Charlotte Simon

deutsche Presse- und Comiczeichnerin, Illustratorin, Karikaturistin und Graphikerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Charlotte Simon (* 22. August 1912 in Berlin; † 20. Mai 2021 in Wachtberg) war eine deutsche Presse- und Comiczeichnerin, Illustratorin, Karikaturistin und Graphikerin. Während der NS-Zeit setzte sie als eine der ersten weiblichen Zeichnerinnen Sprechblasen in ihre Comics ein. Als sie im 109. Lebensjahr starb, war sie die letzte Zeitzeugin und älteste Einwohnerin im Rhein-Siegkreis.

Leben

Charlotte Simon wurde am 22. August 1912 in Berlin als Tochter des Buchhalters Wilhelm Simon und seiner Ehefrau Hedwig (geb. Müller) geboren. Schon im Kindes- und Jugendalter entwickelte sie besondere Liebe zum Zeichnen, sodass bereits 1925 erste Zeichnungen der 13-jährigen Charlotte in der Zeitschrift „Die Funkstunde“ (1) gedruckt wurden. Nach Abschluss ihrer Schulzeit am Freiherr-von Stein-Lyceum in Berlin-Wilmersdorf stand fest, dass sie die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Berlin besuchen würde, dessen Direktor ihr Onkel (mütterlicherseits) Ernst Schneckenberg (1876–1945) war. Nach einem 3-tägigen Eignungstest an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin-Charlottenburg wurde ihr jedoch aufgrund ihres außerordentlichen Talents als Einzige unter 300 Jugendlichen ein 5-jähriges Stipendium gewährt mit der Sondererlaubnis, statt mit 18 Jahren, direkt nach Schulabschluss mit 15 Jahren zu beginnen (2).

Somit war sie mit Beginn des Sommersemesters im April 1927 in der Abteilung für angewandte Kunst nicht nur die jüngste Studentin an der Hochschule, es musste auch entschieden werden, ob sie als Minderjährige schon am Akt-Malkurs teilnehmen durfte. Bis 1932 studierte sie bei Karl Michels, Karl-Tobias Schwab, Ernst Böhm, Ludwig Bartnig. Nach Studienende entwarf sie vier Buchumschläge in der „Iris-Silberreihe“, illustrierte erste Bücher und Reiseberichte in den Heften „Durch alle Welt“ für den Oestergaard-Verlag Berlin. Ab 1934 wurde sie freie Zeichnerin beim Ullstein-Verlag Berlin, illustrierte regelmäßig Romanfortsetzungen und bereicherte durch ganzseitige, humoristische Zeichnungen viele Textbeiträge im "Brummbär", einer Wochen-Beilage der „Berliner Morgenpost“ und in „Die Grüne Post“, u. a. einen Artikel des Tiermediziners Bernhard Grzimek (3).

Um weiterhin für die deutsche Presse zu arbeiten zu können, musste sie die Mitgliedschaft in der „Reichskulturkammer“ nachweisen, was ihr mit ihrem jüdisch klingenden Nachnamen Simon besonders erschwert wurde. Erst durch den Ariernachweis konnte sie beweisen, dass sie aus einer rein „arischen“ Familie stammte und das Haus der Deutschen Presse in Berlin, Tiergartenstr.16 betreten. 1939 mietete sie sich erstmals ein eigenes Atelier, am Nollendorffplatz beim Schriftleiter Hans Steiner, der für die Witz- und Unterhaltungsseite der Rundfunkzeitschrift „Rundblick“ zuständig war. Auf seinen Rat hin begann sie eine Kinder-Comic-Serie mit dem Titel „Saus und Braus, die munteren Zwillinge“. In den Jahren 1939 bis 1941 entstanden daraufhin 100 Comic-Strips mit Simons Zeichnungen und Steiners Zweizeilern in Versform unter jedem der 5 Panels. Zur gleichen Zeit entwarf sie für die Firma Telefunken deren Werbe-Maskottchen „Fünkchen“ und war als Fotomodell für Hutmode in der Zeitschrift „Elegante Welt“ zu sehen. Auch für die Deutsche Familien-Illustrierte „Marie-Luise“ gestaltete sie von 1939 bis 1942 ca. 25 humoristische Seiten mit Ratschlägen und Kochrezepten.

Von 1940 bis 1942 zeichnete sie für jede Ausgabe der „Berliner Hausfrau“ 39 ganzseitige, in sich geschlossenen Comic-Geschichten, diesmal mit Steiners gereimten Vierzeilern unter jedem Panel. Ab 1943 behandelten Simons humoristischen Zeichnungen vorwiegend Vorschläge des Einkochens und der Kriegs-Rezepte.

Witzseite von Charlotte Simon-Bruns in "Neue Berliner Illustrierte" 1950

Am Abend des 22. November 1943 geriet Simon in den ersten, schweren Luftangriff der Alliierten auf das Tiergartenviertel Berlins und konnte sich, aus dem Zoobunker rennend, nur mit knapper Not vor den Flammen retten. Infolge der weiteren Bombenangriffe verließ sie Berlin, heiratete und bekam eine Tochter, deren Patin ihre beste Freundin Erika Engel wurde. Bis zum Einmarsch der Russen im Januar 1945 lebte sie mit anderen Flüchtlingen im Haus ihrer verstorbenen Großeltern in Fürstenfelde/Neumark und musste sich bis Kriegsende mit Mutter und Säugling auf einen entbehrungsreichen Flüchtlingstreck begeben. Wegen ihrer graphischen Kenntnisse wurde sie zeitweise in eine Schreibstube der Russischen Kommandantur versetzt und erhielt dafür für sich und andere Flüchtlinge tägliche Essensrationen.

Im Mai 1945 kehrte sie nach Berlin zurück. Mit Portraits in Englischen Clubs, Aquarellzeichnungen für eine Schweizer Kunstagentur, sowie ca. 800 Sinnsprüchen in gemalter Kunstschrift mit Zeichnungen, die sie drucken und einrahmen ließ, verdiente sie ihren Lebensunterhalt. Bald konnte sie sich im Junggesellenhauses in Berlin-Charlottenburg, Fredericiastr. 2–3, in das sie bereits 1941 eingezogen war, auch ein größeres Atelier im Dachgeschoß leisten. Hier machte sie die Bekanntschaft mit Hörspielautoren beim RIAS Berlin, u. a. Josef Pelz von Felinau und Hanns Korngiebel. Letzterer vermittelte ihr Aufträge für Illustrationen in den Schulfunk-Beiheften für den Englisch-Unterricht des RIAS von Februar bis April 1953.

Von 1949 bis 1952 wurde sie als feste Vertragszeichnerin für die „Deutsche Woche“ beim „Verlag der Nation“ in Ostberlin verpflichtet (4). Sie zeichnete jetzt auch bei Gericht und Modeschauen und wurde durch wöchentliche Vignetten, Romanillustrationen oder ganze Witzseiten schnell bekannt. Nach ihrer Heirat signierte sie mit Charlotte(e) Bruns bzw. Simon-Bruns und entwarf gleichzeitig 25 farbige Buchumschläge für die Taschenbuchreihe desselben Verlags.

Ab 1952 illustrierte sie in weiteren Berliner Verlagen mehrere Bücher mit zahlreichen Zeichnungen im Text, u. a. für die Verlage Praktisches Wissen, Neufeld & Henius, Peter J. Oestergaard, Lothar Blanvalet. 1956–1958 entstanden im Glückspilz, einer Kundenzeitschrift für Jungen und Mädchen, ihre farbigen Comics bzw. Zeichnungen im Text oder auf der Titelseite. Zwischen 1959 und 1961 erschienen ihre Illustrationen auch regelmäßig im Gesundheitsblatt der KVA (Krankenversicherungsanstalt Berlin), sowie der AOK (Allgemeine Ortkrankenkasse). Charlotte Simon heiratete 1956 in Berlin ihren 2. Mann, den Ingenieur Fritz Ribbentrop und nannte sich nunmehr Charlotte Ribbentrop. Trauzeuge war der Redakteur Curt Hotzel vom Verlag der Nation. Weitere Lebensstationen führten sie mit ihrer Familie nach Ulm und Bad Godesberg, wo sie sich dem „Ring Godesberger Künstler“ anschloss und u. a. die Bekanntschaft der Maler Martin Frey und Paul Magar machte. Mitte der Sechziger Jahre zog sie nach Wachtberg und widmete sich vorwiegend der Reklame-Malerei, u. a. für die Feinkostfirma „Lacroix“, Frankfurt, sowie der Gestaltung von Speisekarten bei Fa. "Adolf Rick" in Bonn-Mehlem.

Die Zeichnerin überlebte ihren 2. Ehemann, der 1976 tödlich verunglückte, noch 45 Jahre. Sie blieb zeitlebens eng befreundet mit ihren Studienkolleginnen, den Künstlerinnen Margarete Godon, geb. Busse und Erika Engel-Wojahn. Bis ins hohe Alter war sie künstlerisch aktiv, schuf große Wandgemälde, farbige Tonteller und Skulpturen. Sie schrieb ihre Träume auf und illustrierte diese mit 132 farbigen Aquarellen. Charlotte Ribbentrop (geb. Simon) starb am 20. Mai 2021 in ihrem Haus in Wachtberg.

Werke

Illustrationen (Auswahl)

  • „Durch alle Welt“, Zeitschrift v. P.J. Oestergaard-Verlag, Berlin-Schöneberg, Beiträge in den Jahren 1932–1937
  • Wir fahren in den Winter, ein Bildbericht von Charlotte Simon, in Zeitschrift Durch alle Welt, 1937, Heft 10, S. 20–21
  • „Grüne Post“, Ullstein-Verlag Berlin, Beiträge in den Jahren 1934–1938
  • „Brummbär“, Ullstein-Verlag, Wochen-Beilage/ Berliner Morgenpost, Beiträge in den Jahren 1935, 1936, 1938
  • „Marie Luise“, Deutsche Familien-Illustrierte, Erich Zander Druck- und Verlag Berlin, Beiträge in den Jahren Sept.1934–1938
  • KVA-und AOK-Gesundheitsblatt Berlin, Beiträge in den Jahren 1956–1961

Comics

  • „Der Rundblick“, "Saus und Braus, die munteren Zwillinge" im Berliner Zeitschriften-Verlag, Heft 12/1941 – Heft 52/1941, Folgen: 1–100
  • „Berliner Hausfrau“, Berliner Zeitschriften-Verlag, Heft 19/1940 bis Heft 9/1942
  • „Glückspilz“ – Kundenzeitschrift für Jungen und Mädchen, Verlag für Wirtschaftspraxis GmbH, Frankfurt a/M, Heft 11/1956 bis Heft 11/1957

Witzseiten

  • „Frischer Wind – Satireblatt“, Allg. Deutscher Verlag Berlin W8, Heft 34/1950, Heft vom 12. Juli 1951
  • „Neue Berliner Illustrierte“, Allg. Deutscher Verlag Berlin W8, Heft 17/1950 bis Heft 4/1952
  • „Deutsche Woche“, Verlag der Nation, Berlin C2, Nr. 1/1950 bis Nr. 3/1952

Buchumschläge im Verlag der Nation, Berlin C2

  • Der Njemenfischer v Eilza Orzeszkowa, 1951/Bd. 8
  • Das Mädchen von der grünen Insel v J. Tralow 1952/Bd. 7
  • Vorabend v. Turgenjew 1952/Bd. 12
  • Transit v. Anna Seghers 1952/Bd. 13
  • Max Havelaar v. Multatuli 1952/Bd. 15
  • Ein Held unserer Zeit v. Michail Lermontow 1952/Bd. 19
  • Sora Luisa v. Antonio Fogazzaro 1952/Bd. 24
  • Gösta Berling v. Selma Lagerlöf, 1953
  • Die Glut im Rücken v. Hermann Schreiber 1953/Bd. 33
  • Effi Briest v. Theodor Fontane 1953/Bd. 35
  • Der Büttnerbauer v. Wilhelm von Polenz 1953/Bd. 47
  • Jeanne Peyrouton v. Wolfgang Joho 1953
  • Sturz in die Nacht v. Hermann Schreiber, 1954/Bd. 9
  • Niels Lyhne v. Jens Peter Jacobsen, 1954
  • Die Baumwollpflücker v. B. Traven, 1954
  • Der Schatz der Sierra Madre v. B. Traven, 1955
  • Unterm Birnbaum v. Otto Schrag 1955
  • Pulsschlag der Wildnis v. Hans Schomburgk 1955
  • Fünf Novellen v. Theodor Storm 1956
  • Der Sohn der Wälder v. Kurt Arnold Findeisen 1957/Bd. 41
  • Kaiserwetter v. Karl Jacob Hirsch Bd. 15
  • Das Fräulein von Scuderie v. E.T.A. Hoffmann
  • Der lachende Mann v. Victor Hugo Bd. 29
  • Gold v. Friedrich Gerstäcker Bd. 39
  • Eugenie Grandet v. Balsac Bd. 44

Buch-Ilustrationen

  • Karin und Lilo, zwei Mädels von heute v. Jo van Ammers-Küller, Verlag Neufeld & Henius Berlin 1932, mit 10 Zeichnungen von Charlotte Simon
  • Tapfere kleine Helga v. Jo van Ammers-Küller, Verlag Neufeld & Henius Berlin 1932, mit 10 Federzeichnungen von Charlotte Simon
  • Francesco Crispi, Der Advakat Italiens v. P.G. Zeidler, Oestergaard-Verlag Berlin 1932, mit 9 Federzeichnungen von Charlotte Simon
  • Für jeden ist es wichtig:benimm dich richtig v. Luise Diener, Verlag Prakt. Wissen Berlin 1951, mit 300 Zeichnungen von Charlotte Bruns
  • Mein Märchenlied v. Charlotte Bruns-Simon, Ilse Eckart, Bernstein-Verlag, Fürth 1952
  • Lebe gesund, Bleibe gesund v. Dr.med. Paul Kühne, Verlag Prakt. Wissen Berlin 1953, mit über 400 Federzeichnungen von Charlotte Bruns
  • Bunte Platte v. Willi Schaeffers, Ernst Staneck Verlag Berlin 1953, mit 5 Federzeichnungen von Charlotte Bruns
  • Des Lebens Überfluß v. Ludwig Tiek, Verlag der Nation Berlin 1955, Reihe: Kleine Bibliothek, Kassette IV, mit zahlreichen Illustrationen und Titelvignetten von Charlotte Bruns
  • Esst und trinkt nach Herzenslust v. Hans Flemming, Lothar Blanvalet-Verlag Berlin 1955, mit 28 Federzeichnungen von Charlotte Bruns
  • Ich war kein Musterknabe v. Paul Henckels, Lothar Blanvalet-Verlag Berlin 1956, mit 56 Federzeichnungen von Charlotte Bruns

Literatur

  • Charlotte Simon v. Eckart Sackmann in Deutsche Comicforschung 2014, Verlag Sackmann und Hörndl, Hildesheim, S. 58–65, ISBN 978-3-89474-245-4
  • Charlotte Simon–zum Zweiten v. Eckart Sackmann, Deutsche Comicforschung 2018, Verlag Sackmann & Hörndl, Leipzig, S. 78–89, ISBN 978-3-89474-299-7
  • Simon(-Bruns), Charlotte in „Karikaturisten-Lexikon“ v. Kurt Flemig: K. G. Saur, 1993; ISBN 3-598-10932-6, S. 267
  • Simon-Bruns, Charlotte in „Das große Lexikon aller DDR-Karikaturisten“ v. Jürgen Hartwig
  • Unser ältestes Gemeindemitglied erzählt – Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinde Wachtberg, Nov/Dez 2018, Ausgabe Nr. 122, S. 23
  • Alles kommt, wie's kommen muss, Verlag Sackmann und Hörndl Leipzig 2020, S. 30 und 31, ISBN 978-3-89474-313-0
  • Emanzipation und Berufung: Comiczeichnerinnen in Deutsche Comicforschung 2021 v. Eckart Sackmann, Verlag Sackmann, Leipzig, S. 120 u. 122, ISBN 978-3-89474-318-5

Einzelnachweise

  1. Die Funkstunde, Verlag Funk-Dienst GmbH Berlin W 9, Nr. 49 vom 6. Dezember 1925, Seite 1050
  2. UdK-Archiv 8 – 152, Eintrag Charlotte Simon im Wintersemester 1928 Berlin
  3. „Das Geheimnis schillernder Vogelfedern“ v. Dr. Bernhard Grizmek, 1936
  4. Werkausweis Nr. 1595 v. 1. September 1949 und Arbeitsvertrag v. 1. Oktober 1949

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