Dirndl

bayerisches und österreichisches Trachtenkleid From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Dirndl oder Dirndlkleid ist ein bayerisches und österreichisches Kleid, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam und heute vielfach als typisch alpenländische und bayerische Tracht angesehen wird. Es besteht gewöhnlich aus einem bunten, einteiligen Mieder mit Rock, einer weißen Bluse und einer Schürze.

„Dirndl“ mit Schnürung und grüner Schürze

Begriffserklärung

Dirndl ist eine Verkleinerungsform von Dirn – der bairisch-österreichischen Variante von hochdeutsch Dirne – und bezeichnet in den entsprechenden Mundarten ein junges Mädchen. Seit dem 15. Jahrhundert ist im Deutschen aber auch die negativ belegte BedeutungProstituierte‘ aus ‚Magd, Mädchen aus niederen sozialen Verhältnissen‘ nachweisbar. Die Ableitung des Dirndlkleides aus dem Dirndl wird auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts datiert.[1]

Geschichte

Historisch hochgeschlossene Dirndln bei einem Volksfestumzug

Entstehung im 18. und 19. Jahrhundert

Der Grundschnitt des Dirndlkleides geht auf die höfische Damenmode des späten Rokoko zurück. Mit der Robe à l’anglaise hat es die eng anliegende Schnürbrust mit vorne liegendem Verschluss und den angesetzten, weiten Rock gemein. Inspiriert durch Jean-Jacques Rousseaus Ausspruch „Zurück zur Natur!“ entwarfen Pariser Modeschöpfer gegen Ende des 18. Jahrhunderts für die höfische Gesellschaft Kleidung, die „ländliche“ Schlichtheit und Natürlichkeit vortäuschte. Insbesondere die österreichischstämmige französische Königin Marie Antoinette, die sich im Park von Versailles einen Hameau errichten ließ, machte diese „Schäfermode“ populär.[2] Rose Bertin soll für sie ein Kleid „à la tyrolienne“ mit geschnürtem Mieder, Strohhut und stilisiertem Hirtenstab entworfen haben.[3]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts hielt dieser französische Modegeschmack, auch bedingt durch Napoleons Feldzüge, in der Kleidung des mitteleuropäischen städtischen Bürgertums Einzug. Ab etwa den 1870er-Jahren verbreitete sich das Dirndlkleid als modisches Sommerkleid der Städterin im Landurlaub.[4]

Maßgeblich beteiligt waren daran die jüdischen Brüder Moritz und Julius Wallach aus Geseke bzw. Bielefeld, die 1900 in München das Trachtenhaus Wallach gründeten.[5] Der Durchbruch erfolgte 1910, als die Brüder Wallach zum 100-jährigen Jubiläum des Oktoberfests kostenlos den Landestrachtenzug ausstatteten.[6][7] Hintergrund war der in der Heimatliteratur immer wieder kolportierte Gegensatz zwischen dem angeblich natürlichen, unverdorbenen und unverfälschten Landvolk und der Künstlichkeit und Verworfenheit der Stadtgesellschaft.

Die Erfindung des Dirndlkleides markierte einen der wichtigsten Ausgangspunkte für das heutige Verständnis von alpenländischer Tracht. In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dirndl zum Kassenschlager, da es als schlichtes Sommerkleid eine preiswerte Alternative zu den oft teuren und aufwendig gearbeiteten historischen Frauentrachten war.[8] In den 1930er Jahren wurde das Dirndlkleid besonders durch die Operette Im weißen Rößl weltweit Mode.[9] Die patent-resche Rössl-Wirtin im feschen Dirndlgewand aus dem Stück von Ralph Benatzky wurde quasi zu einer Galionsfigur der Salzkammergut-Fremdenverkehrswerbung. Ebenso machte die singende und trachtentragende Trapp-Familie die Dirndlkleider bei den Salzburger Festspielen und später auf ihren weltweiten Tourneen überall bekannt.[10]

Zeit des Nationalsozialismus

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Mittelstelle Deutsche Tracht der NS-Frauenschaft unter Gertrud Pesendorfer (1895–1982) eingerichtet – der „Reichsbeauftragten für Trachtenarbeit“.[11] Sie entwarf in diesem Rahmen die von ihr im nationalsozialistischen Sinn „erneuerte Tracht“.[12] Das Dirndl wurde quasi „entkatholisiert“, die geschlossenen Kragen entfernt, die Silhouette stark verschlankt, die vormals bodenlange Rocklänge auf 7/8-Länge gebracht, die Arme nicht mehr bedeckt und damit modernisiert sowie erotisiert. Pesendorfer kreierte die eng geschnürte und geknöpfte Taille, die bis heute stilbildend für zeitgenössische Dirndlformen ist und die weibliche Brust stark betont.[13] Pesendorfers erklärtes Ziel war es, die Tracht von „Überwucherungen [...] durch Kirche, Industrialisierung, Moden und Verkitschungen“ und „artfremden Einflüssen“ zu befreien und das „Wurzelechte“ wieder hervortreten zu lassen. In ihrem 1938 erschienenen Buch Neue Deutsche Bauerntracht Tirol machte Pesendorfer hinter aller Mannigfaltigkeit der Trachten „etwas Gemeinsames“ aus, „eine unnennbare Grundhaltung, die sie als eines der kostbarsten deutschen Volksgüter erscheinen lässt.“ Im Sinne des „NS-Ahnenerbes“ sollten Symbole wie Lebensbaum und -rad, Vogelpaare, Dreispross die „arisch reinen Bauerntrachten“ zieren und der „Stärkung der inneren Front“ dienen. Pesendorfer wurde – obwohl als gelernte Sekretärin ohne fundierte Ausbildung – zur Geschäftsführerin des Tiroler Volkskunstmuseums ernannt.[14] Juden war die Nutzung von Volkskultur verboten, „obwohl diese sie zum Teil besser dokumentierten als alle Volkskundler damals und nachher“.[15]

Nach 1945 war Pesendorfer weiterhin mit Nähkursen, als Beraterin und Autorin stark stilbildend in Sachen Tracht und Dirndl auf Grundlage ihrer vorherigen Forschungen tätig. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Hintergrund ihres Tuns und der von ihr kreierten Dirndlformen blieb zu ihren Lebzeiten – bis in die 1980er Jahre – aus.[14]

Heute

Heute bezeichnet der Begriff Dirndl ein Kleid mit engem, oft tief rechteckig oder rund ausgeschnittenem Oberteil (Dekolleté), weitem, hoch an der Taille angesetztem Rock, dessen Länge mit der herrschenden Mode wechselt, und Schürze. Es wird sowohl auf Jahrmärkten und Kirchweihfesten im ländlichen Raum als auch auf größeren Volksfesten, wie dem Münchner Oktoberfest, dem Cannstatter Wasen oder dem Gäubodenvolksfest, vor allem in Süddeutschland und einigen Alpenregionen getragen. Während das Tragen entsprechender Kleidungsstücke noch in den 1970er Jahren auf Volksfesten kaum verbreitet war, nimmt es v. a. seit den 1990er Jahren sehr stark zu. Seit den 2000er Jahren nehmen sich, mit unterschiedlichen Resultaten, auch vermehrt Modeschöpfer des Themas Dirndl an.[16]

Symbolik der Schürzenschleifenposition

Laut zahlreicher Medienberichte um die Jahrtausendwende symbolisiere die Position der Schleife, mit der die Schürze gebunden ist, den Beziehungsstatus der Trägerin. Binde sich die Trägerin ihre Schleife auf der, aus ihrer Sicht, vorderen rechten Seite, signalisiere sie so, dass sie vergeben, verlobt oder verheiratet sei. Eine Schleife auf der vorderen linken Seite bedeute, dass die Trägerin nicht liiert sei.[8] Eine vorn mittig gebundene Schleife solle symbolisieren, dass die Trägerin Jungfrau sei. Die hinten mittig gebundene Schleife zeige an, dass die Trägerin Witwe sei. Allerdings haben auch Bedienungen (z. B. Kellnerinnen) und einige Frauen aufgrund regionaler Traditionen die Schleife immer hinten mittig gebunden. Woher der grundsätzliche Bedeutungskodex stammt, lässt sich nicht nachvollziehen.

Nach Angaben des Trachtenvereins Miesbach ist die Symbolik der Schleifenposition eine erfundene Tradition ohne historische Grundlagen. Die Schleife als Kennzeichen des Familienstandes sei überflüssig, da verheiratete Frauen ohnehin anders als ledige Mädchen gekleidet gewesen seien.[8] Darüber hinaus scheint es in einer traditionell christlich geprägten, ländlichen Gesellschaft mit ihrem konservativen Moralkodex schwer vorstellbar, dass eine unverheiratete Frau mit einer links getragenen Schleife dem Gegenüber offen signalisiert habe, dass sie ungebunden, nicht verlobt, unverheiratet und gleichzeitig keine Jungfrau mehr sei. Laut der Volkskundlerin Gesine Tostmann[17] ist es reine Geschmackssache, ob die Schürzenbänder hinten oder vorn zur Schleife gebunden werden. Allerdings überliefert Tostmann die Positionierung der Schleife vorn rechts für verheiratete und die vorn links für ledige Frauen als historische Praxis.

Dirndl-Varianten

Dirndln in verschiedenen Farben und Formen
Moderne Kurzdirndln

Je nach Anlass kann ein Dirndl aus einfarbigem oder bedrucktem Baumwollstoff, Leinen oder aus Seide gefertigt sein. Meist ist es einteilig mit Verschluss (Reißverschluss, Haken und Ösen, verschiedenartigen Knöpfen oder Schnürung) vorn mittig. Ein Reißverschluss kann auch am Rücken oder an der Seite angebracht sein. Traditionell hat das Dirndl eine Tasche vorn oder an der Seite eingearbeitet, die unter der Schürze verborgen ist. Dazu wird eine meistens weiße Dirndlbluse (mit Puffärmeln oder schmalen Ärmeln, lang- oder kurzärmelig) getragen, die nur bis kurz unter die Brust reicht, sowie ein Schultertuch oder ein kurzes Halstuch. Ein Kropfband (Würgerband) mit Schmuckanhänger ergänzt oft das Dirndl.

Unterschieden werden kann einerseits zwischen einem klassischen Trachtendirndl, einem einteiligen Kleid mit Schürze, auch aus Stoffen mit traditionellen Mustern, und andererseits einem Landhauskleid, das aus grauem oder farbigem Leinen, teilweise mit Ledermieder oder -besatz, gefertigt ist.

Daneben kreieren auch Modedesigner Dirndl-Varianten.

Besonderes

Das Dirndlfliegen oder Dirndlspringen ist seit den 1990er Jahren vor allem im österreichischen und bayerischen Alpenraum verbreitet. Dabei springen Frauen (und auch Männer) im Dirndl von einem Sprungbrett in einen See oder ein Schwimmbecken, die Flugfiguren werden von einer Jury bewertet. Diese Form des Wasserspringens ist eher dem Bereich Funsport zuzuordnen.

Im Jahr 2016 brachte die Österreichische Post eine gestickte Briefmarke in Form eines Dirndls heraus.[18]

Literatur

  • Heide Hollmer, Kathrin Hollmer: Dirndl. Trends, Traditionen, Philosophie, Pop, Stil, Styling. Edition Ebersbach, Berlin 2011, ISBN 978-3-86915-043-7.
  • Reinhard Johler, Herbert Nikitsch, Bernhard Tschofen (Hrsg.): Schönes Österreich. Heimatschutz zwischen Ästhetik und Ideologie (= Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde. 65). Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien 1995, ISBN 3-900359-65-2.
  • Franz C. Lipp, Elisabeth Längle, Gexi Tostmann, Franz Hubmann (Hrsg.): Tracht in Österreich. Geschichte und Gegenwart. Brandstätter, Wien 1984, ISBN 3-85447-028-2.
  • Daniela Müller, Susanne Trettenbrein: Alles Dirndl. Anton Pustet, Salzburg 2013, ISBN 978-3-7025-0693-3.
  • Gertrud Pesendorfer: Neue deutsche Bauerntrachten. Tirol. Callwey, München 1938.
  • Ulrich Reuter: Kleidung zwischen Tracht + Mode. Aus der Geschichte des Museums 1889–1989. Museum für Volkskunde, Berlin 1989.
  • Alma Scope: Bühnen der „Volkstümlichkeit“. Die Bedeutung Salzburgs und der Festspiele für die Trachtenmode. In: Trachten nicht für jedermann? Heimatideologie und Festspieltourismus dargestellt am Kleidungsverhalten in Salzburg zwischen 1920 und 1938 (= Salzburger Beiträge zur Volkskunde. 6, ZDB-ID 1189889-6). Salzburger Landesinstitut für Volkskunde, Salzburg 1993, S. 241–260.
  • Monika Ständecke. Dirndl, Truhen, Edelweiss: die Volkskunst der Brüder Wallach. [zur gleichnamigen Ausstellung des Jüdischen Museums München vom 27. Juni bis 30. Dezember 2007]. Jüdisches Museum, München, 2007, ISBN 978-3-938832-20-2.
  • Gexi Tostmann: Das alpenländische Dirndl. Tradition und Mode. Christian Brandstätter, Wien u. a. 1998, ISBN 3-85447-781-3.
  • Elsbeth Wallnöfer: Geraubte Tradition. Wie die Nazis unsere Kultur verfälschten. Sankt Ulrich-Verlag, Augsburg 2011, ISBN 978-3-86744-194-0.
  • Thekla Weissengruber: Die Tracht einst und heute. In: Vesna Michl-Bernhard (Hrsg.): 1000 Jahre textiles Österreich. Aspekte zur Kulturgeschichte des Textils mit Beiträgen und Statistiken zur aktuellen Situation im Bereich Kunst, Design, Unterricht und Wirtschaft. Holzhausen, Wien 1996
  • Ware Dirndl. Austrian Look von Franz M. Rhomberg (Ausstellungskatalog). Hrsg. Margarete Zink, Petra Zudrell. Residenz Verlag, Salzburg 2021, ISBN 978-3-7017-3531-0
Wiktionary: Dirndl – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Dirndl – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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