Dokumentarroman
gesellschaftskritisches und politisches Werk, das auf historische Dokumente und wissenschaftliche Fakten zurückgreift
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Ein Dokumentarroman (auch Doku-Roman) ist ebenso wie die Faction-Prosa eine Untergattung der Dokumentarliteratur. Er versucht, „durch [...] dokumentarisch gesicherte Fakten Authentizität zu suggerieren“ und in knappem, trockenen Stil eine gesellschaftskritische Bewusstseinsbildung zu fördern.[1] Daher wird der Dokumentarroman auch zur engagierten Literatur gezählt.
Geschichte des Begriffs
Der Dokumentarroman entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus der russischen Faktographie-Bewegung um Sergei Michailowitsch Tretjakow. Etwa gleichzeitig entwarf in Berlin der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller das Konzept eines „dokumentarischen Romans“, der gesellschaftlich verdrängten Ereignissen oder Situationen eine Bühne geben sollte.[1] Analog zu diesem Konzept entstand in den 1960er Jahren das Dokumentartheater, das zusätzlich zu seiner politischen Botschaft als „Reaktion gegen die Unverbindlichkeit der Brechtschen Parabel“ verstanden werden kann.[1]
Merkmale und Vertreter
Wesentlich für den Dokumentarroman ist dessen aufklärerische Absicht, die das „Augenscheinlich-Authentische auch [als] das Wahre“ darstellt.[1] Die verwendeten historischen Dokumente werden vom Autor lediglich durch Techniken der Montage oder Collage arrangiert, sodass „deren sprachliche Dürftigkeit nicht zu seinen [des Autors] Lasten geht“.[1] Obwohl dieses Arrangement dem Autor überlassen bleibt, versteht sich der Dokumentarroman nicht als manipulative Auswahl von Fakten, sondern als politische Botschaft. Deutlicher wird dieser Unterschied bei stärkerer Ästhetisierung des Textes, wie sie etwa in „halbdokumentarische[r] Literatur“ zu finden ist.[1] Diese greift neben realen Dokumenten bewusst auf fiktive Elemente zurück, sodass der Fokus auf die ausgewählten Fakten verstärkt wird.
Ein neueres Beispiel für einen Dokumentarroman ist Joachim Gaertners Ich bin voller Hass – und das liebe ich (2009), ein Text, der aus den Original-Dokumenten zum Amoklauf an der Columbine High School zusammengestellt wurde.
Beispiele
- Tom Wolfe: The Electric Kool-Aid Acid Test. New York 1968.
- deutsch: Der Electric Kool-Aid Acid Test. Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Merry Pranksters. Heyne, München 2009, ISBN 978-3-453-40621-6.
- Legs McNeil, Gillian McCain: Please Kill Me. The Uncensored Oral History of Punk. Grove Press, New York 1996.
- Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2001, ISBN 3-518-39771-0.
- Rüdiger Esch: Electri_City. Elektronische Musik aus Düsseldorf 1970-1986. Mit einem Vorwort von Wolfgang Flür. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-51846464-9.
- Christoph Dallach: Future Sounds. Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-46598-1.