beteiligt hatten, musste sich jemals vor Gericht verantworten.[36]

Umgang mit dem Massaker in der Zeit der Sowjetunion

Das Massaker von Babyn Jar blieb in einer breiteren Öffentlichkeit lange weitgehend unbekannt.[37] Zwar berichtete die New York Times bereits am 29. November 1943 darüber,[38] in der Sowjetunion wurde das Wissen um das Massaker jedoch von Regierungsseite manipuliert und unterdrückt.[39] So verschwieg die sowjetische Staatsführung das Verbrechen lange Zeit und vermied insbesondere, darüber zu berichten, dass hier fast ausnahmslos Juden umgebracht worden waren.[28] Josef Stalin hatte schon während des Krieges eine Kampagne gegen die sowjetischen Juden begonnen.[40] Zuzugestehen, dass die Nationalsozialisten vor allem Juden als Gruppe ermordet hatten, hätte für die sowjetische Regierung außerdem bedeutet, die Existenz der Juden als eigene Gruppe in der sowjetischen Gesellschaft anzuerkennen.[41] Die erste sowjetische Pressemitteilung über das Massaker in der Zeitung Iswestija vom 19. November 1941 hatte noch vermerkt, dass die Opfer von Babyn Jar ausschließlich Juden waren.[42] Der Ende Februar 1944, vier Monate nach der Befreiung Kiews, unter Leitung Nikita Chruschtschows veröffentlichte offizielle Bericht über das Massaker sprach dagegen von den Opfern nur als sowjetischen Bürgern, ohne darauf einzugehen, dass gezielt Juden ermordet worden waren. Die Publikation eines Schwarzbuches von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg über den Mord an den Juden wurde zensiert bzw. die Auslieferung unterbunden.[40][43] Auch die Beteiligung von Kollaborateuren sollte nicht erwähnt werden.[41]

Walentin Andrejewitsch Galotschkin: Babyn Jar, 1964

In der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod diskutierte das ukrainische Zentralkomitee 1957 Pläne für ein Denkmal, entschied aber, es sei besser, den Ort des Massakers mit einem Sportstadion zu überbauen. Nach einem offenen Brief des Schriftstellers Wiktor Nekrassow und einer Petition von Bürgern ließ die ukrainische Regierung verlautbaren, dass nun ein Park mit einem Denkmal in Babyn Jar gebaut werden sollte. Chruschtschow selbst sorgte dafür, dass die Pläne nicht weiterverfolgt wurden. Stattdessen wurde 1960 mit dem Bau eines Staudamms begonnen und Schlamm und Wasser aus einem nahegelegenen Steinbruch in die Schlucht gepumpt. Nach größeren Regenfällen und einem Unfall in der nahegelegenen Ziegelei brach der Damm am 13. März 1961 und überflutete Vororte im Norden Kiews. Nach Angaben der New York Times kamen dabei 145 Menschen ums Leben.[44][45] Es entsprach umgekehrt aber auch dem Schlingerkurs Chruschtschows, dass die Publikation des Gedichts Babyn Jar von Jewgeni Jewtuschenko am 19. September 1961 erlaubt wurde.[46]

Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof, der während des Massakers als Sammelpunkt gedient hatte, eingeebnet, um dort einen Fernsehturm zu errichten.[47] Ab 1966 begannen aber auch geduldete Gedenkmärsche mit tausenden Teilnehmern.[48] Schließlich wurde 1976 ein Denkmal eingeweiht, das aber nicht darauf einging, dass die Getöteten vor allem Juden waren.[49] Die Hauptfigur stellt einen jungen Mann dar, der heroisch-entschlossen nach vorne blickt. Dabei wirkt diese heroische Überhöhung der Hauptfigur mit dem kräftigen Körper seltsam unpassend als Erinnerung an ein Massaker, das Menschen ihrer Würde, ihres Körpers und überhaupt ihres Lebens beraubte. Er steht vor ineinander verschlungenen Körpern; an der Spitze des Denkmals ist der Körper eines Kindes zu erkennen. Eine später ergänzte Inschrift spricht von „Bürgern der Stadt Kiew“ und „Kriegsgefangenen“ und vermeidet den Hinweis auf Juden als Opfer.[50]

Am 29. September 1991 wurde das jüdische Denkmal „Menorah“ im Park Babyn Jar an der Metrostation Дорогожичі Dorohoschytschi der Öffentlichkeit übergeben. In den folgenden Jahren wurden weitere Denkmale errichtet, sodass der Historiker Andrej Kotljarchuk von einer Opferkonkurrenz spricht.[51] Befremdlich wirkt an dieser Stätte ein Kreuz, das an erschossene Mitglieder der ukrainischen Nationalisten erinnert, die zeitweilig mit den nationalsozialistischen deutschen Besatzern zusammengearbeitet hatten.[52]

Erinnerungspolitik in der Ukraine

Gedenkrede des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin

Anlässlich eines zweitägigen Besuches in der Ukraine, den Jitzchak Rabin am 12. und 13. September 1995 mit seiner Ehefrau Leah absolvierte, besuchten die Rabins auch Babyn Jar. In seiner dort gehaltenen Rede gedachte Rabin der Toten mit folgenden Worten:

„Hier in Babyn Jar haben die Männer des Sonderkommandos A4 die Träume kleiner Kinder vernichtet und die Herzen ihrer Eltern, die sie mit ihren eigenen Körpern zu schützen versuchten. Hier übertönte das Dröhnen der Gewehrsalven die Schreie Zehntausender von Kiewer Juden und vieler anderer Opfer. Und hier in diesem Höllenschlund endete die Geschichte einer großartigen jüdischen Welt – der Welt der ukrainischen Juden, aus deren Mitte die ersten Träumer von Zion hervorgingen, die besten jüdischen Dichter und Schriftsteller, die großen Pioniere und Wegbereiter des Zionismus.“

Zitiert nach Leah Rabin[53]

Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag

An der Veranstaltung in Kiew am 6. Oktober 2021 nahmen die Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Jitzchak Herzog und Frank-Walter Steinmeier teil. Die Erinnerung an die Verbrechen deutscher Truppen an diesem Ort sollte aber auch zugleich eine Mahnung sein, sagte Steinmeier:

„Denn wir müssen erinnern, um zu erkennen, wohin entfesselter Hass und Nationalismus, Antisemitismus und Rassenwahn führen können: Der deutsche Angriffs- und Vernichtungskrieg war eine mörderische Barbarei. Millionen fielen ihm zum Opfer. Sie wurden getötet, ermordet, in die Zwangsarbeit versklavt, verschleppt: Menschen, die den Nationalsozialisten nicht als Menschen galten. Hier in der Ukraine sollten ganze Landstriche – so heißt es in den Befehlen – systematisch „gesäubert“ und Kiew dem Erdboden gleichgemacht werden.“[54]

Gedenkstätten

Literarische Rezeption

Zum 20. Jahrestag des Massakers verfasste der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko das Gedicht Babyn Jar, dessen ersten zwei Verse in der deutschen Übersetzung von Paul Celan wie folgt lauten:

«Над Бабьим Яром памятников нет.
Крутой обрыв, как грубое надгробье.»

„Nad Babjim Jarom pamjatnikow net.
Krutoi obryw, kak gruboje nadgrobje.“

„Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein.“[55][56]

Mit seinem Gedicht erlangte Jewtuschenko 1961 Weltruhm. Im eigenen Land führte es zu heftigen kulturpolitischen Auseinandersetzungen, da er erstmals in der Sowjetunion an den Massenmord an Kiewer Juden von 1941 erinnerte und die Anklage gegen das deutsche Verbrechen mit dem offiziellen Antisemitismus im eigenen Land verband, durch welchen den Opfern ein Denkmal verweigert wurde.[57] Nachdem der Text zunächst als Samisdat im Umlauf gewesen war, las Jewtuschenko das Gedicht erstmals im September 1961 öffentlich in Moskau. Am 13. September 1961 erschien es in der sowjetischen Literaturzeitschrift Literaturnaja gaseta. Die Auseinandersetzungen verschärften sich noch, nachdem der Komponist Dmitri Schostakowitsch das Gedicht 1962 als Kopfsatz mit der Tempobezeichnung Adagio seiner 13. Sinfonie in b-Moll op. 113 vertont hatte.[58] Laut Frank Grüner ist neben Jewtuschenkos Gedicht keine künstlerische Bearbeitung des Babyn-Jar-Themas auf ein derartiges lebhaftes Interesse gestoßen wie die Uraufführung der Sinfonie am 18. Dezember 1962 im Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium.[59] An der Weigerung des Dirigenten Jewgeni Mrawinski, diese Uraufführung zu leiten, zerbrach dessen langjährige Freundschaft mit Schostakowitsch.

Bereits 1944 erinnerte Ilja Ehrenburg in einem Gedicht an die Opfer von Babyn Jar. In dem von ihm und Wassili Grossman herausgegebenen tausendseitigen Schwarzbuch über die verbrecherischen Massenvernichtungen der Juden in der Sowjetunion 1941–1945 behandelt der erste Text die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Kiew; Babyn Jar.

Anatoli Kusnezow hat in dem Dokumentar-Roman Babyn Jar – Die Schlucht des Leids über dieses Massaker aus unmittelbarer Nähe und nach den Zeugnissen Überlebender berichtet. Der Massenmord wird auch in dem Roman Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell dargestellt.

Katja Petrowskaja, die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2013, thematisiert in dem von ihr gelesenen Text Vielleicht Esther die Erschießung ihrer jüdischen Urgroßmutter 1941 in Kiew.[60] Er erzählt vom Versuch der Nachgeborenen, den Mord erzählend hinauszuschieben.[61] Auch anlässlich des 70. Jahrestages 2011 hat die Autorin in ihrer Reportage Spaziergang in Babij Jar an das Massaker erinnert.[62]

Im Roman Nastjas Tränen aus dem Jahr 2021 von Natascha Wodin wird berichtet, wie Nastjas Schwester Tanja zwanzig Jahre nach dem Massaker von dem Verbrechen erfährt. Erzählt wird, wie Tanja am 13. März 1961 morgens in Kiew einkaufen gehen will und sich in den zweiten Stock eines Rohbaus retten muss, als der Damm bricht, zu dem die Schlucht bei Babyn Jar umgestaltet wurde. Dieser Dammbruch bringt die schrecklichen Ereignisse, die man bis zu diesem Zeitpunkt zu verschweigen versuchte, zurück ans Licht.

Film und Fernsehen, filmische Dokumentationen, Ausstellungen, Hörspiel

Über das Verbrechen wurden mehrere Filme gedreht, unter anderem:

Ausstellung in Berlin: Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944. Topographie des Terrors. Berlin. 28. September 2016 bis 19. März 2017.[63]

Siehe auch

Literatur

  • Ilja Altman: Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941–1945. Mit einem Vorwort von Hans-Heinrich Nolte. Aus dem Russischen von Ellen Greifer. Muster-Schmidt, Gleichen/Zürich 2008, ISBN 978-3-7881-2032-0; Russische Originalausgabe: Жертвы ненависти. Холокост в СССР, 1941–1945 гг. – Schertwy nenawisti. Cholokost w SSSR 1941–1945, „Fond Kowtscheg“, Moskwa 2002, Rezension auf H-Soz-Kult, 24. Oktober 2008.
  • Klaus Jochen Arnold: Die Eroberung und Behandlung der Stadt Kiew durch die Wehrmacht im September 1941. Zur Radikalisierung der Besatzungspolitik. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 58/1999, S. 23–63.
  • Franziska Davies, Ekaterina Makhotina: Offene Wunden Osteuropas. Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs. wbg Theiss, Darmstadt 2022, ISBN 978-3-8062-4432-8, S. 93–117 (= Kapitel Babyn Jar – Ein Schauplatz der Vernichtung des sowjetischen Judentums).
  • Patrick Dempsey: Babi-Yar. A Jewish Catastrophe. P. A. Draigh, Measham 2005, ISBN 1-904115-03-9.
  • Karl Fruchtmann: Die Grube. Drehbuch zu einem Film. Donat, Bremen 1998, ISBN 3-931737-44-6.
  • Nathalie Gerstle: Callsen-Prozess (Babij-Jar). In: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Transcript, Bielefeld, 2007, ISBN 978-3-89942-773-8, S. 143–145.
  • Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg (Hrsg.): Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1994, ISBN 3-498-01655-5; Kapitel Kiew; Babi Jar, S. 43–58, Zeugenberichte aus dem Jahr 1945, 1946/47 zum Druck vorbereitet von L. Oserow.
  • Vladyslav Hrynevych, Paul Robert Magocsi (Hrsg.): Babyn Yar. History and Memory. Duch i Litera, Kyiv 2016, ISBN 978-966-378-470-0 (auch ukrainisch; Aufsatzsammlung: Konferenzbeiträge des Jahres 2016).
  • Stefan Klemp: „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch. 2. Auflage. Klartext-Verlag, Essen 2011, ISBN 978-3-8375-0663-1, S. 63 f.
  • Anatoli Kusnezow: Babi Jar. Ein dokumentarischer Roman. Volk und Welt, Berlin 1968; neu ediert und übersetzt aus dem Russischen von Irina Nowak. Mit einem Nachwort von Benjamin Korn. Matthes & Seitz, Berlin 2001, ISBN 3-88221-295-0.
  • Anatoli Kusnezow: Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2026, ISBN 978-3-7518-1042-5.
  • Vitaliy Nakhmanovych (Hrsg.): Babyn Yar. Memory against History’s Background. Laurus, Kyiv 2017, ISBN 978-617-7313-02-0; Katalog zur Ausstellung im Kiewer Historischen Museum (ukrainisch, englisch).
  • Dieter Pohl: Die Einsatzgruppe C 1941/1942. In: Peter Klein (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Gedenk- und Bildungsstätte Haus Wannseekonferenz, Berlin 1997, ISBN 3-89468-200-0, S. 71–87.
  • Richard Rhodes: Die deutschen Mörder. Die SS-Einsatzgruppen und der Holocaust. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2002, ISBN 978-3-404-64218-2, insbesondere S. 262–275.
  • Hartmut Rüß: Wer war verantwortlich für das Massaker von Babij Jar? In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 1998, 57, S. 483–508 (Zur Rolle der Wehrmacht).
  • Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 102–113.
  • Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hrsg.): Babyn Jar. Der Ort, die Tat und die Erinnerung. Berlin 2021. Themenheft der Zeitschrift Osteuropa ISBN 978-3-85035-114-0
  • Harald Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-089431-6. (Insbesondere Kapitel Tötungsarbeit – Die Durchführung.)
  • Erhard Roy Wiehn (Hrsg.): Die Schoáh von Babij Jar. Das Massaker deutscher Sonderkommandos an der jüdischen Bevölkerung von Kiew 1941. Fünfzig Jahre danach zum Gedenken. Hartung-Gorre, Konstanz 1991, ISBN 3-89191-430-X (Aufsatzsammlung).
  • Wolfram Wette: „Schießen müßt ihr!“ In: Die Zeit, Nr. 48/2001; über das Massaker von Babij Jar.
Commons: Babi Yar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

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