Beta Israel

äthiopische Juden, Falaschen From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Beta Israel (Betä Ǝsraᵓel, ge‘ez ቤተ፡ እስራኤል)[1] oder Falascha (Fälaša, ፈላሻ,[2] „Heimatlose, Außenseiter“, „Landlose“, „Exilierte“, im modernen Sprachgebrauch pejorativ konnotiert) sind eine ethnisch-religiöse Gruppe, deren Mitglieder ursprünglich in Äthiopien beheimatet waren. Von ihrem Siedlungsgebiet um den Tanasee und nördlich davon emigrierten die meisten Mitglieder der als Juden anerkannten Gruppe ab Ende der 1970er Jahre nach Israel.[3] Dort bezeichnen und sehen sich ihre Angehörigen heute meist schlicht als Äthiopier oder als äthiopische Juden (hebräisch יְהוּדֵי אֶתְיוֹפְּיָה).[4] Ihre ursprüngliche Religion galt als äthiopischer Zweig der jüdischen Religion, wies aber ursprünglich keine Verbindung zum Judentum auf.[5]

Ende 2021 waren 164.400 Personen in Israel äthiopisch-jüdischer Abstammung, von denen wiederum 90.600 in Äthiopien geboren worden waren. Das heißt, dass weniger als 2 Prozent der Bevölkerung Israels äthiopischer Abstammung waren.[6] Über ihren Ursprung ist viel debattiert worden. Obwohl die Gruppierung erst ab dem 14. Jhd. in Äthiopien historisch greifbar ist, wurde teilweise ein weitaus höheres Alter angenommen. Ihre eigene Überlieferung kennt mehrere Erklärungen für ihre Anwesenheit in Äthiopien, etwa eine Abkunft vom Stamm Dan, oder der Gefolgschaft des Königssohnes Menelik, Nachkomme von Salomon und der Königin von Saba, welcher bei seiner Rückreise aus Äthiopien die Bundeslade aus dem Jerusalemer Tempel geraubt und nach Äthiopien verbracht hätte. Am wahrscheinlichsten gilt heute, dass es sich bei ihnen um eine autochthone Gruppierung handelt.[7] Klar ist, dass sie jahrhundertelang im Norden Äthiopiens (Gondar, Tigray) lebten, wo sie eigene unabhängige Staaten bildeten, die im 17. Jahrhundert allesamt von den Kaiserlichen zerstört wurden.

Seit ihren ersten beständigen Kontakten mit dem europäischen Judentum Anfang des 20. Jahrhunderts identifizieren sie ihre Religion – die sie Haymanot (ge‘ez ሃይማኖት) nannten – mit der der Fremden und nahmen bereitwillig die unbekannten Rituale, Gebräuche und Gebote der europäischen Juden in ihre kulturelle Praxis auf mit dem Ziel, ihren Glauben an das normative Judentum (rabbinische Judentum) anzupassen. 1975, nach dem entscheidenden Urteil des Rabbinats, erkannte die israelische Regierung die Falaschen als Juden an und erlaubte ihnen die Einreise nach Israel. Ihr Exodus fand ab 1977 unter schwierigen Bedingungen und dank einer Luftbrücke statt. Zu nennen sind hier vor allem die Operationen „Mose“ im Winter 1984/85 und „Salomon“ im Frühjahr 1991, bei welchen insgesamt mehr als 20.000 Falaschen nach Israel gelangten. In Israel wurden sie bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft das Opfer von teils heftigem Rassismus und Diskriminierung. In der Gesellschaft des jüdischen Staates halten sie auch noch Jahrzehnte nach ihrer Einwanderung nach Israel und der Konversion zum normativen Judentum eine gesellschaftliche Außenseiterrolle inne, leben häufig in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen und stoßen mitunter auf heftige Ablehnung und Intoleranz.[8] In der jüngeren Vergangenheit haben sie vor allem durch die Unruhen und gewalttätige Ausschreitungen im Zuge des „Blutskandals“, und des „Empfängnisverhütungsskandals“, sowie durch die „BLM-Proteste“ auf sich aufmerksam gemacht.

Terminologie

Im Laufe ihrer Geschichte wurden zahlreiche, auch regional unterschiedliche Begriffe verwendet, um die Falaschen und ihren Glauben zu bezeichnen. So wurden sie in der Region um Gondar mitunter als Kailas (es soll „überschreite nicht [den Takkaze]“ bedeuten), in Welkait und Tchelga als Foggaras, und von den Iimormas und Gallas als Fenjas bezeichnet.[9] Der Begriff Falasha/Falaschen („Außenseiter“, „Landlose“, „Exilierte“), etablierte sich erst Anfang des 16. Jhd. als diskriminierende Fremdbezeichnung für die ethno-religiöse Gemeinschaft. Es ist also gewissermaßen ahistorisch den Begriff auf Gruppen aus früheren Perioden anzuwenden, in deren Kontinuität die heutige Gemeinschaft stehen soll. Das gilt auch für andere Begriffe. Darüber hinaus existiert der Begriff Beta Israel (ge’ez, wörtlich „Haus Israel“) der gemäß einer späten Überlieferung/Legende seinen Ursprung im 4. Jhd. hat und mit der Konversion der Bevölkerung Aksums zum Christentum in Verbindung stehen soll.[10] Im äthiopischen Kontext war die Verwendung des Begriffs nicht auf die im Volksmund als Falaschen bekannte Volksgruppe beschränkt. Vielmehr bezieht sich der Begriff Esra’élawiyan „Israeliten“ in den meisten Kontexten eher auf ein angeblich von König Salomon abstammendes Mitglied der kaiserlichen Dynastie denn auf einen „äthiopischen Juden“. Seit den 1980er Jahren ist es auch der Begriff, der in der wissenschaftlichen Literatur am häufigsten verwendet wird, um sich auf die Gemeinschaft zu beziehen, was vor allem daran liegt, dass ihm nie eine diskriminierende Bedeutung zu eigen war und er daher im Gegensatz zu den anderen Begriffen als „unbelastet“ betrachtet werden kann. Für die Zeit vor den 80er Jahren findet man hingegen kaum wissenschaftliche Literatur, die den Begriff Falaschen nicht verwendet. Der Begriff Ayhud/Yehudi[11], „Juden“ (besser: Häretiker), in der Vergangenheit eher selten als Selbstbezeichnung verwendet, da er von den äthiopischen Christen als abwertende Bezeichnung für ketzerische Gruppen genutzt wurde, welche sich in Opposition zur Orthodoxie begeben hatten. Juden im allgemein akzeptierten Sinne des Begriffs bezeichnete er, wenn überhaupt selten. Es sei außerdem erwähnt, dass sich die Falaschen vor dem 20. Jhd. nicht allgemein als Juden sahen, beziehungsweise bezeichneten. Erst der Kontakt zu den europäischen Juden hat Anfang des 20. Jhd. eine Identifikation ihres Glaubens mit dem (in Europa praktizierten) Judentum bewirkt.[12] Als Chawa/Choa wurden die freien Männer in der Gemeinde zu beziehen, die im Gegensatz zu den Barya, den Sklaven standen.[13] Darüber hinaus findet sich auch die Eigenbezeichnung Oritawi-Falasha („Tora-treue Falaschen“), die zur Artikulation der Kontrarietät zwischen den Falaschen und den Falash Mura – den zum Christentum konvertierten Ayhud – genutzt wurde.[14] In der israelischen Presse wird nahezu ausschließlich der Begriff „äthiopische Juden“ zur Bezeichnung dieser ethno-religiösen Gruppe verwendet und zudem rückwirkend auf die Vergangenheit projiziert. Damit wird eine Verbindung zum Judentum suggeriert, die nach heutigem Kenntnisstand nicht bestand. Der Begriff ist daher als Fachterminus ungeeignet und wird in der Fachwelt nicht verwendet.[15]

Lebensweise, Kultur und Religiöse Praxis

Die Beta Israel haben im Laufe ihrer Geschichte gewaltige gesellschaftliche und kulturelle Umwälzungen erlebt. Kein Bereich ihres Lebens ist von diesen Umwälzungen unbeeinflusst geblieben. Aus diesem Grund mag es sinnvoll sein, den nachfolgenden Abschnitt in zwei getrennte Blöcke zu teilen. Es soll aber keineswegs unerwähnt bleiben, dass die Falaschen auch schon vor ihrer Auswanderung nach Äthiopien eine Transformation ihrer Kultur, Religion und Lebensweise erlebt haben. Die Umwälzungen selbst werden im nachfolgenden Abschnitt nur am Rande erwähnt. Eine eingängige Analyse erfolgt hingegen unter „Entstehung“ und „Geschichte“.

In Äthiopien vor der Konversion zum normativen Judentum

Siedlungsstruktur

Ursprünglich lebten die Falaschen in etwa 500 kleinen Dörfern rund um Gondar in den Regionen Begemder und Simien nördlich und nordöstlich des Tanasees, in den Bergen der heutigen Provinzen Amhara und Tigray. Daneben sollen sich auch in Lasta einige geschlossene Siedlungen existiert haben.[16] Aus kultischen Gründen siedelten sie meist an den Fluss- oder Bachläufen.[17] Die Zahl der Falaschen in allen Dörfern Äthiopiens addiert soll um 1800, nach groben Schätzungen, zwischen 50.000 und 120.000 betragen haben. Für die Zeit um 1920 werden ähnliche Zahlen angenommen. Die jüngere Forschung geht hingegen von geringeren Zahlen aus.[18] Die Dörfer – üblicherweise auf einem Berg oder Hügel errichtet – waren meist sehr klein und wurden selten von mehr als 30 Familien bewohnt. Sie lagen in der Regel getrennt und abseits der Orte der Andersgläubigen. Wo sie gezwungen waren, mit Andersgläubigen zusammenzuleben, grenzten sie sich unter Zuhilfenahme von Hecken oder Zäunen von diesen ab. Als Behausungen dienten ihnen kleine, runde, fensterlose Hütten mit Strohdächern,[19] die erst bezogen werden konnten, wenn darin das Blut eines Tieres vergossen worden war und die zu betreten Ungläubigen strengstens untersagt war.[20] Meist teilten sich mehrere Orte ein gemeinsames Gotteshaus (Mesgid, der Begriff leitet sich von ge’ez sgd, „sich verbeugen“ ab),[21] wobei der Ort, in welchem sich der Kultort befand, oder aber jener, in dem der örtliche Priester (Kāhnāts) wohnhaft war, gewissermaßen als Zentrum galt. Die Priester hielten in den Gemeinden nicht nur die religiöse Autorität inne, sondern waren auch ihre weltlichen Herren. Die Gelehrten (Dabtarāts, der Begriff findet sich teilweise auch als Bezeichnung für Priester im Allgemeinen) standen unter den Kāhnāts. Sie waren neben anderen Dingen, zusammen mit den Mönchen (Manakosāts oder Falāsyāns), für die rudimentäre schulische Ausbildung der Knaben zuständig, die im Wesentlichen aus dem Lesen der Heiligen Schrift und dem Rezitieren von Gebeten bestand. Daneben gab es noch Diakone (Diyāqonāts). Die klerikale Struktur der Beta Israel entsprach der, der äthiopischen Christen.[22] Sprache Die meisten Falaschen sprachen – und sprechen in der Diaspora vielfach auch heute noch –[23] Quarāsa, einen Dialekt des kuschitischen Agau. Der Dialekt war vor allem in Quara gebräulich in Lasta wurde hingegen überwiegend Chamir, in Gondar und Woggera Kāyliñña und bei den westlichen Gruppen Kemantnay gesprochen. Es handelt sich wie bei Quarāsa auch hier um Dialekte des Agau. In Gegenden, in denen sich die Siedlungsräume der Falaschen mit denen der äthiopischen Christen überlappten, waren sie häufig auch des Amharischen mächtig. Als Schriftsprache diente ihnen das Amharische (Ge’ez) alle ihre Heiligen Schriften waren darin abgefasst. Ein großer Teil der Psalmen und sonstigen Gebete wurde in altäthiopischer Sprache abgehalten, wobei der rezitierte Text von den betenden Laien im Regelfall nicht verstanden wurde.[24] Auch die Bedeutung der altertümlichen Begrifflichkeiten auf Agau, mit welchen die in Ge’ez verfassten Gebete durchsetzt waren, war der Masse der Laien unbekannt. Entgegen anderslautenden Berichten früher Reisender – konkret geht es hier um die Berichte portugiesischer Jesuiten, denen zufolge die Falaschen Bibeln auf Hebräisch besaßen und eines verstümmelten Hebräisch mächtig waren –[25] war den Falaschen diese Sprache bis zur Ankunft der ersten europäischen Juden in Äthiopien im späten 19. und frühen 20. Jhd. völlig unbekannt.[26]

Berufliche Betätigung und Rolle in der Äthiopischen Feudalordnung

Die Falaschen entwickelten sich ab Mitte des 18. Jhd. zu einer Kaste begabter Handwerker und Landwirte. Die Männer arbeiteten oft als Zimmerleute, Maurer und Schmiede oder verdingten sich als Soldaten, wohingegen die Frauen töpferten, webten und Körbe flochten.[27] Die Kleidung, welche von den Frauen der Falaschen gewoben wurde unterschied sich dabei kaum von der der Christen. Gebetsmäntel, Schaufäden und andere Dinge waren den Falaschen bis zu ihrer Missionierung durch jüdische Missionare unbekannt. Die Priester trugen Turbane wie die christlichen Prieser, während die Laien ihre Köpfe in der Regel unbedeckt ließen und kahlschoren. Die wollenen Hosen der Männer waren unten eng und oben weit, die Arbeitskleidung der einfachen Leute bestand dagegen aus einem einfachen, knielangen Hüfttuch oder einer kurzen Hose, als Festkleid diente eine Toga. Die Frauen trugen im Freien meist lange bunte Kleider, daneben Armbänder und Ohrring. Das in Äthiopien häufig anzutreffende Durchstechen der Nase war unüblich. Die Laien trugen meist keine Schuhe.[28]

Die handwerklichen Fähigkeiten brachten den Falaschen von Seiten der Christen den Ruf ein, über Zauberkräfte zu verfügen und mit bösen Geistern im Bunde zu stehen. Von den Falaschen – besonders von den Schmieden – wurde behauptet, dass sie zur Verwandlung in Hyänen fähig seien. Außerdem würden sie Kadaver essen und das Blut von Christen trinken.[29] Den Handel verschmähten sie – wohl aus religiösen Gründen. Sie wurden von ihren christlichen Herren mit hohen Steuern und Abgaben belastet, was wohl als Ursache für ihre relative Armut trotz ihres ausgesprochenen Fleißes betrachtet werden muss.[30]

Wie die Christen hielten die Falaschen auch Sklaven, Barya genannt Gefangene Sklaven erhielten einen neuen Namen und wurden zur Konversion zum Glauben ihrer Herren gezwungen. Beim Bekehrungsritual fand auch eine rituelle Beschneidung der männlichen Sklaven statt. Dem liegt zugrunde, dass sie nach Auffassung der Falaschen ohne diese Maßnahmen nicht in das Haus gelassen werden konnten, denn der Sklave hätte die Behausung sonst rituell veruneinig. Als „echte Gläubige/Falaschen“ galten die Sklaven nach ihrer Zwangsbekehrung nicht. Die Sklaven waren in den Augen der Gemeindemitglieder auch keine Menschen im eigentlichen Sinne, denn durch die mit der Versklavung einhergehende Entwurzelung hätten sie die für das Leben fundamentale Verbindung zur Geschichte ihrer Sippe und ihren Ahnen verloren und lebten daher auf dieser Ebene nicht wirklich.[31] Die Sklaven migrierten später vielfach mit ihren Herren nach Israel, wobei die Hierarchie zwischen Barya und Chawa auch im Heiligen Land fortbestand.[32]

Die Falaschen erlaubten keine Ehen außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft. Die Gesellschaft war patrilinear organisiert. Hochzeiten waren aufwendige, mehrere Tage dauernde Festlichkeiten. Die meisten Ehen waren monogam, jedoch hatten wohlhabende Männer gelegentlich Zweitfrauen. Mädchen sollten keusch bleiben, bei Verlust der Jungfräulichkeit drohte Exkommunikation, auch Ehebruch wurde streng bestraft, wobei sich Frauen in den lodernden Flammen des reinigenden Feuers einem Läuterungsritual unterziehen mussten. Scheidungen kamen vor, waren aber selten.[33]

Kult, Religion und Religiöse Praxis

Überblick über das Glaubenssystem

Die Falaschen glaubten, bzw. glauben an einen einzigen Gott, von ihnen „Egzi’abḥēr“ bezeichnet, der von ihnen als Befreier von der Sünde, Beschützer und Gewahrer der göttlichen Gnade betrachtet wird. Dieser Gott wird als eine anthropomorphe Gestalt betrachtet, welche mit Moses und der Sabbatkönigin kommuniziert. Er thront auf einem von Feuer umgebenen, himmlischen Thron und wacht über die Falaschen. Das Wort „Egzi’abḥēr“, das auch von äthiopischen Christen genutzt wird, bedeutet wörtlich übersetzt „Herr des Landes“. Darüber hinaus wird die Gottheit auch mit anderen hebräischen Begriffen wie „Adonai“ und „Elohim“, welche sich im Orit finden, bezeichnet. Der Orit (Pentateuch) zu finden sind, dass sowohl von Falashas als auch von äthiopischen Christen gemeinsam verwendet wird. Zudem haben die Beta Israel auch zwei Namen für Gott – Herzigā und Adarā – welche aus dem Agaupantheon übernommen sind.

Überdies glauben die Falaschen an eine Vielzahl übernatürlicher Wesen wie Engel und Teufel. Der Erzengel Michael erfährt dabei besondere Verehrung und besitzt einen monatlichen Gedenktag. Zudem glauben sie an eine messianische Gestalt namens Tēwodros (Theodore), die eine neue Ära einleiten wird. Dieser Glaube führte im 19. Jhd., unter Kaiser Tēwodros, zu messianischen Endzeiterwartungen, welche in Pilgerströmen nach Israel mündeten. Die Beta Israel hegen auch eine besondere Verehrung für den Sabbat, den sie ähnlich wie äthiopische Christen als weiblich gedachte Vermittlerin zwischen den Sündern und Gott betrachten. Sie betrachten den Sabbat als ihnen zugehörig und bezeichnen ihn als „die Mittlerin der Christen“. Neben diesen religiösen Überzeugungen teilen die Beta Israel die Auffassung von bösen (Sayṭāne) und guten Geistern (Adbār) mit den Anhängern der anderen Religionen Äthiopiens. Zur Abwehr der schadbringenden Geister werden Amulette getragen und Hexendoktoren konsultiert. Die gütigen Geister sich insbesondere im Gebirge und auf Hügeln zu finden.[34]

Religiöses Schrifttum

Neben dem Alten Testament – das mit dem der äthiopischen Christen identisch war und daher auch zahlreiche apokryphe Werke wie etwa das äthiopische Henochbuch, das Buch der Jubiläen oder das Buch Tobit enthielt[35] – umfasste der Schriftkorpus der Falaschen eine Vielzahl weiterer Schriften, die allesamt entweder in Ge’ez oder Amharisch verfasst waren. Sie waren alle von den Christen übernommen. Anzumerken ist, dass die Falaschen im Gegensatz zu den christlichen Abessiniern, nicht nur das Oktateuch als Orit (Tora) bezeichneten, sondern das ganze Alte Testament.[36] Viele der Bücher waren erst im 14. Jhd. über Arabien nach Äthiopien zu den dortigen Christen gelangt und über diese dann weiter zu den Falaschen. In ihrer Bibel fand sich das Arde’et (eine apokryphe Erzählung über den Auszug aus Ägypten, Offenbarungsszenen und Gebete und Zaubersprüche zum Zwecke der Befreiung von Krankheiten, daneben enthält es Gebete des Moses),[37] das Mota Muse, das Gadlat von Abraham und jenes von Adam, Isaak und Jakob, das Buch Te’ezaza Sanbat (das neben den titelgebenden Sabbatvorschriften auch noch über andere Themen informiert) und ein „Buch der Engel“ sowie das Buch Gorgorius, die Baruch-Apokalypse und das Buch Esra. Daneben kennen sie eine Josephus zugeschriebene „Geschichte der Juden“, Siena Ajhud, und ein Buch mit dem Namen Mashafa Astaserit, welches Auszüge aus den Gesetzen, den Psalmen und den Propheten enthält. Das Octateuch galt ihnen als Heiligstes und Gesetz. Das bereits erwähnte Buch der Jubiläen entfaltete besonderen Einfluss auf Glaube und Liturgie.[38] Der Talmud war ihnen bis zum 20. Jhd. unbekannt.[39]

Priestertum, Mönchtum, Kultgebäude und Opferkult

Der auffälligste Unterschied zwischen Haymanot, der ursprünglichen Religion der Falaschen (die man oftmals als äthiopisches Judentum bezeichnet hat), und dem normativen Judentum ist, dass die Falaschen bis ins 20. Jhd. einen auf dem Alten Testament beruhenden Opferkult praktizieren, was zu der Vermutung geführt hat, dass die Entstehung der Falaschen Äthiopiens mit dem Ende des 5. Jhd. v. Chr. dem Untergang anheimgefallenen jüdischen Gemeinde in Elephantine in Verbindung stehen könnte. Ziegen wurden als Reinigungs- und Sühneopfer, Lämmer als Dank- und Gelübdeopfer dargebracht. Darüber hinaus kannten die Falaschen unblutige Opfer, so wurden zum Erntefest Ähren geopfert.[40] Die für die Opferhandlungen genutzten Altäre standen in umfriedeten heiligen Bezirken hinter den Gotteshäusern, zu denen lediglich die Priestern zutritt hatten. Die Gotteshäuser der Falaschen, die sich am höchsten Punkt des Ortes befanden und deren Eingänge stets nach Osten ausgerichtet waren,[41] lehnten sich, ebenso wie die zur Zeit der Salomonischen Dynastie errichteten Gotteshäuser der Christen,[42] baulich an den in der Bibel beschriebenen Salomonischen Tempel in Jerusalem an. So fand sich – zumindest bei den meisten Gotteshäusern – im Inneren eine Teilung des Raumes in drei Sektionen.[43] Im Innenraum der Mesgid wurde die Heilige Schrift – die immer ein Buch und nie eine Rolle war[44] – aufbewahrt, daneben befand sich ein Behältnis mit Weihwasser und ein Gefäß der Asche einer roten Färse und eine Nachbildung des Dekalogs aus Marmor, Stein oder Holz. Idealerweise war das Gotteshaus von Akazien, Ölweiden oder einheimischem Wacholder umgeben. Der Zutritt zur Mesgid und dem Bereich des Altars war streng reglementiert. Das Betreten des Gotteshauses war für Aussätzige, Personen mit einer einjährigen Wunde, solche mit dunklerer Hautfarbe – was in den Augen der Falschen auf eine außereheliche Zeugung hindeutete –, Personen, die zwischen Haymanot und der christlichen Religion hin und her wechselten, Mädchen, über die durch eine Notzüchtigung furchtbare Schuld und Schande gekommen war und die von ihren Eltern keine Begnadigung für diese Schande erfahren hatten, Männer, die von einer Hyäne gebissen wurden, sowie all jene, die am Donnerstag oder Freitag vor dem Sabbat Geschlechtsverkehr hatten untersagt.[45]

Neben Jahwe verehrten die Falaschen auch eine weiblich gedachte Personifikation des Sabbats, der sie aus Bier, Kuchen und Brot bestehende Speis- und Trankopfer darbrachten. Dem Glauben der Falaschen zufolge verfügte sie über zehntausend mal zehntausend Engel, welche nur darauf warteten, ihren Befehlen Folge zu leisten. Auch die Christen Äthiopiens kennen solch eine Gestalt.[46] Sie erwarteten das Kommen des Messias, mehrfach kam es in ihrer Geschichte zu messianischen Bewegungen.[47] Während für die Leien lediglich zwei tägliche Gebete vorgeschrieben waren, beteten die Priester und Gelehrten (eine Unterscheidung der beiden Gruppen findet sich in der Literatur nicht immer) siebenmal. Bei den religiösen Oberhäuptern gab es unterschiedliche Grade und eine interne Hierarchie. Je nach Grad waren die Priester/Gelehrten entweder vermählt oder aber entmannt und zölibatär lebend. Starb die Frau eines Priesters, so war es ihm untersagt, sich erneut zu verehelichen. Sie lebten im Dorf in aller Regel getrennt von den übrigen Dorfbewohnern. Meist wurden Erstgeborene zu Priestern bestimmt. Männer, deren Sohn oder Enkel mit dauerhafter Unreinheit belegt waren, konnten ebenso wenig ordiniert werden, wie solche, die mit einem Christen gespeist hatten. Die Falaschen kannten bis in die zweite Hälfte des 20. Jhd. auch ein im 15. Jhd. dem äthiopischen Christentum entlehntes Mönchtum, das aus diesem Grund jenem der äthiopischen Christen auch überaus ähnlich war.[48] Die Mönche, Manakosāt oder Falāsyān, lebten in kleinen, klosterähnlichen Gemeinschaften oder als Einsiedler, darüber hinaus gab es auch Nonnen.[49] Daneben spielten Geisterbeschwörer, Wahrsager und Regendoktoren in der Gesellschaft eine wichtige Rolle in. Sie waren hoch angesehen und sehr geschätzt.[50]

Feier- und Fasttage

Ursprünglich begingen die Falaschen eine Vielzahl von teils sehr eigentümlichen Festen, darunter auch geheime Festtage. Ihr Festkalender umfasste wöchentliche, monatliche und jährliche Feiertage. Ursprünglich kannten sie für den ersten Monat nur den hebräischen Begriff „Nisān“, während die restlichen Monate in ihrem jeweiligen Dialekt nummeriert wurden. Dabei orientierten sie sich am Vorbild des Buches Henoch und wechselten sich lange Monate mit 30 Tagen mit kurzen Monaten mit 29 Tagen ab. Alle vier Jahre wurde ein Monat eingefügt, um den Mondkalender mit dem Sonnenkalender zu synchronisieren. Als die Falaschen zum normativen Judentum konvertierten, übernahmen sie dann den jüdischen Kalender und dessen hebräische Bezeichnungen. Auf Anregung von Jacques Faitlovitch wurden zu Beginn des 20. Jhd. die wöchentlichen Feiertage gestrichen und nachbiblische jüdische Feste wie Chanukka, Purim, Zom Gedalja, Simchat Tora und Tisha BʾAv in ihren Festkalender integriert, Festtage, die den Falaschen zuvor völlig unbekannt waren. Im Folgenden soll ein Überblick über die Feiertage der Falaschen in vor der Anpassung ihrer Religion an das normative Judentum erfolgen.[51]

Bei Berhān śaraqa/tazkāra abrahām handelt es sich um ein traditionelles Fest der Beta Israel, das am ersten Tag des siebenten Monats gefeiert wird. Von früheren Quellen wird es auch als tazkāra abrahām (Gedenken an Abraham) oder einfach nur tazkār bezeichnet. Das Fest wird in den jüngeren Kalendern der Beta Israel als re’esa awda amat (Erster des Jahres) aufgeführt, was eine Übersetzung des hebräischen Rosh Hashanah darstellt. Obwohl der biblische Teil über Abrahams Opferung Isaaks am jüdischen Rosh Hashanah gelesen wird, betrachten die Beta-Israel-Priester die Feier dieses Tages als Neujahr als neumodische Ergänzung. Für sie handelt es sich vorrangig um den Tag der Schöpfung der Welt und den Tag des kommenden Gerichts. In der Vergangenheit pflegte man an diesem Tag das Widderhorn zu blasen, um dem Widder zu gedenken, das anstelle Isaaks geopfert wurde. In den späten 80er Jahren wurde dieser Brauch bereits nicht mehr länger gepflegt.[52] Neun Tage nach Berhān śaraqa feierten die Falaschen das Astasreyo, welches dem jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur entspricht und heute schlicht als solcher benannt wird. In vergangenen Zeiten hielten die Falachen an diesem Tag eine nächtliche Wache, die am Vorabend begann und sich über den Großteil des darauffolgenden Tages erstreckte. Ursprünglich waren dem Fastentag rituelle Handlungen der Reue zugeordnet, wie das Streuen von Hirse auf Steine und das Segnen von Nahrungsmitteln in der Mesgid am Ende des Tages. Das Fest war von eigenartigen Reinigungsriten, welche die Menschen von ihren Sünden befreien sollten, begleitet. Am Nachmittag während des Gebets sprangen die Gemeindemitglieder für mehrere Minuten auf und ab, begleitet Zischlauten und schrille Geschrei. Sobald der dadurch aufgewirbelte Staub das Atmen erschwerte, riefen die Priester zur Ordnung und setzen den Gottesdienst weiter fort. Dem Fest geht ein Fasten mit dem Namen Anākel astar’i (unsere Sühne) am zehnten Tag des sechsten Monats voraus.[53] Das „Tabernakelfest“, Ba’āla maṣalla, welches den Auszug aus Ägypten erinnerte, fand anschließend, vom 15. bis zum 22. Tag des siebenten Monats statt, wie auch das jüdische Sukkot. Ursprünglich durfte während des fröhlichen Festes keine körperliche Arbeit verrichtet werden, in späterer Zeit galt dies jedoch nur noch für den ersten und den letzten Tag. Laubhütten wurden keine errichtet, jedoch wurden an diesen, wie an anderen Festtagen frische Blätter auf den Boden der Mesgid gelegt.[54] Die Falaschen kannten, bzw. kennen außerdem ein Pilgerfest mit den Namen Seged, am 29. Tag des 8. Monats welches in ähnlicher Form auch den äthiopischen Christen unter dem Namen Mehellā (Tag der Bitte) bekannt ist und an zehn festen Tagen begangen wird. Der Begriff wurde in früheren Zeiten auch von den Falaschen zur Bezeichnung des Festes gebrauchten. Das Fest fand auf einem Berg oder Hügel außerhalb der Ortschaft statt, wobei der Hügel auch als „Berg der Bitte“ bezeichnet wurde. Der Berg wurde mit dem Berg Sinai verglichen und musste kultisch rein sein. Das Gleiche galt für die Teilnehmer des Festes, welche sieben Tage lang keinen Sexualverkehr gehabt haben durften. Das Fest markiert dabei auch den Neumond des 9. Monats, welcher von den Gläubigen als der wichtigste Neumond des Jahres betrachtet wurde, bzw. wird. Das Fest erinnerte an Esras Anklage gegen jene, welche sich treulos fremden Weibern hingegen, und durch ihre Mischehen Israel beschmutzt und Schuld und Schande über das Volk gebracht hätten (Esra 10,10–12). Der Tag war eng mit der klösterlichen Praxis verbunden und markierte für die Mönche und Nonnen eine „Zeit des Rückzugs“. Am Morgen vor dem Pilgern wurde eine oder ein Ochse als Opfer dargebracht, dann wurden in einer Prozession Steine auf den Berg getragen und in einem Kreis um die Priester platziert. Die Priester gingen voraus, hinter ihnen die Dabtarāt, welche Kopien der Orit auf ihren Köpfen balancierten. Die Laien versammeln sich in einem Kreis um die Geistlichen, anschließend wurde aus der Bibel gelesen, gebetet, gesungen und gefeiert. Am Ende der Pilgerreise stiegen die Priester vom Berg hinab und stimmten Lieder an, begleitet von den Gläubigen, die in kleine Metallhörner bliesen. Als die Priester sich der Mesgid näherten, wurde eilig die Nagārit (Trommel) von einem von ihnen herbeigebracht, und sie sangen und tanzten mit der Orit in den Händen. Ähnliche Pilgerfeste fanden auch in Zeiten drohenden Unheils statt. 2008 wurde das Fest in Israel zum Nationalfeiertag erhoben. Sein Anlass wurde dabei auf den Empfang der Tora auf dem Berg Sinia umgemünzt.[55]

Der Festkalender der Falaschen kannte außerdem zwei Ernte- bzw. Erntedankfeste, Mā’rar genannt, an welchen Jahwe Ährenopfer dargebracht wurden. Das Fest zur Erinnerung an das „echte“ Erntefest am 12. Tag des 3. Monats wurde am gleichen Tag des 9. Monats gefeiert, wobei der Grund für die Doppelung unklar ist. Möglich scheint, dass das zweite Mā’rar die Getreideernte markierte.[56] An den beiden Tagen nach dem späteren Erntefest fand ein Fasten, mit dem Namen Ṣoma Astēr – „Esterfasten“, statt, welches keine Verbindung zu Purim besaß. Es handelte sich dabei um einen von zwei solchen Fastterminen im liturgischen Kalender der Beta Israel, der „eigentliche“ Fastentag fand dabei vom 11. bis zum 13. Tag des 11. Monats statt. Diese Dopplung könnte auf die saisonale Verschiebung oder Verwechslung zwischen dem jüdischen Monat Adar und dem äthiopischen Monat H̰edār zurückgehen. Obgleich das Buch Esther der der Bibel der Falaschen war, gelangte Purim erst im zwanzigsten Jahrhundert, unter jüdischem Einfluss, in den Festkalender der Beta Israel. Ein Fasten der Ester findet sich im Übrigen auch im Kalender der Abessinier, welche es Soma deh̰nat nennen.[57] Ein weiterer Fasttag war die Ṣoma fāsikā oder fāsikā, das Pessachfasten, Fāsikā. Es ging der Fāsikāfeier, welche vom 15. bis zum 22. Tag des ersten Monats andauerte, unmittelbar voraus. Zweck des Fastens war, das Vergessen der Art der bitteren Kräuter zu sühnen.[58] Der Begriff fāsikā, ist hierbei derselbe, welcher auch von den Amharen für Ostern verwendet wird. In äthiopischen Kalenderabhandlungen wird Pessach als Feśḥ bezeichnet. Obwohl sich beide Wörter hierbei vom hebräischen pesāch abgeleitet sind, wird Fāsikā von den Christen ausschließlich zur Benennung des Ostersonntags gebraucht. Die Beta-Israel verzehrten während der Pessachwoche ein besonderes ungesäuertes Brot namens Qiṭṭa oder Auitha, der Seder war ihnen allerdings bis zum Beginn des 20. Jhd. unbekannt. Während der Festtage herrschte ein striktes Arbeitsverbot, das Verspeisen von Gesäuertem war ursprünglich bei Steinigung verboten. Die Schlachtung des Opferlamms, eine Praxis, welche bis in die 80er Jahre andauerte, erfolgte am Sonntagmorgen. Es wurde bereits am ersten Abend verspeist. Vom Sabbat nach Passah an – als „Sabbat der Gnade“ bekannt, konnten sich die Gläubigen durch Gebete und gute Taten von den von ihnen begangenen Sünden befreien. Bis zur Einführung des jüdischen Kalenders in den 1050er Jahren gebrauchten die Beta-Israel den Abu Shaker zur Datierung des Fāsikāfestes. Noch 1973 gab es unter den im Semiengebirge lebenden Falaschen eine Kontroverse darüber, ob ihre Fāsikā zu einem anderen Datum als das Osterfest ihrer christlichen Nachbarn gefeiert werden sollte.[59] Neben den bereits genannten Fasttagen fand vom ersten bis zum 10. Tag des 4. Monats ein fasten mit dem Namen Ṣoma tomos statt, dessen Bedeutung ungeklärt ist. Obwohl die Falaschen die jüdischen Monatsnamen erst im 20. Jhd. gebrauchten, scheint der der Name des Fastens mit dem hebräischen Tammus in Verbindung zu stehen. Womöglich gedachten die Falschen mit diesem Fest dem Durchbruch der Mauern Jerusalems. Ein weiteres Fasten war das Ṣoma ab, das vom ersten bis zum siebzehnten Tag des fünften Monats befolgt wurde. Anlass war das Gedenken an die Zerstörung des Ersten Tempels im Jahr 586 v. Chr., sowie das Fortdauernde Exil. Ursprünglich wurde das Fest offenbar als Pilgerfest zelebriert und war Seged/Mehellā womöglich nicht unähnlich. Den ganzen Tag über – von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang – durfte weder gegessen noch getrunken werde. Nur Kleinkinder, Alte und Kranke waren von dieser Regelung ausgenommen. Auch in den Abendstunden durfte weder Fleisch noch Milchprodukte konsumiert werden.[60]

Ein weiterer wichtiger Feiertag der Falaschen war der Zabarabu sanbat (Yasanbat sanbat), der Sabbat der Sabbate, welcher jährlich im fünften Monat begangen wurde. Der Begriff Zabarabu leitet sich dabei von dem Wort ab, das vier oder vier bedeutet, was darauf hinweisen könnte, dass er am vierten Sabbat dieses Monats gefeiert wird. Außerdem wird jeder siebte Sabbat als ein Tag „der Gnade und Barmherzigkeit“ gefeiert, an denen sich die Priester von ihren Sünden freisprechen können. Nach F. Luzzatto hießen die sieben Sabbate Alef, Lamed, Ibarabo, Kamma-Yafager, Amlake-Amlake-Igayyis, Amlake-Amlake-Nazaranni und Wabarako. Der jährliche „große Sabbat“, Yobel genannt, wurde alle neunundvierzig Wochen gefeiert. Auch noch nach der Streichung aus dem Festkalender, erfreute sich das Fest unter den Falaschen Äthiopiens großer Beliebtheit und wurde mit Bier und Tanz gefeiert. Am 18. Tag des sechsten Monats erinnern die Falaschen dem Tod von Abraham, Isaak und Jakob, Asartu wasamantu genannt. Die Abessinier kennen ein Fest zum selben Anlass.[61]

Neben diesen jährlichen Festtagen kannten die Falaschen eine ganze Reihe von monatlichen Festtagen. Es beginnt mit Ač̣araqā ba’āl, dem Neumondfest, welches am ersten Tag eines jeden Monats zelebriert wurde. Er wurde als „glücklicher Tag“ ohne eine tiefere Bedeutung begangen und ähnelt dem Māh̰bar der Abessinier. Dorfhaushalte bereiten Bier und Brot zu, welches von einem Priester gesegnet und dann geteilt wurde. Jeden Monat finden am zehnten, zwölften und fünfzehnten Tag kleinere Feste statt, die als Erinnerung an die großen jährlichen Feierlichkeiten dienen. Asart erinnert am Zehnten an Astasreyo, Asrā hulat, am Zwölften, erinnert an Mā’rar und asrā ammest am Fünfzehnten erinnert sowohl an Fāsikā als auch an Ba’āla Maṣallat. Weiter soll das monatliche Gedenken am Zwölften ein Fest zu Ehren des Erzengels Michael sein, welcher von den Falaschen als Schutzpatron betrachtet wird. Auch die Christen Äthiopiens begehen an diesem Tag ein Fest zu seinen Ehren.[62] Ein eigentümlicher monatlicher Gedenk- bzw. Festtag ist das geheime Arfe asart (asefert), über dessen Bedeutung und genaues Datum Uneinigkeit herrscht. L. Luzzatto berichtet, dass er am zehnten Tag zu Ehren der Juden begangen wurde, die die Zerstörung des Tempels überlebt hatten, während J.M. Flad einen Arfe Asart verzeichnete, das am achtzehnten Tag in Erinnerung an einen großen Heiligen gefeiert wurde. Teilweise wird es auch auf den Dreißigsten eines jeden Monats mit einem jährlichen großen Festtag im zehnten Monat datiert. Beim Begriff Arfe handelt es sich um den kuschitischen Begriff für Monat, wohingegen sich Asart wohl von Ge’ez „zehn“ ableitet. Zweck und Bedeutung des Feiertages sind unklar. Nach einer Erklärung handelt es sich um einen „Sonnenfeiertag“ (yaẓaḥāy ba’āl) nichtbiblischen Ursprungs. Er sei von den Priestern eingeführt worden, um einen klaren Unterschied zwischen den Falaschen und den Christen zu markieren, welche „in der Zeit nach Gideon“ versucht hätten, die Beta Israel mit Gewalt zu Aufgabe ihres Glaubens und der Annahme des Christentums zu bewegen. Der Feiertag dient dabei als entscheidendes Erkennungsmerkmal der Falaschen. Personen, die mit ihm vertraut sind, werden als Beta Israel identifiziert, während Unwissende als Christen betrachtet werden. Bei dem Festtag handelt sich um ein gut gehütetes Geheimnis innerhalb der Gemeinschaft, das nicht leichtfertig geteilt wird, gelangt ein Falasche an einen neuen Ort, so kann er mithilfe der Frage nach Asart feststellen, ob er sich in einem Falaschen- oder Christendorf befindet. An dem Festtag wird nicht gearbeitet.[63]

Die Falschen brachten (und bringen) dem Sabbat, welchen sie wie die Christen sanbat qadāmit, „ersten Sabbat“ nannten und als weibliche Gestalten personifizierten, große Ehre entgegen, das Entzünden des Herdfeuers war ebenso untersagt wie Geschlechtsverkehr oder das Überqueren von Flüssen. Er wurde im Wesentlichen mit dem Beten in der Mesgid verbracht, lediglich unterbrochen durch Zeiten zum Speisen. Auch das Kriegführen war an diesem Tage untersagt, lediglich zum Zwecke der Verteidigung war der Griff zur Waffe gestattet. Überdies galten bis in die 1840er Jahre Montag, Donnerstag und Freitag als Fasttage, wobei von allen Gemeindemitgliedern über sieben Jahre ein striktes Einhalten der Fastengebote erwartet wurde. Mitte des 20. Jhd. galt dann nur noch der Donnerstag als Fasttag, in den 70er Jahren fand das Fastengebot an diesem Tag nur noch vonseiten der Alten Beachtung. Während das Montagsfasten auf Abba Batri zurückgeführt wurde, wurde das Donnerstagsfasten mit Jesaja- und das Freitagsfasten mit Moses in Verbindung gebracht. An Fasttagen durfte von morgens bis abends weder gegessen noch getrunken werden. Der Donnerstag galt hierbei als Zeit der Seelenprüfung.[64]

Geburtsrituale, Ehe und Totenrituale

Die Falaschen beschnitten wie die äthiopischen Christen die Knaben wie die Mädchen. Die Beschneidung (Gezet) der Mädchen und Knaben fand am achten Tag nach der Geburt statt, wohingegen Rathjens angibt, dass die Mädchen erst am Ende der zweiten Woche beschnitten wurden.[65] Die Klitoridektomie wurde immer von einer Frau durchgeführt. Fiel der achte Tag auf einen Samstag, so wurde die Zirkumzision erst am Neunten durchgeführt, um die Sabbatruhe nicht zu verletzen. Dies stellt eine Ähnlichkeit zu dem Judentum der Karäer und einen wesentlichen Unterschied vom normativen Judentum dar, bei dem Buben auch am Sabbat beschnitten werden.[66] Die Beschneidung fand ohne irgendeine Form der Festlichkeit statt.[67] Die Falaschen führten zudem ein der Taufe nicht unähnliches Ritual durch, bei Mädchen 40, bei Knaben 80 Tage nach der Geburt, bei dem auch die Benennung des Säuglings stattfand. Quelle des Rituals war ein Buch mit dem Namen Arde‘et, welches auch in einer christlichen Version vorliegt, für die Taufpraxis der Abessinier jedoch bedeutungslos ist.[68]

Die Falaschen praktizierten eine strenge Endogamie, Ehen außerhalb der Religionsgemeinschaft waren streng untersagt, gleichzeitig durften die Eheleute aber auch nicht zu eng verwandt sein. Die Ehe mit klassifikatorischen Verwandten galt bis zu sieben Generationen als Inzest.[69] Mädchen wurden um die Zeit der ersten Blutung verheiratet,[70] für die Männer lag das Heiratsalter zwischen 20 und 30.[71] „Erstgeborene durften nur Erstgeborenen heiraten.“[72] Die Eheschließungen waren von großen Festlichkeiten begleitet, die bis zu einer Woche andauern konnten. Am Vorabend der Hochzeit, genannt Ensaslaye, versammeln sich Nachbarn und Verwandte im Haus des zukünftigen Bräutigams. Priester führen Rituale durch und binden dem Bräutigam einen Faden um die Stirn. Danach übernachtet der Bräutigam im Haus der Braut. Am nächsten Tag begleiten Diener des Bräutigams und Verwandte die Braut in sein Haus. Wenn die Braut ihre Jungfräulichkeit bewahrt hat, wird sie gesegnet. Bei Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe erfolgt die Annullierung der Ehe und Ausschluss der Besudelten aus der Gemeinschaft.[73] Ihre (auch heute noch) meist monogamen Ehen[74] sollen sehr kinderreich gewesen sein. Neben ihren Ehefrauen hielten sich die Männer von hohem Status häufig noch Mätressen – entweder gefangene Sklavinnen oder aber geschiedene Frauen. Reichere Männer mit vielen Konkubinen verteilten ihre Lustobjekte teils auf mehrere Dörfer, sodass die Frauen nicht voneinander wussten. Während von jungen Männern das Verbreiten ihres Samens und das Sammeln von sexuellen Erfahrungen vor der Ehe erwartet wurde, galt die Keuschheit der Mädchen als hohes, schützenswertes Gut. Mädchen, welche vor der Ehe ihrer Jungfräulichkeit verlustig gingen, drohte Exkommunikation und Verbannung aus der Gemeinschaft.[75] Ehebruch wurde hart bestraft, wobei hier nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer harte Strafen erwarte, was mitunter als Ursache dafür betrachtet wurde, dass Geschlechtskrankheiten bei ihnen lange vergleichsweise selten waren. Heute sind HIV und Aids unter den in Israel lebenden Falaschen hingegen weit verbreitet. Frauen, die der Treulosigkeit für schuldig befunden wurden, mussten sich im reinigenden Feuer einer Läuterung unterziehen. Scheidungen kamen vor, waren aber selten. Verglichen mit der Stellung von Frauen in christlichen Gemeinschaften wies die Gesellschaft der Falaschen eine geringere Geschlechtsdifferenzierung auf, sowohl in sozialer als auch in religiöser Hinsicht.[76] Es ist jedoch zu betonen, dass diese „relativ egalitäre Atmosphäre“ nicht im Einklang mit zu modernen Egalitätsansprüchen steht. Vielmehr manifestierte sich in ihrer Gesellschaft eine ausgeprägte patriarchalische Organisationsstruktur.

Die mit dem Tod eines Gemeindemitgliedes einhergehende religiöse Zeremonien und Praktiken der Falaschen ähnelten stark jenen der äthiopischen Christen.[77] Lag ein Gemeindemitglied im Sterben, so wurde ein Beichtvater ans Totenbett berufen. Dieser Beichtvater, der stets ein Mönch war, vollzog drei Tage nach dessen Tod dann auch das an Jahwe gerichtetes Sühneopfer auf dem Altar bei der Mesgid, bei welchem es sich im Übrigen um einen schlichter, unbehauener Stein handelte. Starb der vermeintlich im Sterben liegende, entgegen allen Erwartungen im Nachgang der vermeintlich letzten Beichte doch nicht, so vollzog er dieses Opfer selbst. Der Körper des Verstorbenen wurde nach dem Tod sofort gereinigt, in ein Baumwolltuch gewickelt und aus dem Haus geschafft. Wer den Toten berührte, wurde rituell unrein.[78] Die Verwandten und Freunde sammelten sich dabei um das Haus, stimmten Totenklagen (Laqso) an, schoren sich die Haare und erzählten lautstark von den guten Taten des Verstorbenen, wobei dies mitunter Stunden andauern konnten. Bei der Begräbniszeremonie, die üblicherweise unmittelbar nach dem Tod vollzogen wurde, zumindest wenn die Person nicht am Abend oder in der Nacht verstorben war, wurden Psalmen aus der Heiligen Schrift gelesen. Der Verstorbene wurde nicht in einem Sarg begraben, stattdessen wurde das etwa 5 Fuß tiefe Loch mit Steinen ausgekleidet, wodurch verhindert werden sollte, dass der Tote das Erdreich berühre. Schließlich wurde auf das Grab ein Baum gepflanzt. Am dritten und siebten Tag nach dem Ableben, sowie ein Jahr danach, war es üblich, dem Verstorbenen ein Opfer darzubringen, das als notwendig für den Übergang ins Totenreich betrachtet wurde. Die Größe dieses Opfers variierte je nach Wohlstand der Familie und konnte mitunter beeindruckende Ausmaße erreichen. Das Fleisch der Opfertiere wurde gekocht oder geröstet und dann von den beim Totenmahl Anwesenden verspeist. Die Familie des Toten arbeitete sieben Tage lang nicht. Unbeschnittenen, Ehebrechern und Exkommunizierten wurde keine Totenzeremonie zuteil.[79]

Reinheits- und Speisegebote

Die Reinheitspraktiken der Falaschen waren weitaus strenger als jene des rabbinischen Judentums. Vor dem Essen und nach dem Essen war jeweils eine rituelle Waschung erforderlich. Im Falle einer Abwesenheit von Wasser konnte auch Erde zur Reinigung dienen. Eine solche Waschung zur Wiederherstellung der Reinheit wurde auch nach dem Kontakt mit unreinen Dingen praktiziert, außerdem war eine siebentägige Absonderung von der Gemeinde geboten. Eine solche Rituelle Unreinheit konnte ihre Ursache in einer Vielzahl von Dingen habe. Neben der Berührung von Toten oder unsachgemäß geschlachteten Tieren konnte sie auch durch den bloßen Kontakt mit „Ungläubigen“ erfolgen. Solch ein Kontakt machte das Wechseln der Kleider, rituelle Waschungen, Läuterung und eben jene eben genannte zeitweilige räumliche Trennung von der Gemeinde erforderlich, für die spezielle, meist abgeschiedene Hütten zur Verfügung standen, welche von einem Steinkreis umgeben waren, durch dessen Lücken kleine Kinder Keramikteller mit Essen für die Frauen schoben. Ähnliche Behausungen für Unreine Mitglieder der Gemeinde bestanden auch bei anderen Agauvölkern. Auch während der Zeit ihrer Blutung wohnten die Frauen aufgrund der mit der Blutung einhergehenden Unreinheit in diesen Hütten. Ebenso verursachte die Geburt eines Kindes eine der Mutter anhaftende Unreinheit, die eine Isolation von der Gemeinde erforderte. Ward ihnen ein Mädchen geboren, so mussten sie achtzig Tage in der Hütte zu bringen, nach der Geburt eines Jungen lediglich vierzig.[80] In manchen Gemeinden bewohnten alle unreinen Mitglieder – egal welchen Geschlechts oder der Ursache der ihnen anhaftenden rituellen Unreinheit – dieselbe Hütte.[81] Während der Zeit der Unreinheit, durfte der unrein Gewordene lediglich rohe Bohnen als Nahrung zu sich nehmen.[82] Die Reinheitspraktiken brachten ihnen von Seiten der Abessinier den Vorwurf ein, nach Wasser zu stinken.[83] Neben der allgegenwärtigen Furcht vor Unreinheit war der Alltag der Falaschen vom Glauben an den „bösen Blick“ und der Furcht vor bösen Geistern, welche Unwetter, Regen und Krankheiten bringen können, durchdrungen. Amulette und magische Rituale spielten daher eine wichtige Rolle in ihrem täglichen Leben.[84]

Die bei den Falaschen gereichten Speisen unterschieden sich kaum von denen der äthiopischen Christen. Auch befolgten sie ähnliche Speisegesetze, so ist etwa auch den Abessiniern der Verzehr von Schweinefleisch untersagt. Ein Unterschied bestand im Konsum von rohem Fleisch, welches in Äthiopien als Delikatesse geschätzt, von den Falaschen jedoch strikt abgelehnt wurde.[85] Sie ernährten sich vorwiegend von ungesäuertem Brot (Qitta) und einer Art Fleischragout (Chiro). Getrunken wurde überwiegend ein Bier aus Dagussa-Körnern oder Metwasser. Die alttestamentarischen Speisegesetze wurden streng eingehalten. Daneben waren ihnen Produkte, die von Andersgläubigen hergestellt worden waren, bis auf wenige Ausnahmen streng verboten. Ebenso das Essen von Blut und rohem Fleisch,[86] weswegen die Teile des geschächteten Tieres so lange ausgewaschen wurden, bis kein Blut mehr an ihm klebte. Auch das Fleisch eines eigentlich koscheren Tieres, das von einem unreinen Tier gebissen worden war, galt den Falaschen als unrein.[87] Allerdings wurde Ex 23,19 nicht als allgemeines Verbot des Mischens von Milch und Fleisch interpretiert, das Kochen von Fleisch in Butter war sogar eine übliche Form der Zubereitung von Fleischgerichten,[88] Das Schächten der Tiere durfte lediglich von verheirateten Männern durchgeführt werden. Asketisch lebende Priester aßen aus Gründen der rituellen Reinheit keine Speisen, die von Frauen zubereitet worden waren.[89] Der Genuss von Tabak war den Falaschen mit Verweis auf Ps 72,9 streng untersagt.[90] Während der Fastenzeit durften weder Fleischprodukte noch Milch konsumiert werden.[91]

In Israel nach der Konversion zum Normativen Judentum

Wohnsituation und soziale Lage

Der überwiegende Teil der Beta Israel lebt heute in Israel, wo sie eine sozial benachteiligte und vielfach diskriminierte Bevölkerungsgruppe darstellen. Ende 2021 waren von insgesamt 164.400 Falaschen in Israel rund 61.500 Personen (37,4 %) im Zentralbezirk ansässig, etwa 11.000 (6,5 %) im Bezirk Tel Aviv, während ungefähr ein Viertel im Südbezirk lebte.[92] Gegenüber dem Vorjahr wuchs die Bevölkerungszahl um etwa drei Prozent.[93] Die Wohnverhältnisse sind vielfach durch eine Konzentration in randständigen, teils ghettoähnlichen Quartieren weniger Städte mittlerer Größe gekennzeichnet. Die dort bewohnten Häuser befinden sich aufgrund großzügiger staatlicher Hypotheken- und Subventionsprogramme nicht selten im Eigentum der Bewohner.[94]

Versuche der israelischen Regierung, eine solche räumliche Segregation durch eine dezentrale Ansiedlung der äthiopischen Einwanderer insbesondere in wirtschaftsstarken Regionen des Landes zu vermeiden, blieben jedoch weitgehend erfolglos. Ausschlaggebend hierfür war vor allem der Wunsch vieler Falaschen, kostengünstig und im engen familiären Verbund zu leben. Daneben ist ein erheblicher Teil der äthiopischen Bevölkerung weiterhin in Sozialwohnungen oder in ehemaligen Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Auffällig ist zudem die im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen geringe räumliche Mobilität, die ebenfalls eng mit der Präferenz für das Leben im erweiterten Familienverband zusammenhängt.[95] Da zahlreiche Vermieter einen Wertverlust ihrer Immobilien befürchten, werden Wohnungen häufig nicht an Falaschen vergeben.[96]

In Regionen, in denen Siedlungsgebiete äthiopischer Einwanderer und jüdischer Veteranen räumlich eng beieinanderlagen, kam es insbesondere in der Frühphase der äthiopischen Immigration wiederholt zu Spannungen, Ausschreitungen und offenen Konflikten zwischen weißen Veteranen und schwarzen Äthiopiern. Größere Städte waren hiervon stärker betroffen als kleinere. Zahlreiche Kommunen verweigerten die Aufnahme äthiopischer Einwanderer, während sich in Teilen der Bevölkerung Ablehnung und Ressentiments gegen diese Gruppe ausbreiteten, die vereinzelt auch in gewalttätige Auseinandersetzungen mündeten.[97] Hinzu kam, dass sich viele Äthiopier nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtungen bei der Wahl ihres Wohnortes als ausgesprochen anspruchsvoll erwiesen und Wohnungen ablehnten, die ihren Vorstellungen hinsichtlich Mietkosten, Arbeitsmöglichkeiten, Nähe zur eigenen Sippe oder klimatischer Bedingungen nicht entsprachen.[98]

Berufliche Tätigkeit und Arbeitslosigkeit

Ein zentrales Integrationshemmnis für die erste Generation der Beta Israel bildeten das insgesamt niedrige Bildungsniveau sowie die fehlende berufliche Qualifikation der Einwanderer. Abgesehen von wenigen Ausnahmen verfügten sie bei ihrer Ankunft über keine für eine entwickelte Volkswirtschaft wie die israelische unmittelbar verwertbaren Berufserfahrungen. Die Mehrheit sprach kein Hebräisch, und bei den über 37-Jährigen lag der Analphabetismus bei über 90 %, was viele Israelis irritierte und desillusionierte.[99]

Unmittelbar nach der Einwanderung wurden Anstrengungen unternommen, die Äthiopier in den Arbeitsmarkt einzugliedern, was zunächst durchaus Erfolge zeigte. Vor 1991 lag die Erwerbsquote der arbeitsfähigen Äthiopier Schätzungen zufolge bei rund 80 %. Etwa 85 von 100 Männern, die im Rahmen der Operation „Mose“ ausgeflogen worden waren, nahmen an berufsvorbereitenden Qualifizierungsprogrammen teil, vor allem in metallverarbeitenden Berufen, im Kfz-Bereich sowie im Bau- und Holzhandwerk. Unter den Frauen lag dieser Anteil bei etwa 40 %, wobei sie überwiegend für soziale Tätigkeiten und die Textilverarbeitung ausgebildet wurden. Infolge der isolierten Wohnsituation vieler Einwanderer und der wirtschaftlichen Stagnation in Israel gerieten jedoch bald zahlreiche Personen erneut in Arbeitslosigkeit. 1999 gingen lediglich 53 % der Männer im Alter von 25 bis 54 Jahren einer regulären Beschäftigung nach, verglichen mit 76 % der gleichaltrigen Gesamtbevölkerung, meist im verarbeitenden Niedriglohnsektor. Bei den Frauen betrug die Erwerbsquote 38 %, gegenüber 68 % bei israelischen Frauen insgesamt; sie waren vor allem im Dienstleistungsbereich tätig. Tätigkeiten mit geringem sozialem Ansehen wurden von vielen Äthiopiern abgelehnt, da sie als entehrend galten.[100]

In den folgenden Jahren verschärfte sich die Lage weiter. 2002 waren 66 % der äthiopischen Haushalte auf staatliche Unterstützungsleistungen zur Deckung grundlegender Bedürfnisse angewiesen,[101] und 2010 galten 77 % der erwachsenen Äthiopier als arbeitslos.[102] Zumindest teilweise war diese hohe Erwerbslosigkeit auch darauf zurückgeführt, dass viele Beta Israel die umfassende staatliche Versorgung als selbstverständlich und als Entschädigung für erlittenes Leid in Äthiopien ansah und daher keine Notwendigkeit verspürte, einer regelmäßigen Erwerbsarbeit nachzugehen.[103] Vor allem unter sowjetischen Einwanderern führte dies zu der diffamierenden Zuschreibung als faul und tumb.[104]

Bildung

Ein erheblicher Teil der jungen Äthiopier – konkret etwa 90 % derjenigen, die im Zuge der ersten Einwanderungswellen nach Israel kamen – wurde nach der Ankunft in überwiegend religiösen Internaten untergebracht und damit von den Eltern getrennt. Ziel dieser Politik war es, die Kinder zu loyalen Mitgliedern der jüdisch-israelischen Mehrheitsgesellschaft zu formen und sie dem Einfluss ihrer vielfach analphabetischen Eltern zu entziehen. Diese Strategie erinnert in ihrer Grundanlage an die bis in die 1970er Jahre praktizierte Assimilationspolitik gegenüber den australischen Ureinwohnern. Die angestrebte Integration blieb jedoch aus; stattdessen verstärkten sich soziale Segregation und die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern. Zugleich versuchte die Regierung, den Anteil äthiopischer Schüler in einzelnen Klassen möglichst unter 25 % zu halten, um bessere Integrationschancen zu schaffen. In der Praxis wurde dieses Ziel jedoch häufig verfehlt, sodass der Anteil äthiopischer Schüler an manchen Schulen über 70 % lag.[105]

Hinzu kam, dass zahlreiche Eltern nicht-äthiopischer Herkunft sich grundsätzlich weigerten, ihre Kinder gemeinsam mit äthiopischen Schülern unterrichten zu lassen. Sie befürchteten eine Beeinträchtigung des Lernerfolgs und drohten wiederholt damit, ihre Kinder von den Schulen zu nehmen, falls keine Trennung zwischen weißen und schwarzen Schülern vorgenommen werde. In vielen Fällen setzten sich diese Proteste durch.[106]

Die schulischen Leistungen der jungen Äthiopier fielen zunächst äußerst bescheiden aus. Im Schuljahr 1992/93 legten lediglich 27 % der äthiopischen Schüler die für die Hochschulreife erforderliche Prüfung ab, wobei nur ein sehr geringer Teil diese auch bestand.[107] Wagaw zufolge war im Jahr 1985 lediglich einem von 35 äthiopischen Prüflingen ein erfolgreicher Abschluss beschieden.[108] In den folgenden Jahrzehnten verbesserten sich die Bildungsergebnisse jedoch deutlich. 2007/08 meldeten sich bereits 85 % der äthiopischen Schüler zur Abschlussprüfung an, von denen etwa ein Viertel die Hochschulzugangsberechtigung erlangte. Diese Werte stehen wiederum im deutlichen Kontrast zu den Ergebnissen von 2020/21: Von den 95 % der äthiopischen Schüler, die an der Prüfung teilnahmen, erreichten rund 55 % die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Gleichwohl lagen diese Ergebnisse weiterhin deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt. Von 95,3 % aller Prüflinge (einschließlich der Äthiopier) erlangten 79,2 % die entsprechende Bescheinigung. Auffällig ist zudem, dass die schulischen Leistungen der zweiten Generation äthiopischer Israelis signifikant unter jenen der ersten Generation lagen.[109]

Kriminalität

Ein Blick auf die israelische Kriminalitätsstatistik offenbart eine deutliche und nicht wegzudiskutierende Überrepräsentation von Israelis äthiopischer Herkunft. Obwohl diese Bevölkerungsgruppe im Jahr 2020 weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung stellte, entfielen 7,1 Prozent der rechtskräftig verurteilten Straftäter auf sie. Noch gravierender ist die Lage im Jugendbereich: Jugendliche äthiopischer Abstammung machten 11,1 Prozent der registrierten jugendlichen Delinquenten aus. Es handelte sich dabei nahezu ausschließlich um männliche Täter. Der Anteil der Verurteilungen unter den Tatverdächtigen wich dabei kaum vom gesamtisraelischen Durchschnitt ab (87,2 gegenüber 87,0 Prozent; bei Jugendlichen 42,3 gegenüber 39,3 Prozent), was auf eine reale Häufung kriminellen Verhaltens und nicht lediglich auf polizeiliche Selektionsmechanismen verweist. Bei den verurteilten Erwachsenen äthiopischer Herkunft entfielen 35,7 Prozent der Anklagen auf Delikte gegen die öffentliche Ordnung, 25,6 Prozent auf Körperverletzung, 19,9 Prozent auf Eigentumsdelikte und 13,4 Prozent auf Verstöße gegen die Sittlichkeit. Das Deliktprofil der Jugendlichen unterscheidet sich hiervon deutlich: Körperverletzungsdelikte machten rund 32,0 Prozent der Anklagen aus, Eigentumsdelikte sogar 42,6 Prozent, während Verstöße gegen die öffentliche Ordnung lediglich 12,3 Prozent erreichten. Ben-Eliezer bringt diese Verschiebung mit der fortschreitenden neoliberalen Durchdringung der israelischen Gesellschaft und der damit einhergehenden sozialen Marginalisierung der Äthiopier in Zusammenhang. Gestohlen werden überwiegend Luxusartikel und Statussymbole wie Markenturnschuhe, Jeans, T-Shirts, Zigaretten, Armbanduhren und Halsketten. Um die Jahrtausendwende waren bereits rund zehn Prozent der äthiopischen Jugendlichen polizeilich registriert. Hinzu treten weit verbreiteter Drogenkonsum und Alkoholmissbrauch sowie ausgeprägtes antisoziales Verhalten. Diese Phänomene werden häufig als Ausdruck einer Protestkultur gegen soziale Unterprivilegierung, tatsächlichen oder vermeintlichen Rassismus, empfundene Entwürdigung und prekäre Lebensverhältnisse interpretiert.[110]

Besonders drastisch zeigt sich die Überrepräsentation äthiopischer Täter im Bereich geschlechtsspezifischer innerpartnerschaftlicher Gewalt. Für den Zeitraum zwischen 1995 und 2007 ergibt sich, dass äthiopische Männer eine um etwa 2.000 Prozent höhere Mordrate an Partnerinnen aufwiesen, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprochen hätte. Staatliche Interventions- und Präventionsbemühungen blieben weitgehend wirkungslos. Als zentrale Ursachen gelten eine misslungene Integration sowie eine dauerhaft prekäre sozioökonomische Lage.[111] Hinzu kommt vielfach die Unfähigkeit männlicher Partner, den beruflichen oder finanziellen Erfolg ihrer Partnerinnen zu akzeptieren.[112]

In 70,8 Prozent der Fälle erfolgte die Tötung durch Erstechen, in 16,7 Prozent durch Erschießen. Auffällig ist, dass diese Taten – anders als bei Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion – nur selten unter Alkoholeinfluss begangen wurden[113]. Die brutale Vergewaltigung und Ermordung der 15-jährigen Schülerin Maayan Sapir in Rechovot im Jahr 2005 durch einen möglicherweise unter Alkohol- und Lösungsmitteleinfluss stehenden 16-jährigen Täter äthiopischer Herkunft löste eine landesweite Debatte über ein von äthiopischen Einwanderern ausgehendes Sicherheitsrisiko aus.[114]

Diskriminierung

Nach dem Bezug ihrer ersten Unterkünfte in Israel sahen sich die Falaschen rasch mit offener Ablehnung und feindseligen Reaktionen aus Teilen der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert. Diese Ablehnung speist sich aus unterschiedlichen, häufig jedoch eindeutig rassistisch codierten Motiven. Israelische Veteranen befürchten eine Überfremdung und Ghettoisierung ihrer Wohngebiete, sinkende Immobilienwerte sowie eine Verschlechterung der Bildungschancen ihrer Kinder durch die gemeinsame Beschulung mit sozial schwachen äthiopischen Schülern. Ultra-orthodoxe Autoritäten erkennen das Judentum der Falaschen vielfach nicht als authentisch an. Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die selbst zunächst Diskriminierung erfahren hatten,[115] begegnen den Falaschen nicht selten mit offener Geringschätzung und stereotypen Zuschreibungen als rückständig, arbeitsscheu und unzivilisiert.[116]

Diese Haltung äußert sich in der systematischen Verbreitung diskriminierender Topoi und konkreten ausgrenzenden Praktiken. Zentral ist dabei die Betonung angeblich „unüberwindbarer“ kultureller Differenzen zwischen Äthiopiern und weißen Israelis. Ziel ist es, Integration zu verhindern und soziale wie biologische Vermischung zu unterbinden, vermeintlich zum Schutz der Einheit der israelischen Gesellschaft. In diesem Deutungsmuster erscheinen weiße Israelis als Bewahrer einer „wahren“ jüdisch-israelischen Kultur, während Äthiopier als Bedrohung oder gar als destruktives Element konstruiert werden. Charakteristisch für diese vergleichsweise junge Form des Rassismus ist, dass sie nicht allein auf Heterophobie beruht, sondern auch auf Heterophilie und ausgeprägter Mixphobie.[117]

Konkret manifestiert sich dies etwa in der weitverbreiteten Ablehnung binationaler beziehungsweise interethnischer Ehen. Laut einer von Haaretz zitierten Studie lehnen 57 Prozent der weißen Juden eine Heirat ihrer Tochter mit einem Äthiopier ab.[118] Hinzu kommen gezielte Ausgrenzungshandlungen: das Einwerfen von Fenstern äthiopischer Wohnungen,[119] die Errichtung von Zäunen auf Friedhöfen zur Trennung äthiopischer und weißer Gräber, die Verweigerung von Mietverhältnissen, systematische Benachteiligung im Bewerbungsprozess sowie der Ausschluss Schwarzer aus Nachtclubs.[120] Neben solchen offenen Übergriffen sind Äthiopier in hohem Maße latentem Alltagsrassismus ausgesetzt, etwa durch die abwertende Bezeichnung als Kushim, Stigmatisierung als HIV-Träger, Infragestellung ihres Judentums oder exotisierende[121] Zuschreibungen.[122]

Gleichzeitig weisen einige Autoren darauf hin, dass der Verweis auf rassistische Diskriminierung nicht selten als pauschale Erklärung für individuelles Scheitern dient. Dies betreffe schlechte schulische Leistungen, erhöhte Kriminalitätsneigung, Armut, erfolglose medizinische Behandlungen oder auch die Zurückweisung persönlicher Avancen durch weiße Frauen. In dieser Perspektive erscheint der Vorwurf der Diskriminierung nicht als alleinige Ursache sozialer Problemlagen, sondern auch als argumentative Ressource zur Externalisierung persönlicher Verantwortung.[123]

Ursprung

Bis in die jüngere Vergangenheit teilten fast alle Deutungsmodelle zur Herkunft der Beta Israel zwei grundlegende Annahmen. Zum einen waren sie konsequent diffusionistisch ausgerichtet: Das Auftreten jüdischer Traditionen in Äthiopien wurde auf Zuwanderungen aus dem altjüdischen Diasporaraum zurückgeführt. Entsprechend galten die Beta Israel entweder als Nachfahren (1) der sogenannten Zehn verlorenen Stämme, insbesondere des Stammes Dan, (2) von Einwanderern aus Südarabien, (3) von Juden aus Ägypten, namentlich aus der Militärkolonie von Elephantine (7.–5. Jh. v. Chr.), oder (4) als Ergebnis einer Vermischung mehrerer dieser Herkunftsgruppen. Zum anderen bestand bis in die 1970er Jahre ein weitgehender Konsens darüber, die Geschichte von Juden und Judentum in Äthiopien als eine verkürzte Parallele zu Entwicklungen in anderen Regionen zu interpretieren: Eine kleine frühjüdische Bevölkerung sei im Zuge der Christianisierung marginalisiert worden und habe lediglich in Form einer randständigen Restgruppe fortbestanden. Innerhalb dieses Deutungsrahmens erschienen die Beta Israel als religiöse und kulturelle Relikte aus vorchristlicher, aksumitischer Zeit.

Seit der Mitte der 1970er Jahre hat sich demgegenüber ein veränderter Forschungskonsens etabliert.[124] Zwar werden frühe jüdische Einflüsse auf die äthiopische Kultur von den meisten Forschern weiterhin anerkannt, doch wird die dauerhafte Existenz einer sozial und kulturell abgegrenzten jüdischen Gemeinschaft in Frage gestellt. An ihre Stelle tritt die Annahme eines breiten Spektrums von Gruppen, in denen christliche und jüdische Elemente in unterschiedlicher Ausprägung miteinander verbunden waren. In dieser Sichtweise sind die Beta Israel vornehmlich als äthiopische Ethnie zu begreifen;[125] ihre Ethnogenese wird in das 14.–16. Jh. eingeordnet. In diesem Zeitraum führten politische, ökonomische, religiöse und soziale Prozesse zur Formierung einer Gruppe, die von Außenstehenden als Fälaša bezeichnet wurde und sich selbst als Beta Israel oder Israʾelawi („Israeliten“) verstand.[126]

Ältere Forschungsmeinungen und Legenden

Nachkommen der Gefolgschaft des Menelik, Sohn des Salomons und der Königin von Saba

Ungeachtet der Vorbehalte moderner Historiker – und in jüngerer Zeit sogar von den Falaschen selbst – scheint die Erwähnung dieser Legende aufgrund ihrer historischen Bedeutung notwendig. Die Geschichte der Königin von Saba taucht in der Bibel zweimal – einmal im 1. Buch der Könige und das zweite Mal im 2. Buch der Chronik – in jeweils leicht unterschiedlichen Versionen auf. Die klassische Formulierung der äthiopischen Salomo- und Saba-Legende findet sich in einem auf Ge’ez verfassten Buch, das als Kebra Nagast (Ruhm der Könige) bekannt ist. Die ersten Versionen der Legende gehen womöglich bereits auf das 6. bis 9. Jhd. zurück, ihre endgültige Form erhielt sie allerdings erst im 14. Jhd. Sie diente zur Begründung des Abstammungsanspruchs der Salomonischen Dynastie, die von 1270 bis 1974 über Äthiopien herrschte. Gemäß der Legende soll König Salomo mit der Königin von Saba während ihres Aufenthalts in Jerusalem einen Sohn, Menelik, gezeugt haben, den sie schließlich bei ihrer Rückkehr nach Aksum gebar. Nachdem der unehelich gezeugte Prinz zu einem jungen Mann herangewachsen war, soll er eine Reise nach Jerusalem unternommen haben, um dort seinen Vater zu treffen. Im Zuge dieser Reise sollen Menelik und seine Gefährten die Bundeslade mitsamt den Gesetzestafeln aus dem Tempel gestohlen und in Begleitung eines Leviten und je eines Angehörigen der zwölf Stämme nach Aksum verbracht haben.[127] So soll die Herrlichkeit Zions von Jerusalem und den Kindern Israels auf das neue Zion, Aksum, und das neue Volk Israel, das äthiopische Volk, übergegangen sein. Die Legende blieb nicht die Legitimationsgrundlage der Herrschenden, sondern wurde mit der Zeit auch ein entscheidendes Element in den Genealogien zahlreicher ethnischer und regionaler Gruppierungen Äthiopiens, auch in jener der Falaschen. Nach dem schottische Entdecker James Bruce, welcher Ende des 18. Jhd. Äthiopien bereiste, besteht zwischen der Salomo- und Saba-Legende der Christen und jener der Falaschen kein wesentlicher Unterschied, was aber nicht ganz korrekt ist, denn die Falaschen führen ihre Herkunft nicht auf Menelik zurück, sondern auf die Israeliten, welche Menelik auf seiner Rückkehr nach Äthiopien begleitet hätten. Auf seiner Rückreise sei es zu einer entscheidenden Szene gekommen. Menelik habe es gewagt an einem Sabbat einen Fluss überquert, womit er gegen das Gesetz gehandelt und Apostasie begangen hätte, während sich die Begleiter der Überquerung verweigert hätten und auf der anderen Flussseite geblieben wären. Nicht etwa die Christen seien damit die Erben des neuen Zions, sondern die Falaschen, welche dem Glauben ihrer Vorväter treu geblieben seien.[128] Etwa 50 Jahre nach J. Bruce stellte der anglikanische Missionar Samuel Gobat fest, dass es sich bei dieser, zur Klärung der Herkunft der Falaschen wenig hilfreichen Geschichte nicht die einzige von den Falaschen proklamierte Herkunftslegende handelt.[129]

Abkunft vom Stamm Dan

Die Vorstellung, dass die „Juden Äthiopiens“ die Nachfahren des Stammes Dan sind, ist seit 1975 vom Rabbinat Israels offiziell anerkannt. Der entscheidungstragende Oberrabbiner Ovadia Yosef berief sich bei seiner Entscheidung auf die Autorität des bedeutenden Rabbiners David Ben Abi Zimra aus dem 16. Jhd., welches die Falaschen als Angehörige des verlorenen Stammes Dan ausweist.

Erstmals findet sich die Vorstellung eines exilierten Stammes Dan in Afrika bei dem jüdischen Weltreisenden und Händler Eldad Ha-Dani, welcher im späten 9. Jhd. in Nordafrika und Spanien auftrat. Eldad gibt an, aus dem Stamm Dan zu stammen, der zusammen mit anderen verlorenen Stämmen „jenseits des Flusses von Pishon im Land Havilah“ zu leben, was häufig als Äthiopien oder Kusch gedeutet wurde.[130] Gemäß Abraham Epstein ist es zweifelhaft, dass es sich bei dem Reisenden wirklich um einen Äthiopier handelt, auch Edward Ullendorff verweist darauf, dass Eldad keine Kenntnisse von Äthiopien aus eigener Anschauung zu besitzen scheint. Gleichwohl wurde Eldad von zeitgenössischen jüdischen Autoren als glaubwürdiger Vertreter der verlorenen Stämme akzeptierten. Eine eindeutige Verknüpfung des Stammes Dan mit Äthiopien findet sich erstmals beiläufig in einem Brief des Rabbiners und Talmudisten Obadiah von Bertinoro aus dem Jahre 1488. Bei seiner Schilderung beruft er sich auf zwei Äthiopier, die er in Ägypten angetroffen hatte und die ihm berichtet hätten, dass sie dem Stamm Dan angehörten. Dieser Bericht ist vor allem daher von Bedeutung, da es sich bei ihm um den ersten gesicherten, von Äthiopiern selbst vorgebrachten Anspruch auf einen danitischen Ursprung handelt. Im 16. Jhd. bekräftigte der bedeutende Rabbiner David Ben Abi Zimra, auch Radbaz genannt, zweimal die danitische Abkunft der Falaschen. Die Autorität des Radbaz bildete schließlich die Grundlage für die Entscheidung des sephardischen Oberrabbiners Ovadja Josef aus dem Jahr 1973, wonach die Falaschen die Nachkommen des verschleppten Stammes Dan seien, welcher Ende des 8. Jhd. unter Sargon II., nebst neun weiteren Stämmen in das Kernland des Assyrischen Großreichs deportiert worden war (2 Kön 17,3–6; 4. Esra 13,39–45).[131] Zwei Jahre später erkannte auch der aschkenasische Oberrabbiner, Schlomo Goren, die Falaschen als Juden an. Dieser Entschluss bildete die Grundlage für die Entscheidung des israelischen Parlaments, das Recht der Falaschen auf „Rückkehr“ ins Heilige Land anzuerkennen und ihnen die Ansiedlung in Israel zu gestatten.[132] Nicht alle rabbinischen Autoritäten akzeptierten dies Einstufung der Falaschen als Juden.[133]

Die Vermutung liegt nahe, dass der eben genannten Legende eine eigenständige mündliche Tradition zugrunde liegt, gleichwohl ist sie aber kaum dazu geeignet die Präsenz von Juden in Äthiopien zu erklären, denn greifbare äußere Belege für eine Verbindung der Falaschen zum Stamm Dan fehlen vollständig. Es erscheint kaum erklärlich, auf welchem Wege die Angehörigen des im 8. Jhd. v. Chr. verschleppten Stammes Dan nach Äthiopien gelangt sein könnten.[134]

Gelegentlich wurde im Übrigen auch die relativ helle Haut der Falaschen als Beleg für ihre jüdische Abstammung ins Feld geführt, wobei jedoch die Tatsache ignoriert wurde, dass auch andere Völker des äthiopischen Hochlandes eine solche helle Haut besitzen.[135]

Ägyptischer Ursprung

In der Vergangenheit war jene Theorie, welche einen ägyptischen Ursprung der „äthiopischen Juden“ proklamierte, die, die neben der Theorie einer arabischen Herkunft die breiteste Anhängerschaft in der Fachwelt innehielt.[136] In Ägypten befand sich bekanntermaßen bereits in vorexilischer Zeit eine jüdische Diasporagemeinde, welche sich unter der Herrschaft der Griechen und Römer zum Zentrum des hellenistischen Judentums entwickelte. Diese Gemeinde war schließlich auch die Urheberin der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, die Septuaginta, die später auch die Grundlage für die Ge’ez verfasste altäthiopische Bibel bilden sollte. Insbesondere im Angesicht der geographischen Nähe Ägyptens zu Äthiopien scheint eine Herkunft des äthiopischen Judentums von Ägypten her auf den ersten Blick nachvollziehbar, wobei besonders die jüdische Militärgarnison in Elephantine, welche zwischen dem 7. und 5. Jhd. v. Chr. in der Nähe des heutigen Assuans bestand, aufgrund gewisser kultureller Übereinstimmungen mit den Falaschen, lange als Urheberin des „äthiopischen Judentums“ im Verdacht stand. Diese kulturellen Ähnlichkeiten betreffen im Wesentlichen die Opferpraxis. Direkte Belege für einen Kontakt zwischen den Bewohnern der Region um den Tanasee und der jüdischen Gemeinde von Elephantine bestehen nicht. Die Jüdische Kolonie auf der Nilinsel Elephantine wurde um die Wende zum siebten Jhd. v. Chr.[137] gegründet und bestand bis zum Ende des 5. Jhd.v. Chr. Die Insel lag unweit der traditionellen Grenze zwischen dem alten Ägyptens und dem Reich von Kusch und war im Laufe ihrer Geschichte teils von erheblicher strategischer Bedeutung. Im frühen 20. Jhd. wurde auf der Insel eine Reihe aramäischer Papyri entdeckt, welche die Aufmerksamkeit der europäischen Gelehrtenschaft erregten.

Befürworter der Theorie, der zufolge einer Verbindung zwischen den ägyptischen Juden und der später als Falaschen bezeichneten Gruppe besteht, stützen sich allein auf die geographische Nähe und die gemeinsame religiöse Praxis, sowie auf eine alte falaschische Legenden, welche „eine Herkunft der Falaschen aus Ägypten, über das Nilgebiet“[138] und beglaubigen.[139] Wendet man sich der Frage nach einer gemeinsamen religiösen Kultur zu, so zeigen sich auch hier erhebliche Schwierigkeiten, denn es ist zunächst einmal ist völlig unklar, wie man eine historische Verbindung zwischen einer kleinen Gruppe, über die relativ wenig bekannt ist und die bereits lange vor der Zeitenwende verschwunden ist, und einer ethno-religiösen Gemeinschaft, deren religiöse Praxis erst seit dem 15. Jhd. dokumentiert ist, überhaupt nachweisbar sein soll. Zwar könnte eine Verbindung bestimmte kulturelle Eigenheiten der „äthiopischen Juden“ erklären, aber es bestehen bei genauerer Betrachtung auch ganz gravierende Unterschiede bei eben jenen religiösen Praktiken, die in der Vergangenheit häufig als Belege für eine Verbindung angeführt worden ist. So brachten die Juden von Elephantine ihre Opfer in einem Tempel dar, wohingegen die Falaschen im Freien opferten. Ihre Gotteshäuser dienten ihnen lediglich zum Gebet, welches aus dem Singen von Hymnen und Psalmen in Agau bestand.[140] Auch sonst überwiegen die Unterschiede die Ähnlichkeiten bei weitem. Während die Gemeinde von Elephantine den Sabbat zwar kannten aber nicht sonderlich ehrte,[141] brachten die Falaschen ihm großen Respekt entgegen und begingen ihn mit bemerkenswerter Strenge. Zudem war die Sabbatpraxis der Falaschen – wie auch viel weitere Aspekte ihres religiösen Lebens – stark vom Buch der Jubiläen beeinflusst, einem Werk aus der Mitte des 2. Jhd. v. Chr. Das Buch stammt also aus einer Zeit, da die jüdische Kolonie von Elephantine längst aufgehört hatte zu existieren, weswegen nur schwerlich behauptet werden kann, dass die Sabbatpraxis der Falaschen jener der Gemeinschaft in Elephantine ähnelte. Auch der religiöse Synkretismus, der die sakralen Praktiken der elephantinischen Gemeinschaft durchzog, fand sich bei den Falaschen so nicht.

Auch die These, dass die aramäischen Lehnwörter der Altäthiopischen Sprache über jene Kolonie in Elephantine nach Äthiopien gelangt sein könnten, die von Anhängern der Ägyptischen Ursprungsthese teilweise vorgebracht worden ist, erweist sich bei näherer Betrachtung als wenig valide, denn die in Elephantine gefundenen aramäischen Texte sind in einem anderen Dialekt als die aramäischen Lehnwörter in Ge’ez verfasst, dementsprechend kann die Gemeinde nicht der Ursprung für diese sprachlichen Einflüsse gewesen sein.

Es dürfte unwahrscheinlich sein, dass die Juden Elephantines im Besitz des Pentateuchs waren. So verweist Steven Kaplan darauf, dass die Juden Elephantines wohl kaum die Juden Jerusalems um Hilfe beim Wiederaufbau ihres zerstörten Tempels zum Zwecke der Wiederherstellung des Opferkults gebeten hätten,[142] wenn ihnen deuronomische Opferverbot außerhalb Jerusalems (Dtn 12,4ff.) bekannt gewesen wäre. Außerdem merkt er an, dass selbst die Tora erst zur Zeit des Königs Josia (640–609 v. Chr.) eine Kanonisierung erfuhr, weswegen die „äthiopischen Juden“ ihre – mit apokrypher Literatur angereicherte – Bibel kaum aus der Hand der Gemeinde in Elephantine erhalten haben kann, wie es teilweise angenommen worden ist. Alle vorhandenen Hinweise deuten viel mehr darauf hin, dass die Falaschen die Heilige Schrift – ohne Berücksichtigung des neuen Testaments – schlicht von den äthiopischen Christen übernommen haben.[143]

Arabischer Ursprung

Die Theorie eines jüdischen Einflusses über Ägypten konkurrierte lange mit der Theorie eines jüdischen Einflusses über die Arabische Halbinsel. Während die Befürworter der „ägyptischen Theorie“ sich vornehmlich auf die vermeintliche Ähnlichkeit zwischen der Kultur der Falaschen und jener der jüdischen Kolonie in Elephantine stützen, verwiesen die Anhänger der „arabischen These“ meist auf tatsächliche oder scheinbare jüdischer Einflüsse, die sich in der äthiopischen Kultur finden, die geografische Nähe Äthiopiens zur Arabischen Halbinsel und die lange Geschichte der gegenseitigen kulturellen Beeinflussung und Befruchtung der beiden, nur vom Roten Meer getrennten Erdteile.[144]

In der Tat halten es auch heute noch einige moderne Wissenschaftler für wahrscheinlich, dass die augenscheinlich jüdischen Einflüsse in der äthiopischen Kultur gewirkt haben, über die Juden Südarabien nach Äthiopien gelangt sind, wo sie die Entstehung der Falaschen bewirkt hätten.[145] Diese Ansicht ist allerdings auch mit einigen Problemen verbunden. So stammt der erste Beleg für die Anwesenheit von Juden in Äthiopien aus der Zeit der Zagwe-Dynastie (ca. 1137–1270). Eine Quelle berichtet hier von einer jüdischen Familie aus Arabien, welche sich dazu entschlossen hatte, nach Äthiopien auszuwandern, wo sie dann zum Christentum konvertiert war. Es sei erwähnt, dass die mittelalterlichen Juden Südarabiens das Hebräische kannten, ein rabbinisches Judentum praktizierten und den Talmud gebrauchten, was im scharfen Kontrast zur ursprünglichen religiösen Praxis der Falaschen steht.

Es sei außerdem angemerkt, dass die Frage nach einem frühen jüdischen Einfluss auf die äthiopische christliche Gesellschaft – den S. Kaplan ausreichende belegt sieht –[146] und den Ursprüngen einer bestimmten, ab dem 14. Jhd. greifbaren, und von den Christen Äthiopien als Falaschen bezeichneten Gruppe von Menschen zu trennen ist.[147]

Entstehung in Äthiopien

Die Anhänger der sogenannten „Rebellentheorie“, die in der Fachwelt heute die vorherrschende ist, verweisen darauf, dass die ursprüngliche Religion der Falaschen, welcher sie vor ihrer Bekehrung zum Normativen Judentum angehörten, in einem Spektrum der äthiopischen Religiosität angesiedelt war. Demnach sind die Falaschen ein „product of processes that took place in Ethiopia between the fourtinth and sixteenth century“,[148] bei denen Akkulturation, Assimilation, Mischehen und religiöse Umwälzungen eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Im 13. Jhd. siedelten im Nordwestlichen Äthiopiens mehrere „häretische“ Ayhud-Gruppierungen, welche eindeutig Formen des Christentums praktizierten, welches aber stark judaisiert waren und sich daher von dem Christentum der Orthodoxen unterschieden. Sie lebten offenbar länger unbehelligt von der Zentralmacht (vielleicht bereits seit dem 9. Jhd.), was sich erst unter der salomonischen Dynastie (1270 bis 1974) ändern sollte.

Unter Kaiser Amda Seyon I. (1314–1344), welcher eine Evangelisierung, bzw. Reevangelisierung des Staates anstrebte, kam es dann zu ersten militärischen Auseinandersetzungen mit der den Ayahud. Dieser äußere Druck führte einerseits zu einer Konsolidierung der unterschiedlichen religiösen Auffassungen der Ayahud (wobei einige der Gruppierungen auch einfach in der Orthodoxie aufgegangen sein dürften), andererseits erhielten die Gruppen durch christliche Dissidenten, etwa durch abtrünnige Mönche und Stephaniten, welche ihrerseits versuchten, die Ayahud für ihre Sache gegen den Kaiser und die Orthodoxie zu gewinnen,[149] aber auch neue Impulse und Anregungen. So gelangte etwa die Ge’ez-Liturgie, der religiösen Kalender, die strengen Reinheitsgebote, die apokryphe Literatur, die starke Betonung des Alten Testaments – wie sie insbesondere bei den Staphaniten zu finden war – sowie das Mönchtum in die Religion der Ayhud-Falaschen. Im Zuge des andauernden Konflikts mit der kaiserlichen Macht kam es schließlich zur Ausprägung einer festen religiösen, ethnischen und wirtschaftlichen Identität. Es handelt sich demnach bei der ursprünglichen Religion Falaschen nicht um ein Judentum im eigentlichen Sinne des Begriffs. Auch ein äußerer Einfluss bei der Ethnogenes scheint nach aktuellem Forschungsstand unwahrscheinlich.[150]

Diese „Rebellentheorie“ wird durch zahlreich Befunde untermauert. So verweist John Abbink etwa darauf, dass die, fundamentalen Glaubensinhalte des Haymanot die ideologischen Grundlagen der salomonischen Dynastie mit pseudohistorischen Argumenten kontern. Da die Christen bei ihrer Bekehrung erneut vom Glauben ihrer Väter abgefallen seien, ganz so wie es vorherbestimmt war, da Menelik beim Diebstahl der Bundeslade am Sabbat einen Fluss überquert hatte – was den strengen Sabbatgeboten der Falaschen widerspricht – hätten die Christen keinen Anteil mehr an der Gnade des neuen Zions, die stattdessen bei den Hütern des wahren Glaubens – den Falaschen – verblieben sei. Die Falaschen sind wegen ihrer Abstammung und ihres Festhaltens am wahren Glauben damit nicht nur das auserwählte Volk Gottes, sondern auch die eigentlichen Herrscher über Äthiopien und keineswegs unterlegen oder minderwertig, wie es von den Christen behauptet wird.[151] Darüber hinaus sind alle bedeutenden Schriften der Falaschen, sowie ein Großteil ihrer Liturgie aus dem orthodoxen äthiopischen Christentum übernommen, neu interpretiert und von allen Verweisen auf das Christentum und das Neue Testament befreit worden. Selbst vermeintlich eigene Werke erweisen sich bei näherer Betrachtung als aus christlichen Texten geschaffenen Kompositionen.[152]

Geschichte

Krieg, Anpassung und Konsolidierung

Die erste verlässliche Erwähnung der später als Fälaša bekannten Gruppe findet sich in der Chronik der Kriege des Kaisers ʿAmdä Ṣəyon I. Dort wird berichtet, der Herrscher habe Truppen gegen Menschen „wie Juden“ (kama ayhud) in den Regionen Səmen, Wägära, Ṣällämt und Ṣägäde entsandt. Die Regierungszeit ʿAmdä Ṣəyons markiert damit den Beginn nahezu 300-jähriger, intermittierender Konflikte zwischen den Beta Israel und den christlichen Herrschern Äthiopiens. Trotz ihrer Bedeutung für die Herausbildung der Gruppe müssen diese Auseinandersetzungen im Kontext der allgemeinen politischen Expansion der salomonischen Monarchie gesehen werden. Mit der Ausdehnung ihres Herrschaftsgebiets unterwarfen die salomonischen Kaiser zuvor autonome Gruppen. Auch wenn die Konfliktparteien unterschiedlichen Religionen angehörten, spielte der religiöse Gegensatz meist eine untergeordnete Rolle; politische Loyalität wog schwerer als konfessionelle Übereinstimmung. Umgekehrt gingen die Beta Israel häufig konfessionsübergreifende Allianzen mit anderen Gegnern des Kaisers ein. Im späten 14. Jh. schloss sich etwa der abtrünnige Mönch Qozmos, der mit der christlichen Geistlichkeit am Tana-See gebrochen hatte, den Anhängern der „Religion der Juden“ an, kopierte für sie die Orit (Altes Testament) und führte sie gegen lokale Christen, bis Kaiser Dawit II. eingriff. Im 15. Jh. führte der Herrscher von Ṣällämt Juden und Christen gemeinsam gegen kaiserliche Truppen, und zu Beginn des 16. Jh. rettete ein nicht näher bezeichneter „Fälaša“ dem stephanitischen Mönch Gäbrä Mäsih das Leben. Obwohl weder Kirche noch Kaiser systematische Missionskampagnen organisierten, waren einzelne Mönche missionarisch tätig. Gäbrä Iyäsus wirkte im 14. Jh. unter den „Söhnen der Juden“ in Infraz, Täklä Hawaryat im 15. Jh. in anderen Regionen. Kaiser Yəsḥaq war der erste salomonische Herrscher, der persönlich Krieg gegen die Beta Israel führte. Nach einem Sieg über den Gouverneur von Səmen und Dämbaya – unterstützt von Verbündeten aus den Reihen der Beta Israel – zwang er sie zur Taufe oder zum Verlust ihres Landbesitzes (rast). Sein Edikt, wonach nur Getaufte das väterliche Land erben dürften, markierte den Beginn der systematischen Entrechtung und der sozioökonomischen Marginalisierung der Gruppe; möglicherweise geht darauf auch der Begriff Fälaša („Landloser“, „Wanderer“) zurück.

Unter dem Druck dieser Entwicklungen passten sich die Beta Israel tiefgreifend an. Besonders bedeutsam war die selektive Übernahme christlicher Elemente zur Stärkung einer eigenständigen israelitischen Identität. Hervorzuheben ist die Entstehung eines monastischen Systems im 15. Jh., das moralische und ideologische Grundlagen festigte und die Gruppe gegenüber der christlichen Umwelt abgrenzte. Diese „monastische Revolution“ begünstigte die Herausbildung einer religiösen Literatur und eines liturgischen Gesangssystems, die weitgehend auf adaptierten christlichen Vorlagen beruhten. Ebenfalls dieser Zeit schreiben mündliche Traditionen die Entwicklung strenger Reinheitsgesetze zu, die den Kontakt mit Außenstehenden regulierten.

Der Verlust des rast zwang viele Beta Israel zur Migration in marginale Regionen oder zur Abhängigkeit als Pächter christlicher Grundherren. Zur Einkommenssicherung wandten sie sich zunehmend handwerklichen Tätigkeiten zu – Weberei, Schmiedekunst, Töpferei –, die jedoch soziale Stigmatisierung nach sich zogen und sie als täbiban oder buda diffamierten. Politisch traten die Beta Israel im 14. und 15. Jh. zunehmend als ethnisch-religiös definierte Gemeinschaft hervor. Während ihre Führer zuvor als regionale Amtsträger erschienen, fungierte der Fälaša-Anführer im späten 16. und frühen 17. Jh. als politischer und militärischer Repräsentant der gesamten Gruppe.

Die 15. und 16. Jh. waren insgesamt eine Phase der Konsolidierung und Anpassung. Zwar begrüßten die Beta Israel zunächst die muslimische Invasion Ahmad b. Ibrāhīm al-Ġāzīs, litten jedoch später erheblich unter ihr. Zeitgenössische hebräische Quellen berichten wiederholt von äthiopischen Juden, die in die Sklaverei verkauft und von jüdischen Gemeinden in Ägypten freigekauft wurden. Im 16. und 17. Jh. verschlechterten sich die Beziehungen zum christlichen Reich weiter, nicht zuletzt durch die Verlagerung des politischen Zentrums in die Gondär-Region. Die Kaiser Śärṣä Dängəl und Susənyos führten große Feldzüge gegen die Beta Israel, integrierten jedoch zugleich Handwerker aus ihren Reihen in den Hofstaat. Nach der Niederschlagung des Widerstands (Gedewon) konfiszierte Susənyos Land, verkaufte viele als Sklaven und zwang andere zur Konversion; seine spätere Abdankung begrenzte jedoch die Langzeitwirkung dieser Politik. Die Gründung Gondärs als Hauptstadt unter Fasilädäs belegt die militärische Ausschaltung der lokalen Opposition.

Trotz des Verlusts politischer Autonomie sicherten die Beta Israel ihr Überleben durch religiöse, soziale und ökonomische Strategien. Bereits im 16. Jh. dienten sie als Soldaten, Handwerker, Maurer und Zimmerleute; während der gondärinischen Bauprogramme erhielten einige Titel und Landzuteilungen. Über das Ausmaß von Konversion und Assimilation in dieser Zeit gehen die eigenen Traditionen auseinander. Ein Dekret Yohannas’ I. von 1668 ordnete die räumliche Trennung von Europäern, Muslimen, Türken und Fälaša an, musste jedoch 1678 erneuert werden.

Während der Zämänä mäsafant verloren die Beta Israel fast alle zuvor erlangten Vorteile. Fehlende kaiserliche Protektion erleichterte ihre Ausbeutung; der Rückgang großer Bauvorhaben verstärkte die Konzentration auf niedrig bewertete Handwerke. Zugleich kam es zu einer religiösen Krise, in der die „Religion für vierzig Jahre verloren ging“. Die monastische Führung, insbesondere Abba Waddaye von Qara, trug wesentlich zur Wiederbelebung des Glaubens in den 1840er Jahren bei.[153]

Von den Fälaša zu äthiopischen Juden

Der Kontakt mit der modernen westlichen Welt begann mit der Ankunft protestantischer Missionare der London Society for Promoting Christianity amongst the Jews. Gemessen an der Zahl der Konversionen blieb ihr direkter Erfolg gering; ihr Einfluss lag vielmehr in der Infragestellung zentraler religiöser Institutionen wie Monastik, Opferkult und Reinheitsgesetze. Zugleich behandelten sie die Beta Israel erstmals explizit als Teil des weltweiten Judentums und machten ihre Existenz international bekannt.

Als Reaktion engagierten sich jüdische Intellektuelle und Organisationen. 1867 reiste Joseph Halévy im Auftrag der Alliance Israélite Universelle nach Äthiopien; sein Bericht von 1877 ist eine Schlüsselquelle, blieb jedoch lange folgenlos. Die Große Hungersnot von 1888–1892 dezimierte die Gemeinschaft massiv und führte zu Nominalkonversionen sowie zum Zusammenbruch monastischer Strukturen. Jacques Faitlovitch, Halévys Schüler, widmete ab 1904 sein Leben den Beta Israel. Er förderte Bildung, religiöse Reformen und internationale Aufmerksamkeit, gründete 1923 eine Schule in Addis Abeba und entsandte Studenten nach Europa und Palästina. Seine Maßnahmen waren jedoch stark vom kolonialzeitlichen Überlegenheitsdenken geprägt und unterminierten traditionelle Autoritäten.

Der italienische Krieg von 1935–36 unterbrach diese Aktivitäten. Während Teile der Beta Israel mit den Faschisten kooperierten, beteiligten sich andere am Widerstand. Nach der Restauration Haylä Śəllase I. 1941 setzten Missionen erneut ein. Israel verfolgte nach 1948 zunächst eine zurückhaltende Politik gegenüber den Beta Israel. Die Revolution von 1974 brachte erneute Umbrüche. Trotz Landreform und formaler Religionsfreiheit standen die Beta Israel unter Misstrauen; religiöse Praxis wurde behindert, junge Männer rekrutiert, Auswanderung untersagt. Die Immigration nach Israel erfolgte schließlich in mehreren Wellen: über den Sudan ab 1980, „Operation Moses“ 1984/85, „Operation Joshua/Sheba“ 1985 und „Operation Solomon“ im Mai 1991, bei der binnen 36 Stunden über 14.000 Menschen ausgeflogen wurden. Weitere Gruppen folgten, darunter 1.600 Personen aus Qara 1999. Umstritten bleibt die Situation der Falas Mura, christlicher Äthiopier mit Beta-Israel-Abstammung.

Bis 1999 waren über 55.000 Menschen nach Israel emigriert; einschließlich der dort geborenen Kinder lebten rund 75.000 Israelis äthiopischer Herkunft im Land. Trotz Fortschritten in Gesundheit, Wohnraum und Bildung bestehen bis heute erhebliche soziale, ökonomische und religiöse Spannungen. Die HIV-Rate ist hoch.[154]

Literatur

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  • Jon Abbink: Mytholégendes et histoire: L’énigme de l'ethnogenèse des Beta Esra'el, Bruxelles 1991.
  • Uri Ben-Eliezer: Multicultural Society and Everyday Cultural Racism: Second Generation of Ethiopian Jews in Israel’s ‘Crisis of Modernization’. In: Ethnic and Racial Studies, Band 31, Heft 5 (2008), S. 935–961.
  • Michael Corinaldi: Yahadut Etiyopia: Zehut u-Masoret (‘Ethiopian Jews: Identity and Tradition’), Jerusalem 1988.
  • Sophia Dege-Müller: Between Heretics and Jews – Inventing Jewish Identities in Ethiopia. In: Entangled Religions, Band 6 (2018), S. 247–308.
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  • Steven Kaplan: The Invention of Ethiopian Jews: Three Models. In: Cahiers d'Études Africaines, Band 33, Heft 132 (1993), S. 645–658.
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  • Hagar Salamon: Blackness in Transition: Decoding Racial Constructs through Stories of Ethiopian Jews. In: Journal of Folklore Research, Band 40, Heft 1 (2003), S. 3–32.
  • Kay Kaufman Shelemay: The Liturgical Music of the Falasha, Dissertation, University of Michigan 1977.
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  • Teshome Wagaw: For Our Soul: Ethiopian Jews in Israel, Detroit 1993.
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  • Abebe Zegeye: The Impossible Return. In: Ethiopia in Transit. Millennial Quest for Stability and Continuity, herausgegeben von Pietro Toggia u. a., London u. a. 2011, S. 56ff.
Commons: Beta Israel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten

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