Daniel Tammet

britischer Schriftsteller, Mathematiker und Savant From Wikipedia, the free encyclopedia

Daniel Paul Tammet (ursprünglich Daniel Paul Corney; * 31. Januar 1979 in London) ist ein britischer Schriftsteller und ein „Savant“ mit mehreren Inselbegabungen. Er ist ein Rechenkünstler, hat enorme Fähigkeiten im Bereich Gedächtnis und kann in kürzester Zeit eine neue Sprache lernen. Er lernte zehn Fremdsprachen. Tammet schrieb Sachbücher über seine Erfahrungen und Fähigkeiten, die teils in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Er veröffentlichte auch einen Roman und Gedichte.

Daniel Tammet im Palais de la découverte, Paris (2018)

Leben

Daniel Tammet wuchs in London als ältestes von neun Kindern in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater arbeitete in einer Autofabrik, seine Mutter in einem Büro.[1] Im Alter von drei Jahren erlitt einen schweren epileptischen Anfall, den er nach eigenen Angaben nur überlebte, weil sein Vater ihn sofort ins Krankenhaus brachte.[2] Dieser Anfall veränderte ihn dauerhaft. Er begann Mathematikbücher zu lesen und Pflanzenmuster zu studieren.

Im Jahr 1999 nahm Tammet, der damals noch Daniel Corney hieß, an der Gedächtnisweltmeisterschaft in London teil und belegte den 11. Platz. Im nächsten Jahr nahm er nochmals teil und wurde Vierter.[3]

Er ließ seinen Namen ändern, weil er das Gefühl hatte, dass der Name Corney nicht zu ihm passe. Als er das estnische Wort tammed, das „Eichen“ bedeutet,[4] im Internet sah, gefiel es ihm, zum einen wegen der Bedeutung, zum anderen mochte er Estnisch wegen des Vokalreichtums dieser Sprache. Er entschied sich für den Nachnamen Tammet.[5]

Im Jahr 2002 startete er, nun als Daniel Tammet, die Website Optimnem. Auf dieser bot er anfangs Sprachkurse für Französisch, Englisch und Deutsch sowie einen von ihm selbst entwickelten Kurs für Mathematik und Rechnen an. Das Angebot lautete, die jeweilige Fremdsprache beziehungsweise Mathematik anhand von online zugesendeten Materialien auf eine natürliche und intuitive Art zu lernen und schon nach 10 bis 12 Stunden ein gutes Niveau erreichen zu können.[6] Ab 2006 bot Tammet die Zusendung von Lernmaterialien für Französisch und Spanisch an.[7]

Am 14. März (Pi-Tag) 2004 stellte er einen neuen Europarekord im Pi-Sport auf, als er 22.514 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi aus dem Gedächtnis aufsagte – 15 Nachkommastellen mehr als beim bisherigen Europarekord aus dem Jahr 1998. Tammet trug Pi vor einem Publikum im Museum of the History of Science der Universität Oxford vor.[8] Er brauchte fünf Stunden und neun Minuten,[2] das heißt, das Aussprechen einer Nachkommastelle dauerte im Schnitt etwa 0,8 Sekunden.

Im Jahr 2005 wurde Tammet einer breiten Öffentlichkeit bekannt: Im Februar zeigte der US-Fernsehsender Science Channel den Film Brainman,[9] eine Dokumentation über Tammet. Im April war er Gast in der Late Show with David Letterman.[10] Vier Wochen später[11] wurde der Dokumentarfilm im britischen Fernsehen gezeigt, diesmal mit dem Titel The Boy with the Incredible Brain.[12]

Im Juli 2006 berichtete Tammet in seinem Blog, dass er eine Sprache namens Mänti erfunden habe. Seit seiner Kindheit habe er an dieser Kunstsprache gearbeitet. Er habe die Sprache nach dem finnischen Wort mänty benannt, das „Kiefer“ bedeutet, denn er liebe Bäume und dass sie in Skandinavien so zahlreich wachsen. Er möge die skandinavischen Sprachen besonders. Viele Wörter der Sprache Mänti seien skandinavischen oder baltischen Wörtern ähnlich.[13]

Im Jahr 2006 erschien Tammets erstes Buch, eine Autobiografie mit dem Titel Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Das Buch wurde ein Bestseller, es wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.[14][15] Auch seine nächsten beiden Sachbücher (siehe #Werke) wurden Bestseller mit Übersetzungen in etliche Sprachen.

Seit 2006 tritt Tammet auch regelmäßig bei Lesungen oder als Vortragsredner in Erscheinung, meist in seiner britischen Heimat oder in Frankreich (er spricht dann französisch), aber auch beispielsweise in New York (2007), Mexiko-Stadt (2011), Barcelona (2017 und 2019), Abu Dhabi (2019) oder Budapest (2025).[16] Ein großes Publikum erreichte er 2011 als Redner bei TED in Kalifornien.[17] Im nächsten Jahr trat er bei TEDx in Paris auf, wo er französisch sprach.[18]

Im Jahr 2012 erschien Tammets drittes Buch Thinking in Numbers[19] (d. h. „In Zahlen denken“). Bis dahin hatte er seit 2006 Beiträge in seinem Blog Thinking in Numbers geschrieben.[20] Im selben Jahr startete Tammet seine neue Website.[21]

Im Jahr 2016 erschien Tammets Roman Mishenka in französischer Sprache.[22] Zwei Jahre später veröffentlichte er einen zweisprachigen Gedichtband (englisch und französisch).[23] In seinem Buch Nine Minds (2024) beschreibt er neun Autisten mit herausragenden Fähigkeiten.[24]

Tammet lebt mit seinem Ehepartner, dem französischen Fotografen Jérôme Tabet, in Paris.[25] Er hatte ihn bei der Promotion-Tour für sein erstes Buch in New York kennengelernt.[11]

Fähigkeiten und Eigenschaften

Tammet stellte seine herausragenden Gedächtnisfähigkeiten bei den Gedächtnisweltmeisterschaften 1999 und 2000 unter Beweis (damals als Daniel Corney).[3] Ein weiterer eindrucksvoller Beleg war sein Europarekord im Pi-Sport im Jahr 2004. Er sagte damals, das Memorieren von 22.514 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi sei für ihn kein Problem gewesen. Er habe nur wenige Wochen gebraucht und kenne jetzt diese Nachkommastellen vorwärts und rückwärts.[8]

Als Rechenkünstler kann Tammet schwierige Rechenaufgaben kopfrechnend lösen. In der TV-Dokumentation The Boy with the Incredible Brain (2005) wurde er auf die Probe gestellt. Er sollte zunächst die vierte Potenz von 37 berechnen (37 × 37 × 37 × 37 = 1.874.161). Tammet brauchte dafür etwa 27 Sekunden.[26] Dann sollte er 13 durch 97 dividieren. Als er „0,1340206“ gesagt hatte, brachen die Journalisten ab, weil ihr Taschenrechner nur so viele Nachkommastellen anzeigte. Auf die Frage, wie viele Nachkommastellen er denn berechnen könne, schätzte Tammet spontan: „Hundert. Fast hundert.“ Die Journalisten beschafften einen Computer, der 32 Nachkommastellen anzeigen konnte, und ließen Tammet noch einmal 13 durch 97 dividieren. Er gab die 32 Nachkommastellen korrekt an.[27] Tammet sollte außerdem die siebte Potenz von 27 (= 10.460.353.203) und die sechste Potenz von 31 (= 887.503.681) berechnen. Auch dies gelang ihm (wegen des Filmschnitts ist nicht zu erkennen, wie lang er dafür brauchte).[28]

In der TV-Dokumentation The Boy with the Incredible Brain (2005) wurde zuletzt gezeigt, dass Tammet nach Island reiste, dort eine Woche lang die für ihn bisher fremde Sprache Isländisch lernte und danach zur Verblüffung der Beteiligten ein Live-Interview im isländischen Fernsehen geben konnte. Seine Isländisch-Lehrerin sagte, er habe die Wörter „wie ein Staubsauger“ aufgesaugt.[29] In seinem ersten Buch (2006) gab er an, elf Sprachen zu sprechen: außer seiner Muttersprache Englisch auch Französisch, Finnisch, Estnisch, Spanisch, Deutsch, Litauisch, Esperanto, Rumänisch, Walisisch und Isländisch. Hinzu kommt die von ihm selbst konstruierte Sprache Mänti.[2]

Beim Umgang mit Zahlen und Wörtern spielt die Synästhesie für Tammet eine herausragende Rolle. Zahlen haben für ihn eine Gestalt, eine Farbe und eine ästhetische Qualität. Einige Zahlen seien schön, zum Beispiel 333, einige seien hässlich, zum Beispiel 289.[2] Bei der Multiplikation zweier Zahlen stellen sich ihm diese als zwei Gestalten dar – und im Raum zwischen ihnen bildet sich das Ergebnis als eine neue Gestalt.[2][30] Tammet schrieb, dass eine lange Ziffernfolge wie bei der Kreiszahl Pi in seinem Kopf eine „Fülle von Farben, Formen und Strukturen“ hervorruft, sie sich „spontan zu einer visuellen Landschaft verbinden“. Dies sei für ihn immer „ein sehr schönes Erlebnis“.[2] Auch Wörter nimmt Tammet als farbig wahr. In einem Interview mit dem Spiegel sagte er, Wörter, die mit G beginnen, seien für ihn grün, während das Wort Apfel auf ihn rot wirke.[31] Er machte sein Erleben von Synästhesie bei Zahlen und Wörtern zum Thema seines TED-Vortrags im Jahr 2011.[32]

Ungefähr die Hälfte der Savants sind Autisten; und auch Tammet hat nach eigenen Angaben das Asperger-Syndrom. Für Wissenschaftler besonders interessant ist, dass Tammet, anders als die meisten anderen Autisten, genau berichten kann, was in seiner Vorstellung vorgeht, während er beispielsweise rechnet.

Viele Savants tun sich schwer mit Alltagstätigkeiten. Für Tammet ist es beispielsweise nicht einfach, links und rechts zu unterscheiden.[2] Im Jahr 2004 gab er an, Tätigkeiten wie Schwimmen, Radfahren oder Autofahren seien für ihn „sehr schwierig“ zu lernen.[8]

Kritik

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Joshua Foer, der im Jahr 2006 erfolgreich an Gedächtnismeisterschaften teilnahm,[33] bezweifelte in seinem Bestseller Moonwalking with Einstein (Penguin Books, 2011), dass Tammet ein Savant sei. Er behauptete, Tammets Gedächtnisleistungen beruhten auf den üblichen Techniken des Gedächtnistrainings, und führte dafür Indizien an. Ferner wies er auf einen Widerspruch hin: Als Simon Baron-Cohen Tammets Fähigkeit der Gesichtserkennung prüfte, schnitt Tammet sehr schlecht ab. Bei der Gedächtnisweltmeisterschaft 2000 hatte er aber in der Disziplin „Gesichter und Namen merken“ sogar gewonnen.[34][35]

Der britische Wissenschaftsjournalist Simon Singh fühlte sich bestätigt, als er Foers Buch las, denn auch er hatte bezweifelt, dass Tammet ein Savant sei, als er im Jahr 2006 Mitglied in einer Jury war, die die TV-Dokumentation Brainman bewerten sollte. Singh zitierte auf seiner Website ein Kapitel aus Foers Buch samt einer Stellungnahme von Tammet. Tammet wies Foers Kritik zurück. Er erklärte beispielsweise, dass bei Baron-Cohens Test andere Detailfähigkeiten geprüft werden als bei der Gedächtnisweltmeisterschaft in der Disziplin „Gesichter und Namen merken“. Er wies darauf hin, dass Wissenschaftler ihn nicht allein wegen seiner Gedächtnisleistungen als außergewöhnlich einstufen, sondern wegen der Vielfalt seiner besonderen Fähigkeiten.[35]

Werke

Bücher

Referenz: Tammets Website[36]

  • Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Hodder & Stoughton, London 2006, ISBN 0-340-89974-3 (englisch).
    • Deutsch: Elf ist freundlich und Fünf ist laut. Ein genialer Autist erklärt seine Welt. Patmos Verlag, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-491-42108-0.[2]
  • Embracing the Wide Sky. A Tour Across the Horizons of the Human Mind. Hodder & Stoughton, London 2009, ISBN 0-340-96132-5 (englisch).
    • Deutsch: Wolkenspringer. Von einem genialen Autisten lernen. Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-491-42116-5.
  • Thinking in Numbers. How Maths Illuminates Our Lives. Hodder & Stoughton, London 2012, ISBN 1-4447-3740-6 (englisch).
    • Deutsch: Die Poesie der Primzahlen. Übersetzt von Dagmar Mallett. Hanser Verlag, München 2014, ISBN 978-3-446-43877-4.
  • Mishenka. Editions les Arènes, Paris 2016, ISBN 2-35204-497-9 (Roman, französisch).
  • Portraits. Blancs Volants, 2018. (Gedichte, zweisprachige Ausgabe, englisch und französisch. Mit Fotografien von Jérôme Tabet.)
  • How to Be ‘Normal’. Notes on the Eccentricities of Modern Life. Quercus, 2020 (englisch).
  • Fragments de paradis. Lettre à un ami non croyant. Les Arènes, 2020 (französisch).
  • Nine Minds. Inner Lives on the Spectrum. Profile Books/Wellcome Collection, 2024 (englisch).

Übersetzung

  • Les Murray/Daniel Tammet: C’est une chose sérieuse que d’être parmi les hommes. L’Iconoclaste, 2014 (40 Gedichte von Les Murray, ins Französische übersetzt und kommentiert von Daniel Tammet).[37]

Beiträge

Tammet schreibt auch Artikel für Zeitungen und Zeitschriften[38] sowie Beiträge zu Buchpublikationen.[39]

TV-Dokumentation

  • 2005: Brainman. Focus Productions, 60 Min. Erstsendung auf dem Science Channel am 23. Februar 2005.[9] – Ausstrahlung unter dem Titel The Boy with the Incredible Brain auf Channel 5 in der Reihe Extraordinary People, 23. Mai 2005.[12] Online auf YouTube (48 Min.).
Commons: Daniel Tammet – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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