Diatretglas

prunkvolles doppelwandiges Gefäß mit durchbrochenem Glas From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Diatretglas (altgriechisch διάτρητος diatretos „durchbrochen, durchbohrt“) ist ein meist glockenförmiges, prunkvolles doppelwandiges Gefäß mit durchbrochenem Glas, das in der Römischen Kaiserzeit und insbesondere in der Spätantike verwendet wurde. Gemeint ist damit, dass der Gefäßkörper von einem durchbrochenen Glasnetz umfangen wird. Die Gefäße werden daher auch als Netzbecher[1] und im Englischen auch als cage cups („Käfiggläser“) bezeichnet.

Diatretglas aus Pljevlja, Montenegro

Herstellungstechnik

Die geschliffene Netzhülle ist durch einzelne, teilweise ungeschliffene Verbindungsstege mit dem Gefäßkörper verbunden. Detail des Braunsfelder Diatretglases in Köln

In der nachrömischen Zeit wurde das erste derartige Glas 1680 in Norditalien wiederentdeckt.[2] Seit der Zeit versucht man, die Herstellungsweise zu ergründen und sie nachzubilden. Es gibt zwei Theorien, wie ein Diatretglas hergestellt wurde: Die seit den 1880er Jahren für Replikate[3] genutzte Schleifmethode ist Grundlage der Schleiftheorie. Sie kann allerdings nicht wie die Presstheorie die ungeschliffenen Zwischenstege[4] antiker Diatrete erklären.

  • Schleiftheorie: Zuerst wurde das Motiv als Relief aus einem geblasenen Rohling herausgeschliffen und anschließend das Material dahinter, bis auf einige Glasstege, entfernt. Diese Theorie scheint auch in der Praxis zu funktionieren, wie in dieser Technik hergestellte Diatretglas-Repliken von Josef Welzel zeigen.[5] Die Schleiftheorie nimmt den Ausschliff aus einem massiven Glasstück an, erklärt aber nicht den Befund der vollständig erhaltenen Diatreta wie zum Beispiel des Braunsfelder Diatretglases in Köln (siehe Abbildung rechts). Die Schleiftheorie greift eine 1930 veröffentlichte Deutung von Fritz Fremersdorf auf.[6] Erst Otto Doppelfeld sah die Schleiftheorie dann aufgrund der Schleifversuche der Ichendorfer Glashütte bei Köln unter der Leitung von R. Penkert und der Übergänge vom farblosen zum farbigen Glas gerade an den Verbindungsstegen skeptisch.[7] Dementsprechend zeigen die von Doppelfeld 1961 veröffentlichten Makroaufnahmen den Farbwechsel in den nur im Bereich des Gefäßrandes beschliffenen Glasflussstegen. Diesen auch an den übrigen Diatreten zu beobachtenden Befund sucht die Presstheorie zu erklären.
  • Presstheorie: Mit einem perforierten Zwischenbecher aus Gips oder einer Mischung aus Gips und Quarzmehl könnte möglicherweise ein zweischaliger Glasrohling hergestellt werden, der dann aufgeschliffen wurde.[8] Die erfolgreiche Umsetzung dieser Theorie in die Praxis fehlt bislang.

Funktion

Das sogenannte Trivulzio-Diatret im Museo Archeologico di Milano mit bläulicher Inschrift „BIVE VIVAS MULTIS ANNIS“ („Trinke, auf dass Du viele Jahre lebest“)

Die Diatrete werden meist als Trinkgefäße angesehen, weil sie oft die Form von Trinkbechern haben. Bei manchen Diatreten weisen die enthaltenen Inschriften mit Trinksprüchen auf die Nutzung beim Festessen oder Gelage (convivium) hin.[9] Die Verwendung als Trinkbecher ist auch in einem Gedicht Martials überliefert.[10] Demgegenüber weist eine Diatret-Schale im Corning Museum of Glass eine Aufhängevorrichtung aus Metall auf und wurde demnach möglicherweise als Lampe verwendet.[11]

Ob eine Nutzung als Trinkgefäß oder als Lampe für Diatrete wahrscheinlicher ist, wird unterschiedlich beurteilt. Die für Diatrete typische abgesetzte Lippe macht eine Nutzung als Trinkgefäß tendenziell unpraktisch, wäre bei einer Nutzung als Lampe dagegen sinnvoll.[12] Auch lassen sich die meisten Stücke nicht abstellen, wie man es von einem Trinkglas erwarten würde, weil sie keinen geeigneten flachen Boden oder Fuß haben. Allerdings ist anzunehmen, dass diese wertvollen, fragilen Gefäße bei einem Festmahl ohnehin nicht direkt auf dem Tisch abgestellt werden sollten, sondern in einem Ständer positioniert wurden.[13] Der Einwand, dass Gefäße wegen ihrer zarten Dekoration gar nicht hätten gefüllt werden können, ist ebenfalls nicht zwingend, da man Weingläser ja nicht zwingend bis zum Rand füllen muss. Auch dass neben den Diatretbechern andere Gefäßformen wie Eimer, Krug und Griffschale in derselben Technik vorkommen, passt zu einem Zusammenhang mit dem Weinkonsum.[14] Zudem sind beispielsweise die aus Kölner Gräbern des 4. Jahrhunderts bekannten Exemplare in einer Zeit in die Erde gelangt, als im Rheinland die Beigabe von Lampen längst unüblich geworden war. Eine eindeutige, einheitliche Deutung der Funktion der Diatretgläser ist daher wohl nicht möglich.

Verbreitung

Die geschliffene Hülle verbinden einzelne Stege mit dem Gefäßkörper. Netzbecher in München.

Diatretglas war ein wertvolles Prunkglas der römischen Zeit; es gab sogar antike Gesetze zur Regelung der Schadenshaftung für Diatretglasschleifer. Die ersten derartigen Gläser sind aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. bekannt. Die wenigen bekannten frühen Exemplare sind noch nicht mit dem charakteristischen Netzwerk, sondern mit unterschiedlichen Motiven verziert.[15] Im 3. und 4. Jahrhundert war die Glasschleifkunst auf ihrem Höhepunkt. Bis heute sind über 70 Exemplare bekannt, die häufig nur noch als Scherben überliefert sind.[16] Um ein größeres Publikum zu bedienen, wurden auch preiswerte Imitationen angefertigt. Eines dieser Gläser wurde beispielsweise an dem spätrömischen, in valentinianischer Zeit erbauten Burgus Budakalász-Luppa csárda am Donaulimes in Ungarn gefunden.[17]

Bekannte Diatretgläser

Mit figürlichem Dekor

Lykurgos-Becher
  • Lykurgos-Becher aus dem 4. Jahrhundert, seit 1945 im Besitz des British Museum. 16,5 cm hoch, 13,2 cm Durchmesser. Goldrubinglas, welches im Gegenlicht rot und im Auflicht opak-gelbgrün erscheint. Dieser Effekt entsteht, weil in das Glas kleinste Gold- und Silberpartikel (etwa 70 nm) im Verhältnis von drei zu sieben eingearbeitet wurden. Damit ist es das einzige vollständig erhaltene Glas mit einem solchen Effekt. Einmalig ist auch seine figurative Gestaltung mit einer mythologischen Szene: Die in einen Weinstock verwandelte Mänade Ambrosia hält König Lykurgos gefangen, der von Dionysos gezüchtigt wird.[18]
  • Das Cagnola-Diatret im Museo civico archeologico di Villa Mirabello in Varese
  • Ein fragmentarisch erhaltenes Diatret aus dem Schatz von Begram mit der Darstellung eines Leuchtturms, der gewöhnlich mit dem Pharos von Alexandria identifiziert wird

Mit ornamentalem Dekor

Das Braunsfelder Diatretglas des Römisch-Germanischen Museums in Köln
Diatretglas aus Niederemmel im Rheinischen Landesmuseum Trier
  • Das Köln-Braunsfelder Diatretglas im Römisch-Germanischen Museum in Köln[19] wurde 1960 im Gräberbezirk des römischen Gutshofs im Kölner Stadtteil Braunsfeld ausgegraben. Es wird auf 330 bis 340 n. Chr. datiert. Der griechische Schriftzug ΠΙΕ ΖΗϹΑΙϹ ΚΑΛѠϹ ΑΕΙ (PIE ZESAIS KALOS AEI) lässt sich als „Trinke, lebe schön immerdar“ übersetzen.
  • Netzbecher aus Daruvar (Kroatien), Kunsthistorisches Museum Wien, Fragment, 4. Jahrhundert. Höhe 9,5 cm. Die Inschrift ist zu FAVENTIBUS (etwa: „denen, die wohlgesinnt sind“) zu ergänzen.[20]
  • Coppa diatreta Trivulzio (coppa Trivulziana Inv. A 0.9.2840), Museo Archeologico in Mailand.[21] Inschrift BIBE VIVAS MULTIS ANNIS, „Trinke, auf dass du viele Jahre lebest!“ 4. Jahrhundert, im 17. Jahrhundert in einem Sarkophag in Castellazzo Novarese aufgefunden, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Carlo Trivulzio (auch bekannt als Abate Trivulzio, Bruder des 1763 verstorbenen Marchese Alessandro Theodoro Trivulzio) für sein Museum in Mailand erworben und 1935 von der Stadt Mailand.[22]
  • Netzbecher, 300–350 n. Chr., Herkunft Köln, Umschrift: BIBE MULTIS ANNIS „Trinke viele Jahre lang!“. Staatliche Antikensammlungen München.[23]
  • Cage Cup aus dem Corning Museum of Glass, Durchmesser 12,2 cm, Höhe 7,4 cm, mit dreihenkeligem Bronzering.[24]
  • Diatretglas von Niederemmel.[25] Bei Ausschachtungsarbeiten im Jahre 1950 in Niederemmel (Mosel) wurden drei Sandsteinsarkophage circa 35 cm unter der Erdoberfläche gefunden. In einem dieser Sarkophage befand sich neben Skelettresten, einem Tongefäß und einer 38 cm langen Glasphiole auch ein außerordentlich gut erhaltenes 18 cm hohes Diatretglas. Es wird heute im Rheinischen Landesmuseum Trier ausgestellt.

Literatur

Einzelnachweise

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