Biola
Violine
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Biola (malaiisch, von portugiesisch viola für eine größere Violine) bezeichnet in Malaysia und Indonesien die viersaitige europäische Violine, der Violine ähnliche dreisaitige Kastenhalslauten oder historisch und seltener allgemein Streichinstrumente. Ebenfalls von viola abgeleitet sind sundanesisch piul sowie biyolin und biyula für die Violine in den Philippinen. Von einigen indonesischen Inseln sind einfache Streichinstrumente mit dem verwandten historischen Namen vihola bekannt.
Die heute auf der Malaiischen Halbinsel als asli („original, einheimisch“) verstandene europäische Violine wird unter anderem zur melodischen Gesangsbegleitung im Ensemble des Musiktheaters bangsawan, der ronggeng-Paartänze, der Volksliedgattung dondang sayang und des orkes Melayu sowie in einigen indonesischen Volksmusikstilen wie kroncong gespielt. Ihre Verbreitung in der malaiischen Volksmusik geht auf die Portugiesen zurück, die im 16. Jahrhundert im Malaiischen Archipel Handelsniederlassungen einrichteten. Ende des 18. Jahrhunderts war die Violine in der gesamten Region bis zu den Philippinen bekannt, dort vermutlich durch den Einfluss der spanischen Kolonialgesellschaft. Aus dem javanischen höfischen Gamelan konnte die Violine die ältere Spießgeige rebab nicht verdrängen. Die Violine wird selten solistisch gespielt. Ihr Einsatz in kleinen Ensembles ist ein Charakteristikum bestimmter Unterhaltungsveranstaltungen, Familienfeiern, jahreszeitlicher Zeremonien oder offizieller Programme.

Herkunft und Verbreitung malaiischer Streichinstrumente


Bevor die ersten Portugiesen im 16. Jahrhundert europäische Formen von gestrichenen und gezupften Kastenhalslauten mitbrachten, gab es auf den südostasiatischen Inseln Saiteninstrumente, die sich nach ihrer Herkunft drei Kulturregionen zuordnen lassen. Die ältesten, bis heute vorhandenen Saiteninstrumente sind die aus der (neolithischen) proto-malaiischen Zeit stammenden Bambusröhrenzithern (wie guntang und kolitong), deren Verbreitungsgebiet sich von Südostasien bis in den Süden Chinas und bis Nordostindien erstreckt. Zusammen mit Musikbögen sind dies die am einfachsten herzustellenden Saiteninstrumente. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends gelangten sie auf dem Seeweg bis nach Madagaskar (valiha).
Ab dem Beginn des 1. Jahrtausends standen die Inseln unter Kultureinflüssen aus China und Indien. Aus China stammen die seit dem 10. Jahrhundert archäologisch nachweisbaren Buckelgongs (vgl. Reyong), die für die Musikkultur der Malaien prägend sind und zum kulturellen Erbbesitz (pusaka) gehören. Die zweisaitige Spießgeige rebab geht wegen ihrer anderen Spielweise jedoch nicht auf einen direkten Einfluss dieses in China weit verbreiteten Instrumententyps (erhu, erxian) zurück, sondern gehört zu der nach ihrer Herkunft dritten Instrumentengruppe, die ab dem 1. Jahrtausend aus Indien oder über Indien aus dem arabisch-persischen Raum nach Südostasien eingeführt wurde. Durch die indische Kolonisierung blühten über ein Jahrtausend lang mehrere indische Reiche bis zum Niedergang von Majapahit Anfang des 16. Jahrhunderts. Reliefs aus dem 9. Jahrhundert am buddhistischen Borobudur in Zentraljava zeigen heute in Indonesien verschwundene Stabzithern und Bogenharfen sowie mehrere Arten von gezupften Lauteninstrumenten indischer Herkunft.[1]
Die Spießgeige rebab ist nicht nur dem Namen nach (von arabisch rabāb) vorderasiatischer Herkunft. Dieser Instrumententyp gelangte vermutlich mit muslimischen Händlern ab dem 12. Jahrhundert über Indien nach Südostasien (in Myanmar früher tayaw, in Thailand so u, in Kambodscha tro u).[2] Die Spießgeige in Myanmar wurde im 19. Jahrhundert während der britischen Kolonialherrschaft durch die ebenfalls tayaw genannte Violine ersetzt. Die überwiegend christlichen Batak in Nordsumatra haben den arabischen Namen arbab für ihre zweisaitige Spießgeige mit einem Kokosnussresonator übernommen.[3] Die muslimischen Acehnesen an der Nordspitze Sumatras haben ihre bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gespielte dreisaitige Spießgeige hareubab mit einem großen kreisrunden Korpus durch die europäische Violine (biola Aceh) ersetzt.[4]
Ein sehr alter Instrumententyp mit einer indischen Namensherkunft ist die von den Batak gespielte bootsförmige Zupflaute hasapi, die mit der Kastenzither kacapi in Westjava namensverwandt ist. Der aus dem Sanskrit stammende Name dürfte Ende des 1. Jahrtausends auf mehrere Saiteninstrumente im Malaiischen Archipel übergegangen sein.[5] Beide Instrumente, eine dreisaitige Laute und eine Brettzither, sind auf Reliefs am buddhistischen Candi Sari aus der Mitte des 8. Jahrhunderts (im zentraljavanischen Regierungsbezirk Sleman) abgebildet.[6]
Die zur Liedbegleitung von Muslimen in Malaysia gespielte Schalenhalslaute gambus wurde wahrscheinlich von arabischen Händlern spätestens während der Islamisierung von Malakka im 15. Jahrhundert eingeführt. Die beiden Varianten gehen auf unterschiedliche Vorbilder zurück: die gambus Melayu mit einem birnenförmigen Korpus auf die jemenitische qanbus und die rundbauchige gambus Hadramaut auf den persischen barbat.[7]
Eine mit dem Bogen gestrichene Kastenhalslaute mit zwei oder drei Saiten ist die tarawangsa, die nur in Westjava (Kulturregion Sunda) vorkommt und vermutlich dort entstand, deren Namensherkunft und Alter aber unklar sind. Curt Sachs (1923) beschreibt ihre ungewöhnliche, für Südostasien einzigartige Form als möglicherweise nach Ankunft der Portugiesen entstandene Umgestaltung der Kastenzither kacapi zu einem Lauteninstrument.[8] Gewisse Details sollen auf einen europäischen Einfluss verweisen. Jaap Kunst (1949) vermutet, die tarawangsa werde bald durch die rebab und die Violine ersetzt werden.[9] Zur tarawangsa als einer besonderen Gruppe von Halslauten stellt Curt Sachs ein Streichinstrument von der zu den Molukken gehörenden Insel Buru, für das Ende des 19. Jahrhunderts der portugiesische Name vihóla aufgezeichnet wurde.[10] Wie bei der tarawangsa ist der Hals dieser dreisaitigen vihóla nicht bündig mit der Decke, sondern am Boden angesetzt, von wo er sich in einem Bogen der von der Decke verlängerten Linie annähert. Der Geologe Karl Martin bildet in seiner Expeditionsbeschreibung von 1894 noch ein weiteres, vihóla genanntes Streichinstrument von der Insel Buru ab, das eindeutig als Rückbildung einer europäischen Violine erkennbar ist. Sein Korpus bildet in der Draufsicht eine langgestreckte Acht mit zwei sich überkreuzenden f-förmigen Schallschlitzen in der Mitte. Das obere Ende des Halses imitiert einen Wirbelkasten mit einer nach hinten gerollten Schnecke. Auch wenn beide auf Buru entdeckten Streichinstrumente vihóla genannt wurden, sind sie typologisch verschieden. Dies gilt auch für den Vergleich der sundanesischen tarawangsa mit einem dort in Westjava erworbenen und in Curt Sachs (1923) abgebildeten zweisaitigen Streichinstrument mit einem nachempfundenen Violinenkorpus, das ebenfalls tarawangsa genannt wurde. Der altjavanische Name für eine Laute, (wina-)rawanahasta, war vor 907 in Zentraljava in Gebrauch und ist indischen Ursprungs, abgeleitet von Sanskrit vina („Saiteninstrument“) und verbunden mit der indischen Spießgeige ravanahattha. Da aus damaliger Zeit keine Abbildungen von Streichinstrumenten auf Java bekannt sind, vermutet Jaap Kunst (1927), dass rawanahasta zunächst eine Zupflaute bezeichnete.[11] Ein Instrumentenname bezieht sich häufig nicht auf einen bestimmten Typus.
Spießgeigen vom Typ der javanischen rebab sind im Malaiischen Archipel weit verbreitet. Darüber hinaus wird der chinesische erhu-Typ, bei dem der Bogen nicht über die Saiten, sondern zwischen beiden Saiten geführt wird, von der chinesischen Minderheit auf der Malaiischen Halbinsel und von der sundanesisch-chinesischen Bevölkerung um Jakarta als tehyan bezeichnet im gambang kromong-Ensemble gespielt. Eine tehyan oder alternativ eine Violine kann auch das hauptsächlich aus europäischen Blasinstrumenten bestehende Ensemble tanjidor ergänzen, das während der niederländischen Kolonialzeit um Jakarta entstand.[12]
Zu den alten Streichinstrumenten mit eigenen Namen, die im Malaiischen Archipel in regionalen Volksmusikstilen verwendet werden, gehören ferner die einsaitige Spießgeige merebab mit einem Kokosnussresonator und die zweisaitige engkerabab der Iban auf Borneo.[13] Die Saite einer 65 Zentimeter langen merebab vom Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts ist mit Pflanzenfasern am geraden Ende des Saitenträgers festgebunden.[14] Eine weitere zweisaitige Spießgeige der Iban war die über ein Meter lange enserunai (oder ensuranai) mit einem Kokosnussresonator.[15]
Auf der ostindonesischen Insel Sumba wird die einsaitige Spießgeige dungga roro gespielt (dungga, in der Lokalsprache „Saiteninstrument“, roro bedeutet „mit dem Bogen streichen“), außerdem eine ungewöhnliche, aus einem Block geschnitzte Laute dungga watika („gezupfte dungga“), mit vier leer gezupften Saiten.[16] Zur Gesangsbegleitung werden auf Sulawesi unterschiedliche Saiteninstrumente verwendet, darunter mehrere ein- oder zweisaitige Spießgeigen (arababu, geso-geso, kesok-kesok, tabolok und weitere), auch für rituelle Musik.[17]
Die Ilongot auf der philippinischen Insel Luzon spielen die dreisaitige Fiedel kulibao (auch gisada oder litlit) mit einem schmalen, ungefähr rechteckigen Resonanzkörper und einem Wirbelkasten mit drei gegenständigen Wirbeln. Ungewöhnlich bei der insgesamt archaisch-klobig wirkenden Form ist der etwa in der Mitte auf der Holzdecke aufgestellte hohe Steg, der einer europäischen Violine nachempfunden ist. Anders bei der gitgit der Mangyan auf der südlich von Luzon gelegenen Insel Mindoro: Dieses dreisaitige Streichinstrument besitzt einen sehr kleinen zierlichen Korpus, der wie eine Gitarre tailliert ist, und hinterständige Wirbel. Darüber hinaus kommen in den Philippinen noch einige einsaitige Spießgeigen mit einem Bambusrohr-Saitenträger vor.[18]
Herkunft europäischer Violinen
Nachdem Vasco da Gama 1498 erstmals auf dem Seeweg die Westküste Indiens erreicht hatte, eroberten die Portugiesen bis 1510 Goa und gründeten dort eine Handelsniederlassung. Mit der Eroberung von Malakka auf der Malaiischen Halbinsel im Jahr 1511 begann der Handel zwischen Portugal und Südostasien mit jährlichen Flottenverbänden. Das muslimische Sultanat von Malakka war seit dem 15. Jahrhundert der Hauptumschlagplatz von Händlern aus Gujarat und China für den Handel zwischen Indien und dem Malaiischen Archipel.[19] Die Portugiesen waren die ersten Europäer, die während der Kolonialzeit im Malaiischen Archipel Fuß fassten und Handel mit Gewürzen aus den Molukken trieben.
Zwar scheiterten ihre Versuche im Verlauf des 16. Jahrhunderts, das muslimische Sumatra in Kämpfen mit ihrem Handelskonkurrenten, dem Sultanat von Aceh, zu erobern und zu missionieren, sie errichteten aber befestigte Stützpunkte auf einigen Molukkeninseln: auf Ternate ab 1522, auf Ambon ab 1569 und auf Tidore ab 1578.[20] Neben dem Handel bemühten sich die Portugiesen bis zu ihrer Vertreibung gegen Ende des 16. Jahrhunderts, im überwiegend islamisierten Archipel das Christentum zu verbreiten.[21] Auf die Insel Sumatra könnte die Violine nach der Eroberung des portugiesischen Kolonie Malakka durch die Niederländer 1641 gekommen sein, als von den Portugiesen versklavte Musiker nach Sumatra flohen und dort eine Anstellung an den Residenzen der Sultane fanden.[22]
Eine der wenigen Quellen, die über die damaligen portugiesischen Musikinstrumente in Indonesien berichten, ist das Hikayat Tanah Hitu („Erzählung aus dem Land Hitu“) des Autors Rijali (1590–1662), der Imam auf der Insel Ambon („Hitu“) war. Es ist das einzige Werk eines Einheimischen von den Molukken im 17. Jahrhundert und enthält eine kurze Liste der von den Portugiesen bei Kriegseinsätzen verwendeten Musikinstrumente: Flöten, Trommeln und Schalmeien. Für die Schalmeien verwendet der malaiische Text das seltene Wort caramela, das offenbar vom portugiesischen charamela („Schalmei“) entlehnt ist.[23]
Der portugiesische Schriftsteller Fernão Mendes Pinto (um 1509–1583) erwähnt in seinem Bericht Peregrinação („Pilgerreise“) über eine Reise nach China und Japan einige Musikinstrumente, deren Namen zum Teil auch verstreut in damaligen portugiesischen Texten über Indonesien vorkommen. Pinto verfasste seinen Bericht zwischen 1569 und 1578, veröffentlicht wurde er erstmals 1614. Darin ist auch mutmaßlich der erste bekannte Nachweis für eine viola genannte „westliche Gitarre“ in China enthalten.[24]
Der Jesuitenmissionar Manuel de Azevedo (1581–1650) verfasste 1620 in Ternate einen Bericht über die dortigen missionarischen Aktivitäten, worin er das „unchristliche“ Verhalten seiner Kollegen kritisiert. Darunter verstand Azevedo offenbar neben einem luxuriösen Lebensstil auch Gesang, Tanz und nächtliche Musik. Missbilligend notiert er im Haus von zwei Missionaren den Fund von „zehn oder zwölf ‚violas‘ und anderen teuren Musikinstrumenten wie ‚pandeiros‘ (Rahmentrommeln)…“. In den historischen Berichten über Südost- und Ostasien konnte viola entweder ein europäisches Zupfinstrument oder ein Streichinstrument der Violinenfamilie bezeichnen.[25]
Um 1500 wurde unter viola in europäischen Sprachen (italienisch/portugiesisch viola, französisch viole, spanisch vihuela, deutsch Fidel) in einem allgemeinen Sinn jede Art von Streichinstrument verstanden, im Fall von vihuela auch ein Zupfinstrument. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bildeten sich die ungefähren heutigen Formen der Viola (Bratsche) und Violine (Geige) heraus, während viola bis zu dieser Zeit unter anderem auch die Lira da Braccio bezeichnen konnte. Ohne Namenszusatz war mit viola selten die Violine gemeint.[26] Im Portugiesischen stand viola auch für die sechsaitige spanische Zupflaute vihuela (etwa der italienischen viola da mana entsprechend) und ab dem Ende des 16. Jahrhunderts für die fünfsaitige Gitarre (die im 17. Jahrhundert auch guitarra genannt wurde).[27] Welches Streichinstrument oder eventuell Zupfinstrument mit viola anfangs genau gemeint war, geht daher aus den damaligen portugiesischen Reiseberichten nicht hervor.
Wahrscheinlich waren es Streichinstrumente in der um eine Quinte tieferen Stimmung der Bratsche, die Anfang des 17. Jahrhunderts durch die kleinere viersaitige Violine ersetzt wurden. Der britische Sprachforscher William Marsden beschreibt in The History of Sumatra (1783) zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft die Musik an der Westküste von Nordsumatra. Er nimmt an, die Musikinstrumente (Metallophon, Bambusxylophon und die Flöte suling) seien von den Chinesen oder von anderswo eingeführt worden, nur eine einfache Bambusflöte gehöre zur lokalen Tradition. Des Weiteren erwähnt er die europäische Violine.[28] Der schottische Kolonialbeamte John Anderson (1795–1845) schreibt 1826 über die Ostküste von Sumatra, es gäbe dort im Vergleich zur Malaiischen Halbinsel, seinem Einsatzgebiet, weniger Musikinstrumente, die er in dieser Reihenfolge auflistet: Violine, viola (Bratsche), gendang (Röhrentrommel), rebana (Rahmentrommel), serunai (Kegeloboe), bangsi und suling (Flöten), simpang, gambang, gundir (Metallophone), kromong (Buckelgongs), tatawa (vielleicht tetawak, Buckelgongpaar) und kecapi (Kastenzither).[29]
Violinen und andere europäische Musikinstrumente wurden im kolonialzeitlichen Indonesien zunächst in den Häusern wohlhabender Portugiesen und nachfolgend Niederländer von Sklaven mit europäischen Melodien gespielt. So geht aus einem Brief von 1689 hervor, dass in einem Kolonialhaushalt in Batavia mit 59 Sklaven ein Sklavenorchester zu den Essenszeiten mit Harfe, Violine und Fagott unterhielt. Sklaven in einer derart unnötig großen Zahl waren damals ein Statussymbol für die niederländischen Kolonialisten. Viele dieser nach Gehör spielenden und Berichten zufolge talentierten Musiker waren aus Afrika verbrachte schwarze Sklaven, die zum Christentum übertraten, sich die portugiesische Kultur aneigneten und so portugiesische Bürger werden durften. Einige Sklaven nahmen portugiesische Namen an. Die Portugiesen waren die einzige europäische Kolonialverwaltung, die ihre Männer ermunterte, zur Sicherung der kolonialen Interessen einheimische Frauen zu heiraten. In der knapp ein Jahrhundert währenden Kolonialzeit bildete sich eine afrikanisch-indisch-malaiisch-portugiesisch geprägte Kultur heraus, die noch in einigen Gegenden in Volkskultur, Musik und Tanz sowie in einer portugiesisch-malaiischen Kreolsprache erkennbar ist.[30]
Das portugiesische Wort viola ging als biola in die malaiische Sprache ein.[31] Auch malaiisch biola bezeichnete allgemein ein Streichinstrument (Saiteninstrument) europäischen Ursprungs. Die Lautverschiebung von v zu b hängt mit der allgemeinen Lautbildung im Malaiischen zusammen und außerdem damit, dass im Portugiesischen v und b am Wortanfang gleichermaßen als Plosivlaute ausgesprochen werden.[32] Aussprachevarianten sind bioloh im malaysischen Bundesstaat Negeri Sembilan, viol in den Zentralmolukken[33] sowie biyolin auf Tagalog und in anderen Sprachen in den Philippinen. Außerhalb der Region, so bei Curt Sachs (1923) erwähnt, wurde viola zu behala oder beyala für eine gestrichene Spießlaute mit einem kleinen Resonator aus gebranntem Ton in Bengalen.[34]
Verbreitung und Spielweise
Für die Kultur der ethnischen Malaien sind Volkslieder, Tänze und Theaterformen typisch, die von kleinen Ensembles mit einer Violine als häufig einzigem Melodieinstrument begleitet werden. Die Violine ergänzt die einzelne Gesangsstimme oder den Wechselgesang beim Austausch von Pantun-Versen mit einer parallelen Melodie und übernimmt mit vielen melodischen Verzierungen in den Gesangspausen die Führung. Die übrigen Musikinstrumente wie Trommeln, Gitarren und manchmal ein Gong haben eine rhythmische Funktion.[35] Vor dem 20. Jahrhundert waren nach der religiösen islamischen Musik in europäischen Sprachen gesungene Unterhaltungsmusikgenres die einzigen Musikstile, die sich über ethnische Grenzen hinweg im Malaiischen Archipel verbreiteten. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert wurden solche Unterhaltungsgenres in malaiischer Sprache allgemein populär.[36]
Malaiische Halbinsel
Auf der Malaiischen Halbinsel ist die dreisaitige rebab (tiga tali) das am weitesten verbreitete Streichinstrument. Daneben wird die europäische Violine (biola barat, „westliche Geige“) in der traditionellen Musik in einigen hybriden Stilen verwendet. Die übrigen Fiedeln werden zusammenfassend biola orang asli („Geige der alteingesessenen Bewohner“) genannt. In der musikalischen Begleitung der Erzähltradition kaba, die von den als Minderheit im malaysischen Bundesstaat Selangor lebenden Minangkabau gepflegt wird, trat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die biola an die Stelle der rebab.[37]
In anderen Musiktraditionen wird die Violine seit dem 16. Jahrhundert verwendet. Nach 1511, als in Malakka die erste portugiesische Niederlassung in Südostasien gegründet wurde, bildete sich eine kleine portugiesisch-malaiische Bevölkerungsgruppe heraus, die bis heute offiziell als „Portugiesen“ bezeichnet wird und trotz ihrer Assimilation in die malaiische Kultur gewisse portugiesische Traditionen bewahrt. Dazu gehören außer der biola die zweifellige Zylindertrommel tambo, der in den malaiischen joget eingegangene portugiesische Tanzstil branyo und rund 400 Wörter portugiesischer Herkunft in der malaysischen Sprache.[38]
Ronggeng
Der Unterhaltungstanz ronggeng mit einer langen Tradition war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Paartanz, bei dem eine professionelle Tänzerin nacheinander mit Männern aus dem Publikum tanzte, die dafür einen kleinen Geldbetrag zahlten. Zum formalen Ablauf gehörten improvisierte Pantun-Verse aus vier Zeilen mit dem Reimschema ABAB, mit denen die Tanzpartner gelegentlich zweideutig und möglichst immer schlagfertig aufeinander reagieren sollten. Solche Veranstaltungen gab es auch auf Java, Sumatra und einigen anderen Inseln im Archipel. Auf der Malaiischen Halbinsel wurden die Tänze mit einem Ensemble aus biola (europäische Violine), rebana (Rahmentrommel), einem hängenden Gong, der größere musikalische Einheiten markiert, und einem Akkordeon begleitet. In den 1960er Jahren begannen diese ronggeng-Veranstaltungen (auch pentas joget), ihre Popularität an Kinofilme und Fernsehen abzugeben. Staatliche Programme machten in den 1970er und 1980er Jahren aus dem Tanzvergnügen einen choreografierten Bühnentanz joget ohne Zuschauerbeteiligung, bei dem nach wie vor Violine, Rahmentrommel, Gong und Akkordeon die hauptsächlichen Begleitinstrumente einer Gesangsstimme sind. Gelegentlich werden diese um Flöte (suling) und Gitarre ergänzt.[39]
Bangsawan

In den 1880er Jahren entstand in den Städten das als malaiische Oper beschriebene Musiktheater bangsawan („Aristokratie“), dessen Stücke vom Leben der malaiischen aristokratischen Gesellschaft handeln. Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten kommerzielle Veranstalter das auf Theaterbühnen mit aufwendigen Kulissen inszenierte bangsawan in Malaysia, Singapur, Sumatra und Java. Heute gilt bangsawan als eine traditionelle malaiische Theaterform. Die szenischen Dialoge werden mit Tänzen, darunter joget, und Liedern angereichert. Zur europäisch-arabisch-indisch-chinesisch-malaiischen Stilmischung der Aufführungen gehört die Untermalung mit einer entsprechend hybriden Musik. Seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden drei Ensembletypen zur Begleitung eingesetzt:
Europäische und arabisch-persische Erzählungen begleitet ein Ensemble mit europäischen Instrumenten, zu dem Violine, Trompete, Posaune, Saxofon, Klarinette, Klavier, Gitarre und Schlagzeug gehören. Bei malaysischen und javanischen Geschichten spielt das ronggeng-Ensemble aus Violine, Rahmentrommel, Gong und Akkordeon. Erzählungen aus der indischen Mythologie begleitet ein Ensemble mit aus dem indischen Parsen-Musiktheater (Teater Parsi) übernommenen Harmonium und tabla. Für neu komponierte Aufführungen werden passende Musikensembles aus verschiedenen Instrumenten zusammengestellt. Die Lieder bestehen aus Versen der Gattung Pantun oder Syair.[40]
Nach einer malaiischen Zeitungsmeldung von 1904 bestand ein Ensemble beispielsweise aus Klavier, Flöte, Harmonium und tabla und nach einem Artikel in der englischsprachigen Tageszeitung Straits Echo von 1928 ein anderes Ensemble aus „einem blechern klingenden Klavier, einer Trommel, einigen Violinen, einem keuchenden Kornett und manchmal aus einer nicht weniger asthmatischen Posaune“.[41]
Ghazal
Aus der arabisch-vorderasiatischen Kultur stammen unter anderem das Liedgenre ghazal (Ghasel) und der Bühnentanz zapin. Die ab dem 12. Jahrhundert nach Nordindien gelangte und während des Mogulreichs (1526 bis 1858) in gebildeten Kreisen geschätzte Liebeslyrik Ghasel gelangte vermutlich mit indischen Händlern über das Riau-Lingga Sultanat im 19. Jahrhundert in den südlichsten Bundesstaat Johor. Für die instrumentale Begleitung des ghazal Melayu sorgt wiederum ein hybrides Ensemble aus Harmonium, der Zupflaute arabischer Herkunft gambus, Violine, Gitarre, tabla, Rahmentrommel rebana und Gefäßrasseln (Maracas). Eine oder mehrere Melodieinstrumente – hauptsächlich Violine und Harmonium – folgen heterophon der Gesangsstimme. Die Melodielinie wird durch eine harmonische Begleitung nach europäischem Modell ergänzt, während die rhythmischen Muster von der indischen Musik oder den malaiischen Genres lagu asli und joget entlehnt sind.[42] Die meisten malaiischen ghazal sind in der Form Pantun verfasst, bei der jede Zeile eine eigene Bedeutung hat, aber keinen Teil einer Erzählung darstellt.
Die kulturell heterogenen Elemente des ghazal Melayu verdeutlichen die Musikinstrumente: Nordindischer Herkunft sind Harmonium und tabla, europäisch sind Violine, Gitarre, Gefäßrassel und Tamburin, als islamisch-malaiische Tradition gilt die Zupflaute gambus. Neuere Übernahmen aus der arabischen Musik sind die Knickhalslaute ud und die zweifellige Zylindertrommel marwas.[43] Gelegentlich kommen als südostasiatisch-malaiische Elemente die Rahmentrommel rebana und ein Buckelgong hinzu.[44]
Die nordindischen Einflüsse sind heute in den Hintergrund getreten. Bei seiner Einführung in Malaysia wurde der Gesang von ghazal Melayu noch von vier Musikern mit ausschließlich nordindischen Musikinstrumenten begleitet: der Streichlaute sarangi, dem Harmonium mit handbedientem Blasebalg, der Langhalslaute sitar und tabla. An die Stelle von sarangi und sitar traten bald Violine und gambus. Die Musiker blieben männlich, aber die bislang männliche Gesangsstimme übernahm eine Sängerin.[45]
Lagu asli
Lagu asli („traditionelle/originale Lieder“) sind alte malaiische Volkslieder mit Stilelementen aus der arabischen, portugiesischen und indischen Musik. Die Lieder klingen wehmütig und haben einen langsamen Rhythmus mit acht Zählzeiten (rentak asli). Die Tonskalen können der westlichen Dur-Moll-Tonalität, arabischen Maqams und der chinesischen Pentatonik entsprechen. Als lagu Melayu asli wird darüber hinaus jede hybride malaiische Musikform bezeichnet.[46] Mit den lagu Melayu asli hat sich das Repertoire der heute in der traditionellen Form kaum noch veranstalteten ronggeng-Tänze verselbständigt.[47] Die Violine begleitet parallel die melismenreichen Melodien der Gesangsstimme und streut manchmal weitere kleine Verzierungen ein. Lagu asli werden unter anderem in der Theaterform bangsawan und bei Aufführungen von ronggeng auf Theaterbühnen verwendet.
Dondang sayang
Dondang sayang („Lied von Liebe/Leiderschaft“) ist eine vielleicht seit dem 16. Jahrhundert existierende Liedgattung, bei der ein Sänger ein vierzeiliges Pantun improvisiert und ein zweiter Sänger mit einem anderen Pantun antwortet. Die Verse handeln auf humorvolle Art von Liebe, Höflichkeit, Klugheit und guten Ratschlägen. Die Unterhaltungsform wird von Malaiien und Baba-Nyonya auf der Malaiischen Halbinsel einschließlich Singapur bei Hochzeiten und anderen Familienfeiern aufgeführt. In Malakka gehört dondang sayang auch zur jährlichen islamischen Zeremonie mandi safar („Bad [im Monat] Safar“) und in Penang zum chinesischen Laternenfest (cha̍p-gō͘-mê).
Die übliche Begleitmusik besteht aus einer Violine, zwei Rahmentrommeln rebana und einem hängenden Buckelgongpaar (tetawak), ergänzt um ein Akkordeon oder ein Harmonium, Gitarre und Tamburin. Die Melodie wird von der Gesangsstimme variiert und ausgeschmückt und meist von der Violine aufgenommen. Eine rebana schlägt den von den lagu asli bekannten Rhythmus mit acht Zählzeiten, während die zweite rebana durch Zwischenschläge für eine verzahnte rhythmische Struktur sorgt.
Die Lieder beginnen mit einem sprachlichen Austausch zwischen den beiden Sängern, der nur von der Violine begleitet wird. Die Gesangsstimmen müssen den Versanfang mit den Einsätzen der Violine zusammenbringen. Dem Violinisten kommt die herausfordernde Rolle zu, die Einsätze der Sänger und den Melodieverlauf zu leiten.[48] Dondang sayang-Aufführungen gehören für alle gesellschaftlichen und religiösen Gruppen zum altüberlieferten Kulturerbe Malakkas.[49]
Orkes Melayu
Orkes Melayu („malaiisches Orchester“, mit orkes von niederländisch orkest) enthält im Namen die Verbindung von malaiischer Tradition und westlicher Moderne. Ab den 1960er Jahren entstand unter der malaiischsprachigen Bevölkerung der unteren Schichten in den größeren Küstenstädte von Malaysia und Indonesien der anfangs orkes Melayu genannte sentimentale Popmusikstil, der heute nostalgisch klingt. Die Liedtexte beinhalten vierzeilige Pantun und andere Verse mit dem Reimschema AABA.
Vorläufer des orkes Melayu stellten Ende des 19. Jahrhunderts die Musik der kolonialzeitlichen Theatergenres bangsawan, opera und komedi stambul dar. Der Name orkes Melayu war ab Ende der 1930er Jahre im Radio zu hören.[50] Die Musikinstrumente waren nicht festgelegt. Anfang der 1960er Jahre gehörten zu einem Ensemble mehrere europäische Instrumente wie die von früheren Ensembles übernommene Kombination Violine und Akkordeon, ferner Klavier, Vibraphon, Gitarre, Klarinette, Saxofon und Maracas sowie als malaiische Instrumente eine kleine zweifellige Trommel gendang kapsul und Bambusflöte suling. Für die moderne städtische Jugend galten solche Ensembles als kampungan („dörflich“, rückständig, altbacken), weil sie zwar Einflüsse mehrerer Kulturen zusammenbringen, einschließlich von indischen Bollywoodfilmen übernommenen Melodien, aber keine E-Gitarren und Keyboards einsetzen.[51] Aus dem konservativen orkes Melayu und aktueller amerikanischer Popmusik entstand das seit Anfang der Jahrtausendwende beliebte Genre pop Melayu, bei dem die Violine auf elektrisch verstärkte Instrumente trifft.[52]
Orkes gambus
Orkes gambus ist in Malaysia und Indonesien das Ensemble der Zupflaute gambus, die eine arabisch-islamische Tradition verkörpert. Das Spiel der gambus gilt in Malaysia mit Ausnahme sehr konservativ-islamischer Kreise und mit Ausnahme der Bundesstaaten Kelantan und Trengganu als erlaubte islamische Musik. Anders als allgemeine islamische Prinzipien, wonach Saiteninstrumente unislamisch sein sollen, halten die Mehrheit der Muslime in der Region die gambus für ein heiliges Musikinstrument.[53] Musik mit orkes gambus gilt für manche Muslime in Malaysia und Indonesien als Unterhaltung, für einen großen Teil jedoch als religiöse Musik (musik islami), die im Hörfünk auch an islamischen Feiertagen gespielt wird.
Weitere den Gesang von religiösen Liedern oder Liebesliedern begleitenden Musikinstrumente in einem orkes gambus sind Rahmentrommeln rebana, Violine, Flöte suling sowie häufig ein Keyboard, E-Gitarre, E-Bass und weitere Trommeln.[54]
Mah Meri

Die Mah Meri sind eine zu den Senoi gehörende ethnische Gruppe der Orang Asli („Ureinwohner“), die im Westen der Malaiischen Halbinsel lebt. Ihre reiche traditionelle Kultur, zu der Maskentänze mit Röcken aus Rindenfasern und Kleidern aus grünen geflochtenen Blättern sowie Holzskulpturen gehören, wird in einem Kulturdorf auf der Selangor vorgelagerten Insel Carey Touristen vorgeführt und in den Medien exotisiert. Mah Meri spielen ihre traditionelle Musik bei Heilungsritualen, bei der jährlichen Ahnenverehrungszeremonie (ari) moyang und zur Unterhaltung.
Das Main Jo’oh-Musikensemble, das im Kampung Sungei Bumbun auf der Insel Carey Rituale begleitet, besteht aus einer Violine (die in der Mah-Meri-Sprache jule genannt wird), der Bambusröhrenzither banjeng, Bambusstampfrohre tungtung, der zweifelligen Zylindertrommel tambo und einem hängenden Buckelgong tawak.[55] Die Stampfrohre gehören zu einer alten malaiischen Kulturschicht, ebenso wie die Bambusröhrenzither und die heute nicht mehr für diese Rituale verwendeten Bambusflöten und die Bambusmaultrommel (allgemein genggong). Die Trommel verweist ihrer Form und ihrem Namen nach (von spanisch tambor, entsprechend tabor) auf einen europäischen Ursprung. Für Heilungszeremonien stellen die Mah Meri kleine Holzfiguren von Musikern her, die eine Zylindertrommel und eine Violine spielen.
Die Violine dürfte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingeführt worden sein, denn in einem Bericht von Walter W. Skeat und Charles Otto Blagden aus dem Jahr 1906 wird die Violine bei den Mah Meri noch nicht erwähnt. In den 1980er Jahren war sie ein wesentlicher Bestandteil der Main Jo’oh-Musik. Clare Suet Ching Chan (2010) vermutet, dass die Mah Meri die Bezeichnung jule anstelle von biola wählten, um ihre Tradition von der malaiischen Kultur abzugrenzen.[56]
Die Jakun, eine andere Gruppe der Orang Asli im Bundesstaat Johor, spielten Skeat und Blagden zufolge 1906 „eine Art Violine“, eine einfache Längsflöte und zwei unterschiedlich große Zylindertrommeln (der malaiischen kendang entsprechend). Auf der dazugehörenden Fotografie ist die Musikgruppe mit einer europäischen Violine zu sehen. Eine weitere Abbildung in diesem Werk zeigt eine Gruppe Orang Asli aus Malakka, bei der zwei Männer eine europäische Violine spielbereit halten.[57]
Jikay
Unter der muslimischen malaiischen Bevölkerung in den drei südlichsten Provinzen Südthailands entstand in den 1880er Jahren aus dem religiösen Zeremonialgesang dikir (auch dikay, zikir, von arabisch dhikr) ein weltliches Volkstheater, das später in ganz Thailand als thailändische Volksoper likay und in Malaysia mit einer anderen musikalischen Begleitung als jikay bekannt wurde.[58] Ein vollständiges Musikensemble beim malaiischen jikay besteht aus Rahmentrommeln rebana in drei Größen, einer Rahmentrommel mit Schellen, einem hängenden Buckelgong, mehreren paarweise gegeneinandergeschlagenen Bambusstäben cerek, einem Paar Handzimbeln kesi, einer Kegeloboe serunai oder pi und einer biola. Die Kernbesetzung für kleinere Ensembles besteht aus drei rebana in den drei Größen, zwei Paar cerek und einer Violine. Für die Szenen wird nur eine kleine Auswahl an Melodien gebraucht. Die Violine spielt unisono mit der Gesangsstimme oder ergänzt eine zweite Melodielinie.
Ein ähnliches Ensemble mit einer Violine begleitet auch das malaysische Tanztheater mak yong (makyung), dessen Ursprung ebenfalls in Süddthailand vermutet wird. Die Violine ersetzt eine früher verwendete dreisaitige Spießgeige rebab.[59]
Borneo

Im malaysischen Bundesstaat Sabah auf Borneo gehört die europäische Violine neben Klavier und Keyboard in der populären Unterhaltungsmusik zu den beliebtesten Musikinstrumenten der Chinesen. In den größeren Städten bildet die Violine wie auf der Malaiischen Halbinsel ein „traditionell-malaiisches“ Ensemble mit Akkordeon, Buckelgong und Trommeln.

Die an den Küsten Borneos und umliegender Inseln siedelnden Bajau spielen biola genannte Streichinstrumente mit drei Saiten unterschiedlicher Formen. Die Iranun nennen sie biula. Das Streichinstrument ähnelt äußerlich meist einer Violine, eine seltenere Form ist eine Kastenhalslaute mit einem runden Korpus, der an ein Banjo erinnert. Die Konstruktion ist jedoch anders. Wirbelkasten, Hals sowie Boden und Seiten des Korpus werden aus einem einzelnen Holzblock eines weichen Holzes (Jackfruchtbaumholz oder Meranti) herausgearbeitet. Nur die dünne Holzdecke mit zwei f-Schalllöchern wird separat angefertigt und aufgeleimt. Danach wird auf den Hals ein Griffbrett aufgeleimt, das bis zur Mitte des Korpus reicht.[60]
Die drei Darmsaiten oder heute Stahlsaiten werden wie bei der Violine an seitlichen gegenständigen Stimmwirbeln gespannt: zwei Wirbel auf der einen und ein Wirbel auf der anderen Seite. Deren Anordnung ist bei der biula der Iranum gegenüber der biola der Bajau vertauscht. Die tiefste Saite ist zur mittleren Saite im Abstand einer Quinte und zur höchsten im Oktavabstand gestimmt.
Der Streichbogen (buul bei der biula und batang bei der biola) aus Jackfruchtbaumholz besitzt keine Spannschraube am Frosch, weshalb der Musiker beim Spiel mit dem Mittelfinger und Ringfinger unter die Bespannung greift, um deren nötige Festigkeit herzustellen. Die Bespannung bestand früher aus Rosshaar und besteht heute aus sehr dünnen Fasern einer Angelschnur aus Nylon. Am oberen Ende ist am Bogenstab ein Ornament angeschnitzt (sumping, „Blume“, bei der biula und ukiran, „Schnitzerei“, bei der biola).[61]
Der im Schneidersitz auf dem Boden hockende Musiker hält das Instrument beim Spielen in einer aus dem arabisch-persischen Raum bekannten Spielhaltung schräg vor sich mit dem Korpus auf den rechten Fuß gestellt (ähnlich schräg wie ein Cello). Die Saiten werden überwiegend nur in der ersten Lage verkürzt.[62]
Jacqueline Pugh-Kitingan (2022) vermutet wegen der ungefähr senkrechten Spielhaltung eine arabische Herkunft der biola und bezieht sich damit auf eine arabische Spießgeige, die nach dem Kontakt mit europäischen Violinen deren ungefähre Form annahm. Nach anderer Ansicht sind diese regionalen Streichinstrument ebenso ein ausschließliches Erbe der Portugiesen wie die übrigen biola im Archipel. Da Sabah im Osten von Borneo näher an den Philippinen als an der Malaiischen Halbinsel liegt, wird auch eine Herkunft von den Spaniern während der dortigen Kolonialzeit vermutet.[63]
Im Malaiischen Archipel spielen üblicherweise in der traditionellen Musik nur Männer die Violine,[64] dagegen begleiten bei den Bajau Männer und Frauen bei gesellschaftlichen Ereignissen ihren Gesang mit der biola.
Die Bajau pflegen auch den Gesang von Pantun, indem sich Frauen und Männer abwechselnd vierzeilige Strophen vorsingen. Die von einer biola begleiteten und weitgehend improvisierten Pantun handeln von Liebe, Alltagsdingen und gesellschaftlichen Ereignissen.[65] Nur die Frau spielt biola, während sich beide Gesangspartner in einem Frage-Antwort-Schema die Pantuns zuwerfen. In früheren Zeiten bot dies für einen jungen Mann und eine junge Frau die Gelegenheit, sich gegenseitig und gegenüber der Gemeinschaft ihre Liebe kundzutun. Eine Pantun-Aufführung dauert bei den Bajau normalerweise von Mitternacht bis zur Morgendämmerung und findet anlässlich eines größeren Festes statt.[66]
Die mit den Bajau verwandten Sama Dilaut („Nomaden des Meeres“) an der Ostküste von Borneo verwenden keinen vereinfachten Nachbau, sondern eine typisch europäische Violine mit vier Saiten, deren Herkunft von den Spaniern in den Philippinen naheliegt. Der Sama-Musiker hält diese biola ungefähr waagrecht gegen seinen linken oberen Brustbereich und spielt sie mit einem Geigenbogen nach europäischem Standard.[67] Die europäische Violine und die dreisaitigen biola/biula sind die einzigen Streichinstrumente auf Borneo. Weiter verbreitet sind gezupfte Bootslauten vom Typ der sape.
Sumatra
Wie auf der Malaiischen Halbinsel haben auf Sumatra Unterhaltungstänze eine Tradition, die von Violine, Akkordeon und Trommeln, in jüngerer Zeit auch von elektrisch verstärkten Instrumenten begleitet werden. So werden in Nordsumatra die ronggeng-Lieder von einer Violine, einer oder mehreren Rahmentrommeln rebana und Akkordeon begleitet, der früher verwendete hängende Buckelgong ist praktisch verschwunden. Den Melodien liegen teilweise westliche Tonleitern und teilweise arabische Maqams zugrunde.
Die Musik der Malaiien auf Sumatra wurde von beiden Musikkulturen beeinflusst. Der malaiisch-muslimische Sultan von Langkat besaß am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Palastorchester mit 20 Violinisten, das von einem in Singapur ausgebildeten Dirigenten geleitet wurde.[68]
Aceh
In der Provinz Aceh an der Nordspitze Sumatras mit einer überwiegend strenggläubigen muslimischen Bevölkerung bildet die Einteilung der Musikinstrumente nach ihrer kulturellen Herkunft das wesentliche Kriterium für ihre Verwendung. Unterschieden werden Musikinstrumente aus der vorislamischen Zeit (acehnesisch yoh gohlom Islam), der islamischen Zeit (masa Islam) und aus der westlichen modernen Welt (meukaphe, von arabisch kāfir, aus der Welt der „Ungläubigen“), also der in den letzten Jahrhunderten hinzugekommenen europäischen Instrumente. Zur dritten Gruppe zählt Margaret Kartomi (2005) die ältere Violine (biola) und die jüngeren Instrumente der westlichen Popmusik. Auf der untersten Ebene erfolgt die Einteilung der Musikinstrumente nach ihrer Handhabung (schlagen, blasen, zupfen und streichen). Die vierte Gruppe der Streichinstrumente bestehen aus der biola Aceh („acehnesische Violine“) und der dreisaitigen Stachelgeige hareubab (ähnlich der rebab, die heute praktisch verschwunden ist. Die Form der biola Aceh hat sich von der europäischen Violine und der anderswo im Malaiischen Archipel gespielten biola weit entfernt. Die biola Aceh wird auf eine eigene Weise und ohne westliche Tonleitern oder Harmonien gespielt, weshalb sie die Acehnesen auch der alten vorislamischen Schicht zuordnen. Sie ist also ein Grenzfall bei der Zuordnung.
Die Größe der biola Aceh und die Saitenstimmung entspricht etwa einer Bratsche. Der Spieler legt die biola Aceh nicht auf die linke Schulter, sondern presst sie seitlich gegen die obere Brust. Anders als in den malaiischsprachigen Regionen wird die biola seit ihrer Einführung durch die Portugiesen in Aceh nicht für hybride europäisch-malaiische Musikstile, sondern wie die verschwundene hareubab für ornamentale, von der arabischen Musik bekannte Melodien verwendet. Stilistisch ähneln die Melodien dem Gesang des in Aceh beliebten Erzählgenres Hikayat.
Zur Tradition von biola Aceh-Spielern gehört, die Aufführungen von Komikern (indonesisch pelawat) zu begleiten. Ein Komikerduo bestehend aus einem Mann und einem Mann in Frauenkleidern bildet zusammen mit dem Geiger ein Unterhaltungsensemble, das bei Hochzeiten und anderen Feiern auftritt. Die Komiker tanzen zur Melodie der biola Aceh, improvisieren humorvolle Geschichten und tragen Dialoge im schlagfertigen Frage-Antwort-Spiel von gesungenen Pantuns vor. Der biola-Aceh-Spieler ist der Leiter der Bühnenshow und singt gelegentlich auch selbst. Manchmal wird das Ensemble um eine zur islamischen Musik gehörende Rahmentrommel rapa’i ergänzt.[69]
Nordwestküste
Die in der Provinz Westsumatra lebenden Minangkabau wurden im 16./17. Jahrhundert von Aceh aus islamisiert. Ihre nachgebaute größere Version der Violine klingt etwas tiefer und entspricht eher einer Bratsche. Sie erhielt den Namen rabab, der wie bei der malaiischen rebab eine Übernahme des arabischen Wortumfelds von rabāb für Streich- und Zupflaute ist. Mit der rabab spielen die Minangkabau Lieder aus dem lagu Melayu-Repertoire und das entlang der Westküste von Sumatra von Banda Aceh im Norden bis zum Gebiet der Minangkabau bekannte Tanz- und Liedgenre sikambang,[70] dessen Melodien auf der Violine gespielt werden. Zu dieser Gruppe von Tänzen, die bei Hochzeiten, anderen Familienfeiern und öffentlichen Veranstaltungen aufgeführt werden, gehören die Paartänze (tari) ronggeng, der (tari) saputangan („Taschentuchtanz“), der (tari) payung („Regenschirmtanz“) und der (tari) lilin („Kerzentanz“).
Das Liedgenre lagu sikambang asli ist ein traditioneller malaiischer Gesang, der im Genre lagu sikambang kapri mit der Violine und mit Rahmentrommeln begleitet wird. Einen speziellen Anlass hat etwa der lagu sikambang tarian anak („Sikambang-Lied und Kinder-Tanz“), ein Tanzlied, mit dem die Geburt eines Kindes gefeiert wird. Ein kapri-Ensemble besteht aus einer Gesangsstimme, einer biola und mindestens zwei gambang (hohe einfellige Rahmentrommeln mit einem aus einem Holzblock geschnitzten Korpus). Liedtexte und Melodien ähneln hybriden europäisch-malaiischen Genres wie dondang sayang.[71]
Eine weitere Unterhaltungsmusik an der Westküste bei den Minangkabau ist das orkes gamat (auch gamad, „fröhliches/heiteres Orchester“), das Anfang des 20. Jahrhunderts aus portugiesischen Melodien und Harmonien in Verbindung mit malaiischen Pantun-Versen und Trommelrhythmen entstand. Das Genre ist eng verwandt mit Liedern, die zu den lagu Melayu und den langgam Melayu („malaiischer Stil“) gehören. Die Aufführungen bei Familienfeiern auf einer provisorisch errichteten Bühne dauern viele Stunden bis in die Nacht. Das Ensemble setzt sich aus einem männlichen Solosänger, einer europäischen Violine, einem Harmonium oder Akkordeon, einem Saxophon, einer Gitarre, Maracas Rahmentrommel (rapano) und gelegentlich tabla zusammen. Die gesamte Veranstaltung und die Rollenverteilung bei den gemischten Paartänzen entspricht einer traditionellen ronggeng-Veranstaltung.[72]
Eine Verbindung von orkes gamat und kroncong ist abgesehen vom Melodien und Instrumentarium beispielsweise das in beiden Genres gesungene Lied Cafrinho (auch Kaparinyo). Das Lied ist im keroncong tugu, einer Variante des kroncong, bekannt.[73]
Eine andere Version wird als sikambang kapri gesungen. Auch wenn ab den 1980er Jahren moderne orkes gamat weitere westliche Instrumente wie E-Bass, Keyboard und Schlagzeug hinzunahmen, so wird dennoch der weiche Klang der Violine für unverzichtbar gehalten, um die melancholische Stimmung der Lieder mit einem langsamen (langgam) Tempo auszudrücken. Neben der Violine kann einzig ein Akkordeon für eine portugiesisch klingende Melodie sorgen.[74]
Die kulturellen Unterschiede zwischen der stärker von Aceh beeinflussten nördlichen Küste von Westsumatra (Regierungsbezirk Pasaman Barat) und der südlichen Küste (Pesisir Selatan) zeigen sich auch in der Musik. Im Norden bedeutet rabab die dreisaitige Spießgeige rebab, im Süden wird mit rabab eine Kastenhalslaute ähnlich einer frühen Form der Bratsche verstanden. Die rabab der Südküste, rabab pasisieh salatan („Fiedel der Südküste“, auch rabab pasisia), besitzt einen flachen, seitlich zweifach taillierten Korpus mit einem ungefähr runden Schallloch in der Mitte und zu beiden Seiten zusätzlich f-förmige Schalllöcher. Seiten und die leicht gewölbte Decke des Korpus werden aus Weichholz hergestellt und mit Harz zusammengeklebt. Für den flachen Boden wird ein härteres Holz verwendet.
Über die Holzdecke verlaufen drei oder vier Saiten bis zum Wirbelkasten an einem kurzen Hals. Die Saiten sind im Abstand von Quinten gestimmt. Bei vier Saiten verkürzt der Spieler nur drei, die vierte Saite streicht er als Bordun oder beachtet sie nicht. Der Bogen ist mit Pferdehaar bezogen, das beim Spiel mit dem Mittelfinger gespannt wird. Die entfernt nach einem europäischen Vorbild gefertigte Fiedel gilt als typisch asali (asli, „original, traditionell“).[75] Nach einer anderen Beschreibung werden von den drei Saiten nur zwei zum melodischen Spiel verwendet. Der Spieler sitzt mit gekreuzten Beinen und stellt das Instrument senkrecht auf den Boden.
In dieser Region an der südlichen Küste wird mit der rabab die Erzähltradition kaba begleitet. Kaba-kaba waren ursprünglich Legenden, die etwa von den magischen Fähigkeiten einer Königsfamilie handelten (kaba Gombang Patuanan). Mit der Islamisierung wurden daraus Geschichten über den Propheten Mohammed mit dem Ziel der islamischen Missionierung. Während der Kolonialzeit konzentrierten sich die Themen auf die elenden und unfreien Lebensbedingungen. Die Musik der rabab pasisia gilt mit ihren in den Erzählungen enthaltenen islamischen Wertvorstellungen als eine islamische Tradition. Wenn die Herkunft der Violine rabab bis zu einem arabischen Streichinstrument zurückverfolgt wird, das mit der islamischen Expansion im 8. Jahrhundert nach Andalusien gelangt und dort zum Vorläufer der Violine geworden sein soll, dann lässt sich auch die Violine den islamischen Musikinstrumenten zuordnen.[76]
Die rabab spielt bevorzugt bei ergreifenden traurigen Szenen der legendären Erzählungen und eine Rahmentrommel (rapa’i, adok oder rapano) bei glücklichen Szenen oder Tänzen. Die rabab begleitet unisono die Gesangsstimme oder begleitet mit starkem Vibrato und Ornamentierungen. In einigen Dörfern führen mehrere Geschichtenerzähler (tukang kaba) eine kaba-Erzählung auf, wobei sie sich selbst mit einer rabab und gelegentlich mit einer Rahmentrommel begleiten.[77]
Java
Komedi stambul

Während der Kolonialzeit Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Musiktheater komedi stambul sowohl in den britischen Straits Settlements auf der Malaiischen Halbinsel als auch in der niederländischen Besitzung Java zum populären Ausgangspunkt moderner Theaterformen. Die auf der Malaiischen Halbinsel entstandene komedi stambul wurde in den 1890er Jahren auf Java zunächst in Surabaya und Batavia aufgeführt. Die Musik für komedi stambul stammte anfangs aus europäischen Opern, Operetten und Volksliedern. Für gesungene Erzählungen kamen bis um 1910 für indonesisch gehaltene Melodien hinzu, die nach ihrer Verwendung für bestimmte Szenen als stambul oder kroncong klassifiziert wurden.[36] Das Musikensemble der komedi stambul bestand in Batavia zunächst aus einem Xylophon gambang (kayu), Akkordeon und Violine. Zur ersten javanischen Aufführung 1891 in Surabaya spielte ein Ensemble, das sich Komedi Stamboel nannte, mit einer Violine, einigen Gitarren und einer Rahmentrommel.[78] Der damalige Leiter dieser Truppe, Auguste Mahieu (1865–1903), komponierte auch die bei den Aufführungen gespielten Melodien. Um 1894 verfügte das Ensemble über ein „französisches“ Instrumentarium aus einem Klavier, drei Violinen, einer Klarinette, einem Kornett, einer Posaune und einem Kontrabass.[79]
Kroncong

Kroncong bezeichnet außer der portugiesisch beeinflussten Liedgattung und dem Ensemble auch eine kleine fünfsaitige Gitarre, die der portugiesischen Cavaquinho ähnelt und von ihr abstammt. Ein traditionelles kroncong-Ensemble besteht aus zwei kroncong oder Ukulelen (cuk oder cokolele), ein bis drei Gitarren, eventuell einer Mandoline, ein bis zwei Geigen, einer Querflöte (suling) und kleinen Perkussionsinstrumenten (wie Rahmentrommel und Triangel). Mit einer Melodie im 4/4-Takt unisono zum Gesang und wenig Verzierungen folgt die erste Geige streng europäischen Vorbildern, während die zweite Geige im Hintergrund eine akkordisch auf die Geige und die Flöte bezogene Gegenmelodie beisteuert. Die zweite Geige verwendet dafür viele melodische Verzierungen und ein starkes Vibrato.[80]
Das vielleicht bekannteste indonesische Lied, bei dem der Gesang durch eine Violine begleitet wird, ist Bengawan Solo.[81] Das Lied im langsamen melancholischen langgam kroncong-Stil wurde 1940, kurz vor Einmarsch der Japaner im Zweiten Weltkrieg, in Surakarta komponiert, ist das erste populäre Lied in der indonesischen Nationalsprache und gilt heute als nationales Kulturgut. Es wurde unzählige Male vertont. Die Gesangsstimme wird stets von einer Violine begleitet, die in Gesangspausen die Melodie weiterführt. Häufig umspielt noch eine hoch klingende Flöte die Melodie.[82]
Kacapi biola
Ungefähr seit den 1970er Jahren sind in einigen Teilen in der westjavanischen Kulturregion Sunda Duos aus einer Kastenzither kacapi siter und einer europäischen Violine biola (sundanesisch piul) beliebt.[83] Bald wurde dieses Instrumentalduo um eine Solosängerin sinden (vgl. pesindhen) zu einem Trio erweitert.
In der Region Sunda gehört die als Schlaginstrument verwendete Bambusröhrenzither celempung bambu[84] zu den archaischen Musikinstrumenten, die Anfang des 21. Jahrhunderts eine Wiederbelebung in einer neuen musikalischen Form erfuhren.[85] Daneben gab es in den 1920er Jahren als Weiterentwicklung der Bambusröhrenzither eine hölzerne celempung, die in den 1970er Jahren ein Musiker im Dorf Pamulihan im Regierungsbezirk Sumedang als hölzernen Schlagkasten celempung kayu neu erfand oder wiedereinführte. Zwei celempung kayu (mit elektrischem Tonabnehmer) sorgen anstelle der Fasstrommel kendang in einem nur in der Umgebung dieses Dorfes vorkommenden, erweiterten Ensemble kacapi biola zusammen mit einem metallenen Taktgeber für die rhythmische Struktur. Eine Violine mit Tonabnehmer spielt die Melodie, harmonisch begleitet von der Kastenzither. Zeitweilig übernimmt eine Sängerin die Melodieführung.[86]
Gandrung
Gandrung an der Ostspitze Javas, nach seinem Hauptverbreitungsgebiet um Banyuwangi häufig gandrung Banyuwangi genannt, steht für eine die ganze Nacht andauernde Tanzaufführung, das dazugehörende Genre von Liedern sowie für die im Mittelpunkt stehende junge Tänzerin und Sängerin. Das Konzept der Veranstaltung entspricht dem ronggeng von Westjava und anderen Regionen im Malaiischen Archipel. Jeweils für ein Lied bittet die Tänzerin einen dafür zahlenden Mann aus dem Publikum als Tanzpartner auf die Tanzfläche. Das Begleitensemble besteht aus zwei europäischen Violinen in Bratschenstimmung, zwei von einem Musiker gespielten zweifelligen Röhrentrommeln kendang, zwei in einem Gestell liegenden kleinen Buckelgongs kenong (im Quintabstand gestimmt), einem großen hängenden Buckelgong gong ageng und einer Triangel.[87]
Lombok
Die Musik von Lombok lässt sich nach ihrer kulturellen Zugehörigkeit drei Gruppen zuordnen: der großen Mehrheit orthodoxer Muslime (Waktu Lima) unter der Hauptbevölkerung der Sasak, der Minderheit synkretistischer Muslime (Wetu Telu) unter den Sasak und der Minderheit der von der Nachbarinsel Bali zugewanderten Hindus. Der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Ensembletyp cilokaq beinhaltet Elemente der unterschiedlichen Kulturen. Neben der Gesangsstimme sorgen eine oder zwei Violinen für die Melodieführung, vermutlich beeinflusst vom portugiesisch-javanischen Gesangsstil kroncong oder vom Volkstheater komedi stambul. Eine oder zwei Zupflauten gambus für die akkordische Begleitung der Melodie gehören zur islamischen Tradition, die über das Sasak-Volkstheater kemidi rudat auch den Gesangsstil beeinflusst haben könnte. Hinzu kommen ein bis drei Fasstrommeln gendang, eine Rahmentrommel rebana und eine Flöte suling oder ein Doppelrohrblattinstrument preret. Das in den 1990er Jahren bekannteste cilokaq-Ensemble Pusaka Group verwendete außerdem eine Mandoline und einen E-Bass und näherte sich damit dem Popularmusikstil dangdut Sasak oder dem kroncong an. Der cilokaq-Stil ist – typisch für die Musik der Sasak – arabisch-islamisch geprägt und besteht aus einer Gesangsmelodie, der die Melodieinstrumente streng heterophon folgen. Die Lieder klingen romantisch, nostalgisch oder melancholisch.[88]
Sulawesi

Auf der Insel Sulawesi üben seit Jahrhunderten fremde Musikstile durch die Islamisierung, Christianisierung und Kontakte mit der malaiischen Bevölkerung von anderen Inseln einen starken Einfluss auf die einheimische Musik aus. Die Resultate sind in Regionalsprachen gesungene indonesische Popmusik (pop daerah) in den Stilen dangdut und langgam kroncong. Solche regionale Popmusik wurde erstmals Ende der 1930er Jahre aufgezeichnet, als der in Makassar geborene Peranakan-Chinese Hoo Eng Djie (um 1906–1960) in großer Zahl populäre Lieder für sein kroncong-Ensemble komponierte. Zu seinem hybriden Ensemble gehörten Violine, Gitarre, Klarinette, Rahmentrommel und Gongs.[89] Die europäische Violine war auf Sulawesi neben den einheimischen Fiedeln bereits vor der Verbreitung der indonesischen Popmusik bekannt.
In islamisierten Gebieten von Sulawesi ist die Zupflaute gambus beliebt. In vielen Regionen der gesamten Insel begleiten ein- oder zweisaitige Stachelfiedeln mit Kokosnussresonator (unter anderem arababu, geso-geso und kesok-kesok) erzählende Lieder. Bei den christlichen Toraja gehört die geso-geso zu magisch-religiösen Ritualen.[90] Um 1920 fand Walter Kaudern auch zweisaitige Fiedeln vom Typ der javanischen rebab.[91]
Gesungene Erzählungen aus der mündlichen Überlieferung, etwa bei den Bugis in Südsulawesi die cerita Bugis, wurden auch mit einer biola begleitet und die Aufnahmen auf Musikkassetten verbreitet. Das große Epos der Bugis heißt La Galigo, es wurde 1989 unter dem Titel I La Galigo, Cerita Bugis Kuno veröffentlicht.[92] Neben den erzählenden Liedern (cerita), die meist nur von einem Melodieinstrument (biola oder gambus) begleitet werden, kommen bei den Bugis seltener zur Begleitung nichterzählender Lieder (elong, eine bestimmte Versform mit einer festgelegten Melodie) auch Ensembles mit mehreren Melodieinstrumenten vor, etwa mit einer oder zwei Violinen, einer Flöte und einer Tastenzither mandoliong. Die größte Ensembleformation besteht aus zwei Sängern, zwei Violinen, einer Flöte, einer gezupften Bootslaute kacapi, einer Zupflaute gambus und einer mandoliong. Zu den gesungenen elong-Melodien gehört auch ein Repertoire von Instrumentalstücken gesok lampa (buginesisch „gestrichene Finger“) für Violine oder getti lampa („unverbundene Finger“) für die gezupfte kacapi. Alle drei Bugis-Musiker der Grup Tiga Sekawan aus der Stadt Sengkang singen und spielen Violine auf einer CD-Veröffentlichung von 1997.[93]
Molukken

Die Violine oder ebenfalls biola genannte Nachbauten gelangten mit christlichen Einwanderern ab dem 16. Jahrhundert auf Inseln der Molukken, wie zuvor mit Muslimen ab dem 15. Jahrhunderten Rahmentrommeln. Einige Inseln kamen mit kroncong-Liedern in Kontakt. Auf der in einem muslimischen Umfeld gelegenen, mehrheitlich christlichen Insel Ambon im Süden der Molukken werden Volkslieder (lagu Ambon oder lagu Maluku) von Ensembles mit wahlweise oder in Kombination den europäischen Saiteninstrumenten Gitarre, Mandoline, Ukulele, Banjo und Geige sowie einer einheimischen Querflöte und der Bechertrommel tifa gespielt.[94]
Vom französischen Tanz Quadrille des 19. Jahrhunderts, den niederländische Soldaten während der Kolonialzeit nach Ambon brachten, wurde der Paartanz katreji beeinflusst, der heute zur allgemeinen Unterhaltung und bei festlichen Anlässen von mehreren Paaren als choreografierte Show aufgeführt wird. Das führende Melodieinstrument beim katreji ist traditionell die Violine. Anfang des 20. Jahrhunderts verwendeten die kleinen Musikensembles bei europäischen Tänzen (neben katreji etwa Polka und Mazurka) das Streichinstrument viol (oder vihola) oder ein Akkordeon. Bei heutigen Dorffesten kommt anstelle von biola und Gitarren die Musik häufig auch vom Band oder von einem Keyboard.[95]
Andere Streichlauten (rababu) werden auf den Molukken selten verwendet (etwa bei vorislamischen Besessenheitstänzen salah jin auf Ternate und Tidore), dagegen sind biola, also Violinen und regionale Nachbauten, auch in den mehrheitlich muslimischen Nordmolukken verbreitet. Dort spielen Ensembles Tanzmusik im traditionellen europäischen Stil lagu togal mit einer biola als dem führenden Melodieinstrument, einer Zupflaute (juk, Name von „Ukulele“ abgeleitet), einer Flöte (suling) und zwei Trommeln (tifa). Eine in einem togal-Ensemble auf der Insel Halmahera eingesetzte biola hat die ungefähre Form einer Violine, aber keine f-Schalllöcher, sondern nur ein sehr kleiner rundes Loch in der Mitte der Decke. Sie ist mit drei Drahtsaiten von 29 Zentimetern Länge bespannt.[96]
Auf der Insel Buru im Süden wird das einfache violinenähnliche Streichinstrument viol mit drei Saiten zur Tanzbegleitung verwendet. Auf den südöstlichen Kei-Inseln gehören die Violine, die Zupflaute gambus und die Gitarre zu devotionalen muslimischen Gesängen hadrat (von arabisch hadra, „Anwesenheit [Gottes]“) oder zamrah.[97]
Timor
Im indonesischen Regierungsbezirk Südzentraltimor auf der Insel Timor heißt ein Streichinstrument biola, dessen Korpus die Form einer (teilweise schwach ausgeprägten) liegenden Acht besitzt. Der 24 bis 28 Zentimeter lange Korpus ist aus Holz ausgehöhlt, der Hals misst 30 bis 40 Zentimeter in der Länge und 4 bis 5 Zentimeter in der Breite. Vier Saiten führen von einem Fortsatz am Boden bis zu einem nach hinten gebogenen Wirbelkasten. Gespielt wird mit einem 50 Zentimeter langen Bogen aus einem Bambusrohr mit einer Bespannung aus Rosshaar.[98]
Die biola wird zur Liedbegleitung verwendet, zusammen mit einer oder zwei Zupflauten (leko oder juk, „Ukulele“).[99] Gelegentlich kommt noch eine Flöte oder Gefäßflöte hinzu. Ein solches Ensemble aus stets männlichen Sängern und Instrumentalisten begleitet den Unterhaltungstanz bidu. Frauen können Philipp Yampolsky (1996) zufolge den Gesang ergänzen. Der bidu-Tanz von mehreren Männern und Frauen ist je nach Region mehr oder weniger stark formal festgelegt.[100] Aaron Pettigraw (2020) beschreibt den bidu als Gruppentanz von acht bis zehn Frauen, die nicht mitsingen.[101]
Sumbawa
Die zu den Kleinen Sundainseln gehörende Insel Sumbawa wurde ab Anfang des 17. Jahrhunderts hauptsächlich von Südsulawesi aus islamisiert und zu dieser Region bestehen stärkere kulturelle Gemeinsamkeiten als zu Java und Bali im Westen. Die Übernahme eines orthodoxen Islams verhinderte die Herausbildung einer eigenen Instrumentalmusik, abgesehen von der zur islamischen Kultur gehörenden Rahmentrommel rebana und der Kegeloboe serune. Aus der allgemeinen malaiischen Tradition sind Bambusröhrenzithern, Schlitztrommeln und der Reisstampftrog lesung vorhanden. Händler aus Sulawesi brachten die achtsaitige Zupflaute gambo (eine Art gambus) und die biola.[102]
Im östlichen Regierungsbezirk Bima, der seit der Islamisierung eines von drei Sultanaten auf der Insel umfasste, heißt der populärste traditionelle Musikstil biola rawa Mbojo, „Violine und Gesang der Mbojo“ oder „…in der Sprache der Mbojo“. Die Mbojo oder Bimanesen sind die im Ostteil der Insel lebende Sprachgruppe. Dieser Gesangsstil, der bei Hochzeiten, Beschneidungszeremonien, sonstigen privaten Feiern und öffentlichen Festveranstaltungen aufgeführt wird, gilt als eine alte Volkstradition, nicht als ein höfischer Stil, der schon immer nur mit einer Violine begleitet wurde. Die heute teilweise vorkommende Begleitung mit gambus oder Gitarre ist eine junge Entwicklung. Üblicherweise wird beim biola rawa Mbojo eine weibliche Gesangsstimme von einem männlichen Geiger begleitet, gelegentlich wechseln sich beide mit dem Gesang der Verse ab. Als biola wird eine importierte Violine oder ein regional gefertigtes Instrument verwendet. Die biola ist wie eine Bratsche, also eine Quinte tiefer gestimmt.
Die Musiker unterscheiden ein älteres Liedrepertoire, das in der Mbojo-Sprache gesungen wird, von einem neuen Repertoire im lebhafteren dangdut-Musikstil teilweise in indonesischer Sprache. Die Lieder werden in der Versform Pantun vorgetragen, die Inhalte gehören zum Bestand der Sängerin oder werden je nach Situation improvisiert. Auch wenn die biola in Bima über eine malaiische Vermittlung letztlich auf einen portugiesischen Ursprung zurückgehen dürfte, ist eine von Violinen begleitete Gesangstradition in den Regionen Osttimor und Ost-Flores, die lange unter direktem portugiesischen Einfluss standen, unbekannt.[103]
Philippinen

Eine Gemeinsamkeit der regionalen Musikkulturen im Norden und Süden der Philippinen ist die große Zahl an Saiteninstrumenten, unter denen die alten malaiischen Bambusröhrenzithern von Typ der kolitong in beiden Regionen eine bedeutende Gruppe bilden. Ebenfalls von hohem Alter ist eine dreisaitige Fiedel der Negritos im Norden Luzons, deren Korpus aus einer Bambusröhre besteht, an die mit einer Schnur ein Hals angebunden ist.[104] Von den später hinzugekommenen Streichinstrumenten lassen sich wenige von den gezupften Bootslauten (kudiyapi, mit einem langen bootsförmigen, aus einem Block geschnitzten Korpus) herleiten, so die dreisaitige kulibao der Ilongot. Die Bootslauten haben mutmaßlich mit der nanduni ein indisches Vorbild. Schließlich gibt es noch alte einsaitige Stachelgeigen mit einem Kokosnussresonator.[105]
Die übrigen philippinischen Streichinstrumente sind unterschiedliche Rückbildungen der europäischen Violine, die während der Mitte des 16. Jahrhunderts begonnenen spanischen Kolonialzeit eingeführt wurde. Historische Namen für die Violine oder andere europäische Streichlauten in den Philippinen, die seit der Kolonialzeit in spanischen Quellen erwähnt werden, sind:
- rabel, Tagalog, von spanisch rabel für eine dreisaitige historische Hirtengeige, verwandt mit rebec für eine dreisaitige Fiedel mit einem birnenförmigen Korpus. Ab dem 19. Jahrhundert erhaltene spanische rabel sind einfache Fiedeln der Volksmusik mit einem seitlich eingebauchten, kreisrunden oder rechteckigen Resonanzkörper aus grob zusammengefügtem Holz und ein bis vier Saiten.
- citara, auf den Inseln Samar und Leyte in den Visayas, von altgriechisch kithara, im europäischen Mittelalter zunächst allgemein für Zupfinstrumente, dann für gezupfte Lauteninstrumente wie die Cister (vgl. citera). Im 17. Jahrhundert entsprach spanisch citara der vihuela de arco, also einer Fidel, bei der drei oder vier Saiten zugleich mit einem Bogen gestrichen wurden.
- lira, Tagalog-Sprachgebiet, von altgriechisch lyra zunächst für Leiern, ab dem Mittelalter auch für Streichlauten (Lira da Gamba), aus denen später die Violine wurde.
- viola und vielle, Tagalog-Sprachgebiet und Insel Cebu
- violon, biolon und ouiolon, Tagalog-Sprachgebiet und Ilocos-Region im Nordwesten von Luzon.[106]
Spieler der europäischen Violine in der traditionellen Volksmusik sind die Tausug im Sulu-Archipel, die Sama Dilaut, die außer im Osten von Borneo auch auf den Inseln Tawi-Tawi im Sulu-Archipel und an Küstengebieten von Mindanao leben (von beiden biola genannt), und die zu den Igorot gezählten Kalinga in Luzon (von ihnen biyolin genannt). Die Igorot spielen mit der Violine solistisch Liedmelodien.
Die Violinen (biola) im Süden gehören zur islamischen Kultur, auch wenn sie ursprünglich nicht von Muslimen eingeführt wurden. Musikinstrumente, die in den Philippinen nur von Muslimen auf Mindanao und benachbarten südlichen Inseln gespielt werden, sind außer der Violine malaiischer Herkunft: die Buckelgongreihe kulintang, das Xylophon gabbang und die zweifellige Trommel gandang.[107]
Kokosinseln
Die politisch zu Australien gehörenden Kokosinseln (Keelinginseln) liegen rund 1000 Kilometer südwestlich von Sumatra im Indischen Ozean. Die ungefähr 600 Bewohner sind muslimische Cocos Malays, deren Vorfahren 1826 die Inseln besiedelten. Aus der überwiegend malaiischen Herkunft und der abgeschiedenen Lage hat sich eine Inselkultur entwickelt, deren hauptsächliches traditionelles Musikinstrument die Violine (biola) ist. Auf der Hauptinsel Home Island begleitet ein Ensemble mit biola Tänze, Tanztheater wie bangsawan, Jahresfeste, Familienfeiern, vor allem Hochzeiten, und manchmal die offizielle Begrüßung bedeutender Gäste.
Die Melodien stammen meist aus der malaiischen Musik. Eine Besonderheit der Kokosinseln sind Melodien der schottischen Volksmusik, die ebenfalls von einer biola gespielt werden. Der schottische musikalische Einfluss wird auf den schottischen Kapitän John Clunies-Ross zurückgeführt, der 1827 als Verwalter kam und dessen über fünf Generationen bis 1978 autokratisch herrschende Familie die Kokosinseln prägte. Schottische Tänze werden bis heute an muslimischen Feiertagen wie Eid al-Fitr (Hari Raya) und Maulid an-Nabī (Maulud Nabi) und bei anderen gesellschaftlichen Anlässen aufgeführt.
Die biola gilt als ein eigenes (asli) Musikinstrument der Cocos Malays und als ein konstantes Element ihrer Ethnie angesichts der großen gesellschaftspolitischen Veränderungen mit der Übernahme der Inseln durch den australischen Staat im Jahr 1978. Die vorher weitgehend isoliert in feudalen Verhältnissen lebende Bevölkerung kam seitdem durch Auswanderer mit der australischen Kultur und durch Heiratsverbindungen mit in Sabah lebenden Cocos Malays mit der malaiischen Kultur und dem internationalen Islam in Kontakt.[108]
Andere Musikinstrumente, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf die Kokosinseln kamen, waren malaiische Rahmentrommeln (rebana), Fasstrommeln (gendang), große Fasstrommeln (bedug), einige Schlaginstrumente des javanischen Gamelans, Akkordeon, Blockflöte, Gitarre und, eingeführt durch ein indisches Regiment im Zweiten Weltkrieg, der schottische Dudelsack. Einige dieser Instrumente sind heute verschwunden. Neben der biola genießen rebana und gendang eine besondere Wertschätzung, sie begleiten religiöse Lieder und Tänze der malaiisch-islamischen Tradition. Die an einem Ort fest installierte große bedug dient als islamische Zeremonialtrommel und wird nicht in der Musik verwendet. Anders als die geschätzten Trommeln wird die biola ausschließlich in der säkularen Musik gespielt, abgesehen von der Begleitmusik für die Kampftänze silat, die auch eine sakrale Bedeutung besitzen, indem sie böse Geister vertreiben sollen.
Die traditionell nur von Männern öffentlich gespielte Begleitmusik für die Tänze ist festgelegt: (Tarian) dansa ist ein schottischer Volkstanz, der von den Cocos Malays adaptiert wurde. Er wird bei Neujahrsfeiern getanzt und nur von Violinen begleitet. Der melenggok wird hauptsächlich bei Hochzeiten aufgeführt. Zwei Männer tanzen zur Begleitung von vier Violinen, vier Trommeln (gendang) und einer Rahmentrommel (rebana). Dasselbe Ensemble spielt beim selong (seylong), einem Paartanz von Männern und Frauen.[109]
Die biola der Cocos Malays ist eine europäische Violine, aber anders als bei der europäischen Spielhaltung, bei der das Instrument auf der linken Schulter liegt, wird die biola ähnlich wie eine in der Volksmusik gespielte Fiedel mit dem unteren Korpusrand gegen das linke Schlüsselbein gedrückt und nach vorne gehalten. Manche Musiker halten das Instrument vorne an den Hals, um es mit dem Kinn einzuklemmen. Der stark gespannte Streichbogen wird zwischen dem kleinen Finger und dem Mittelfinger oberhalb des Frosches gehalten. Die Saitenstimmung erfolgt nicht genau im Quintabstand und die Wirbel (kuping, „Ohren“) lassen sich wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nur schlecht stimmen. Die tiefste Saite wird kaum verwendet, die beiden mittleren Saiten werden stets zusammen mit der nächsthöheren gestrichen, nur die oberste Saite wird allein gespielt. Zur Begleitung von Gesangstimmen folgt die biola der Melodie parallel in einer höheren Lage.
Zwar lernen Schulkinder eine Erzählung von der (schottischen) Herkunft der Violine und werden auch in ihrem Spiel unterrichtet, dennoch herrscht ein Bewusstsein dafür, dass die Tradition der biola durch den Einfluss internationaler Popmusik auf dem Rückzug ist. Ein Kulturprogramm mit Unterricht an neu aus Australien angeschafften Violinen, davon einige mit elektrischen Tonabnehmern, versucht dem entgegenzuwirken. Es richtet sich an alle Inselbewohner und alle Altersgruppen, nicht nur wie zuvor an Jungen aus Musikerfamilien.[110]
Literatur
- Hans Brandeis: Boat Lutes in the Visayas and Luzon – Traces of a Lost Tradition. ResearchGate, Januar 2012, S. 1–94
- Megan Collins: Bongai in Tanjung Ipoh, Negeri Sembilan. In: Journal of the Malaysian Branch of the Royal Asiatic Society, Band 75, Nr. 1 (282), 2002, S. 91–114
- David R. M. Irving: Strings across the ocean: practices, traditions, and histories of the Cocos Malay biola in the Cocos (Keeling) Islands, Indian Ocean. In: Ethnomusicology Forum, Band 28, Nr. 3, 2019, S. 283–320
- David R. M. Irving: Iberian Sources for the Historiography of Musics in the Early Modern Moluccas (Maluku). In: Anna Maria Busse Berger, Henry Spiller (Hrsg.): Missionaries, Anthropologists, and Music in the Indonesian Archipelago. University of California Press, Berkeley 2025, S. 15–40
- Margaret Kartomi: The Music-Culture of South-Coast West Sumatra: Backwater of the Minangkabau „Heartland“ or Home of the Sacred Mermaid and the Earth Goddess? In: Asian Music, Band 30, Nr. 1, Herbst 1998 – Winter 1999, S. 133–181
- Margaret Kartomi: Biola. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 1, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 339
- Jacqueline Pugh-Kitingan: Bowed lutes among the Bajau and the Iranun of Sabah: Their Structures, Performance, Music and Possible Origins. In: Malaysian Journal of Performing and Visual Arts, Band 8, Nr. 1, Dezember 2022, S. 32–48
- Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (Handbücher der Staatlichen Museen zu Berlin) 2. Auflage. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1923; Nachdruck: Olms, Hildesheim 1983
Weblinks
- Cafrinho – Krontjong Toegoe. Youtube-Video (Lied Cafrinho im portugiesischen Musikstil kroncong tugu. Eine Geige als melodische Gesangsbegleitung. Eine Gitarre, zwei kroncong/Cavaquinho, Cello, Kontrabass und Rahmentrommel für den Rhythmus)
- Maestro Biola Sunda (Kacapi Biola – Adang Akil & U. Suryana). Youtube-Video (Musikstil kacapi biola Sunda in Westjava. Adang Akil, biola, Ujang Suryana, kacapi, und Fasstrommel kendang)
- Kawaas Reva (celempungan). Youtube-Video (Musikstil kacapi biola Sunda in Westjava. Kastenzither kacapi siter, Geige biola/piul und Sängerin, ergänzt um Xylophon gambang kayu, Metallplatten kecrek, hängender Buckelgong goong und Fasstrommel kendang)
- Cilokak Sasak 2017 (Pesen Selakik Nirham). Youtube-Video (cilokaq der Pusaka Group in Lombok, Aufnahme von 1994)
- Musik Biola dan Juk Timor iringi Bupati TTS menari bersama Masyarakat. Youtube-Video (einfache Bauart einer viersaitigen biola und zwei Zupflauten juk („Ukulele“) bei einem Dorftanzfest für den offiziell anwesenden Bupati von Südzentraltimor, Frühjahr 2021)