Delije

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Delije (serbisch-kyrillisch Делије) sind die organisierte Ultra- und Hooligan-Fanszene des serbischen Sportvereins Crvena Zvezda (Roter Stern Belgrad), insbesondere des Fußballklubs Roter Stern Belgrad. Die Gruppe ist seit dem späten 20. Jahrhundert ein prägender Akteur der serbischen Fankultur und wird international sowohl mit aufwendigen Choreografien als auch mit Gewaltvorfällen und politischen Kontroversen in Verbindung gebracht. Der Plural der Singularform делија delija, die im Serbischen im Allgemeinen einen mutigen, tapferen, starken, zähen oder sogar gutaussehenden jungen Mann bezeichnet – lautet im Deutsch „Helden“, „Tapfere“, „Mutige“ oder „starke junge Männer“. Die Delije sind für ihre serbisch-nationalistische Ausrichtung bekannt und viele Mitglieder kämpften während der Jugoslawienkriege.

Pyroshow der Fans von Roter Stern Belgrad im Stadion (2007)

Geschichte

Bereits in den Jahren nach der Gründung von Roter Stern Belgrad 1945 versammelte sich ein harter Kern von 75 bis 150 Fans, welche hauptsächlich aus der Arbeiterschicht kamen. 1963 wurde das Stadion Rajko Mitić (Marakana) eröffnet, was auf dem Höhepunkt bis zu 100.000 Zuschauern Platz bot und in ganz Europa für seine Atmosphäre gefürchtet wurde. In den 1980er Jahren begann sich die Belgrader Fanszene aufzuspalten, wobei einige Gruppen sich an der italienischen Ultra-Bewegung orientierten und andere an dem in England herrschenden Hooliganismus. Während Roter-Stern Ultras Bengalos, Choreografien und laute Gesänge übernahmen, machten Hooligangruppen wie die „Red Devils“ im alkoholisierten Zustand Jagd auf gegnerische Fans. Zwischenzeitlich gab es auf der Nordtribüne des Stadions Rajko Mitić zwischen acht und zehn verschiedene Fangruppierungen.[1] Die Delije entstanden schließlich als Dachbezeichnung für die bis dahin teils getrennt organisierten Fangruppen. Serbische Sportmedien datieren die formelle Zusammenführung auf den 7. Januar 1989 (orthodoxes Weihnachtsfest), wobei in Berichten unterschiedliche Narrative über die konkrete Rolle einzelner Akteure bei der Einigung kursieren. So wurde die Gründung häufig dem Kriminellen und späteren Kriegsverbrecher Željko „Arkan“ Ražnatović zugeschrieben.[2]

In der Umbruchphase Jugoslawiens wurde die Belgrader Fanszene – wie andere Ultra-Milieus in der Region – stärker politisiert. Ein international viel beachteter Bezugspunkt wurden die Ausschreitungen vom 13. Mai 1990 (Dinamo Zagreb gegen Roter Stern im Stadion Maksimir in Zagreb), der als Symbolbild für die Eskalation nationalistischer Spannungen vor den folgenden Kriegen gilt. Die Delije griffen nach Provokation durch die Bad Blue Boys Fans mit abgerissenen Sitzen an, nachdem sie serbisch-nationalistische Parolen wie „Zagreb ist serbisch“ und „Wir bringen Tuđman um“ skandiert hatten und verwüsteten das Stadion. Bei den Ausschreitungen wurde zwar niemand getötet, jedoch zahlreiche Personen verletzt.[3][4]

1990 bildeten Mitglieder der Delije die Basis für die Serbische Freiwilligengarde (Arkan’s Tigers), eine paramilitärische Einheit unter dem Kommando des Delije-Führers, Željko „Arkan“ Ražnatović, der auch ein berüchtigter Gangster der serbischen Mafia war. Für die 1990er Jahre sind in Studien und Berichten zu Gewalt, Politik und organisierter Kriminalität im Westbalkan wiederholt Hinweise dokumentiert, dass Rekrutierung und Mobilisierung paramilitärischer Gruppen teils aus Fußball-Hooliganmilieus heraus erfolgten und dass die Grenze zwischen Fanaktivismus, politischer Instrumentalisierung und Gewalt in der Region zeitweise durchlässig war.[5]

Mit dem Zerfall Jugoslawiens verlor die Mannschaft von Roter Stern an Qualität und die serbische SuperLiga ist international deutlich weniger wettbewerbsfähig als die alte jugoslawische Fußballliga. Das Marakana erlebte einen Rückbau auf 60.000 Plätze und ist bei Ligaspielen selten ausverkauft. Die Delije gehören aber neben den „Bad Blue Boys“ aus Zagreb, den „Torcida“ aus Split und den „Grobari“ des Erzrivalen Partizan Belgrad weiter zu den wichtigsten Fangruppierungen im ehemaligen Jugoslawien.

Struktur und Organisation

Wandbild der Delije beim Stadion in Belgrad

Die Delije sind kein einheitlicher Verband, sondern ein Sammelbegriff für die organisierte Fanszene von Crvena zvezda, in der verschiedene Untergruppen und lokale Ableger koexistieren. Als zentraler räumlicher Bezug gilt die Nordtribüne. Neben informellen Gruppen existiert auch eine formal-rechtliche Organisationsform: Auf der offiziellen Internetpräsenz wird ein Udruženje građana Bürgerverein „Delije sever“ mit Kontaktangaben geführt, was auf eine institutionalisierte Struktur zumindest in Teilen der Szene hindeutet. Zur Außendarstellung zählen choreografische Großinszenierungen (Banner, Fahnen, Pyrotechnik) sowie eigenständige Kommunikationskanäle (z. B. auf Social Media), über die Spielberichte, Stellungnahmen und Mobilisierungen verbreitet werden.[6]

Kontroversen

Gewalt und Rassismus

Die Delije werden in der Berichterstattung und in Analysen regelmäßig mit Hooliganismus und Gewaltereignissen rund um Spiele (u. a. Derbys, internationale Begegnungen) in Verbindung gebracht. So sind wiederkehrende Sanktionen/Anschuldigungen im Kontext von Fanverhalten (z. B. „crowd disturbances“, unerlaubte Banner/Gesänge) dokumentiert; zudem kam es zu UEFA-Strafen gegen den Klub wegen Vorfällen, die dem Umfeld der Fans zugerechnet werden.[7] 2025 wurden die Fans von Roter Stern Belgrad z. B. wegen rassistischer Fangesänge über die Minderheit der Roma von der UEFA für ein Auswärtsspiel gesperrt.[8]

Kriegsverbrechen und paramilitärische Verbindungen

Es gab eine Nähe zwischen Teilen des Roter-Stern-Hooliganmilieus und paramilitärischen Formationen in den Jugoslawienkriegen. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) führte ein Verfahren zu Željko Ražnatović („Arkan“), der international als paramilitärischer Anführer der Arkan’s Tigers beschrieben wurde; die ICTY-Unterlagen dokumentieren die gegen ihn erhobenen Vorwürfe schwerer Verbrechen (u. a. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen) und den Kontext der ihm zugeschriebenen Befehlsverantwortung. Arkan griff bei der Rekrutierung für seine Einheit auch in Milieus rund um Fußballfans und Kampfsportkreise zurück.[9][5]

Verbindungen zur organisierten Kriminalität

Untersuchungen zu Verbindungen zwischen Fußball, Politik und organisierter Kriminalität im Westbalkan behandeln auch Serbien und verweisen darauf, dass Hooligangruppen als Machtressource fungieren können (u. a. Schutz, Einschüchterung, Zugang zu illegalen Märkten) und dass sich nach den Kriegen kriminelle und politische Patronagebeziehungen in Teilen fortsetzten. Dabei ist in der Literatur typischerweise nicht von einer pauschalen Gleichsetzung „der Delije“ mit organisierter Kriminalität die Rede, sondern von Teilnetzwerken und situativen Allianzen im Umfeld einzelner Gruppen, Akteure oder Fraktionen.[5]

Fanfreundschaften und Rivalitäten

Choreografie während des „Ewigen Derbys“ gegen Partizan Belgrad (2009)

International bekannt ist eine ausgeprägte Fanfreundschaft mit Teilen der Anhängerschaft von Olympiakos Piräus (insbesondere dem Ultra-Milieu „Gate 7“), die in Darstellungen häufig mit gemeinsamen Vereinsfarben (Rot-Weiß) sowie politischen und kulturellen Bezugnahmen (u. a. orthodoxe Symbolik, „Brüder“-Narrative) erklärt wird. Die Fanfreundschaft zwischen beiden Vereinen geht auf das Jahr 1986 zurück. Eine weitere Fanfreundschaft besteht zu den Ultras von Spartak Moskau in Russland, dessen Fans ebenfalls aus einem orthodoxen „Bruderland“ stammen und ebenfalls die rot-weißen Vereinsfarben teilen.[10]

Der Hauptrivale der Fans von Roter Stern bildet der Lokalrivale FK Partizan Belgrad. Die Spiele beider Mannschaften erregen national und auch international großes Interesse und sind als Belgrader Derby bekannt.

Einzelnachweise

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