Die Wasserkufe

Verserzählung von Christoph Marin Wieland (1795) From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Wasserkufe oder der Einsiedler und die Seneschallin von Aquilegia ist eine Verserzählung von Christoph Martin Wieland. Sie wurde 1795 in der von Wieland herausgegebenen Zeitschrift Der Teutsche Merkur veröffentlicht. Im Jahr darauf erschien die Ausgabe letzter Hand im 18. Band der Sämmtlichen Werke, wo eine Fabliau aus der Sammlung des Pierre Jean-Baptiste Legrand d’Aussy als Quelle des Stoffes angegeben wird.

Inhalt

Ein Einsiedler namens Lutz lebt seit 30 Jahren in einer Höhle im Wald ein abgeschiedenes Leben, das von Askese und Selbstkasteiung geprägt ist. Dadurch will Lutz Gott näherkommen und im nächsten Leben dafür belohnt werden. Im Traum spricht eine Stimme zu ihm und teilt ihm mit, dass der Seneschall der Stadt Aquilegia ein noch viel gottgefälligeres Leben als er führt. Lutz macht sich auf den Weg in die Stadt und trifft dort auf den gerade wegreitenden Seneschall. Er kann nicht glauben, dass dieser im Luxus lebende, von allen bewunderte Herr tugendhafter als er sein könne. Er bittet den Seneschall um eine Unterkunft für die Nacht, und so reicht ihm der Seneschall einen kostbaren Ring von seinem Finger und weist ihm den Weg zu seinem Haus. Lutz soll den Ring der Frau des Seneschalls geben und ihr ausrichten, dass sie Lutz so gut bewirten und beherbergen solle, als wäre er der Seneschall selbst.

Das Haus des Seneschalls ist ein Ort des Luxus, aber auch der Großzügigkeit: Von der reich gedeckten Tafel wird niemand weggeschickt, und so bietet die Seneschallin, eine schöne und elegant gekleidete Frau, auch Lutz die kostbarsten Speisen an. Beinahe wird er in Versuchung geführt, sein asketisches Leben aufzugeben, doch letztendlich besiegt er seine Begierden und beschränkt sich auf Brot und Gemüse. Damit tut er es der Seneschallin gleich, denn, so erzählt sie ihm, sie und ihr Mann haben einst am Bett ihres todkranken Kindes einen Schwur geleistet, für sieben Jahre auf andere Genüsse zu verzichten.

Nach dem Essen wird Lutz in ein prächtiges Schlafzimmer geführt, und plötzlich steht die Seneschallin im Nachtgewand vor ihm. Offenbar nimmt sie den Auftrag sehr ernst, Lutz so gut wie den Seneschall selbst zu behandeln, und will ihn in ihrem Bett schlafen lassen. In dem riesigen Bett legt Lutz sich zunächst mit respektvollem Abstand nieder, aber allmählich erwacht seine Lust nach der schönen Frau neben ihm. Er kämpft mit sich, und als er sich doch zu einer unsittlichen Berührung hinreißen lässt, packt die Seneschallin ihn und wirft ihn in eine neben dem Bett bereitstehende Wasserkufe (also ein Bottich mit kaltem Wasser). Lutz schwört, sich ab jetzt besser zu benehmen, und kann ihre Wut besänftigen. Sie hilft ihm aus der Kufe, trocknet ihn ab und wärmt ihn an ihrem Körper wieder auf – wodurch allerdings seine Lust erneut erwacht. Also wiederholt sich der ganze Vorgang: Lutz kann seine Hände nicht bei sich lassen, landet wieder im kalten Wasser, bittet um Verzeihung, wird herausgeholt und abgetrocknet. Kaum liegen beide im Bett, redet Lutz sich ein (bzw. bekommt von einem „Teufel-Amor“ eingeflüstert), dass die Frau nur zum Schein Widerstand leistet und sich in Wahrheit von seinen Annäherungen geschmeichelt fühlt. Lutz gibt nach – und landet ein drittes Mal im Wasser.

Er beklagt sich, die Seneschallin führe ihn mit ihren Reizen in Versuchung, der kein Mann, selbst ein Asket wie er, widerstehen könne. Sie widerspricht, ihm sei es nur ergangen wie dem Seneschall selbst: Denn am Totenbett des Kindes haben die beiden auch sieben Jahre Enthaltsamkeit geschworen, und wenn ihr Mann den Schwur zu brechen droht, befördert sie diesen auch ins kalte Wasser.

Die Seneschallin vergleicht nun die entgegengesetzten Vorstellungen von Tugend: Lutz sucht ein tugendhaftes Leben in Verzicht und Isolation, was zu „Eigendünkel“ führt, also zu falschem Stolz darauf, dass er der tugendhafteste Mensch überhaupt wäre. Der Seneschall und seine Frau hingegen genießen das Leben und ihren Reichtum, aber sie erfüllen auch ihren Platz in der Gesellschaft: Sie sind großzügig, helfen den Schwächeren, halten ihre Versprechen, leiden und freuen sich mit ihren Mitmenschen. Lutz sieht seinen Irrtum ein. Für den Rest der Nacht hat die Seneschallin nichts mehr von ihm zu befürchten, und am nächsten Morgen kehrt er geläutert in seine Höhle zurück.

Form

Die Erzählung besteht aus 806 gereimten, überwiegend jambischen und vier- bis sechshebigen Versen, die in ungleich lange Strophen unterteilt sind. Auch Kadenz und Reimschema wechseln unregelmäßig.

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