Biikebrennen
Feuerfest in Norddeutschland, mit dem traditionell böse Geister vertrieben und die neue Saat geschützt werden soll
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Biikebrennen (von nordfriesisch: biike, hochdeutsch Bake bzw. Feuerzeichen) ist in Nordfriesland (Schleswig-Holstein) ein traditionelles Volksfest mit Feuerbrauch, das am 21. Februar gefeiert wird, dem Vorabend des Festtags Petri Stuhlfeier in Antiochien,[1] kurz Petritag. Es ersetzt hier teilweise das sonst weit verbreitete Osterfeuer.

Geschichte

Das Biikebrennen gilt als nordfriesisches Nationalfest. Der Ursprung ist unklar. Wahrscheinlich sollte das Feuer im Mittelalter böse Geister vertreiben und die neue Saat schützen. Im Gefolge der Christianisierung wurde das Fest zum Fastnachtsbrauchtum.[2] Nach dem Keitumer Chronist Henning Rinken versammelten sich vor 1760 alljährlich am 22. Februar in Keitum auf Sylt die Seeleute, um ihre spätere Abfahrt zu den Walfanghäfen zu besprechen und Heuerverträge abzuschließen.[2] Die Harden-Angehörigen wurden am Dingtag (Gerichts- und Versammlungstag) durch Feuerbaken zusammengerufen. Weil der Tag auch ein Tanztag war, verlegte man den Dingtag nach Bedarf vor, um nicht mit der Fastenzeit zu kollidieren. Die einheitliche Festlegung des Biikebrennens auf den Abend des 21. Februars geht auf C. P. Hansen zurück. Die Biike hat sich heute laut Panten und Jessen vom ursprünglich erdverhafteten Fruchtbarkeitskult über die künstlich konstruierte Bedeutung eines Abschiedsfestes und die später aufgebrachte Intention eines 'nationalen' Feuers zu einem unterhaltsamen Ereingnis gewandelt, das im übertragenen Sinne doch immer noch denselben Zwecken dient.[3]
Kulturerbe
Die Konferenz der Kultusminister gab am 12. Dezember 2014 bekannt, dass das Biikebrennen in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen wurde.[4][5]
Verbreitung
Biike und der Petritag (nordfriesisch piddersdai bzw. piadersdai) sind noch heute wichtige Feiertage, vor allem auf den nordfriesischen Inseln und den Halligen. Auch auf den dänischen Wattenmeerinseln ist das Biikebrennen als Pers awten oder Pers aften („Peters Abend“) bekannt. Inzwischen hat sich das Biikebrennen auch im schleswig-holsteinischen Binnenland verbreitet, zum Beispiel in Stapelholm. Hier wird es jedoch Beekenbrennen genannt und wird traditionell bereits am 2. Februar (Darstellung des Herrn) begangen.
Bis in die Zeit des Dritten Reiches wurde Biikebrennen auf dem nordfriesischen Festland und den Inseln gefeiert. Danach beschränkte sich das Fest im Wesentlichen auf Sylt. Neu verbreitete sich der Brauch ab 1970 nach der Zusammenlegung dreier Kreise zum Kreis Nordfriesland. Zur Brauchtumspflege gehören inzwischen auch (wieder) Kinder, die Gedichte in einem der nordfriesischen Dialekte aufsagen.
Vereinzelt finden Biikebrennen auch an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste statt, auch wenn dort eine kulturelle Überlieferung fehlt.[6] So fand beispielsweise am 21. Februar 2014 das nördlichste Biikebrennen an der Ostsee in Wassersleben bei Flensburg zum zehnten Mal statt.[7]
Gestaltung
Im 18. Jahrhundert sollen die Biiken aus langen Holzstangen bestanden haben, an deren oberen Ende Strohbunde gebunden und angezündet wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Sylter Biike beschrieben als Stange mit einer Teertonne auf der Spitze, in die nach und nach Strohbündel als Brennmaterial gesteckt werden. Die heute aufgeschichteten großen Holzstöße sind auf den Inseln wahrscheinlich erst nach Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, als die dann vor Ort in Mode kommenden Weihnachtsbäume reichlich Brennmaterial ergaben.[3] Das Biikefeuer besteht heute meist aus alten Weihnachtsbäumen und Gestecken, die bis zum Biikebrennen aufgehoben wurden. Viele nutzen den Anlass, um Büsche zu schneiden und bei der Biike zu verbrennen. Jede Dorfgemeinschaft und viele Gehöfte haben ihre eigenen Biikefeuer, die Mittelpunkt von feierlichen Aktivitäten wie Gesang oder Schauspiel sind. Auf den Inseln Föhr, Amrum und Sylt entstanden daneben weitere Traditionen wie das vorzeitige Anzünden der Feuer in Nachbardörfern.
Andernorts stellt man auf die Biikespitze ein altes Holzfass oder -eimer, mit dessen Fall der Winter vorüber ist. Auf Sylt wird vor dem Entzünden der Biike eine Ansprache auf Sylter Friesisch gehalten, die häufig anschließend in deutscher Übersetzung wiederholt wird. Oftmals spricht ein Pastor oder Bürgermeister; vielfach sind es auch des Friesischen kundige Bürger, die die Rede halten: Sie endet mit der Aufforderung „Maaki di biiki ön“ („Macht die Biike an“).[8]
Nach der Biike gibt es traditionell ein Grünkohlessen. Auf Sylt und Föhr haben die Schulkinder am nächsten Tag frei.[9][10]
Legenden, Sagen, Überlieferung
Eine hartnäckig sich haltende Legende hat der Sylter Lehrer und Chronist C. P. Hansen um 1830 erfunden, der seine ansonsten verdienstvolle Sammlung zu Geschichte und Kultur der Insel Sylt gelegentlich fantasievoll ausschmückte. Solche im 19. Jahrhundert entwickelten Legenden dienten der Förderung und Entwicklung regionaler und nationaler Identität. Nach der Erzählung von C. P. Hansen diente das Biikefeuer zur Verabschiedung der Walfänger. Die Frauen zündeten die Feuer entlang des Strandes an, um den fahrenden Männern noch lange sicheres Geleit zu geben. Einer anderen Sylter Legende nach galt dieses Signal gleichfalls den dänischen Männern auf dem Festland und sollte ihnen vermitteln, dass die Inselfrauen nun wieder allein auf dem Hof waren und Hilfe bei der Arbeit und „anderen Dingen“ benötigten. In den Bereich der Sagen, Legenden und Überlieferungen, die Hubertus Jessel im Buch Biikebrennen der Nordfriesen vorstellt, gehört auch die Rückführung des Brauch auf die Verehrung des Gottes Wotan.[3]
- Ein noch nicht entflammter Biikehaufen
- Das Brennmaterial
- Entzündung des Biikehaufens
- Entflammender Biikehaufen
- Entflammter Biikehaufen
- Heruntergebrannter Biikehaufen
Siehe auch
- Burgbrennen (ähnlicher Brauch in Luxemburg und dem angrenzenden deutschen Grenzgebiet)
- Hüttenbrennen (ähnlicher Brauch in der Eifel)
- Funkenfeuer (ähnlicher Brauch im schwäbisch-alemannischen Raum)
- Osterfeuer (ähnlicher deutscher Brauch in der Osterzeit)
- Sechseläuten (ähnlicher Schweizer Brauch in Zürich)
- Lagerfeuer#Festfeuer (weitergehende Aufzählung)
Literatur
- Bartholomäus Figatowski (Hrsg.): Wenn die Biiken brennen. Phantastische Geschichten aus Schleswig-Holstein. Verlag 71, Plön 2009, ISBN 978-3-928905-76-3.
- Carl Haeberlin: Das Biiken in Nordfriesland. Wachholtz, Neumünster 1935 (Föhrer Heimat-Bücher 19, ZDB-ID 842334-9, Sonderdruck aus: Die Heimat. 45. Jg., Nr. 5, 1935, S. 145–154; Hamburger Kulturgut Digital).
- Albert Panten: Fastnachtsfeuer. Zur Geschichte des Biikebrennens. in „Nordfriesland“, Ausgabe 105, S 11f, 1994.
- Albert Panten, Hubertus Jessel: Das Biikebrennen der Nordfriesen. 4. Auflage. Husum Verlag, Husum 2014, ISBN 978-3-89876-160-4 (Heimatkundliche Schriften des Nordfriesischen Vereins).
- Nordfriisk Instituut (Hrsg.): Biikebrennen, in der Reihe „Nordfriesland in der Schule“, Bredstedt, 2013 ().
- Karl Müllenhoff: Das Biikenbrennen in: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Schwer’sche Buchhandlung, Kiel 1845 (digitale-sammlungen.de MDZ München).
Weblinks
- Biiken. Gemeinde Utersum, abgerufen am 15. Februar 2015.
- Biikenbrennen auf Sylt. Martin Borus, abgerufen am 23. Februar 2012.