Christgärtchen

Christbaumständer aus der Biedermeierzeit From Wikipedia, the free encyclopedia

Christgärtchen, Christbaumgärtchen, Paradiesgärtchen oder Weihnachtsgärtchen sind hölzerne Christbaumständer aus der Biedermeierzeit, die in bürgerlichen Kreisen üblich waren.[1] Die Gärtchen waren ein Spielwerk für Kinder, das sie gewöhnlich zu Weihnachten bekamen.[2]

Weihnachtsszene einer Familie um einen Tisch mit einem kleinen Weihnachtsbaum in einem Christgärtchen, aus einem Skizzenbuch von John Lewis Krimmel (1784–1821), einem in Deutschland geborenen Künstler, der nach Philadelphia auswanderte.

Aus quadratischen (selten rechteckigen) Bodenplatten gefertigt, weisen sie einen rundum angeordneten kleinen Lattenzaun auf. In der Mitte der Bodenplatte ist ein Loch ausgesägt, worin der zur damaligen Zeit üblicherweise kleine Baum gesteckt wurde.[1]

Christgärtchen waren vorwiegend im protestantischen Raum gebräuchlich,[3] vor allem in Hessen, Niedersachsen, in Westfalen sowie im Erzgebirge, Vogtland und in Thüringen.[4] In diesen wie ein Hortus conclusus umzäunten Gärtchen befanden sich neben einer Krippe verschiedene profane Szenen des meist ländlichen und kleinstädtischen Lebens.[4] Sie wurden verschieden aufgefüllt, sei es mit kleinen Figuren und Bauwerken, Backwerk oder Äpfeln.[1]

Weiterentwicklung des Christgärtchens in den USA als Christmas village

Die Gärtchen sind in Deutschland nicht mehr üblich, gelangten aber ihrerzeit durch deutsche Einwanderer in die USA und entwickelten sich dort zum Miniatur-Weihnachtsdorf (Christmas garden oder Christmas village).[5]

Geschichtliches

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Christbaumständer in Hessen und anderswo ziemlich unkonventionell: ein Nagel durch ein Brett geschlagen, auf den dann das kleine Bäumchen aufgespießt wurde, war haltbar genug für den „reduzierten Baumschmuck aus wenigen Äpfeln, Lebkuchen und gelegentlich Kerzen“.[1] Solche einfachen Baumhalterungen sind auf zwei Darstellungen von Ludwig Emil Grimm zu erkennen. Seine Federzeichnung Heimkehr vom Weihnachtsmarkt aus dem Jahre 1832 mit der Widmung „Dort wo arme Leute weinen, lass Dein Licht am hellsten scheinen“ bildet eine Mutter mit ihrem Kind ab, die einen Korb auf dem Rücken trägt und einen kleinen Weihnachtsbaum mit sich führt, der in der geschilderten Weise montiert ist. Ein ähnliches Sujet ist auf seinem um 1832 entstandenen Aquarell Weihnachten in der Kammer zu sehen: Eine Mutter kniet vor einem Stuhl und kost ihr Kind, auf dem Stuhl liegt eine aufgeschlagene Bibel, doch das zentrale Motiv ist das auf ein Brett montierte, mit fünf roten Äpfeln und drei Wachslichtern geschmückte Christbäumchen.[1]

Putz, Illustration von Otto Henry Bacher in der Zeitschrift St. Nicholas (1902)
Putz in Bethlehem (Pennsylvania) (2023)

Die Herrnhuter Brüdergemeine nahm den Brauch des „christmas garden“ in die USA mit. Sie nannten ihre größeren Miniaturlandszenerien unter dem Christbaum Putz,[6] auch bekannt als „moravian putz“ (mährischer Putz). In den Herrnhuter Siedlungen im Lehigh Valley in Pennsylvanien, beispielsweise Bethlehem, hat sich diese Tradition bis heute erhalten. Daraus entstand als säkularisierte Variante das „christmas village“ (Weihnachtsdorf) unter dem Tannenbaum.[7] Manche Spielzeugsammler argumentieren, dass die Spielzeugeisenbahn als bevorzugtes Geschenk in den 1940er- und 1950er-Jahren dazu beitrug, das europäische Weihnachtsgärtchen in das amerikanische Leben zu integrieren: Familien, die früher Gärtchen anlegten, bauten nun unter dem Weihnachtsbaum Modelleisenbahnen mit funktionierenden Milchkannenladern, Holzwaggons und anderen Apparaturen, die die mechanischen Wunder der mährischen Weihnachtskrippe nachahmten.[7] So wurde das Weihnachtsgärtchen zu einem bloßen Beiwerk für die Spielzeugeisenbahn. Ganz im amerikanischen Stil also stellte das neue elektrische Wunderwerk die alte, europäische Tradition in den Schatten – bis zum Aufkommen von Department 56 (amerikanischer Hersteller von beleuchteten Weihnachtsdorf-Kollektionen).[7]

Beschreibung

Frühe Belege zeigen diese Christbaumständer in weißer Grundfarbe mit roten und blauen Streifen bemalt. Dann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, erscheinen sie einfarbig grün gewesen zu sein, worauf erhaltene Belege hinweisen.[1] Die frühen Baumständer waren mit ca. 30 cm Seitenlänge relativ klein, aber in späteren Jahrzehnten immer größer und stabiler, was Rückschlüsse auf größere Bäume zulässt; meist sind die Löcher mit einer Manschette verstärkt, und unter der Bodenplatte befinden sich oft kleine dekorative „Kugelfüße“.[1] Eine Anleitung von 1891 rät zu einem 4 cm dicken Brettstück und in der Mitte nochmals einem kleineren von gleicher Stärke, beide durchgebohrt zu einer kreisrunden Öffnung von 4–5 cm. Das Gärtchen solle umgeben werden von einer 12 cm hohen „Mauer“ aus dicker Tannenrinde oder einem Miniaturgartenzaun, bei dem ein Türchen offen gelassen werden sollte.[8]

Die Christbaumgärtchen waren vielfach mit Moos ausgekleidet und wurden mit Weihnachtsgebäck und Äpfeln befüllt.[1] Oft waren sie mit einem geschmückten Christbaum, einer Weihnachtspyramide oder einer von innen beleuchteten Kirche bestückt, auch Gartenanlagen mit Grotten, Springbrunnen, Wasserfällen und Teichen mit Schwänen waren beliebt.[4] Besonders phantasievoll gestalteten die Göttinger ihre Christgärtchen Anfang des 19. Jahrhunderts.[4]

Verbreitet war die Aufnahme von zwei Puppen, die die „Ureltern Adam und Eva“ symbolisieren sollten.[1][9] Daher und wegen der geschnitzten exotischen Tiere hieß das Weihnachtsgärtchen auch „Paradiesgärtlein“ oder einfach Paradies.[1] In dieser Form scheint die Inszenierung „die evangelische Antwort auf die katholische Weihnachtskrippe gewesen zu sein“, so war die Inszenierung der Weihnachtsbotschaft mittels figürlicher Darstellung im protestantischen Hessen lange unbekannt und auch verpönt.[1] Der Sinngehalt hat sich mit der Zeit geändert, wie erhaltene Darstellungen zeigen, denn die Darstellung des Paradieses mit exotischen Tieren wurde von solchen abgelöst, die auf einem Bauernhof oder in einer Schäferei vorkommen. Folglich wurden dann in die Christbaumgärtchen auch kleine Häuschen eingebaut, die vielfach beleuchtet werden konnten, da die Fenster ausgeschnitten und mit Transparentpapier beklebt waren, wie Ludwig Emil Grimm 1830 in einer Radierung seine Schwester Lotte Hassenpflug zeigt: Sie hat dem Besucher den Rücken zugewendet, der Blick auf den Weihnachtsbaum mit dem Weihnachtsgärtchen und dem darin befindlichen Bauernhof ist frei und ungemein detailfreudig.[1]

Die Zeichnung der Landgräfin Elisabeth von Hessen-Homburg (1770–1840) Der Weihnachten (grammatischer Fehler ist wohl in ihrer englischen Herkunft begründet) lässt deutlich die Szenerie des Bauernhofes bzw. der Schäferei erkennen, nebst einem Soldaten und einer stehenden Puppe.[1]

Rezeption

Jean Paul schrieb um 1804–1805 in seinem Roman Flegeljahre, wie der Protagonist Walt tagträumt: „... ein Träumchen saß und sang im spannenlangen grünen Weihnachts-Gärtchen der Kindheit, das sich der kleine Mensch auf vier Rädern am Faden nachzieht.“[2]

Johann Baptist von Schweitzer schildert 1864 in Lucinde oder Capital und Arbeit: Ein social-politisches Zeitgemälde aus der Gegenwart, wie eine arme kinderreiche Arbeiterfamilie ihr letztes Geld ausgibt, um sich einen „kleinen Weihnachtsbaum mit Gärtchen“ sowie Konfekt, Äpfel, Nüsse und zwei neue Puppen zu kaufen. In dem Gärtchen war eine kleine Laube von Holzwerk angebracht, und ein Schäfer weidete mehrere Schafe. Diese letzteren bestanden aus einem Stück Holz in Tierform, um welches etwas Wolle gewickelt war.[10]

Literatur

  • Victor Weygand: Über Göttinger Christgärten. in: Protokolle über die Sitzungen des Vereins für die Geschichte Göttingens, S. 60–72
  • Sigrid Nagy: Die protestantische Krippenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für Volkskunde 26 (2003), S. 31–66

Einzelnachweise

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