Kultur- und Kreativwirtschaft
Wirtschaftssektor
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Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) (englisch: creative industries, cultural industries oder creative economy) ist ein Sammelbegriff für Wirtschaftszweige, die sich mit der Schaffung, Produktion und/oder medialen Verbreitung von kreativen/kulturellen Gütern und Dienstleistungen befassen.[1] Es sind Branchen, deren Ursprung in der individuellen Kreativität, den Fähigkeiten und Begabungen einzelner Personen liegt und die durch das Schaffen und Verwerten von geistigem Eigentum als Zukunfts- und Wachstumsbranchen einer Wissensgesellschaft und als Motor für die Stadtentwicklung gelten.
Das World Wide Web und die digitale Revolution haben die Grenzen der KKW erheblich erweitert. Die weltweiten Umfragen der UNCTAD zeigen die unterschiedlichen wirtschaftlichen Beiträge der Kreativwirtschaft in verschiedenen Ländern, die zwischen 0,5 % und 7,3 % des Bruttoinlandsprodukts ausmachen und zwischen 0,5 % und 12,5 % der Erwerbsbevölkerung beschäftigen.[2][3]
Begrifflich und statistisch ist die weltweite Erfassung dieses heterogenen Wirtschaftssektors schwierig, uneinheitlich und einem ständigen Wandel unterworfen. Zu den Kernbereichen der KKW gehören Unterhaltungssoftware, Film, Rundfunk, Verlage, Presse, Kunst, Kunsthandwerk, Architektur, Innenarchitektur, Design, Mode, Schmuck, Darstellende Künste, Musik und Werbung.[4]
Begriffs- und Entwicklungsgeschichte der KKW
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno prägten Ende der 1940er Jahre in der Dialektik der Aufklärung den Begriff und die Diagnose der „Kulturindustrie“: Kultur werde unter Bedingungen industrieller Massenproduktion und kommerzieller Verwertung standardisiert, in Distributionsapparate eingebettet und damit in ihrer gesellschaftlichen Funktion verändert. Damit steht am Beginn der Diskussion über die Kultur- und Kreativwirtschaft keine „Branche“, sondern eine kritische Theorie der Verbindung von Kapitalismus, Massenmedien und Kultur.
1970er und 1980er Jahre
Ab den späten 1970er und frühen 1980er Jahren verschiebt sich die Semantik vom kritischen Singular („Kulturindustrie“) zur pluralen Policy-Kategorie „cultural industries“. In internationalen Foren wird Kultur nicht nur als Wert an sich, sondern zunehmend als Feld organisiert-produktiver Aktivitäten behandelt, die sich kultur- und wirtschaftspolitisch steuern und fördern lassen. 1980 fand in Montreal ein Expertentreffen zu place and role of cultural industries statt; 1982 veröffentlichte die UNESCO den Band Cultural industries: a challenge for the future of culture, der Definitionsfragen, kulturpolitische Zielkonflikte und Governance-Probleme systematisch diskutiert. Aus der kulturkritischen Diagnose wird eine kultur- und wirtschaftspolitische Problemstellung: Wie lassen sich kulturelle Produktion, Medienmärkte, kulturelle Vielfalt und öffentliche Ziele in einem industrialisierten Kommunikationsraum gestalten?[5]
1990er Jahre
In den 1990er Jahren entsteht das neue wirtschaftspolitische Paradigma creative industries. Der Begriff setzt stärker als cultural industries auf Innovation, Unternehmertum, Erwerbstätigkeit, Wachstum und die Anschlussfähigkeit an eine wissens- und dienstleistungsbasierte Ökonomie. International besonders prägend war die britische Politik: Die Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair propagierte im Wahlkampf 1997 die Creative Industries als Zukunftsbranchen der britischen Wirtschaft. In der Folge entwickelte man 1998 in Großbritannien entsprechende Förderkonzepte. Das UK Department for Culture, Media and Sport (DCMS) veröffentlichte 1998 das Creative Industries Mapping Document, das die creative industries als administrativ definierbares Bündel von Teilmärkten sichtbar macht und ihre ökonomische Bedeutung durch statistische Messung politisch verhandelbar macht. Damit wird Kulturpolitik enger mit Wirtschafts-, Standort- und Arbeitsmarktpolitik gekoppelt: Kreativität wird nicht nur geschützt, sondern als ökonomische Ressource gerahmt.[6]
2000er Jahre
Seit den frühen 2000ern wird die globale Diskussion stark durch die Standardisierung von Mess- und Statistiklogiken geprägt. Ein zentraler Strang verläuft über Rechte- und IP-basierte Ansätze: Die World Intellectual Property Organization (WIPO) legte 2003 einen international verwendeten Leitfaden zur Erfassung der wirtschaftlichen Beiträge copyright-basierter Industrien vor.[7] Diese Methodik erleichtert die Vergleichbarkeit zwischen Ländern und unterstützt Regierungen dabei, kultur- und kreativwirtschaftliche Aktivitäten als eigenständiges Politikfeld mit Evidenzanspruch zu behandeln.
Das 2004 von der UNESCO eingerichtete Creative Cities Network (UCCN) zielt darauf ab, die Zusammenarbeit mit und zwischen Städten zu stärken, die Kreativität als einen strategischen Faktor für nachhaltige Entwicklung in wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und ökologischer Hinsicht erkannt haben. Auch das von der World Design Organization 2008 initiierte Projekt World Design Capital verfolgt diese Ziele.
Es entsteht ein völkerrechtlich und kulturpolitisch relevanter Rahmen für den Umgang mit Marktlogiken: Die UNESCO-Konvention von 2005 (Convention on the Protection and Promotion of the Diversity of Cultural Expressions) verankert Ziele wie Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und schafft damit eine normative Leitplanke für nationale Kulturpolitiken in einer globalisierten Kulturökonomie. Der Creative Economy Report 2008[8](UNCTAD, in Zusammenarbeit u. a. mit UNDP, UNESCO, WIPO, ITC) argumentiert, dass kreative Industrien zu den dynamischen Sektoren des Welthandels zählen, und verbindet die Diskussion mit Handel, Beschäftigung, Innovation und Entwicklungsstrategien. „Creative economy“ fungiert damit als Brückenkonzept zwischen Kulturpolitik und globaler Wirtschafts- und Entwicklungspolitik: Es geht nicht nur um Förderung von Kultur, sondern um die Rolle kreativer Wertschöpfung in globalen Wertschöpfungsketten und IP-Regimen.
Deutschland
Im Mai 2007 fand im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft eine europäische Konferenz zur Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa statt, die vom Büro für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft und der Friedrich-Naumann-Stiftung veranstaltet wurde.[9]
In Deutschland befasste sich die Enquete-Kommission Kultur in Deutschland in den Jahren 2003 bis 2007 erstmals umfassend mit dem Thema Kultur und Wirtschaft.[10][11] Die Bundesregierung hat im Jahr 2007 die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft gestartet, um die Wettbewerbsfähigkeit der Branche zu steigern und die Erwerbschancen innovativer kleiner Kulturbetriebe sowie freischaffender Künstler zu stärken.[12]
Im Jahr 2009 begrüßte die Wirtschaftsministerkonferenz, dass mit dem Leitfaden zur statistischen Erfassung der Kreativwirtschaft erstmals die Basis für eine einheitliche Darstellung und Vergleichbarkeit der Wirtschafts- und Beschäftigungsdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland geschaffen wurde.[13]
Die Wirtschaftsministerkonferenz (WMK) definierte 2009 den Begriff der Kultur- und Kreativwirtschaft wie folgt:[14]
„Unter Kultur- und Kreativwirtschaft werden diejenigen Kultur- und Kreativunternehmen erfasst, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen/kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen. […] Der verbindende Kern jeder kultur- und kreativwirtschaftlichen Aktivität ist der schöpferische Akt von künstlerischen, literarischen, kulturellen, musischen, architektonischen oder kreativen Inhalten, Werken, Produkten, Produktionen oder Dienstleistungen. Alle schöpferischen Akte, gleichgültig ob als analoges Unikat, Liveaufführung oder serielle bzw. digitale Produktion oder Dienstleistung vorliegend, zählen dazu. Die schöpferischen Akte können im umfassenden Sinne urheberrechtlich (Patent-, Urheber-, Marken- und Designerrechte) geschützt sein.“
Diese deutsche Abgrenzung ist sowohl mit der europäischen Kernabgrenzung der EU-Kommission (LEG Task Force Cultural Employment3) als auch mit dem weltweiten Referenzmodell, dem Konzept der britischen creative industries, kompatibel.[15]
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie beauftragte Michael Söndermann[16], Büro für Kulturwirtschaftsforschung in Köln, die aktuellen wirtschaftlichen Eckdaten zur Kultur- und Kreativwirtschaft zu aktualisieren, zu bewerten und auf der Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes zu berechnen. Das Büro für Kulturwirtschaftsforschung in Köln betreute bereits seit den 1990er Jahren mehrere Kulturwirtschaftsberichte: 1998–2013 Nordrhein-Westfalen, 2001 Sachsen-Anhalt, 2003 Hessen, 2004 Schleswig-Holstein, 2005 Berlin, 2009 Thüringen. 2013 beauftragte das Land Berlin-Brandenburg erstmals ein anderes Marktforschungsinstitut, die House of Research GmbH, die Zahlen und Ergebnissen auf andere Grundlagen zu stellen.[17] Seit 2004 analysiert die Hessen Agentur im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen die Wirtschaftsdaten der hessischen Kultur- und Kreativwirtschaft und veröffentlicht die Daten in sogenannten „Datenreports“.[18]
Österreich
Österreich legt im Februar 2004 mit Hilfe von Fördermitteln der Europäischen Union eine umfangreiche Untersuchung des ökonomischen Potenzials der „Creative Industries“ in Wien vor.[19] Im Jahr 2016 wird die Kreativwirtschaftsstrategie für Österreich im Rahmen einer erweiterten FTI-Strategie (Forschung, Technologie und Innovation) beschlossen. Die Kreativwirtschaftsstrategie[20][21] verfolgt dabei folgende vier Zielsetzungen:
- Stärkung des österreichischen Innovationssystems im Zusammenspiel mit anderen Strategien (u.a. FTI-Strategie, Open Innovation Strategie, IP-Strategie),
- Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Kreativwirtschaft,
- Stärkung der transformativen Wirkung der Kreativwirtschaft auf andere Wirtschaftsbranchen,
- Stärkung des internationalen Bildes Österreichs als kreatives Kultur- und Innovationsland.
Schweiz
In den 2000er Jahren setzte in der Schweiz eine systematische Debatte über Kultur als Wirtschaftsbereich ein. Ein früher Referenzpunkt ist der erste nationale Kulturwirtschaftsbericht (2003), der Umsatz- und Beschäftigungspotenziale des kulturellen Sektors aufarbeitete.[22] Regional wurden Kreativwirtschaftsanalysen – besonders für den Grossraum Zürich – als Standort- und Strukturberichte etabliert.[23]
2010er und 2020er Jahre
In den 2010er und 2020er Jahren verlagert sich der Fokus zunehmend auf Governance-Fragen der Plattformökonomie, auf die Arbeits- und Einkommensbedingungen von Kreativen sowie auf Resilienz in Krisen. Die UNESCO bündelt diese Perspektive in ihren periodischen Globalberichten zur 2005er Konvention; der Bericht Re | Shaping Policies for Creativity (2022) rahmt Kultur und Kreativität explizit als globales öffentliches Gut, bilanziert Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Beschäftigung und Wertschöpfung und diskutiert politische Handlungsoptionen zur Stabilisierung kreativer Ökosysteme. Damit ist die Kultur- und Kreativwirtschaft des 21. Jahrhunderts nicht mehr nur ein nationaler Branchenbegriff, sondern ein globales Policy-Feld zwischen kultureller Vielfalt, Marktlogiken, Urheberrecht, digitaler Transformation und Nachhaltigkeitsmanagement.[24]
Deutschland
Die im Jahr 2021 gegründete Koalition Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (k3d), ein Zusammenschluss von 16 führenden privatwirtschaftlichen Branchenverbänden aus den Bereichen Musik, Film, Design, Games, Architektur, Mode, Presse und Verlagswesen, tritt als gemeinsame Interessenvertretung gegenüber der Politik auf Bundes-, Länder- und EU-Ebene auf.[25][26] Sie versteht sich als Sprachrohr der Branche und formuliert übergeordnete Positionen, Stellungnahmen und Forderungen zu kultur-, medien- und wirtschaftspolitischen Fragestellungen. Zu ihren Zielen gehören unter anderem:
- Abbau bürokratischer Hürden
- Schutz des Urheberrechts, insbesondere im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz
- Faire Wettbewerbsbedingungen auf digitalen Marktplätzen
- Förderung von Innovationen
- Soziale Absicherung von Künstlern und Kreativen
- Stärkere politische Sichtbarkeit der Branche
Darüber hinaus organisiert k3d öffentliche Veranstaltungen, um die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft hervorzuheben und Unterstützung zu mobilisieren.
Politische Zielsetzungen haben die Definition der KKW von Beginn an mitbestimmt. Ein zentrales Motiv der Bundesregierung ab 2007 war es, die wirtschaftliche Bedeutung kreativer Branchen sichtbar zu machen und deren Förderfähigkeit zu untermauern. Durch die breite Abgrenzung – also die Einbeziehung auch von kommerziellen Kreativbereichen wie Werbung und Software – konnte die KKW als bedeutender Wirtschaftszweig dargestellt werden. Für 2017 etwa wurde eine Bruttowertschöpfung von über 100 Mrd. € ausgewiesen. Diese beeindruckenden Kennzahlen dienten als Argument für wirtschaftspolitische Unterstützung, etwa spezielle Förderprogramme, Beratungsinitiativen und Gründerhilfen für Kreativschaffende. So wurde bspw. im Bereich der Games-Industrie die wachsende Bedeutung erkannt und ab 2019 ein eigenes Förderprogramm für Computerspiele aufgelegt – eine Branche, die ohne die erweiterte Kreativwirtschafts-Definition womöglich weniger Beachtung gefunden hätte.
Gleichzeitig wurde die Abgrenzung bewusst so gezogen, dass kulturelle Gemeinwohlaktivitäten und rein öffentliche Trägerschaften ausgeklammert bleiben. Dies entsprach einer wirtschaftspolitischen Logik: Man wollte jene Akteure hervorheben, die am Markt agieren und Arbeitsplätze sowie Wachstum schaffen. Kultureinrichtungen, die überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, zählen daher nicht zur KKW und werden lediglich informativ berichtet. Diese Trennlinie unterstreicht den politischen Willen, Kultur als Wirtschaftsfaktor darzustellen, ohne die Kulturförderung an sich zu ökonomisieren. In der Praxis führte diese Fokussierung z. B. dazu, dass Freie Berufe und Unternehmen im Kreativsektor verstärkt als eigenständige Branche wahrgenommen wurden, was neue Netzwerke und Branchendialoge (etwa Kreativwirtschaftskonferenzen, Kreativlabs) nach sich zog.
Ein Effekt politischer Einflussnahme zeigt sich auch in der laufenden Weiterentwicklung der Definition: Immer dann, wenn sich Lücken auftaten oder neue Bedürfnisse entstanden (z. B. bessere Erfassung der Solo-Selbständigen, Vergleichbarkeit mit EU-Daten), wurde die Abgrenzung angepasst. Diese Änderungen wurden durch Beschlüsse der Wirtschaftsministerkonferenz mitgetragen und orientierten sich an aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen der Kreativszene. So kann insgesamt festgehalten werden, dass die Definition der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland seit 2000 dynamisch ist – sie wurde kontinuierlich erweitert und präzisiert, um den Spagat zwischen kultureller Eigenlogik und ökonomischer Messbarkeit zu bewältigen. Politische Ziele – von der Förderung eines innovativen Sektors bis zur Darstellung der Leistungsfähigkeit nach innen und außen – haben diese Entwicklung stets flankiert.
Österreich
In den 2010er Jahren wurden die Kreativwirtschaftsberichte als wiederkehrendes Monitoring-Instrument etabliert und stärker mit Innovations-, Standort- und Beschaffungspolitik verknüpft. Im Umfeld des 6. Kreativwirtschaftsberichts (Publikation 2015) wurde die Kreativwirtschaft als relevanter Teil der Unternehmenslandschaft beschrieben.[27]
2016 wurde eine bundesweite Kreativwirtschaftsstrategie in einem Co-Creation-Prozess erarbeitet. Sie positioniert die Kreativwirtschaft als Impulsgeberin für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit und sieht u. a. die Fortsetzung der Kreativwirtschaftsberichte sowie Schwerpunktsetzungen (z. B. Crossover-Effekte) vor. Die Strategie bildet damit einen Referenzrahmen für die Verbindung von Kreativwirtschaft, Innovationspolitik und Standortentwicklung.
Der Österreichische Kreativwirtschaftsbericht 2024 beschreibt die Creative Industries als kleinstrukturierten Dienstleistungsbereich (u. a. geringere durchschnittliche Betriebsgröße als die Gesamtwirtschaft, hoher Anteil an Ein-Personen-Unternehmen, vergleichsweise hoher Teilzeitanteil) und verweist auf eine ab 2024 adaptierte Definition der „Austrian Creative Industries“ (Ziele: internationale Vergleichbarkeit, bessere Fortschreibung). In konjunktureller Hinsicht werden – neben Digitalisierungs- und Innovationsinvestitionen – Arbeitskosten, Inflation, Energiepreise sowie steigender bürokratischer Aufwand als zentrale Herausforderungen genannt.[28]
Schweiz
In den 2010er und 2020er Jahren wurden kulturpolitische Rahmungen und Datengrundlagen weiter institutionalisiert. Der Bund definierte mit der Kulturbotschaft 2016–2020 strategische Handlungsachsen (kulturelle Teilhabe, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Kreation und Innovation).[29] Wissenschaftsnahe Berichte aus dem ZHdK-Umfeld schlugen zugleich konzeptionelle Erweiterungen von einer Branchenlogik (Kreativwirtschaft) hin zu breiteren Wertschöpfungs- und Praxiszusammenhängen (Creative Economies) vor.[30] Die Covid-19-Pandemie (2020–2022) gilt als Zäsur für den Kultursektor und prägte Debatten über Resilienz, Digitalisierung sowie faire Arbeits- und Entschädigungsbedingungen.
Statistische Erfassung der KKW-Teilmärkte
Eine weltweit einheitliche statistische Erfassung der KKW wird erschwert durch ein Bündel aus Abgrenzungs-, Definitions- und Finanzierungsentscheidungen, die je nach Land, Institution und Messzweck unterschiedlich getroffen werden und sich im Zeitverlauf oft auch verändern. Deshalb sind KKW-Zahlen international nur bedingt vergleichbar. Schon bei der Grundfrage, was statistisch als "Kultur" zählt, divergieren nationale Traditionen. Die UNESCO versucht mit dem Framework for Cultural Statistics[31] gemeinsame Begriffe für internationale Vergleiche zu liefern.
Dem von der deutschen Wirtschaftsministerkonferenz 2009 empfohlenen Leitfaden folgend[32][33], werden auf der Grundlage der Klassifikation der Wirtschaftszweige (WZ 2008, WZ 2025) beziehungsweise der Statistischen Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft (NACE) und International Standard Industrial Classification (ISIC) elf Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft unterschieden: Architekturmarkt, Designwirtschaft, Filmwirtschaft, Kunstmarkt, Musikwirtschaft, Software-/Spiele-Industrie, Buchmarkt, Markt für darstellende Künste, Pressemarkt, Rundfunkwirtschaft und Werbemarkt.
Da es sich bei der Kultur- und Kreativwirtschaft um einen Wirtschaftsbereich handelt, der einer vergleichsweise hohen Dynamik unterliegt und von der Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen stark geprägt ist, wurde mit der Festlegung auf die Teilmärkte gleichzeitig eine prinzipielle Offenheit bzw. Möglichkeit zur Veränderung formuliert. Der Leitfaden schlägt dementsprechend eine Gruppe „Sonstige“ vor, in die neue oder für Einzelstudien zusätzlich relevante, wirtschaftliche Aktivitäten, wie beispielsweise das Kunsthandwerk, aufgenommen werden können.
Architekturmarkt
- Architekturbüros für Hochbau: 71.11.1[34]
- Büros für Innenarchitektur: 71.11.2[35]
- Architekturbüros für Orts-, Regional- und Landesplanung: 71.11.3[36]
- Architekturbüros für Garten- und Landschaftsgestaltung: 71.11.4[37]
- Restauratoren: (90.03.4)[38]
Designwirtschaft
- Industrie- und Produktdesign: 74.11.1[39]
- Modedesign: 74.11.2[40]
- Grafik- und Kommunikationsdesign: 74.12.0[41]
- Innenraumdesign und Raumgestaltung: 74.13.0[42]
- Sonstige spezialisierte Designtätigkeiten: 74.14.0[43]
- Fotografie: 74.20.1[44]
- Werbeagenturen: 73.11.0[45] werden zur Hälfte der Designwirtschaft zugerechnet
- Herstellung von Schmuck, Gold- und Silberschmiedewaren, ohne Fantasieschmuck: 32.12.0[46]
Filmwirtschaft
Kunstmarkt
- Einzelhandel mit Kunstgegenständen, Bildern, kunstgewerblichen Erzeugnissen, Briefmarken, Münzen und Geschenkartikeln: 47.69.9[55], 47.92.1[56], 47.92.2[57]
- Einzelhandel mit Antiquitäten und antiken Teppichen: 47.79.1[58]
- Bildende Kunst: 90.12.0[59]
- Sonstige kunstschaffende Tätigkeiten: 90.13.0[60]
- Museen und Sammlungen: 91.21.0[61]
Musikwirtschaft
- Herstellung von Musikinstrumenten: 32.20.0[62]
- Einzelhandel mit Musikinstrumenten und Musikalien: 47.69.2[63], 47.92.1[64], 47.92.2[65]
- Einzelhandel mit bespielten Ton- und Bildträgern: 47.69.1[66], 47.92.1[67] ,47.92.2[68]
- Tonstudios, Herstellung von Hörfunkbeiträgen, Verlegen von bespielten Tonträgern und Musikalien: 59.20.1[69], 59.20.2[70], 59.20.3[71]
- Ballettgruppen, Orchester, Kapellen und Chöre: 90.01.2[72]
- Selbständige Komponisten und Musikbearbeiter: 90.11.1[73], 90.13.0[74]
Software-/Spiele-Industrie
Buchmarkt
Markt für darstellende Künste
- Kulturunterricht: 85.52.0[94]
- Darstellende Kunst: 90.20.1[95], 90.20.2[96], 90.20.3[97], 90.20.4[98], 90.20.5[99], 90.20.6[100]
- Erbringung von Dienstleistungen für die darstellende Kunst: 90.13.0[101], 90.39.1[102], 90.39.2[103], 90.39.3[104], 90.39.9[105]
- Betrieb von Einrichtungen für kunstschaffende Tätigkeiten und darstellende Künste: 90.31.1[106], 90.31.2[107], 90.31.3[108], 90.31.9[109]
Pressemarkt
Rundfunkwirtschaft
Werbemarkt
Sonstige
Diese Kategorie soll die Aufnahme neuer wirtschaftlicher Aktivitäten ermöglichen, die keinem der anderen Teilmärkte eindeutig zugeordnet werden können.
Siehe auch
Literatur
Chronologisch absteigend:
2020er Jahre
- Louis-Etienne Dubois, Laurent Simon, Bérangère Szostak (Ed.): De Gruyter Handbook of Creative Industries, De Gruyter 2025, ISBN 978-3-11-134929-9.
- Amina Al-Marzouqi, Said Salloum, Khaled Shaalan, Tarek Gaber, Ra'ed Masa'deh: Generative AI in Creative Industries, Springer 2025, ISBN 978-3-031-89174-8.
- Robert G. Hollands: Beyond the Neoliberal Creative City. Critique and Alternatives in the Urban Cultural Economy, Bristol University Press 2023, ISBN 978-1-5292-3312-4.
- Max Höllen: Finanzierungsinstrumente und Motive als Erfolgs-Konfigurationen im Cultural/Creative Entrepreneurship. Eine Analyse anhand einer konfigurativen Mixed-Methods-Studie, Springer Gabler 2022, ISBN 978-3-658-37624-6.
- Malte Behrmann: Creative Industry Management. Kultur- und Kreativwirtschaft im digitalen Wandel: Grundlagen und Definitionen, Springer Gabler 2021, ISBN 978-3-662-63920-7.
2010er Jahre
- Andrea Hausmann: Basics der Existenzgründung in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Praxis Kulturmanagement, Springer VS 2019, ISBN 978-3-658-27845-8.
- Judith Nyfeler: Die Fabrikation von Kreativität. Organisation und Kommunikation in der Mode, transcript Verlag Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4992-5.
- Andrea Hausmann, Anne Heinze (Hrsg.): Cultural Entrepreneurship – Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, Springer VS 2017, ISBN 978-3-658-14289-6.
- Wie weiblich ist die Kulturwirtschaft? Dossier Politik & Kultur – Frauen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, Deutscher Kulturrat 2017[120]
- Iris Dzudzek: Kreativpolitik – Über die Machteffekte einer neuen Regierungsform des Städtischen. transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3405-1
- Lorenz, P. & Moutchnik, A.: Corporate Social Responsibility in the UK Creative Industries: Building the Missing Link. uwf 2016. doi:10.1007/s00550-016-0405-8
- Bastian Lange, Ares Kalandides, Birgit Stöber, Inga Wellmann (Hrsg.): Governance der Kreativwirtschaft. Diagnosen und Handlungsoptionen, transcript Verlag Bielefeld 2015, ISBN 978-3-89942-996-1.
- Robert Nadler: Plug&Play Places. Lifeworlds of Multilocal Creative Knowledge Workers, De Gruyter Open 2014, ISBN 978-3-11-040173-8.
- Tobias Losekandt: Kreativwirtschaft in Berlin – Arbeitswelt zwischen Hype, Prekarisierung und kollektiven Lösungen. Handlungshinweise für Kreative und lokale Politik. Arkadien-Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-940863-73-7.
- Mathias Peter Reich: Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland. Hype oder Zukunftschance der Stadtentwicklung ?, Springer VS 2013, ISBN 978-3-658-01806-1.
- John Howkins: The Creative Economy. How People Make Money from Ideas (2nd. edition), Penguin 2013, ISBN 978-0-141-97703-4.
- Laikwan Pang: Creativity and its Discontents. China's Creative Industries and Intellectual Property Rights Offenses, Duke University Press 2012, ISBN 978-1-478-09153-0.
- Michael Söndermann: Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2011. Hrsg. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), Stand Dezember 2012 (Zahlen von 2009).
- Die Kultur- und Kreativwirtschaft in der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungskette – Wirkungsketten, Innovationskraft, Potenziale, Fraunhofer ISI und Prognos i. A. des BMWi. Dezember 2012.
- Michael Söndermann: Datenreport 2012 zur Kultur- und Kreativwirtschaft Baden-Württemberg – Eckdaten, Strukturen und Trends. Im Auftrag des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg, Stand: 31. Oktober 2012.
- Johanna Knott: Kultur. Wirtschaft. Kreativität. Kultur- und Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen und Creatieve Industrie in den Niederlanden. Münster 2011, ISBN 978-3-8309-2461-6.
- A. Rohrberg, A. Schug: Die Ideenmacher – Lustvolles Gründen in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Ein Praxis-Guide. transcript Verlag, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1390-2.
- Felix Denk, Daniel Seiffert: Wie viele Kreative verträgt die Stadt? Über die Kulturwirtschaft in Berlin. In: Zitty, 26/2010, 34. Jahrgang, S. 14–24.
- Bas van Heur: Creative Networks and the City. Towards a Cultural Political Economy of Aesthetic Production, transcript Verlag Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1374-2.
2000er Jahre
- Joachim Bühler: Kultur- und Kreativwirtschaft. In: Olaf Schwencke, Joachim Bühler, Marie Katharina Wagner: Kulturpolitik von A–Z. Siebenhaar Verlag 2009, Berlin, S. 88–90.
- F. Keuper, D. Puchta, S. Röder: Creative Industries benötigen Creative Finance – Innovative Finanzierungslösungen für die Filmwirtschaft. in: M. Hülsmann, J. Grapp (Hrsg.): Strategisches Management für Film- und Fernsehproduktionen: Herausforderungen, Optionen, Kompetenzen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München et al. 2008.
- Christoph Weckerle, Manfred Gerig, Michael Sondermann: Kreativwirtschaft Schweiz: Daten. Modelle. Szene, Birkhäuser 2007, ISBN 978-3-7643-7972-8.
- Deutscher Bundestag: Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. BT-DRS. 16/7000, Kapitel 5 (2007).
- Stefan Röder, Roger Bendisch: Hauptstadt für Kreative – Chancen für Venture Capital in der Berliner Kreativwirtschaft. In: VentureCapital Magazin. 2007, Nr. 12, S. 52–53.
- Bruno S. Frey: Arts & Economics. Analysis & Cultural Policy (Second Edition), Springer 2003, ISBN 978-3-540-00273-4.
- Richard Florida: The Rise of the Creative Class. And How It's Transforming Work, Leisure and Everyday Life. Basic Books 2002, ISBN 0-465-02477-7.
Weblinks
- UNESCO Framework for Cultural Statistics (FCS)
- UNESCO Creative Cities Netzwerk
- European Capitals of Culture
- Cultural and Creative Industries – European Union
- British Council: The Creative Economy. An Introductory Guide, PDF
- Creative Industries Journal
Deutschland:
- Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung
- Kreativbund. Bundeszentrum Kultur- und Kreativwirtschaft
Bundesländer:
- Kultur- und Kreativwirtschaft Berlin
- Hamburg Kreativ Gesellschaft
- Kultur- und Kreativwirtschaft Bremen
- Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern
- Kultur- und Kreativwirtschaft Niedersachsen
- Kreativwirtschaft Sachen-Anhalt
- Die Kultur- und Kreativwirtschaft im Südwesten
- Bayern Innovativ. Innovation leben
- Kultur- und Kreativwirtschaft Hessen, mit Datenreports und Publikationen für die KKW in Hessen und weitere Publikationen auf Bundes- und EU-Ebene; 1. Hessischer Kulturwirtschaftsbericht (2003) PDF
- Kultur- und Kreativwirtschaft Rheinland-Pfalz
- Kreativwirtschaft Nordrhein-Westfalen
- Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e.V.
- Kreativwirtschaft Saarland
- Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2025 (WZ 2025) Statistische Ämter des Bundes und der Länder
- Klassifikation der Wirtschaftszweige, Ausgabe 2008 (WZ 2008) Statistische Ämter des Bundes und der Länder
Österreich:
- Kreativwirtschaft Austria (KAT)
- Kreativwirtschaftsstrategie Österreich, PDF
- Österreichischer Kreativwirtschaftsbericht 2025, PDF
- Klassifikationsdatenbank ÖNACE 2025
Schweiz: