Bonner Mondmodell

Reliefmodell der von der Erde sichtbaren Mondhalbkugel From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Bonner Mondmodell ist ein monumentales Reliefmodell der von der Erde sichtbaren Mondhalbkugel. Es entstand in den Jahren 1849 bis 1853 an der Königlichen Sternwarte der Universität Bonn unter wissenschaftlicher Leitung des Astronomen Julius Schmidt und wurde von dem Restaurator Thomas Dickert ausgeführt. Mit einem Durchmesser von rund 5,6 Metern zählte es zu den größten und technisch aufwendigsten Monddarstellungen des 19. Jahrhunderts.[1]

Das Bonner Mondmodell im Field Columbian Museum in Chicago (1890er Jahre)

Entstehung und Beschreibung

Die Grundlage für das Modell bildete die selenographische Arbeit Mappa Selenographica (1834) von Wilhelm Beer und Johann Heinrich Mädler.[1]

Die Quellenlage zur Initiative für das Projekt ist nicht einheitlich. Schmidt schrieb 1856, ihn habe 1849 in Bonn die Absicht veranlasst, „das Talent des dortigen Conservators der naturhistorischen Museen, Herrn Th. Dickert, für solche Darstellungen anzusprechen“.[2] In der Forschung der 1990er Jahre wurde angenommen, Dickert selbst habe den Plan gefasst, den Mond als großformatige Halbkugel für die Londoner Industrieausstellung 1851 zu modellieren.[1] Neuerer kartographiehistorischer Literatur zufolge begann Dickert 1849 auf Initiative Schmidts mit der Modellierung der sichtbaren Mondhalbkugel.[3]

Eine zeitgenössische Beschreibung erschien 1854 von Schmidt selbst unter dem Titel Das Relief der sichtbaren Halbkugel des Mondes. Demnach hatte die Halbkugel einen Durchmesser von 18 Pariser Fuß. Es waren 116 gegossene sphärische Gipsplatten von jeweils 15 Grad Länge und 15 Grad Breite angebracht. Die Fugen markierten Meridiane und Parallelkreise. Das Flächenmaß betrug 1:600.000, das Höhenmaß 1:200.000. Die Höhen erschienen damit in dreifacher Vergrößerung.[4] Die Zahl der modellierten Einzelobjekte wird in der neueren Forschung mit über 20.000 angegeben. Dabei handelt es sich um Krater, Ringgebirge, Ebenen und weitere topographische Strukturen der sichtbaren Mondoberfläche.[3]

Schmidt selbst beschrieb das Modell 1856 wie folgt[5]:

„Das Relief giebt bei einer allgemeinen gleichförmigen Beleuchtung das bunte Aussehen des Vollmondes wieder; seine Halbkugelform gestattet die Nachahmung der Phasen, und wendet man eine scharfe seitliche Beleuchtung an, so entwickelt sich der Schattenwurf der Gebirge in so überraschender und prachtvoller Weise, dass man sich leicht der Täuschung hingiebt, als beobachte man die Landschaften des Mondes an einem stark vergrössernden Fernrohre.“

Julius Schmidt

Zeitgenössische Rezeption und Ausstellungen

Darstellung des Bonner Mondmodells in der Illustrirten Zeitung, 14. Oktober 1854

Anders als geplant konnte das Modell nicht zur Londoner Industrieausstellung 1851 fertiggestellt werden. Das unfertige Modell wurde 1853 erstmals im Poppelsdorfer Schloss in Bonn gezeigt. Anschließend wurde auch die Bemalung des Globus vollendet und das Modell in Elberfeld ausgestellt. Ab Ende August 1854 wurde es für dreieinhalb Wochen im Haus der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg präsentiert.[1]

Der bekannte Astronom Johann Heinrich von Mädler äußerte sich vergleichsweise zurückhaltend und urteilte, das Mondrelief Dickerts zeige trotz seiner „kollossalen Dimension“ nicht so viel Detail wie der Mondglobus von Wilhelmine Witte. Gleichwohl fand das Relief bei seinen Ausstellungen ein starkes Presseecho und großen Publikumszuspruch, obwohl der Eintrittspreis je nach Ort und sozialem Hintergrund zwischen fünf und zwölf Silbergroschen lag und die Ausstellungsdauer mehrfach verlängert wurde.[1]

Nach der Hamburger Ausstellung wurde das Modell nach England verkauft.[1]

Nach Angaben des Bonner General-Anzeigers wurde es später in die Vereinigten Staaten gebracht und war unter anderem auf der Weltausstellung 1893 in Chicago zu sehen.[6] Über die Umstände des Übergangs von England in die Vereinigten Staaten liegen keine gesicherten Angaben vor.

Weitere Ansicht des Bonner Mondmodells im Field Columbian Museum in Chicago (1890er Jahre)

Im Jahresbericht des Field Columbian Museum in Chicago vom Oktober 1898 wird die Schenkung des „Schmidt-Dickert relief model of the moon“ durch L. W. Reese aus Chicago als bedeutender Erwerb („notable acquisition“) hervorgehoben. Die einzelnen Segmente des Modells befanden sich demnach bereits seit einigen Jahren in Chicago, waren jedoch erst nach der Schenkung vollständig errichtet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.[7]

Eine internationale Rezeption erfuhr das Modell spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In der Fachzeitschrift Nature berichtete der Mineraloge Oliver C. Farrington 1898, das Schmidt-Dickert-Relief befinde sich seit etwa zwanzig Jahren in den USA und sei kürzlich dem Field Columbian Museum übergeben und dort installiert worden. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass das Modell in Amerika nur in größeren zeitlichen Abständen ausgestellt worden sei und daher zeitweise aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war. Farrington bezeichnete das Modell als „wahrscheinlich den besten derzeit existierenden Ersatz für eine Reise zum Mond“.[8]

In einem 1899 erschienenen Beitrag in der Zeitschrift Science hob Farrington hervor, dass auf dem Relief über 20.000 einzelne Lokalitäten maßstäblich entsprechend ihrer tatsächlichen Reliefverhältnisse modelliert seien, wodurch die Topographie des Mondes mit großer Zuverlässigkeit studiert werden könne, ohne durch wechselnde Schattenwirkungen beeinträchtigt zu werden. Zudem äußerte er die Hoffnung, dass die nunmehrige Zugänglichkeit des Modells neue Erkenntnisse über Natur und Geschichte des Mondes ermöglichen werde.[9]

Das Modell blieb auch im frühen 20. Jahrhundert im Field Columbian Museum öffentlich zugänglich. In einer 1925 erschienenen Museumsveröffentlichung wurde es als „bei weitem größte und aufwendigste Darstellung der Mondoberfläche, die je geschaffen wurde“ beschrieben. Das Modell war zu diesem Zeitpunkt im westlichen Teil von Hall 35 des Museums installiert.[10]

Nach Recherchen des Bonner General-Anzeigers sei das Modell noch bis in die 1980er Jahre im Field Columbian Museum in Chicago ausgestellt gewesen und danach in 19 große Kisten verpackt worden.[6][11]

Verbleib

Der heutige Verbleib des Bonner Mondmodells ist ungeklärt.[6][11]

2025 wurde berichtet, das Modell sei 1987 vom Field Columbian Museum in Chicago an ein Science Center in Fort Wayne im US-Bundesstaat Indiana gespendet worden.[11] Anschließend soll es in dem 1995 eröffneten Wissenschaftszentrum „Science Central“ ausgestellt oder zumindest zeitweise verwahrt worden sein. Dort sei es jedoch aktuell nicht mehr auffindbar. Eine Sprecherin der Einrichtung erklärte, man habe keinen aktuellen Nachweis über den Verbleib des Objekts.[11] In einem Katalogeintrag der Science Museum Group wird unter der Objektnummer 1997-1003 ein „Model of the Moon“ mit Standortangabe Fort Wayne geführt.[12]

Wissenschaftshistorische Bedeutung

In der internationalen Kartografiegeschichte wird das Modell als repräsentatives Mondrelief bezeichnet, das bei verschiedenen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt wurde.[3] Die Fachzeitschrift Der Globusfreund ordnet das Bonner Mondmodell als eine der „deutsche[n] Pionierarbeiten der Monddarstellung mit erhabenem Relief“ ein.[1] Die Leiterin des Bonner Universitätsmuseums, Alma Hannig, bezeichnete das Modell 2025 als ein „Meisterstück der Astronomie“.[11]

Commons: Bonner Mondmodell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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