Carl Neinhaus
deutscher Jurist und Politiker (NSDAP, CDU), MdL, Oberbürgermeister von Heidelberg
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Leben
Seine Eltern waren der Pfarrer Karl Neinhaus (1862–1931) und dessen Ehefrau Luise Dommel (1866–1921).
Nach dem Abitur studierte Neinhaus Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft in Heidelberg und Bonn. In Bonn wurde er 1905/06 Mitglied der Burschenschaft Alemannia.[1] Von 1909 bis 1910 diente er als Einjährig-Freiwilliger im Mecklenburgischen Dragonerregiment in Colmar. Nach dem juristischen Vorbereitungsdienst von 1910 bis 1914 in Straßburg legte er den ersten Teil des Zweiten Staatsexamens 1914 ab, den zweiten 1918. Zwischenzeitlich leistete er von 1914 bis 1918 Kriegsdienst in einem Kavallerieregiment, in dem er zum Rittmeister aufstieg. Dafür wurde ihm das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, das Verwundetenabzeichen in Schwarz, das Schlesische Bewährungsabzeichen II. Klasse und das Hanseatenkreuz verliehen. 1919 promovierte er mit der Dissertation Das formelle Wahlprüfungsrecht des Deutschen Reichstags zum Doktor der Rechte. Er begann seine berufliche Laufbahn 1919 in der Kommunalverwaltung als juristischer Hilfsarbeiter bei der Stadt Homberg am Niederrhein. 1920 war er Beigeordneter in der Zentrale des Deutschen und Preußischen Städtetages in Berlin und Geschäftsführer des Reichsarbeitgeberverbandes deutscher Gemeinden und Kommunalverbände.
Er wurde 1920 Beigeordneter in Barmen. 1929 wurde er als Parteiloser mit 93 gegen 12 Stimmen vom Gemeinderat zum Oberbürgermeister von Heidelberg gewählt. Er wurde dabei von allen Parteien außer der KPD unterstützt. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.558.531).[2][3] Er wurde zudem Mitglied in zahlreichen weiteren nationalsozialistischen Organisationen. Im Juni 1933 wurde er vom badischen Reichsstatthalter und Gauleiter Robert Wagner in seinem Amt bestätigt. Von 1933 bis zur Gleichschaltung der Länder 1934 war er als Nachfolger von Hermann Fecht zudem Leiter der Vertretung Badens beim Reich. Nach Ablauf seiner Amtszeit wurde Neinhaus 1938 für weitere zwölf Jahre zum Heidelberger Oberbürgermeister ernannt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er 1939 und 1940 zweimal für einige Monate als Reserveoffizier zur Wehrmacht eingezogen. Er blieb bis 1945 Oberbürgermeister von Heidelberg. In der Zeit des Nationalsozialismus gehörte er den Wohlfahrtsgremien des Deutschen Gemeindetags an.[4]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er von der amerikanischen Militärregierung als Oberbürgermeister abgesetzt und für knapp zwei Wochen gefangen genommen. Er lebte bis 1950 als Privatier. Gegen die Entscheidung der Heidelberger Spruchkammer, die ihn im Mai 1947 zum „Mitläufer“ erklärte, legte er Berufung ein, und wurde im November 1949 als „Entlasteter“ eingestuft. Von 1945 bis 1958 bewohnte er ein Haus auf dem Heidelberger Kohlhof.
Neinhaus trat der CDU bei, wurde 1950 für den Wahlkreis Heidelberg-Stadt Mitglied des Landtags von Württemberg-Baden und 1952 baden-württembergischer Abgeordneter. Im April 1952 wurde er zum Präsidenten der Verfassunggebenden Landesversammlung und den folgenden Landtagen Baden-Württembergs gewählt. 1960 verzichtete er auf eine neue Kandidatur bei den Landtagswahlen. Sein Nachfolger im Amt des Landtagspräsidenten wurde der Christdemokrat Franz Gurk. 1952 wurde Neinhaus im ersten Wahlgang erneut zum Oberbürgermeister in Heidelberg gewählt; er setzte sich dabei gegen Josef Amann (SPD) durch. Bei der Oberbürgermeisterwahl 1958 unterlag er Robert Weber (SPD). Daraufhin zog Neinhaus nach Stuttgart. Er blieb zeitlebens unverheiratet. Am 31. Dezember 1964 erlitt er einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholte. Am 14. November 1965 starb er im Stuttgarter Katharinenhospital. Auf seiner Trauerfeier würdigten ihn Landtagspräsident Franz Gurk und Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger.
Neinhaus, der auch dem Präsidium des Deutschen Städtetags angehört hatte, wurde 1957 mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.[4] Außerdem wurde er 1958 zum Ehrensenator der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und 1963 zum Ehrenbürger von Heidelberg ernannt. 1963 erhielt er die Verfassungsmedaille des Landes Baden-Württemberg in Gold.
Carl Neinhaus fand seine letzte Ruhe auf dem Bergfriedhof Heidelberg in einem Ehrengrab der Stadt Heidelberg. Die Grabstätte wird geschmückt von einem „breit lagernden Muschelkalkstein mit schlichtem lateinischem Kreuz“.[5] 2022 beschloss der Heidelberger Gemeinderat, der Ruhestätte aufgrund Neinhaus' Opportunismus während der NS-Zeit den Ehrengrabstatus zu entziehen.[6]
Literatur
- Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 4: M–Q. Winter, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-1118-X, S. 188–190.
- Horst Ferdinand: Carl Neinhaus (1888–1965). Aspekte einer umstrittenen Biographie. Selbstverlag, St. Augustin 2002, ISBN 3-00-009365-6 (Rezension von Helmut Joho, Feb. 2003 bei zum.de)
- Frank Moraw: Neinhaus, Carl. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 19. Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 48–49 (deutsche-biographie.de).
- Fritz Quoos: Carl Neinhaus – ein umstrittener OB und Politiker. In Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg, 2007:174:5 (Heidelberger Nachrichten) vom 31. Juli 2007. (Über die städt. Ehrengräber auf dem Bergfriedhof, Folge 10. Untertitel: Seine Karriere begann in der Weimarer Republik – Er überlebte den NS-Staat und erreichte den Zenit nach dem Krieg)
- Reinhard Riese: Dr. Carl Neinhaus: Ein Mann, „der mitgetan hat, ohne innerlich dabei zu sein“ ? In: Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Band 7: NS-Belastete aus Nordbaden + Nordschwarzwald. Kugelberg, Gerstetten 2017, ISBN 978-3-945893-08-1, S. 235–256.
- Frank Engehausen: Gutachten: Wahrnehmungen und Einschätzungen der Person und der Amtsführung des Oberbürgermeisters Carl Neinhaus in der Zeit des Nationalsozialismus in Öffentlichkeit und historischer Forschung von seinem Tod bis zur Gegenwart. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt. Heidelberger Geschichtsverein. Heidelberg, Bd. 27 (2023), S. 272–286.
- Reinhard Riese: Lemma Neinhaus, Carl Georg Hermann. In: Baden-Württembergische Biographien, Band IX. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg hrsg. von Martin Furtwängler, Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2025, ISBN 978-3-7995-9606-0, S. 266–270.
Siehe auch
Weblinks
- Literatur von und über Carl Neinhaus im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Abendschau - Trauerfeier für den Landtagspräsidenten Dr. Neinhaus (Fernsehbericht vom 6. Dezember 1965) via ARD Mediathek. Abgerufen am 30. Oktober 2019.
- Eintrag beim Landtag von Baden-Württemberg
- Carl Neinhaus bei leo-bw, dem landeskundlichen Informationssystem Baden-Württemberg
- Geschichte, die weg muss? Das Ehrengrab des Heidelberger NS-Bürgermeisters Carl Neinhaus
- Wie sich Ex-Oberbürgermeister Neinhaus den Nazis anbiederte
