Danmark-Expedition

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Die Danmark-Expedition von 1906 bis 1908 (offiziell Danmark-Ekspeditionen til Grønlands Nordostkyst 1906–1908) war die bis dahin größte dänische Grönlandexpedition. Sie sollte den letzten noch unbekannten Küstenverlauf Grönlands zwischen Kap Clarence Wyckoff und Kap Bismarck im Nordosten der Insel aufklären und kartieren sowie die dänische Souveränität über das Gebiet untermauern. Daneben wurden umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten auf den Gebieten der Meteorologie, Glaziologie, Ethnographie, Zoologie und Botanik durchgeführt. Die Expedition nahm einen tragischen Verlauf – ihr Leiter Ludvig Mylius-Erichsen und zwei Begleiter starben –, sie war aber vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen erfolgreich und lieferte wertvolle Daten und Erkenntnisse über den Verlauf der grönländischen Küste, über das arktische Klima und über die frühere Besiedlung Nordostgrönlands.

Die Danmark in Danmarks Havn (Gemälde von Achton Friis)

Vorgeschichte

Dänemark hatte die vom Klima begünstigte Westküste Grönlands seit 1721 schrittweise kolonisiert. Besonders nach dem Kieler Frieden von 1814, bei dem es die Herrschaft über Norwegen einbüßte, hatte Dänemark seine Aktivitäten in Grönland intensiviert. In den nächsten 90 Jahren wurden nicht weniger als 25 Expeditionen nach Grönland ausgeschickt, von denen viele die Kartierung der Küstenlinie zum Ziel hatten. Andere Nationen beteiligten sich mit eigenen Expeditionen an der Erforschung der Insel, forderten damit aber auch den dänischen Anspruch auf die Hoheitsrechte über ganz Grönland heraus. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war nur noch ein Küstenabschnitt im Nordosten unbekannt, zwischen Kap Bismarck, dem nördlichsten Punkt der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition von 1869/70, und Kap Clarence Wyckoff, das der US-Amerikaner Robert Peary im Jahr 1900 von Westen kommend erreicht hatte.

Vorbereitung und Ziele

Ludvig Mylius-Erichsen

Ludvig Mylius-Erichsen, der von 1902 bis 1904 die ethnographische Literarische Expedition nach Nordwestgrönland geleitet hatte, war der Auffassung, dass die abschließende Aufklärung der grönländischen Küstenlinie eine nationale dänische Aufgabe wäre. Er legte Anfang 1905 erste Pläne für eine wissenschaftlich geprägte Expedition nach Nordostgrönland vor. Er beriet sich dazu mit den Leitern früherer dänischer Entdeckungsfahrten nach Ostgrönland, nämlich Gustav Holm, Carl Ryder, Vilhelm Garde und Georg Amdrup.[1.1] Mylius-Erichsens Plan sah eine zweijährige Forschungsfahrt vor. Im ersten Frühjahr sollte die Kartierung von Grönlands Küstenlinie abgeschlossen und im zweiten der Kejser Franz Joseph Fjord und das Inlandeis erkundet werden.[2] Daneben gab es ein umfangreiches naturwissenschaftliches und ethnographisches Forschungsprogramm.

Am 17. Oktober 1905 stellte er sein weiterentwickeltes Konzept für die geplante Expedition in der Kopenhagener Konzerthalle einem breiten Publikum vor. Anwesend waren neben den schon involvierten Marineoffizieren und Wissenschaftlern Mitglieder der Regierung und des Folketings, des dänischen Königshauses, der Geographischen Gesellschaft, Repräsentanten der Universität Kopenhagen sowie Vertreter der Presse. Jens Christian Christensen, der dänische Regierungschef (Konseilspræsident), sagte zu, die Übernahme der Hälfte der geschätzten Kosten beim dänischen Parlament zu beantragen. Die andere Hälfte sollte durch private Spenden gedeckt werden.[1.2]

Die starke staatliche Unterstützung war den geopolitischen Interessen Dänemarks geschuldet. Die Expedition sollte dazu beitragen, die internationale Anerkennung der dänischen Souveränität über ganz Grönland zu stärken, besonders angesichts des zunehmenden Interesses anderer Mächte, wie der Vereinigten Staaten, die Dänemarks Anspruch auf Grönland erst 1917 anerkannten. Verbunden damit waren wirtschaftliche Interessen. Als rohstoffarmes Land hatte Dänemark bereits Mitte der 1850er Jahre eine Kryolithmine im grönländischen Ivittuut errichtet.[3]

Die privaten Spenden flossen nicht so reichlich wie erhofft, sodass der dänische Staat seinen Anteil von 130.000 Kronen auf 193.500 erhöhen musste. Das gesamte Budget betrug schließlich 283.500 Kronen. Hinzu kam ein zinsloses Darlehen für die Versicherung des Schiffs von 15.000 Kronen.[1.3]

Sobald die Finanzierung gesichert war, wurde Ende März 1906 ein Komitee für die Danmark-Expedition gegründet, dem Mylius-Erichsen, Holm, Amdrup, Konsul Erik Semmy Henius (1863–1926) und Konsul Valdemar Glückstadt angehörten. Das Komitee kaufte das über 50 Jahre alte norwegische Polarschiff Magdalena und benannte es in Danmark um. Das Schiff war 1855 im schottischen Peterhead als Sir Colin Campbell[4] für die Wal- und Robbenjagd gebaut worden und in außergewöhnlich gutem Zustand. Es war ein als Bark getakeltes Segelschiff, das 1872 zusätzlich mit einer 60-PS-Dampfmaschine ausgestattet worden war.[4] Bei 37,40 m Länge war es 9,20 m breit und hatte voll beladen einen Tiefgang von 5,50 m. Die fünf zum Schiff gehörenden Ruderboote wurden um zwei Motorboote ergänzt.[1.4]

Bei der Ausrüstung konnte Mylius-Erichsen auf seine während der Literarischen Expedition gesammelten Erfahrungen zurückgreifen. An Bord war alles, was für ausgedehnte Schlitten- oder Bootstouren nötig war. Einige Nansenschlitten waren in Norwegen bestellt worden, die meisten Schlitten wurden aber nach Art der Inuit an Bord gebaut. In Westgrönland wurden 100 Schlittenhunde gekauft, von denen 40 nach Kopenhagen, die anderen auf die Färöer geliefert wurden, wo die Danmark sie aufnahm. Für Transporte über ebene Eisflächen wurde ein Automobil angeschafft.[1.5]

Für aerologische Beobachtungen waren drei Fesselballons und mehrere Wetterdrachen an Bord der Danmark. Hinzu kamen 12.000 m Klavierdraht auf einer Trommelwinde. Der für die Ballons benötigte Wasserstoff befand sich in 100 Druckgasbehältern.[1.6]

Expeditionsmannschaft

Die Expeditionsmannschaft 1906 vor der Abreise, noch ohne die drei Grönländer, die später an Bord gingen

Es war Mylius-Erichsen bewusst, dass er zur Verwirklichung seiner Reisepläne Mitstreiter benötigte, die Erfahrung in hocharktischen Gebieten besaßen. Deshalb stellte er drei Grönländer als Hundeschlittenführer und Jäger ein. Auch bei der Auswahl der Besatzung setzte er auf Männer mit Arktiserfahrung. Die Matrosen standen alle im Dienst von Den Kongelige Grønlandske Handel. Als Kapitän der Danmark wünschte Mylius-Erichsen sich Ejnar Mikkelsen, der schon an zwei Arktis-Expeditionen teilgenommen hatte. Dieser lehnte jedoch ab. Schließlich bekam der in arktischen Gewässern unerfahrene Alf Trolle (1873–1949) das Kommando. Um sich auf seine Aufgabe vorzubereiten, unternahm er im Frühjahr 1906 eine Reise auf der Fox II nach Ivittuut. Auch einige der Kartographen und Wissenschaftler sowie der Bordarzt Johannes Lindhard (1870–1947) hatten bereits Erfahrungen in arktischen Gebieten sammeln können.

Die Expeditionsmannschaft bestand aus 28 Männern. 25 von ihnen waren Dänen und zwei waren Norweger. Als Physiker und Meteorologe hatte Mylius-Erichsen den Deutschen Alfred Wegener akzeptiert, der sich um diesen Posten mehrfach beworben hatte.[5] Als Assistent stand ihm Peter Freuchen zur Seite, der später unter anderem als Schriftsteller Weltruhm erlangte.[5] Die anderen Naturwissenschaftler waren die Zoologen Fritz Johansen (1882–1957) und Valdemar Manniche, der Geologe Hakon Jarner (1882–1964) sowie der Botaniker Andreas Lundager (1869–1940). Chefkartograph war Johan Peter Koch. Mit Aage Bertelsen und Achton Friis waren zudem zwei Kunstmaler an Bord.

Verlauf

Ankunft und Depotlegung

Karte von Danmarkshavn
Danmarkshavn, im Vordergrund die „Villa“

Die Danmark verließ den Hafen von Kopenhagen am 24. Juni 1906. Auf den Färöern, wo noch einmal Kohle gebunkert wurde, kamen die drei Grönländer mit weiteren Schlittenhunden an Bord. Das Schiff passierte den Treibeisgürtel bei 76° nördlicher Breite und erreichte die grönländische Küste am 13. August bei der Insel Store Koldewey. Trolle fand einen für die Überwinterung geeigneten Ankerplatz an der Südküste Germania Lands, der „Danmarks Havn“ benannt wurde.[1.7] Die Danmark folgte aber zunächst der Ostküste Germania Lands nordwärts bis zur Insel Île-de-France (heute Qeqertaq Prins Henrik), wo vier Männer mit dem Motorboot von Bord gingen. Sie legten ein Proviantdepot am Kap Marie Valdemar an und folgten der Küste Germania Lands nach Süden, wobei sie diese kartierten.[1.8][1.9] Am 17. August ging das Schiff vor Anker. Während es winterfest gemacht und die Materialien zum Bau der Gebäude an Land gebracht wurden, ging ein Teil des Expeditionsteams mit den Motorbooten in der Dove Bugt auf die Jagd, vor allem um Frischfleisch für die Hunde heranzuschaffen.[1.10]

Nachdem der Schiffszimmermann Gundahl Knudsen am 29. August von der Jagd zurückgekehrt war, begann der Aufbau der Station Danmarkshavn, der bis zum 24. Oktober abgeschlossen war. Das Hauptgebäude, das „Villa“ genannt wurde, bestand aus nur einem quadratischen Raum mit einer Fläche von 25 m². Ein Tisch mit vier Stühlen, Doppelstockbetten für 4 Personen und ein Ofen in der Mitte des Raums bildeten das gesamte Mobiliar. Bewohner des Hauses waren Koch, Wegener, Lundager und Bertelsen. Das Haus war mit dem Schiff über eine Telefonleitung verbunden, die weiter zum astronomischen Observatorium führte. Weiterhin gab es ein magnetisches Observatorium und zahlreiche fest installierte Geräte zur Messung der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Windgeschwindigkeit, der Niederschlagsmenge und der Luftelektrizität. Direkt am Ufer wurden Benzin, Proviant und die Wasserstoffflaschen gelagert. 1907 kam ein Schuppen für die Wetterdrachen hinzu, damit diese nicht vor jedem Einsatz erst zusammengebaut werden mussten.

Am 1. Oktober begannen ausgedehnte Schlittenreisen, um Depots für den geplanten Vorstoß nach Norden anzulegen. Im Süden wurden Store und Lille Koldewey, die Pendulum Øer und Shannon kartiert, im Westen der Mørkefjord. Auf Bass Rock, das manchmal von Walfängern besucht wurde, hinterlegte Mylius-Erichsen eine Tasche mit Post und inspizierte die dort 1901 für die Baldwin-Ziegler-Expedition angelegten Depots. Am 4. Dezember beendete der strenge Winter die Ausflüge vorläufig. Vom 29. Januar bis 21. März wurden weitere Schlittenreisen unternommen, um vorhandene Depots aufzufüllen und neue anzulegen. Vor dem Start der großen Entdeckungsfahrten lagen Depots am Kap Marie Valdemar, auf der Insel Nordre Depot Ø, an Land bei den Bjørneskærene, am Kap Amélie und an der Küste etwa 8 km östlich von Danmarkshavn. 37 Kisten mit Pemmikan für die Hunde waren im Schneesturm auf einer der Boxøerne abgelegt worden. Der genaue Ort war aber nicht bekannt.[1.11]

Die Hauptexpedition

Moderne Karte Nordgrönlands
Niels Peter Høeg-Hagen und Jørgen Brønlund

Am 28. März brach Mylius-Erichsen in Begleitung von neun Männern, zehn Schlitten und 86 Hunden zu seiner großen Reise auf, wobei er der Küstenlinie auf dem Meereis folgte. Bei 80° Nord kehrten Bistrup, Ring, Wegener und Thostrup um. Auf dem Rückweg zum Schiff kartierten sie die Küsten des Festlands und der vorgelagerten Inseln. Der Plan der Expedition basierte auf der Annahme, dass der von Peary und Eivind Astrup 1892 entdeckte Independence Fjord nur 400 km entfernt wäre. Tatsächlich musste Mylius-Erichsen doppelt so weit reisen, wobei er Lambert Land und die Insel Hovgaard Ø entdeckte, bevor er Kronprins Christian Land erreichte, eine große Halbinsel, die sich weit nach Norden und Osten erstreckt. Da Mylius-Erichsen eine weniger ehrgeizige Reise geplant hatte, war die Beibehaltung des ursprünglichen Ziels mit einem erheblichen Risiko verbunden. Weil aber noch so viel unbekanntes Land zu erkunden war, waren er und seine Gefährten bereit, dieses Risiko einzugehen.[6]

Als die Küste sich bei 81° 30′ Nord, 18° West endlich nach Westen wandte, trennten sich die sechs Männer. Mylius-Erichsen schlug mit Niels Peter Høeg-Hagen und Jørgen Brønlund einen westlichen Kurs Richtung Independence Fjord ein, während Koch mit Bertelsen und Tobias Gabrielsen nach Norden fuhr, um Kap Bridgman zu erreichen und Anschluss an die Karte Pearys zu finden. Am 7. Mai erreichte Kochs Gruppe am Kap Eiler Rasmussen Peary Land. Fünf Tage später fanden sie Pearys Steinpyramide am Kap Clarence Wyckoff. Damit war der endgültige Beweis erbracht, dass Grönland eine Insel ist. Die schwindenden Nahrungsvorräte konnten zuweilen durch die Jagd auf Moschusochsen ergänzt werden. Am Kap Bridgman kehrte Koch um, da er seine Aufgabe als erfüllt ansah.

Am 27. Mai trafen sich beide Gruppen zufällig bei Kap Rigsdagen am Eingang des Danmark Fjords. Mylius-Erichsens Gruppe hatte auf ihrer Reise nach Westen den Danmark Fjord, einen der größten Fjorde Ostgrönlands, entdeckt und ihn in der Annahme bereist, dass er sie zum Navy Cliff führen würde, was nicht zutraf. Der Umweg kostete sie fast einen Monat Zeit und verlängerte ihre Reise um fast 300 km. Da Koch meinte, das Ende des Independence Fjords gesehen zu haben, beschloss Mylius-Erichsen, dass beide Gruppen zum Schiff zurückkehren sollten. Am nächsten Tag änderte er seinen Plan dahingehend, dass er noch zwei bis drei Tage in den Independence Fjord fahren und diesen und den Beginn des Pearykanals kartieren wollte. Koch überließ ihm dazu einen Teil seiner eigenen Vorräte. Am 28. Mai trennten sich die Gruppen wieder.

Als Koch am 23. Juni wieder am Schiff anlangte, hatte er eine Strecke von 2000 km zurückgelegt. Die Reise war beschwerlich gewesen, da die Gruppe auf tiefen Schnee und viel offenes Wasser getroffen war. Koch schrieb die glückliche Heimkehr dem Können und der Erfahrung des Grönländers Gabrielsen zu, der sich als hervorragender Jäger und Hundeschlittenführer erwiesen hatte.[1.12] Als Mylius-Erichsen ausblieb, konnte man in Danmarkshavn zunächst nur abwarten. Erst als das Küsteneis fest genug war, machte sich am 23. September ein Suchtrupp unter Leitung von Gustav Thostrup (1877–1955) auf den Weg. Er fand das Depot in Lambert Land unberührt und setzte die Fahrt nach Norden fort, bis er am Mallemukfjeld auf offenes Wasser traf, das weder über Land noch über See zu umfahren war. Er kehrte um, ohne eine Spur der Vermissten gefunden zu haben.

Ein zweiter Versuch, Mylius-Erichsen zu finden, konnte erst im folgenden Jahr unternommen werden. Koch und Gabrielsen brachen am 10. März 1908 auf. Das Depot in Lambert Land zeigte diesmal Spuren der Benutzung. In der Nähe entdeckten sie die Leiche Brønlunds. Eine Kiste zu Füßen des Toten enthielt sein Tagebuch und die Kartenskizzen Høeg-Hagens. Das Tagebuch und zwei von Mylius-Erichsen verfasste Nachrichten, die Ejnar Mikkelsen im Rahmen der Alabama-Expedition 1910 in zwei Steinpyramiden gefunden hatte, erlaubten später eine teilweise Rekonstruktion der letzten Monate von Mylius-Erichsen und seinen Kameraden. Demnach hatten die drei Männer den Hagen Fjord entdeckt und kartiert und erreichten den Academy Gletsjer und das Navy Cliff in inneren Independence Fjord. Erst am 4. Juni kehrten sie um. Als sie am 12. Juni an den Danmark Fjord kamen, war dessen Eis aufgebrochen, so dass sie ihn nicht überqueren konnten. Die Männer mussten auf den Eintritt des Herbstes und eine neue tragfähige Eisdecke warten. Problematisch war darüber hinaus, dass die Jagd nicht genug Fleisch lieferte, um die Männer und ihre Hunde ausreichend zu ernähren. So mussten sie die Hälfte der Hunde essen, bevor sie am 12. September mit nur noch 7 Hunden die Reise zum Schiff fortsetzen konnten. Mit Hilfe zweier Lebensmitteldepots erreichte die Gruppe Mallemukfjeld etwa zu der Zeit, als Thostrup sich noch an dessen Südküste aufhielt.[1.13] Das offene Wasser zwang sie dazu, einen Weg über das Inlandeis zu suchen. Ihr nächstes Ziel war das Depot in Lambert Land, wo sie Proviant, Petroleum und Kleidung gefunden hätten. Ausgezehrt von den Strapazen starb Høeg-Hagen am 15. November und Mylius-Erichsen etwa zehn Tage später auf dem Eis des Nioghalvfjerdsfjordens. Brønlund nahm die wertvollen Kartenskizzen an sich und sicherte so, dass die Ergebnisse ihrer Expedition nicht verloren gingen.

Koch erachtete die Suche nach den Körpern von Mylius-Erichsen und Høeg-Hagen als aussichtslos. Ihre wertvollen Tagebücher waren – wie er annahm – ohnehin eher in einem der Depots nördlich des Mallemukfjelds zu finden.[1.14] Deshalb kehrte er auf dem kürzesten Weg zum Schiff zurück.

Weitere Arbeiten und Heimkehr

Fesselballonaufstieg in Danmarkshavn

Die Tätigkeit der Expedition beschränkte sich nicht auf die wissenschaftlichen Beobachtungen in Danmarkshavn und die Hauptexpedition in den Norden. Insgesamt wurden fast 200 Exkursionen unternommen – mit dem Hundeschlitten, dem Motorboot, dem Kajak, dem Automobil oder auch zu Fuß. Selbst Alfred Wegener als Meteorologe, der seine Arbeit in der Station verrichtete, war insgesamt 5 Monate auf Reisen. Im Oktober 1907 wurde am Eingang zum Mørkefjord die meteorologische Station Pustervig aufgebaut und zwischen November 1907 und Mai 1908 vor allem von Peter Freuchen betrieben. Durch Vergleich der Messwerte mit denen an der Station in Danmarkshavn sollte der Einfluss der Nähe des Inlandeises auf die klimatischen Verhältnisse untersucht werden.[7]

Im März und April 1908 wurden zwei Schlittenreisen ohne Hunde über den Gletscher Storstrømmen nach Dronning Louise Land unternommen, einem ausgedehnten Gebiet am Rand des Inlandeises mit zahlreichen Nunatakkern. Die erste Gruppe aus Bertelsen, Lindhard, Wegener und Ivar Weinschenck (1880–1963) folgte dem fjordartigen Binnensee Sælsø bis zum Kap Bellevue, die zweite aus Freuchen, Knudsen und Koch dem Annekssø bis zum Ymer Nunatak. Eine bemerkenswerte Reise zum Ardencaplefjord westlich von Shannon unternahm der Geologe Hakon Jarner mit den Grönländern Tobias Gabrielsen und Hendrik Olsen von Mitte April bis Ende Mai 1908. Am Eingang zum Fjord fanden sie die Reste von drei Winterhäusern der Inuit. Sie entdeckten und erkundeten die zwei Seitenarme des Ardencaplefjords, den Bredefjord und den Smallefjord, und führten eine gründliche geologische Untersuchung durch.

Am 21. Juli 1908 verließ die Danmark ihren Ankerplatz und passierte bis zum 31. Juli den Packeisgürtel. Am 15. August erreichte sie Bergen. Weil der Dampfkessel leckte und eine Reparatur zu lange gedauert hätte, wurde das Schiff von Bergen nach Kopenhagen geschleppt. Die Reise endete am 23. August 1908.[1.15]

Nachgeschichte

Denkmal für die Danmark-Expedion in Kopenhagen mit Brønlunds letztem Tagebucheintrag

Die dänische Öffentlichkeit nahm großen Anteil am Schicksal der Expedition. Als Ejnar Mikkelsen anbot, eine schlanke Expedition (die Alabama-Expedition) zur Suche nach Mylius-Erichsen und Høeg-Hagen, vor allem aber ihren Tagebüchern, nach Nordostgrönland zu führen, bekam er rasch die notwendige Unterstützung. Am 20. Juni 1909 – fast auf den Tag genau drei Jahre nach der Danmark – verließ er Kopenhagen auf dem Schoner Alabama in Begleitung von 6 Männern. Das Schiff ging am 27. August vor der Ostküste Shannons vor Anker, 160 km südlicher als die Danmark. Vom 25. September bis 17. Dezember unternahm Mikkelsen mit zwei Kameraden eine Hundeschlittenreise nach Lambert Land. Sie begruben Brønlund und nahmen sein Skizzenbuch an sich. Die Suche nach den Leichen Mylius-Erichsens und Høeg-Hagens blieb dagegen erfolglos.[8]

Im nächsten Frühjahr fuhr Mikkelsen mit Iver Iversen über das Inlandeis an den Danmarkfjord, wo er die Tagebücher der Verschollenen vermutete. In zwei Steinpyramiden fand er Nachrichten von Mylius-Erichsen, aber keine Tagebücher. Eine Nachricht enthielt die wichtige Mitteilung, dass es den Pearykanal nicht gäbe. Das war aus den Kartenskizzen Høeg-Hagen nicht hervorgegangen. Da Mikkelsen und Iversen die Alabama nicht zum vereinbarten Termin erreichten, mussten sie zwei weitere Male überwintern, ehe ein Walfänger sie 1912 aufnahm. Auf den offiziellen Karten der Danmark-Expedition, die inzwischen veröffentlicht worden waren, ist der Pearykanal deshalb noch angedeutet.

An der Uferpromenade Langelinie in Kopenhagen wurde 1912 ein von Kai Nielsen geschaffenes Denkmal zur Erinnerung an die Danmark-Expedition eingeweiht. Die Vorderseite zeigt ein Relief, das drei Männer darstellt, die versuchen, einen beladenen Schlitten über das Eis zu schieben, der für den vorgespannten Hund offenbar zu schwer ist. Für die Rückseite wählte der Künstler als Inschrift den Text der letzten Seite von Jørgen Brønlunds Tagebuch.[9]

Ergebnisse

Kochs Karte von Nordostgrönland

Die Danmark-Expedition gilt als eine „im internationalen Maßstab tendenziell unterbewertete Expedition“.[5] Sie war eine der sogenannten „heroischen Expeditionen“, zeichnete sich gegenüber den etwa zeitgleichen Antarktis-Expeditionen der Briten aber dadurch aus, dass die Dänen sehr viel fachmännischer vorgingen. Die relative Mühelosigkeit, mit der große Entfernungenen bewältigt wurden, verführte Mylius-Erichsen aber zu einem gewissen Leichtsinn, der letztlich zum Tod dreier Expeditionsteilnehmer führte.[5]

Die Aufgabe, den Verlauf der letzten noch unbekannten Küste Grönlands aufzuklären, wurde auf beeindruckende Weise gelöst. Am Kap Clarence Wyckoff und am Kap Bismarck wurde jeweils eine weiträumige Überschneidung mit den Entdeckungen Robert Pearys und denen der Zweiten Deutschen Nordpolarexpedition erreicht. Der gravierende Fehler auf Pearys Karte konnte korrigiert werden. Da der Pearykanal zwischen Navy Cliff und Heilprin Land nicht existierte, war Peary Land keine Insel, auf die die USA eventuell Ansprüche hätten erheben können. Die Kartierung der Dove Bugt wurde deutlich präzisiert. Insgesamt benannte die Expedition über 200 geographische Objekte.[10]

Die regelmäßigen meteorologischen Beobachtungen umfassten am Standort Danmarkshavn einen Zeitraum von fast zwei Jahren, in Pustervig ein halbes Jahr. Wegeners in Danmarkshavn unternommene Drachen- und Ballonaufstiege waren die ersten systematischen Atmosphärensondierungen in polaren Gebieten.[11] Insgesamt führte er 99 Drachenaufstiege und 26 Aufstiege von Fesselballons durch. Die größte erreichte Höhe betrug 3110 m. Die verwendeten Registrierinstrumente zeichneten die Temperatur, den Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit sowie Windrichtung und -geschwindigkeit auf. Um Luftbewegungen in größeren Höhen zu studieren, wurden zehnmal Pilotballons eingesetzt.[12]

Ein wichtiges Forschungsgebiet der Expedition war die Archäologie und Ethnographie. Douglas Clavering war 1823 auf der heute nach ihm benannten Insel auf eine Gruppe von Inuit getroffen. Es war die letzte Sichtung Einheimischer so weit im Norden Ostgrönlands. Auch die Danmark-Expedition fand keine lebenden Nordostgrönländer, aber zahlreiche Spuren früherer Besiedlung entlang der gesamten neu entdeckten Küste. Mylius-Erichsen und später Christian Bendix Thostrup (1876–1945) legten ein Verzeichnis aller gefundenen Winterhäuser, Zeltringe, steinernen Fuchsfallen, Vorratsgruben, Feuerplätze und Gräber an.[13] In den Siedlungsresten und Gräbern wurden zahlreiche Artefakte wie Waffen, Werkzeug, Bootsreste, Spielzeug, Tierknochen und anderes geborgen.[14]

Expeditionsbericht

Das Komitee für die Danmark-Expedition sah sich nach der Rückkehr der Expedition vor die Aufgabe gestellt, den großen Umfang an Forschungsergebnissen zu publizieren, und verstärkte sich deshalb im Herbst 1908 um drei Wissenschaftler. Neben dem Botaniker Eugenius Warming, der den Vorsitz übernahm, wurden zwei weitere Professoren der Universität Kopenhagen, der Zoologe Hector Jungersen (1854–1917) und der Geologe Niels Viggo Ussing (1864–1911), in das Komitee berufen.[1.16]

Unter dem Titel Danmark-Ekspeditionen til Grønlands nordøstkyst 1906–1908 under ledelse af L. Mylius-Erichsen erschien der Expeditionsbericht zwischen 1909 und 1917 in den Bänden 41 bis 46 der Buchreihe Meddelelser om Grønland.[15] Die Abfassung des allgemeinen Reiseberichts übernahm Georg Amdrup. Fachberichte wurden von den Wissenschaftlern der Expedition geliefert. Dabei wurden sie von weiteren dänischen und ausländischen Experten wie Georg Lüdeling, Carl Ostenfeld, Alfred Nathorst, Oskar Carlgren, Robert Hartmeyer, Theodor Mortensen, Vincenz Brehm und Paul Kramp unterstützt.

Achton Friis veröffentlichte 1909 den populären Reisebericht Danmark Ekspeditionen til Grønlands Nordøstkyst 1906–1908, der ein Jahr später in der deutschen Übersetzung von Friedrich Stichert unter dem Titel Im Grönlandeis mit Mylius-Erichsen im Verlag von Otto Spamer erschien. Von Valdemar Manniche erschien 1909 das Buch Midnatssol og Mørketid. Stemninger og Hændelser paa "Danmark-Ekspeditionen".

Literatur

  • Georg Amdrup: Report on the Danmark Expedition to the north-east coast of Greenland 1906–1908. In: Meddelelser om Grønland. Band 41, 1913, S. 1–270 (englisch, Online.).
  • Achton Friis: Im Grönlandeis mit Mylius-Erichsen. Die Danmark-Expedition 1906–1908. Otto Spamer, Leipzig 1910 (dänisch: Danmark Ekspeditionen til Grønlands Nordøstkyst 1906–1908. Kopenhagen 1909. Übersetzt von Friedrich Stichert).
  • Reinhard Krause: Die Tagebücher Alfred Wegeners zur Danmark-Expedition 1906/08 (= Horst Bornemann [Hrsg.]: Berichte zur Polar- und Meeresforschung. Band 699). Alfred-Wegener-Institute für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven 2016, doi:10.2312/BzPM_0699_2016.
Commons: Denmark Expedition – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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