Caroline Wichern

deutsche Musiklehrerin und Komponistin From Wikipedia, the free encyclopedia

Caroline Amanda Wichern, auch Karoline Wichern, Pseudonym C. von Horn (* 12. September 1836 in Hamburg; † 21. März 1906 ebenda[1]), war eine deutsche Musiklehrerin und Komponistin. Ihre 1879 erstmals erschienene Sammlung von Weihnachtsliedern fand weite Verbreitung.

Caroline Wichern

Leben

Das Rauhe Haus um 1850

Caroline Wichern war die älteste Tochter von Johann Hinrich Wichern und dessen Frau Amanda, geb. Böhme (1810–1888). Sie wuchs auf dem Gelände des 1833 von ihrem Vater gegründeten und geleiteten Rauhen Hauses in Hamburg-Horn auf. Schon früh erhielt sie eine musikalische Ausbildung, zunächst in Hamburg unter anderem bei Carl Grädener. In den 1850er Jahren begleitete sie ihren Vater nach Berlin, wo sie bei Carl Friedrich Weitzmann studierte. 1858 debütierte sie in Hamburg mit den Sopran-Partien in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion.[2] Sie gehörte zum Freundeskreis von Johannes Brahms.

Zurückgekehrt nach Hamburg, widmete sie sich der Musikerziehung im Rauhen Haus. Sie leitete regelmäßig Singstunden im Betsaal sowie 20 Jahre lang den Knaben- und Männerchor der Anstalt. Hier konnte sie auch eigene Kompositionen und Arrangements singen lassen. Damit soll sie die erste Frau in Hamburg gewesen sein, die einen reinen Männerchor dirigierte und eigene Werke aufführte.[3] Sie unterstützte ihren Vater bei der Herausgabe des zuerst 1844 erschienenen Liederbuches Unsere Lieder ab der 4. Auflage 1869. Allerdings findet sich darin zunächst nicht ihr eigener Name, sondern das Pseudonym C. von Horn. So komponierte sie die Melodie für das von Johann Wilhelm Rautenberg geschriebene Adventslied Die Nacht vergeht, der Tag bricht an.[4] Erst nach dem Tod des Vaters wurde sie mit der 6. Auflage 1888 offiziell Herausgeberin der Sammlung. Sie strich 26 „zum Teil weniger sangbare Lieder“ und fügte 37 neue Lieder hinzu.[5]

1867 erschien unter ihrem Pseudonym C. von Horn Caroline Wicherns op. 2 Brautleben für Klavier und Violine im Druck; es wurde in der Neuen Zeitschrift für Musik recht negativ rezensiert.[6] Daraufhin veröffentlichte Caroline Wichern zehn Jahre lang keine weiteren Kompositionen. Stattdessen pflegte sie zusammen mit ihrer Mutter ihren nach mehreren Schlaganfällen pflegebedürftigen Vater in dessen letzten Lebensjahren.

1879 veröffentlichte sie erstmals Kompositionen unter ihrem eigenen Namen.[7] Nach dem Tod des Vaters im April 1881 verließ sie Hamburg. Im Alter von 45 Jahren nahm sie ihre erste bezahlte Arbeitsstelle als Musikerzieherin in Manchester an. Hier unterrichtete sie angehende Erzieherinnen am Elleslie College. 1883 erschien, übersetzt von Natalia Macfarren und anderen, eine englische Ausgabe ihrer Lieder für kleine und große Kinder im angesehenen Londoner Musikverlag Novello. Die Sammlung trug viel dazu bei, dass Lieder aus dem deutschsprachigen Raum in Großbritannien weit verbreitet waren. „Vieles deutet darauf hin, dass Caroline Wichern neben den Tiroler Sängerfamilien eine zweite Schiene für die Verbreitung des ‚Stille-Nacht‘-Liedes im angelsächsischen Raum gelegt hat.“[8] 1894 war Wichern als Musiklehrerin und Chorleiterin im Storey Institute in Lancaster (Lancashire) tätig.[9]

1896 kehrte sie nach Hamburg zurück, wo sie als Gesangslehrerin und wieder als Dirigentin, auch für rein männlich besetzte Ensembles,[3] am Rauhen Haus tätig war. 1901 wurde sie von der amerikanischen Komponistin Stella Stocker besucht, die darüber in der amerikanischen Zeitschrift The Musician schrieb.[10] Stocker berichtete, dass Caroline Wichern kurz zuvor ein Konzert mit eigenen Werken für Chor und Orchester dirigiert hatte[11] und hoch geehrt worden sei.

Caroline Wichern starb 1906 im Alter von 69 Jahren im von Elise Averdieck gegründeten Diakonissen-Krankenhaus Bethesda, damals in Hamburg-Borgfelde. Ein Nachruf im Hamburger Fremdenblatt würdigte ihr Werk und wie ihre „sprudelnde Lebhaftigkeit, ihre staunenswerte Energie, ihr weltoffener Blick, der Geist evangelischer Freiheit, den sie überall bekundete“ den Geist ihres Vaters widerspiegelten.[12] Am 24. März 1906 wurde sie nach einer bewegenden Trauerfeier im Betsaal des Rauhen Hauses, die dessen Direktor Martin Hennig hielt, auf dem Neuen Hammer Friedhof an der Wandsbeker Chaussee (heute Jacobipark) beigesetzt.[13] Nach dessen weitgehender Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erhielt sie auf der Familiengrabstelle Wichern auf dem (Alten) Hammer Friedhof einen Gedenkstein, der bis heute an sie erinnert.

Alte und neue Weihnachtslieder: für Schule und Haus

Titelblatt 1881
Inhaltsverzeichnis
Titelblatt um 1900
Klavierausgabe 1913

Die größte Nachwirkung hatte Caroline Wichern nicht mit ihren Kompositionen, sondern mit ihrer Weihnachtslieder-Sammlung Alte und neue Weihnachtslieder: für Schule und Haus. Sie erschien bis 1936 in zahlreichen Auflagen mit insgesamt über 225.000 Exemplaren. Die Erstausgabe wurde im Herbst 1879 veröffentlicht. Sie wurde in der Druckerei des Rauhen Hauses gedruckt und vom hauseigenen Verlag, der Agentur des Rauhen Hauses, vertrieben. Dies ermöglichte einen günstigen Preis. Neben der Normalausgabe zu 40 Pfennigen (1880) gab es auch eine wohlfeile Ausgabe in kleinerem Format auf einfacherem Papier mit Mengenrabatt: 5 Exemplare kosteten 1 Mark, 50 Exemplare 6 Mark.

Die Sammlung war für den Hausgebrauch bei den täglichen Andachten und Singstunden im Betsaal des Rauhen Hauses entstanden. In der Adventzeit schmückte den Saal seit 1839 die Urform des Adventskranzes. Das Heft bot mit 60 Liedern vom 16. bis ins 19. Jahrhundert in ein- bis vierstimmigen Sätzen „in reicher Fülle Choräle, Hymnen, geistliche Volkslieder und moderne Dichtungen“.[14] Die Zielgruppe waren einerseits Schulen, Kindergärten und diakonische Einrichtungen, andererseits die Hausmusik in bürgerlichen Familien. Zu den „modernen Dichtungen“ zählen Lieder, die seither Evergreens geworden sind, wie Süßer die Glocken nie klingen (Nr. 43) oder Kling, Glöckchen, klingelingeling (Nr. 48 unter dem Titel Christkindchens Ankunft). Bemerkenswert war die Übernahme von Liedern aus anderen Traditionen. So enthielt die Sammlung das katholische Zu Bethlehem geboren (Nr. 33), eine auf Jesus umgedichtete Version des Marienliedes Wunderschön prächtige (Nr. 18). Zum ersten Mal wurden Lieder aus dem Englischen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu gehörte die älteste deutsche Fassung von Fröhliche Weihnacht überall (Nr. 50). Als Nr. 22 findet sich hier, ebenfalls erstmals, eine deutsche Übersetzung des englischen Liedes Hark! The Herald Angels Sing unter dem Titel Weihnachtshymme und dem Textanfang „Horch, der Engel Jubelton'“. In der Hauszeitschrift des Rauhen Hauses, den Fliegenden Blättern, wurde 1879 berichtet, dieses Lied habe die damalige Kronprinzessin des Deutschen Reiches Victoria aus ihrer englischen Heimat nach Berlin gebracht und dort den Kindern einer Erziehungsanstalt zum Singen dargeboten. Von da aus sei es „schon in manche andere Kreise hineingeklungen“.[15] Andere Lieder, darunter auch von Wichern selbst komponierte wie Weihnacht, Weihnacht kehret wieder (Text: Adolf Moraht), sind heute nahezu vergessen.[16]

Der Erfolg machte schon im folgenden Jahr eine zweite Auflage erforderlich. Gleichzeitig erschienen 1880 unter dem Titel Weihnachtsglocken im größeren Format (Lexikon-Oktav) dreizehn ausgewählte Weihnachtslieder für gemischten Chor, von denen elf von der Herausgeberin vierstimmig gesetzt, einige neu von ihr komponiert waren.[17]

Die ersten beiden Auflagen waren noch schmucklos. Ab der dritten Auflage 1881 schmückte das Titelblatt eine Vignette, erst von Karl Christian Andreae, in späteren Auflagen von August Gaber nach Ludwig Richter. Die vierte Auflage erschien 1886, die fünfte 1890, die sechste 1893, die siebte 1897, weitere 1906 (76.–80. Tausend) und 1910 (106–115. Tausend).[18]

In Caroline Wicherns letzten Lebensjahren assistierte ihr ihre Nichte Elisabeth Friederichs (1869–1941),[19] die nach Carolines Tod die Herausgeberschaft übernahm. Als Friederichs 1913 eine Klavierausgabe herausgab, meinte Friedrich Spitta, das Heft sei „ein alter, lieber Hausfreund“.[20] Zu diesem Zeitpunkt waren schon über 120.000 Exemplare verkauft worden.

Die Sammlung blieb bis nach dem Ersten Weltkrieg populär und ein Longseller. 1925 kam eine Auflage in zwei Heften heraus, geschmückt mit Holzschnitten von Rudolf Schäfer. Neben dem Originalheft von 60 Liedern gab es nun ein zweites Heft mit 45 weiteren, zumeist neueren Liedern. Es war ein Versuch, dem geänderten Zeitgeschmack zu entsprechen, wie der Rezensent bemerkte: „Neuere Lieder zeigen, daß man nicht nötig hat, in England Anleihen zu machen.“[21]

1930 erschien eine weitere Auflage (213.–222. Tausend) des ersten, ursprünglichen Heftes, nun im Potsdamer Stiftungs-Verlag des Oberlinhauses, und 1936 schließlich die letzte (223.–227. Tausend). Die Gründe für das Ende der Veröffentlichung sind vielschichtig. Mit dem Aufkommen der Schallplatte und folgenden Tonträgern sowie des Rundfunks ging nach und nach die Praxis der Hausmusik zurück. Zugleich hatte die Singbewegung zu diesem Zeitpunkt bereits einen Schwerpunktwechsel auf herbere, ältere und deutsche Lieder vollzogen, die ihren Ausdruck im Quempas-Heft fand. Und der nationalsozialistische Weihnachtskult lehnte die dezidiert christlich-religiösen Advents- und Weihnachtslieder, wie sie Caroline Wichern gesammelt hatte, ab. Elisabeth Friederichs starb 1941. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nicht mehr zu einer Neuauflage.

Werke

  • (Mitarbeit, später Hrsg.) Unsere Lieder. 6. Auflage 1888: Neu herausgegegen von C. Wichern (Digitalisat)
  • (als C. v. Horn): Op. 2. Brautleben. Suite für Pianoforte und Violine. Hamburg: Cranz 1867
  • Op. 41. Sechs Lieder für eine Singstimme mit Pianoforte. Hamburg, Böhme 1879
  • Op. 42. Sechs Gesänge für vierstimmigen Frauenchor mit Pianoforte. Partitur. Hamburg, Böhme 1879
  • Op. 43. Fünfundzwanzig ein- und zweistimmige Lieder für große und kleine Kinder mit Pianoforte. Der Kinderlieder erstes Heft. Hamburg, Böhme 1879
Neuauflage: 25 ein- und zweistimmige Lieder für große und kleine Kinder: mit Begleitung des Pianoforte; op. 43 H. 1. Leipzig [u. a.], Cranz, [ca. 1890]
Englische Ausgabe: Twenty-Two Songs in One and Two Parts for Children Old and Young. Translated by Lady Macfarren, Miss Marie Liebert and others, London 1883
  • Alte und neue Weihnachtslieder: für Schule und Haus. Gesammelt und zum Teil neu bearbeitet von Caroline Wichern, Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1879, zahlreiche Auflagen bis 1920
Digitalisat der Auflage von 1880
Digitalisat der Auflage von 1908 (101.–105. Tausend)[22]
Klavierausgabe 1913 urn:nbn:de:101:1-2022040818221374754625
  • Weihnachtsglocken. Lieder und Gesänge für gemischten Chor. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1880
  • Totenfeier. Es sind die Leiden dieser Zeit. ( Gedicht von Minna Helwig ). Magdeburg: Heinrichshofen
  • op. 11. Sechs Harfenlieder. Volkslieder aus Wales für Pianoforte bearbeitet. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1909 (nachgelassenes Werk)

Literatur

  • Wichern, Karoline, in: Hugo Riemanns Musik-Lexikon. 7. Auflage, Leipzig: Hesse 1909, S. 1545
  • Elisabeth Friederichs: Caroline Wichern. Bielefeld: Velhagen & Klasing 1926 (= Velhagen & Klasings deutsche Lesebogen 59; = Führende Frauen 6)
  • Elaine Moohan: Wichern, Caroline, in: Julie Anne Sadie, Rhian Samuel (Hrsg.): The Norton/Grove Dictionary of Women Composers. New York/London: Norton 1995, ISBN 978-0-393-03487-5, S. 496
  • Wichern, Caroline, in: Aaron I. Cohen: International Encyclopedia of Women Composers. Band 2, 1987, ISBN 978-0-9617485-1-7, S. 753
  • Leona Ludwig: Caroline Wichern, in: Musik und Gender im Internet (MUGI)
Commons: Caroline Wichern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI