Colonia Tovar
Siedlung in Venezuela
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Colonia Tovar ist eine über 21.000 Einwohner (2016) zählende Gemeinde, etwa 70 km westlich von Caracas in Venezuela im Bundesstaat Aragua. Der Ort ist der Sitz des Verwaltungsbezirks Municipio Tovar im Bundesstaat Aragua.[1] Der größte Teil der Bevölkerung sind Nachfahren deutscher Einwanderer vom Kaiserstuhl.
| Colonia Tovar | |||
|---|---|---|---|
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| Koordinaten | 10° 25′ 0″ N, 67° 17′ 0″ W | ||
| Basisdaten | |||
| Staat | Venezuela | ||
| Aragua | |||
| Stadtgründung | 8. April 1843 | ||
| Einwohner | 21,000 (2016) | ||
| Stadtinsignien | |||
| Detaildaten | |||
| Fläche | 250 km² | ||
| Bevölkerungsdichte | 84 Ew./km2 | ||
| Höhe | 1800 m | ||
| Vorwahl | 033 | ||
| Zeitzone | UTC-4:30 | ||
| Stadtvorsitz | Maximiliano Suárez Castillo (PSUV) | ||
Geographische Lage
Colonia Tovar liegt in der Küstenkordillere westlich von Caracas in 1800 bis 2000 Meter Höhe.
Nachbargemeinden
- El Junquito
- La Victoria
- Maracay
Klima
Tropisch, kühler Regenwald, mittlere Jahrestemperatur von 16 °C.
Geschichte
Von 1777 bis 1821 gehörte Venezuela zum Generalkapitanat Venezuela, einer spanischen Kolonie auf dem südamerikanischen Kontinent. 1821 gelang es Simón Bolívar, die Unabhängigkeitskriege in Venezuela zum siegreichen Ende zu führen. Das Land wurde noch über Jahre durch Kämpfe zwischen Republikanern und Royalisten erschüttert. Bis 1830 war Venezuela Teil der Republik Großkolumbien und wurde dann als Bolivarische Republik Venezuela selbständig. Die seit 1810 andauernden Kriege führten durch Kampfhandlungen, Seuchen und Hunger zu einem Rückgang der Bevölkerung um ca. 200 000 Menschen.[2] Der Kongress von Venezuela verabschiedete 1840 auf Initiative des Präsidenten José Antonio Páez ein Gesetz, das die Einwanderung aus Europa und den Kanarischen Inseln förderte um die durch die Befreiungskriege entstandenen Bevölkerungsverluste wieder auszugleichen und die Agrarproduktion zu steigern.
Der venezolanischen Staatssekretär Ángel Quintero nahm in Paris Kontakt mit dem italienischen Kartografen Agostino Codazzi auf, der dort 1840 an einer Karte von Venezuela arbeitete, wobei er mit dem aus Endingen stammenden Kupferstecher und Topograf Alexander Benitz zusammenarbeitete. Codazzi sollte für die venezolanische Regierung eine Studie erstellen, die die besten Orte für die landwirtschaftliche Ansiedlung von Einwanderern aufzeigte. Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt nahm Codazzi auch Kontakt mit den Behörden der Kaiserstuhl-Gemeinden auf.
Im August 1841 kamen Codazzi und Benitz im venezolanischen Hafen La Guaira an. Codazzi startete seine Erkundungsreise und schlug im November dem Innenministerium eine Siedlung in den Cordillera de la Costa zwischen dem Karibischen Meer und dem Tal des Aragua Flusses vor. Das Ministerium befürwortete den Plan, das Parlament bewilligte innert zwei Wochen das Projekt und den Kredit und Codazzi gründete für das Projekt entsprechend dem Einwanderungsgesetz mit drei Partnern eine Kolonisierungsgesellschaft. Codazzi und Ramon Diaz traten dabei als aktive Geschäftspartner auf, Martín Tovar y Ponte förderte das Projekt auf der politischen Ebene und war Bürge für den vom Staat eingeräumten Kredit. Sein Neffe Manuel Felipe de Tovar stellte ca. 15 Quadratkilometer Urwald aus seinem Besitz am Oberlauf des Rio Tuy beim Palmar de Tuy[3] für den Aufbau der Siedlung zur Verfügung. Der Platz wurde später nach der Familie Tovar benannt.
- Agustín Codazzi
- Alexander Benitz
- Martín Tovar y Ponte
- Manuel Felipe de Tovar
1843 wanderten 358 Bürger aus der Gegend des Kaiserstuhls über Le Havre nach Venezuela aus, vornehmlich aus Endingen am Kaiserstuhl, Forchheim, Wyhl, Wasenweiler und Oberbergen. Die Gruppe verließ Le Havre am 19. Dezember 1842 an Bord des französischen Dampfers Clémence und erreichte am 4. März 1843 den venezolanischen Hafen La Guaira. Nach Quarantäne und einem beschwerlichen Marsch von Choroní in die Berge erreichte sie am 8. April 1843 die gerodete Urwaldfläche beim Palmar de Tuy. Obwohl es zur Enttäuschung der Siedler noch keine Unterkünfte gab, gilt dieses Datum als Gründungstag der Colonia Tovar. Die Bauern pflanzten Gemüse und Obst an und brauten auch das erste Bier Venezuelas; sie bauten ihre Häuser im Fachwerkstil. Die Dorfgemeinschaft blieb bis 1942 mit eigenen Gesetzen unter sich und geriet nach und nach in Vergessenheit.
Erst nach dem Bau einer Asphaltstraße 1964 hielt die Moderne Einzug in Colonia Tovar. In den 1960er Jahren nahmen die Einwohner der Colonia Tovar, die bis heute ihre Sprache im alemannischen Dialekt (Kaiserstühler Dialekt) und ihre Traditionen bis hin zur alemannischen Fastnacht (Fasnet) pflegen, wieder engen Kontakt zu ihrer badischen Heimat auf. So kommt es, dass viele Nachfahren ihre Ausbildung in Deutschland machten. Das Dorf ist heute eine beliebte Touristenattraktion und Wochenendausflugsziel für die Einwohner von Caracas.
Am 18. und 19. Mai 2017 kam es im Rahmen der Proteste gegen die Maduro-Regierung zu schweren Ausschreitungen, woraufhin die Kolonie vom Militär besetzt wurde.[4][5] Kurz darauf besuchte der gerade im Lande weilende deutsche Bundestagsabgeordnete Charles M. Huber den Ort, um die Bevölkerung dort zu unterstützen und zur Beruhigung der Lage beizutragen.
Kultur
Sprache
Die alemannische Sprache Alemán Coloniero wird von der älteren Generation noch durchweg gesprochen. Die jüngste Generation beherrscht die Sprache aber kaum noch, da sich die Nachfahren der Einwanderer seit einigen Jahrzehnten mehr und mehr mit der Spanisch sprechenden venezolanischen Bevölkerung vermischen. Aber auch die Sprachattitüde hat sich geändert. Heute ist das „Ditsch“ den Jugendlichen und Kindern peinlich, sie wollen in der Schule nicht gehänselt werden. Doch für die Tovarer ist der Dialekt ein wertvolles Kulturgut, so dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihn zu erhalten. Der enge Kontakt mit der Partnerstadt Endingen am Kaiserstuhl, zu dem auch die Ausbildung der Tovarer in verschiedenen Berufen gehört, fördert den Sprach- und somit den Kulturerhalt.
Museen
Historisches und kunsthandwerkliches Museum.
Regelmäßige Veranstaltungen
- 8. April: Gründungstag der Kolonie
- 11. November: Tag des Schutzpatrons, des Heiligen Martin
Alemannische Fastnacht
Sie haben noch die gleichen Fastnachtssprüche und die gleiche Fastnachtskleidung (Jokili) wie in Endingen.[6]
Kulinarische Spezialitäten
Es wird die traditionelle alemannische Hausmannskost serviert: Blutwurst, Eisbein, Schäufele, Sauerkraut, Kartoffeln, verschiedene Bratwürste, dazu kräftiges „Tovar“-Bier.[7]
Personen mit Bezug zur Gemeinde
- Johann Wilhelm Karl Moritz (1797–1866), deutscher Botaniker, lebte 1843 bis 1866 in Colonia Tovar
Siehe auch
Literatur
Fachliteratur
- Sixto Laya Gimón: Colonia Tovar First Venezuelan Immigration Project 1843. Colonia Tovar First Venezuelan Immigration Project 1843, 2021. PDF
- Conrad Koch: La Colonia Trovar. Geschichte und Kultur einer alemannischen Siedlung in Venezuela, Pharos-Verlag Hansrudolf Schwabe AG, Basel 1969 (Dissertation der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel) im Internet Archive ausleihbar.
- Thomas Kopp: 1843 Tovar 1979. Die Alemannensiedlung im Hochland von Venezuela. In: Badische Heimat, Heft 1/1980, S. 1–14 PDF
- Karl Kurrus: Kaiserstühler in Tovar. Sprachinsel in Venezuela wird überflutet. In: Badische Heimat, Heft 1–2/1971, S. 219–222 PDF
- Freiburger Zeitung 1844. Berichterstattung zur Colonia Tovar, Aragua, Venezuela Internet Archive
- Hermann Ahrensburg: Die deutsche Kolonie, Tovar, in Venezuela, G. Neuenhahn, 1920-27 Seiten
- Brecht, F.J., 100 Jahre Tovar In: Deutschtum im Ausland, 26. Jg. 1943, S. 37–42. Biblioteka Elbląska
Belletristik
- Burkhard Schröder: Das Codazzi Projekt: Historischer Roman über die Gründung einer deutschen Kolonie 1843 in Südamerika. Deutschland, BoD – Books on Demand, 2025.
Weblinks
- Freundeskreis der Colonia Tovar – Webpräsenz
- Catálogo del patrimonio cultural Venezolano 2004–2005, AR 14, Municipio Tovar PDF



