Die Weber
Drama von Gerhart Hauptmann (1892)
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Die Weber (schlesisch: „De Waber“) ist ein 1892 erschienenes soziales Drama in fünf Akten von Gerhart Hauptmann. Das Stück, wohl das bedeutendste Drama Hauptmanns, behandelt den Schlesischen Weberaufstand von 1844 und wird der literaturgeschichtlichen Epoche des Naturalismus zugerechnet.
| Daten | |
|---|---|
| Titel: | Die Weber |
| Gattung: | Soziales Drama |
| Originalsprache: | Deutsch und Schlesisch |
| Autor: | Gerhart Hauptmann |
| Erscheinungsjahr: | 1892 |
| Uraufführung: | 25. September 1894 |
| Ort der Uraufführung: | Deutsches Theater Berlin |
| Ort und Zeit der Handlung: | in den 1840er Jahren in Kaschbach im Eulengebirge sowie in Peterswaldau und Langenbielau am Fuße des Eulengebirges |
| Personen | |
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Aufführungsverbot und Uraufführung
Am 3. März 1892 wurde durch das Berliner Polizeipräsidium ein Aufführungsverbot erlassen. Deshalb konnte die Uraufführung erst am 26. Februar 1893 im Neuen Theater Berlin nur privat für die Mitglieder der Freien Bühne erfolgen. Am 2. Oktober 1893 hob das Preußische Oberverwaltungsgericht das Verbot auf. Dies war wiederum eine Begründung für die sogenannte Umsturzvorlage.[1] Am 25. September 1894 erfolgte die erste deutsche öffentliche Aufführung im Deutschen Theater Berlin.
Inhalt
1. Akt
Im Expeditionsraum von Dreißigers Parchentfabrik geben die Weber ihre mühsam erstellte Heimarbeit ab. Die Menschen sind vom Hunger gezeichnet und hoffen verzweifelt auf ein paar Pfennige mehr Lohn oder einen kleinen Vorschuss. Doch der Expedient Pfeifer – einst selbst Weber, nun ein pedantischer und gefühlloser Leuteschinder im Dienst des Fabrikanten – prüft die Waren mit übertriebener Strenge. Durch willkürliche Beanstandungen drückt er die ohnehin kargen Hungerlöhne weiter herab.
Nur bei dem jungen, trotzigen Arbeiter mit dem Spitznamen „roter Bäcker“ findet Pfeifer nichts zu bemängeln. Der Bursche nutzt die Gelegenheit zu lautem Protest: Was hier gezahlt werde, sei kein Lohn, sondern ein schäbiges Almosen. Inmitten dieser Auseinandersetzung bricht ein kleiner Junge vor Erschöpfung zusammen. Als der herbeigerufene Fabrikant Dreißiger den „roten Bäcker“ erkennt – er gehörte zu jenen jungen Männern, die am Vorabend das verbotene „Lied vom Blutgericht“ angestimmt hatten –, ist er sichtlich irritiert. Er lässt das Kind in sein Privatkontor bringen und versucht, die aufgebrachten Weber mit billigen Reden über unternehmerische Verantwortung zu beruhigen.
Gleichzeitig kündigt er an, zweihundert neue Arbeiter einstellen zu wollen – scheinbar eine soziale Wohltat, in Wahrheit jedoch ein Vorwand, um die Meterlöhne um zwanzig Prozent zu senken. Damit verschärft er die Not der ohnehin ausgebeuteten Weber weiter und gießt ungewollt Öl ins Feuer der kommenden Erhebung.
2. Akt
In der armseligen Hütte des Häuslers Ansorge sitzen die Baumerts an ihren Webstühlen und Garnspulen. Der alte Baumert, der seit zwei Jahren kein Fleisch mehr bekommen hat, hat in seiner Not den kleinen Hund geschlachtet; nun köchelt der trübe Braten im Topf. Soeben ist er vom Garnholen zurückgekehrt und hat unterwegs den Reservisten Moritz Jäger getroffen, der mit einer Flasche Schnaps erscheint. Vor den gespannt lauschenden Webern prahlt Jäger vom Glanz des Soldatenlebens in der Stadt und streut zugleich angeberische, aufhetzende Bemerkungen aus.
Doch Baumerts ausgehungerter Magen verträgt das Hundefleisch nicht – er bricht zusammen, sein Weib klagt verzweifelt über das Elend. Da stimmt Moritz Jäger das Weberlied an, das die anderen mitreißt und ihre verbitterte Entschlossenheit weckt: So kann es nicht weitergehen – es muss sich etwas ändern.
3. Akt
In Welzels Gaststube sprechen ein Reisender aus der Stadt und der Tischler Wiegand über die Unruhe, die unter den Heimarbeitern zunehmend gärt. Der Reisende versucht zunächst unbeholfen, mit der Wirtstochter zu flirten, doch bald provoziert sein spöttisches Gerede die nach und nach eintreffenden Weber. Die Spannung steigt so sehr, dass er sich gezwungen sieht, seinen Kaffee im Nebenzimmer weiterzutrinken.
In der Stube jedoch kocht die Stimmung hoch. Die jungen Männer, angefeuert vom Schmied Wittig, beginnen erneut, das verbotene Weberlied anzustimmen. Als der angetrunkene Gendarm Kutsche zur Ordnung ruft, wirkt die Situation für ihn plötzlich so bedrohlich, dass er sich hastig zurückzieht. Die aufgebrachten Weber ziehen daraufhin hinaus auf die Straße und singen dort das Weberlied weiter.
4. Akt
In Dreißigers Villa kommt es während einer kleinen Abendgesellschaft zu einer Verstimmung: Der junge Hauslehrer Weinhold wagt es, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit anzusprechen. Pastor Kittelhaus weist ihn im salbungsvollen Ton zurecht, und Dreißiger erklärt kühl, er habe den Kandidaten nicht für moralische Vorlesungen eingestellt. Weinhold verlässt empört das Haus.
Währenddessen nähern sich die aufständischen Weber der Villa. Dreißigers Färbereiarbeiter haben den Rädelsführer Moritz Jäger festgesetzt und liefern ihn dem Fabrikanten zum Verhör aus. Jäger begegnet dem Polizeiverwalter Heide und dem Pastor mit Hohn und offener Verachtung. Als Heide ihn trotz der bedrohlichen Stimmung vor dem Haus abführen lassen will, eskaliert die Lage: Die empörten Weber stürmen heran, befreien Jäger, prügeln die Polizisten und gehen sogar auf den gutmütigen, aber weltfremden Pastor los.
Dreißiger kann sich mit seiner Familie gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen, bevor die Menge in seine Villa eindringt. Sie suchen vor allem den verhassten Aufseher Pfeifer, den „Menschenschinder“. Als sie feststellen, dass das Haus leer ist, richten sie ihre Wut gegen das Inventar und verwüsten die Villa vollständig.
5. Akt
Der fromme alte Webermeister Hilse im Nachbardorf ist entsetzt über den heraufziehenden Aufstand. Vom Hausierer Hornig erfährt er, dass die aufgebrachte Menge bereits unterwegs ist, um auch hier die Fabrikherren zu vertreiben. Zugleich ist jedoch das Militär ausgerückt, um die Erhebung gewaltsam zu beenden. Während Hilse auf die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes vertraut, begrüßt seine Schwiegertochter Luise den Aufruhr mit glühender Begeisterung. Die revoltierenden Weber ziehen durch die Straßen und rufen ihre Kameraden zum Mitmachen auf; Hilses alter Freund Baumert, durch Alkohol bestärkt, tritt als einer der Anführer auf.
Es kommt zu heftigen Zusammenstößen: Die Soldaten schießen, werden aber durch Steinwürfe zeitweise zum Rückzug gezwungen. Hilse jedoch bleibt, von eigensinniger Gottergebenheit erfüllt, in seiner Stube und arbeitet weiter an dem Platz, den er als von seinem himmlischen Vater zugewiesen betrachtet. Dann fallen erneut Schüsse. Eine verirrte Kugel dringt durch das Fenster – der alte Mann sinkt tödlich getroffen zusammen.
Interpretation
Die Weber gilt als das zentrale Drama des deutschen Naturalismus und als eines der bedeutendsten sozialkritischen Theaterstücke des 19. Jahrhunderts. Gerhart Hauptmann rückt darin nicht – wie im traditionellen Drama – einzelne Heldenfiguren in den Mittelpunkt, sondern eine gesamte soziale Gruppe: die schlesischen Weber. Diese kollektive Protagonistenstruktur war für die Zeit neu und wurde als ästhetische und politische Provokation wahrgenommen. Durch die Darstellung realistisch gezeichneter „Volkstypen“, die Verwendung des schlesischen Dialekts und die genaue Beobachtung alltäglicher Lebensverhältnisse folgt Hauptmann den Prinzipien einer „objektiven“, fast dokumentarischen Kunst, wie sie das naturalistische Theater anstrebte.
Das Drama basiert lose auf den historischen Weberaufständen von 1844, deren soziale Ursachen – Verarmung, Ausbeutung durch das Verlagssystem, Entwertung handwerklicher Arbeit – im Stück exemplarisch vorgeführt werden. Hauptmann zeigt eine Gesellschaft am Rand des Zusammenbruchs, in der strukturelle Not und fehlende politische Teilhabe zur gewaltsamen Revolte führen. Die Darstellung der Aufständischen ist dabei weder romantisierend noch dämonisierend: Sie erscheinen als Opfer ihrer Lebensumstände, die aus Verzweiflung zu drastischen Mitteln greifen. Ebenso kritisiert das Drama das liberale Bürgertum, das die sozialen Spannungen zwar erkennt, aber nicht bereit ist, die Ursachen zu bekämpfen.
Die Deutung des Schlusses war und ist in der Forschung kontrovers. Hauptmann selbst hat sich nie eindeutig zur „Botschaft“ des Werkes geäußert. Eine verbreitete interpretatorische Linie sieht im Tod des alten Hilse – eines gottesfürchtigen, pflichtbewussten Webers, der sich bewusst von der Revolte fernhält – ein symbolisches Moment: Der Konservative, der an den bestehenden Verhältnissen festhalten möchte, wird von der Geschichte überrollt. Der Vater, der „alles beim Alten lassen“ will, fällt einer verirrten Kugel zum Opfer; sein Tod verweist auf das Ende einer überholten Ordnung.
Verfilmung
Das Schauspiel wurde 1927 unter dem Titel Die Weber von Friedrich Zelnik verfilmt. Die Rollen des Fabrikanten Dreißiger und seiner Frau spielten Paul Wegener und Valeska Stock, den Moritz Jäger verkörperte Wilhelm Dieterle. 2012 restaurierte die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung das alte Material und fertigte eine neue Kopie an. Johannes Kalitzke verfasste eine neue Musik zu Zelniks Film; die Uraufführung durch die Augsburger Philharmoniker war am 24. Juni 2012.[2]
Weiterhin existieren drei Fernseh-Verfilmungen, alle ebenfalls unter dem Titel Die Weber: Die erste wurde 1962 vom Fernsehen der DDR produziert (Regie: Hubert Hoelzke), die zweite 1971 vom Sender Freies Berlin (Regie: Günter Gräwert) und die dritte 1980 vom Bayerischen Rundfunk (Regie: Fritz Umgelter, mit Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Moritz Jäger).[3][4]
Hörspiele
Zwischen 1926 und 1959 entstanden in Deutschland mindestens fünf Hörspiele, die das Werk von Hauptmann zum Thema hatten.
- 1926: Die Weber – Regie: Hermann Beyer, mit Ernst Sattler, Hedi Bohn, Georg Pahl, Hans Freundt, Karl Pündter (NORAG)
- 1926: Die Weber – Regie: Alfred Braun (Funk-Stunde AG (Berlin))
- 1949: Die Weber – Regie: Werner Wieland, mit Martin Flörchinger, Ludwig Anschütz, Curt Paulus, Fritz Werth, Maria Wendt (Rundfunk der DDR)
- 1952: Die Weber – Regie: Ulrich Lauterbach, mit Stanislav Ledinek, Walter Tarrach, Walter Werner, Wilhelm König, Alfred Schieske (HR)
- 1959: Die Weber – Regie: Heinz-Günter Stamm, mit Paul Dahlke, Eva L’Arronge, Bum Krüger, Max Eckard, Wolfgang Wahl, Herbert Kroll, Ernstwalter Mitulski, Traute Rose (BR)
Darstellung in der bildenden Kunst
Käthe Kollwitz erlebte 1893 die Uraufführung des Dramas. Noch im selben Jahr begann sie mit der Arbeit an der Grafik-Folge Ein Weberaufstand. Käthe Kollwitz sah diese als ihr zeitlebens bekanntestes Werk.[5]
Eine künstlerische Ausgabe des Dramas mit Original-Abzügen in Heliogravüre und Handkupferdruck erschien 1917.[6]