Dabs Pelze
Pelzgeschäft mit Kürschnerei, nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) in Lübeck
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Dabs Pelze, letzter Inhaber Kürschnermeister Otto Dabs (* 7. Juni 1930 in Demmin;[1] † 28. Februar 1995), war ein renommiertes Pelzgeschäft mit Kürschnerei, nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) in Lübeck.[2] Unter anderem als Verbandspräsident setzte Otto Dabs sich in besonderem Maß für die Belange des Kürschnerhandwerks ein.
| Dabs Pelze | |
|---|---|
| Rechtsform | Einzelunternehmen |
| Auflösung | 1995 |
| Auflösungsgrund | Aufgabe des Pelzhandels, Umfirmierung |
| Sitz | Lübeck, Deutschland |
| Branche | Kürschnerei, Pelzhandel |

Eine späte mediale Aufmerksamkeit bekam die Familie Dabs durch den Historiker Florian Huber, der in seinem 2015 erschienenen Werk die bis dahin kaum beachtete Suizidwelle am Ende des Zweiten Weltkriegs aufarbeitete. In Demmin, dem ursprünglichen Heimatort der Familie, fand in wenigen Tagen eine massenhafte Selbsttötung statt, bei der zu einem großen Teil Menschen ihre Kinder, Ehepartner und andere mit in den Tod nahmen. Die Aufzeichnung von Otto Dabs Mutter ziehen sich als roter Faden durch das Werk. Nur knapp entging sie und ihre Kinder dem gleichen Schicksal.[3]
Familien- und Firmengeschichte
Demmin
Die Eltern von Otto Dabs, Walter und Marie Dabs, betrieben ein Pelz- und Hut- sowie Herrenartikel-Geschäft in der Luisenstraße im Mecklenburg-Vorpommerschen Demmin (1928 noch in der Holstenstraße 16).[4] Otto Dabs absolvierte im elterlichen Betrieb seine Kürschnerlehre, die durch den Krieg und Gefangenschaft unterbrochen wurde.[1] Marie Dabs (* in Demmin), war die Tochter eines Schiffskapitäns, der in der Demminer Vorstadt an der Treibel ein Wiesengelände mit einer Hühnerfarm besaß.
In der Aufarbeitung der Selbstmordwelle gegen und nach Ende des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) durch Florian Huber werden in Marie Dabs „Lebenserinnerungen“ (1984) die Weltkriegszeit, die letzten Kriegstage und die Selbsttötung oder Flucht der Menschen aus Demmin exemplarisch geschildert.[3]
Den Dab’schen Laden beschrieb sie als ausgestattet mit weiß lackierten Schränken, Kleiderstangen mit Oberhemden, Krawatten und Mützen, ein Pelzraum mit weißem Schrank, darin Pelzmäntel und Muffe. Eine äußerst schwierige Geschäftsepoche war die Zeit der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland, viele Firmen gingen in die Insolvenz. Die Schlange der Arbeitslosen reichte vom Arbeitsamt auf der Baustraße bis vor ihren Laden. Täglich musste Marie mit Wechseln und vor Zahlungsbefehlen um Geld kämpfen, ihr Mann Walter „taugte für solche Kämpfe nicht“. In der Zeit des Nationalsozialismus brachten für Demmin nicht zuletzt militärische Ansiedlungen mit über 3000 Mann einen Aufschwung, insbesondere auch eine Konjunktur für die Firma Dabs. Sie beschaffte sich eine Genehmigung für den Verkauf von Militäreffekten und Ordensdekorationen. Am Eingang des Ladens wurden zwei Schaukästen angebracht, in denen alles war „was die Flieger, die dann auch bald kamen, brauchten“. Durch den Ansturm war der Laden zu klein geworden und man mietete den Nachbarladen dazu. Walter Dabs war 1936 Schützenkönig geworden, alle wollten mit der Königin tanzen, das Ehepaar war in der Demminer Gesellschaft angekommen.[3]
In Demmin, einer kleinen Kreisstadt, aber beliebtem Urlaubsziel, befanden sich vor dem Zweiten Weltkrieg mindestens drei Pelzgeschäfte. Im Fachverzeichnis der Pelzbranche 1950/51, Demmin lag jetzt in der Sowjetischen Besatzungszone, findet sich kein Pelzanbieter mehr.[5]
Lübeck

Nach der Flucht machte sich der Vater Walter Dabs mit seiner Ehefrau im westdeutschen Lübeck wieder selbständig. Sie gründeten in der Lübecker Altstadt erneut ein Pelzgeschäft mit Kürschnerei. In den Fachverzeichnissen von 1953[6] bis 1955 ist die Firma Walter Dabs auf der Hüxstraße 66, einem Gebäude mit gotischer Backsteinfassade in der Altstadt, eingetragen, ab 1956 in der Dr.-Julius-Leber-Straße 7.[7] Im Verzeichnis 1991/92 ist der Eintrag auf Otto Dabs geändert, jetzt auf das Firmengebäude Niels-Bohr-Ring 11.[8]

Otto Dabs legte 1956 die Meisterprüfung als Kürschner ab und übernahm am 13. Februar 1984 offiziell das Geschäft, das nun unter seinem Namen firmierte.[1][9]
Mehrere Jahre lang hatte Otto Dabs eine Vereinbarung mit Dior. Er stellte für das Modehaus Schnittmuster für Pelzmäntel und Pelzjacken auf. In den Lübecker Nachrichten hieß es, dem noch jungen Kürschner „verdankt Deutschland, dass die französischen und italienischen Kürschner heute in die Bundesrepublik kommen müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.“[10]
Fotos der Zeit zeigen großzügige Verkaufsräume mit Kronleuchtern und kristallenen Deckenleuchten im konservativen, exklusiven Design der Zeit. An den Seiten befanden sich großzügige offene Schränke in hellbeigem oder weißen Schleiflack. Eine Wendeltreppe führte in das obere Stockwerk. Den Eingangsbereich bildete ein Gang, beidseitig mit einer Schaufensterfront, auf denen auf je fünf Rondells die Pelzmodelle präsentiert wurden.[11] Als die Werkstatt zu klein wurde, wurde die Produktionsstätte und die Kühlräume für die Pelzkonservierung in ein eigens errichtetes, modernes Gebäude im Industriegebiet des Stadtbezirks Karlshof verlegt. Der Entwurf und die Bauleitung lag beim Architekten Willi Leverenz.[12]
Otto Dabs starb am 28. Februar 1995 im Alter von 65 Jahren. Er hinterließ seine Ehefrau Hannelore, zwei Töchter und einen Sohn.[2] Die Tochter Annette Dabs (* 1961 in Lübeck) ist eine Schauspiel- und Opernregisseurin sowie Kulturmanagerin.
Engagement im Kürschnerhandwerk
Otto Dabs war eine zentrale Figur des deutschen Kürschnerhandwerks in der Nachkriegszeit. Im Februar 1984 wurde Dabs erstmals zum Präsidenten des Zentralverbands des deutschen Kürschnerhandwerks gewählt.[13] Seit 1966 hatte er dem Vorstand des Verbands angehört, 24 Jahre war er ehrenamtliches Vorstandsmitglied. Als er sich 1984, „eine führende Persönlichkeit der letzten 20 Jahre“, zur Wahl als Präsident des Kürschnerverbands zur Verfügung gestellt hatte, hieß es, von ihm wird erwartet, „dass er den Kürschnern aus der gegenwärtigen Krise hilft. Die Sympathie dafür hat er, auch das Standing“.[14]
Zuvor hatte er den Artenschutzkreises der Kürschner e. V. gegründet, mit zeitweilig 600 Mitgliedern (ab 1986 Artenschutzkreis Deutschland e. V. (ASK)), er war 14 Jahre lang dessen Präsident,[2][15] sowie Vorsitzender des Schulvereins der Bundes-Pelzfachschule.[16]
Auszeichnungen
- 1978 erhielt Otto Dabs die Freiherr-vom-Stein-Plakette für seine Mitbegründung und den Vorsitz des „Vereins für Wirtschaft und Kultur“.[1]
- Für seine Verdienste wurde ihm das Handwerkszeichen in Gold vom Zentralverband des Deutschen Handwerks sowie das Goldene Ehrenzeichen des Zentralverbands des Kürschnerhandwerks verliehen.[2] 1984 erhielt er die goldene Nadel des World Wildlife Funds (WWF).[17] Spätestens seit 1961 wurde die Firma Dabs Pelze für ihre Kreationen regelmäßig beim Modellwettbewerb des deutschen Kürschnerhandwerks mit einer Goldmedaille ausgezeichnet; 1966 erhielt Otto Dabs zusätzlich den „EMBA-Oscar“ der amerikanischen Nerzzüchtergesellschaft American Legend Cooperative.[18]
Literatur und Rezeption: Kriegsende in Demmin
Die Familie Dabs rückte in den Fokus historischer Forschung durch das Werk des Historikers Florian Huber, der 2015 die Massensuizide im Osten Deutschlands thematisierte. Die Erinnerungen von Marie Dabs dienten dabei als zentrales Zeitzeugnis. Er berichtete anhand Marie Dabs Lebenserinnerungen über die letzten Tage mit ihren Kindern vor dem Einmarsch der russischen Armee:
Walter Dabs war seit Beginn des Zweiten Weltkriegs Soldat. Als Marie Dabs am 22. Juni 1941 vom Überfall auf die Sowjetunion erfuhr, brach sie ihren Urlaub in Eisenach ab. Sie fand ihr Geschäft weitgehend im Zerfall befindlich vor. Ihre Mäntel und Muffs waren zuvor für die Sammlung von Woll-, Pelz- und Wintersachen für die Front eingezogen worden. Sie saß an ihrer Pelznähmaschine in der Demminer Knabenturnhalle und reparierte die „Unmengen“ der Armee zugedachten Pelze. Der Neffe Siegfried und Wilhelm, der Schwarm ihrer Tochter waren in Russland verschollen, der jüngste Lehrling Kurt musste, weil jüdisch, die Hitlerjugend verlassen, dann wurde er zum „Arbeitseinsatz“ abgerufen. Als letzte männliche Kraft durfte er jedoch in ihrem kriegswichtigen Betrieb bleiben: „Inzwischen war uns in der Kleinstadt auch allmählich klar, wohin der „Arbeitseinsatz“ gehen würde“. Die Kinder Nanni und Otti waren im Sommer bei Ernteeinsätzen, später beim Ortseinsatz. Dieser Aufruf traf auch Marie Dabs Verkäuferin und letzte Näherin. Sie selbst erkrankte und musste ihren Laden schließen. Das Geschäft und die Wohnung in der Luisenstraße standen leer.[3]
Die gegen Ende des Krieges 42 Jahre alte Mutter hatte sich bereits länger auf ihre Flucht nach Flensburg zu einem befreundeten Ehepaar vorbereitet. Immer wieder ließ sie sich jedoch überreden, noch zu bleiben, auch erfuhr das Geschäft mit Militäreffekten und Ordensdekorationen einen außergewöhnlichen Schub. Die Versprechen der örtlichen Amtsträger, rechtzeitig für ihre Evakuierung zu sorgen, wurden nicht eingehalten. In der letzten Nacht vor ihrer Flucht versuchte sie ihre Wohnung gegen Beschuss sicher zu machen. Sie nahmen die Bilder von den Wänden und rollten die Teppiche auf. Auf Fahrrädern verstaute sie mit ihren beiden Kindern Lebensmittel und Tauschware, einen größeren Koffer für bessere Kleidung, ein Daunenbett, zwei Fotoalben der Kinder. Die Orden und Ehrenzeichen versteckten sie im Keller. Zwei Pelzmäntel trug sie über dem Arm. Angebote von abrückenden Soldaten, ihre beiden Kinder mitzunehmen, lehnte sie wegen der Ungewissheit ab.
Demmin hatte im Zusammenhang mit der Flucht und den gleichzeitig massenhaften Suiziden ein besonderer Ausgangslage. Der Ort ist wie eine Halbinsel von drei Flüssen eingeklammert. In dem Moment, als die Wehrmacht auf ihrem Rückzug die Brücken sprengte, konnte niemand mehr hinaus. Nur knapp entkamen Marie Dabs mit Tochter Nanni, 19 Jahre alt, und Otto über die Kahldenbrücke, bevor sie gesprengt wurde, ebenso wie die zweite Peenebrücke und die Brücke über die Tollense. Bereits am ersten Abend mussten sie den großen Koffer samt Fotoalben zurücklassen. Am 1. Mai 1945, eine Woche vor Inkrafttreten der bedingungslosen Kapitulation, besaßen sie, versteckt im Wald, nur noch was sie am Körper trugen, im Arm hatte sie noch einen ihrer Pelzmäntel.
Auf ihrem Weg stießen sie auf eine Mutter, die dabei war, ihre drei Kinder zu begraben, die sie getötet hatte, bevor sie sich selbst das Leben nehmen würde. Ihren Vater trafen sie inmitten vieler anderer Flüchtlinge auf seiner Hühnerfarm, wo sie sich für den Fall des Russeneinmarsches verabredet hatten. Dort übernachteten sie zusammen mit dem Ehepaar Wokersin, das in Demmin ebenfalls ein Pelzgeschäft betrieb, sowie dessen zwölfjährigem Sohn. Am folgenden Tag erfuhren sie, dass der Kollege mit seiner Familie in den Tod gegangen war. Marie Dabs hatte mit ihrer robusten Natur Wirtschaftskrisen, Kriegseinschränkungen und Krankheiten gut gemeistert. „Als sie jedoch in den Strudel der Demminer Selbstmordwelle geriet, wurde sie von der Stimmung des Untergangs erfasst. Hätte ihr nicht das Gift gefehlt, sie hätte sich und ihre Kinder umgebracht“.[3]
Unternehmensnachfolge
Nach dem Tod von Otto Dabs wurde am 13. September 1995 im Handelsregister bei einem Managementwechsel zu Marc-Armas Stahlke und Wolfgang Stahlke die Firmenbezeichnung von Dabs Pelze Kürschnermeister Otto Dabs geändert in ACS Annelie C. Stahlke e. K. Der Unternehmenszweck war jetzt Import- und Großhandel, speziell mit der Herstellung und dem Vertrieb von Textiltransporthüllen, Kleidersäcken und anderen Beuteln bei einer breiten Palette von hochwertigen Produkten, darunter Beutel und Taschen aus Vliesstoff, Nylon und Baumwolle, wesentlich für Unternehmen und Händler. Die Geschäftsanschrift war „Südring 5 D, 21465 Wentorf bei Hamburg [bisher: Südring 3 c, 21465 Wentorf bei Hamburg]“.[19]
