Der Samurai (Roman)
Buch von Endō Shūsaku
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Der Samurai (japanisch 侍 Samurai) ist ein Roman von Endō Shūsaku aus dem Jahr 1980. Das Werk gilt neben Schweigen als ein wichtiges Spätwerk Endōs und behandelt in literarisch verfremdeter Form die Ereignisse im Zusammenhang mit einer japanischen Gesandtschaft, die im frühen 17. Jahrhundert via Nueva España (Vizekönigreich Neuspanien, heute: Mexiko) nach Spanien und Italien führte (慶長遣欧使節, Keichō kenō shisetsu, „Keichō-Gesandtschaft nach Europa“, 1613–1620).
1613 hatte Date Masamune, der Daimyō von Sendai, mit Erlaubnis des Shōguns Tokugawa Ieyasu den Franziskaner-Missionar Luis Sotelo (1574–1624), seinen Samurai und Gefolgsmann Hasekura Tsunenaga (1571–1622) und weitere Gesandte zum spanischen König Philipp III. und zu Papst Paul V. entsandt, um Handelsbeziehungen zwischen dem Fürstentum (Han) Sendai und Spanien zu eröffnen. Ob Date Masamune mit der Gesandtschaft auch ein militärisches Bündnis mit Spanien und darüber hinaus dessen Nutzung zum Sturz des Shogunats beabsichtigte oder ob hauptsächlich die missionarischen Beweggründe des Luis Sotelo die Entscheidung beeinflussten, ist historisch umstritten.[1]
Endō verändert zum Teil die Namen und Charakterzüge der Protagonisten und erzählt die Geschichte abwechselnd aus den subjektiven Perspektiven des Samurais (Hasekura) und des Missionars (im Roman „Velasco“). Die äußeren Ereignisse des Romans lehnen sich nur grob an die historischen Fakten an.
Das Werk erhielt 1980 den 33. Noma-Literaturpreis.[2]
Die deutsche Übersetzung von Jürgen Berndt erschien 1987 unter dem Titel Der Samurai.
Inhalt
Die Handlung beginnt im Nordosten Japans zur Zeit des frühen Tokugawa-Shogunats. Hasekura Rokuemon bewirtschaftet ein kleines, wenig fruchtbares Lehen. Auf Befehl seines Lehnsherrn Ishida wird er zusammen mit drei weiteren Samurai niederen Ranges – Chūsaku Matsuki, Tarōzaemon Tanaka und Kyūsuke Nishi – für eine Gesandtschaft bestimmt, die Handelsbeziehungen mit Nueva España eröffnen soll. Im Gegenzug soll das Fürstentum für katholische Missionare aus Spanien geöffnet werden. Als Dolmetscher und Anführer wird ihnen der Franziskanermönch Velasco zur Seite gestellt. Velasco träumt davon, in Japan für den Franziskanerorden zu missionieren und Bischof von Japan zu werden, während Hasekura passiv sein Schicksal erträgt und sich damit begnügt, die ihm übertragene Pflicht zu erfüllen.
Die Gesandtschaft besteigt ein in Japan gebautes Schiff, die San Juan Bautista, und erreicht nach dreimonatiger Überfahrt Acapulco in Nueva España. Von dort führt die Reise nach Mexiko-Stadt. Hier treten erste Spannungen zwischen Velasco und den Samurai auf, zugleich gelingt es Velasco, dass sich die mitgereisten Handelsleute zum Christentum bekehren. Letztere tun dies allein mit Blick auf die Möglichkeit, damit bessere Geschäfte mit den Spaniern machen zu können. Da der Vizekönig Neuspaniens keine Entscheidung über das Gesuch treffen kann, rät Velasco zur Weiterreise zum Hof des spanischen Königs in Madrid. Diesen Plan hatte er sich schon in Japan ausgedacht, den Samurais aber verschwiegen. Matsuki, der das Ränkespiel Velascos durchschaut und sowieso am Ziel der Mission zweifelt, entscheidet sich, mit den Händlern nach Japan zurückzukehren, während die übrigen Gesandten nach Europa aufbrechen.
Über Veracruz und den Atlantik gelangen die übrigen Gesandten nach Sevilla und Madrid. Der erhoffte Empfang beim spanischen König verzögert sich, unter anderem wegen des Widerstands der Jesuiten. Auf einer Bischofsversammlung kommt es zu einer Disputation Velascos mit dem Jesuitenpater Valente. Die zahlreichen Hinweise auf eine immer radikalere Christenverfolgung in Japan sprechen gegen Velasco und die Mission, doch gelingt es ihm, die drei verbliebenen Samurai und ihre Gefolgsleute zur Taufe zu bewegen. Die Stimmung kippt zu seinen Gunsten. Gerade als die Bischöfe beschließen, dem König zu empfehlen, die Gesandten als offizielle Emissäre Japans zu empfangen und Missionare zu entsenden, präsentiert Valente eine Nachricht aus Manila: In Japan habe der Shōgun eine landesweite Christenverfolgung angeordnet. Die Unterstützung für die Mission bricht daraufhin zusammen. Als letzte Hoffnung bleibt allein ein Wort des Papstes in Rom.
Entlang der langen Reise betrachtet Hasekura immer wieder das Kruzifix und meint: „Dieser hässliche, abgemagerte Mann… ein Mensch ohne Würde, ohne äußere Schönheit, so erbärmlich elend. Ein Mann, der nur existiert, um weggeworfen zu werden, nachdem er benutzt worden ist. Ein Mann, geboren in einem Land, das ich nie gesehen habe, und gestorben in ferner Vergangenheit. Mit mir hat er nichts zu tun.“
In Rom gelingt es dem mittlerweile hoffnungslosen Velasco und den vom Scheitern ihrer Mission überzeugten Samurais, eine Audienz bei Papst Paul V. zu erhalten. In feierlichem Rahmen überreichen sie das Schreiben ihres Fürsten und tragen ihr Gesuch um Handelsbeziehungen und Missionare vor, dem der Papst jedoch nicht entsprechen kann. Nach einem längeren Aufenthalt in Europa, bei dem mehrere Japaner in Coria del Río zurückbleiben,[3] tritt die Gesandtschaft die Rückreise über Spanien und Mexiko an. Tanaka begeht in Veracruz Seppuku, weil er seinen Auftrag nicht erfüllen konnte.
Nach insgesamt sieben Jahren kehren die Überlebenden nach Japan zurück. Dort hat sich die politische Lage völlig verändert: Das Tokugawa-Shogunat hat das Christentum verboten und setzt die Abschließung des Landes mit immer drastischeren Maßnahmen um. Die Mission wird totgeschwiegen, und die Beteiligten geraten in den Verdacht des Verrats. Hasekura und Nishi werden verhört und gezwungen, dem christlichen Glauben abzuschwören. Velasco kehrt trotz des Verbots separat nach Japan zurück, wird gefangen genommen und zusammen mit anderen Christen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auch Hasekura und Nishi werden von ihrem Daimyō zum Tode verurteilt und hingerichtet. Als sich Hasekura von seinem Diener Yōzo ein letztes Mal verabschiedet, sagt ihm dieser: „Fortan wird … er Euch begleiten. … Fortan wird er Euch dienen“, worauf der Samurai sich umwendet und nickt. Angesichts von Desillusionierung und Tod kommen die einzige Unterstützung und der einzige Trost für Hasekura von dem spirituellen Herrn, an den er nicht einmal wirklich glaubt.
Hintergrund und Themen
Shūsaku Endō arbeitete rund fünf Jahre an dem Roman, den er am 31. Dezember 1979 abschloss.[4] In einem Vortrag im Mai 1980 erklärte er, dass ihn das Thema des Romans schon seit Schweigen (1966) beschäftigte: die Gegenüberstellung von „schwachen Menschen“ (弱虫, Yowamushi; Menschen, die sich ihrem Schicksal fügen) und „starken Menschen“ (強虫, Tsuyomushi; Menschen, die ihr Schicksal aktiv gestalten).[4] Als er in Sendai das Porträt von Hasekura Tsunenaga sah, das dieser nach seiner Romreise nach Japan zurückgebracht hatte, sei ihm dessen „trauriges Gesicht“ aufgefallen. Dies habe ihn veranlasst, Hasekura als schwache Figur darzustellen, die ein fremdbestimmtes Schicksal auf sich nimmt, während sein Gegenspieler, der Missionar Luis Sotelo (im Roman „Velasco“), als starke Figur auftritt, die ihre Ziele mit aller Entschlossenheit verfolgt. Endō, der sich selbst als „Schwächling“ bezeichnet, habe sich besonders gut in die Figur des Samurai Hasekura hineinversetzen können.[4]

Ein weiterer zentraler Aspekt ist der christliche Glaube, den Endō als Kind durch die Taufe annahm, ohne dessen Bedeutung zu verstehen. Im Roman spiegelt sich dies in der erzwungenen Taufe Hasekuras in Madrid wider, die dieser ebenfalls nicht aus innerer Überzeugung, sondern nur zur Erreichung des Ziels der Mission empfängt. Endō verglich sein eigenes Verhältnis zum Christentum mit einem fremden Kleidungsstück: „Für mich war das Christentum ein fernes, westliches Kleid. Aber ich habe es nicht abgelegt, sondern versucht, es in ein zu mir passendes Kimono-Gewand zu verwandeln“.[4] Neben Hasekura und Velasco treten weitere Figuren auf, darunter Hasekuras Diener Yōzo und ein japanischer Christ („der Mann von Tecali“), der in Nueva España unter den Indigenen lebt und Hasekura eine persönliche, institutionell unabhängige Form des Glaubens vermittelt.
Wie bereits in Schweigen greift Endō zudem die Allegorie des „Sumpfes“ auf, die für die Schwierigkeiten steht, das Christentum in Japan dauerhaft zu verwurzeln. Während Velasco vor seiner Hinrichtung hofft, durch sein Martyrium die „erste Stufe im Sumpf“ gelegt zu haben, verweist der Roman zugleich auf die Unsicherheit solcher Hoffnungen.
Endō selbst betrachtete Der Samurai als Summe seines bisherigen Denkens und Schreibens: Es sei die „Gesamtabrechnung“ seiner Auseinandersetzung mit Glaube, Schicksalsergebenheit und kultureller Fremdheit.[4]
Rezeption
In Japan wurde Der Samurai als eines der repräsentativen Spätwerke Endōs gewürdigt. Kritiker lobten die psychologische Tiefe, diskutierten aber auch die starke Abweichung von den historischen Quellen. International fand der Roman vor allem im akademischen und theologischen Bereich Beachtung.[5][6] Dass das Werk über Japan hinaus keine größere Beachtung erlangte, dürfte auch auf den Titel zurückzuführen sein, der auf eine Handlung mit Helden und Kriegern schließen lässt.
Ausgaben
- Endō Shūsaku: Samurai. Shinchōsha, Tōkyō 1980.
- Endō, Shūsaku: The Samurai. Übers. von Van C. Gessel. Harper & Row, New York 1982.
- Endō, Shūsaku: Der Samurai. Übers. von Jürgen Berndt. Franz Schneekluth Verlag, München 1987, ISBN 3-7951-0892-6.
Literatur
- Shūsaku Endō: Aru shōsetsu ga dekiagaru made — "Chinmoku" kara "Samurai" e (ある小説が出来あがるまで――『沈黙』から『侍』へ, dt. „Wie ein Roman entsteht – von ‹Schweigen› zu ‹Der Samurai›“), Nami, Oktober 2016 (Erstveröffentlichung: Vortrag, Tōkyō, 30. Mai 1980). Tōkyō: Shinchōsha, online (japanisch, abgerufen am 23. September 2025).
- Van C. Gessel: „Endō Shūsaku: His Position(s) in Postwar Japanese Literature“. Journal of the Association of Teachers of Japanese 27 (1993), 67–74.
- John T. Netland: „From Cultural Alterity to the Habitations of Grace: The Evolving Moral Topography of Endo’s Mudswamp Trope“. Christianity and Literature 53 (2009) 27–48.
- José I. Suárez: „Dichotomy Christianity – Japaneseness: Shusaku Endo’s autobiographical novel The Samurai“. In: Letrônica 15 (2022) 1-6.