Don Ihde

US-amerikanischer Philosoph From Wikipedia, the free encyclopedia

Don Ihde (* 4. Januar 1934 in Kansas; † 17. Januar 2024) war ein US-amerikanischer Philosoph. Er gilt als einer der ersten US-amerikanischen Technikphilosophen. Bekannt wurde er durch einen Denkansatz, den er als Postphänomenologie bezeichnete.

Leben

Ihde lehrte zuletzt an der State University of New York at Stony Brook. 1990/91 war er Gastprofessor an der University of Sydney. 2013 erhielt er den Golden Eurydice Award des Internationalen Forums für Biophilosophie. Insgesamt veröffentlichte er über 20 Bücher.

Postphänomenologie

Im Mittelpunkt von Ihdes nichttranszendentaler Postphänomenologie[1][2] steht das Verhältnis zwischen den Menschen einerseits und ihren technischen Artefakten andererseits. Artefakte – beginnend mit dem griechischen Vokalalphabet, fortgesetzt durch moderne Verkehrs- und Informationsnetzwerke und ihren weitreichenden Folgen für das alltägliche Handeln und Fühlen – vermitteln auf vielfältige Weise das Verhältnis des Menschen zur Welt. Damit sind sie kulturelle Instrumente,[3] eine Erkenntnis, die in den 1990er Jahren in den USA noch kein Gemeinplatz war, hielt man Technik doch zumeist noch für ein deterministisches System.

Ihde unterscheidet er vier Formen der technischen Mediation: embodiment relations (etwa durch eine Brille), hermeneutic relations (z. B. durch Ablesen einer Uhr oder Interpretation von Geräteskalen), alterity relations (etwa im Dialog mit Künstlicher Intelligenz oder Robotern) und background relations (z. B. Verfügbarkeit von Kühlschrank oder Klimaanlage).[4]

Insbesondere analysiert Ihde die Interaktion zwischen Mensch und Computer, wobei er den Menschen als körperliches Wesen betrachtet und den Cartesianischen Dualismus von Körper und Geist (wie auch die Gegenüberstellung von Wissenschaft und Technik) ablehnt.[5] Ihde folgt Edmund Husserls Wahrnehmungsanalysen, indem er die Abhängigkeit der Konstitution des Wahrnehmungsgegenstandes von leiblichen Bewegungsphänomenen thematisiert. Er unterscheidet hinsichtlich der menschlichen Wahrnehmung jedoch schärfer als Husserl, der die technischen Instrumente vernachlässigt, zwischen der unmittelbaren Sinneswahrnehmung (Mikroperzeption) und der kulturell erweiterten (z. B. durch Aufzeichnungssysteme) bzw. technisch vermittelten Wahrnehmung (Makroperzeption). Erst diese erschließt unzugängliche Mikro- und Makrowelten im Sinn von Arnold Gehlens Organverlängerungs- oder -ersatzthese. Graphischen Darstellungsformen räumt Ihde dabei einen Vorrang gegenüber der rein schriftlichen Informationsübermittlung ein, die ein tieferes hermeneutisches Verständnis erfordert.[6] In Material Hermeneutics (2021)[7] zeichnet er die Relevanz von Visualisierungen und optischen Instrumenten in der Wissenschaftsgeschichte nach und kritisiert die Linguistische Wende in der Wissenschaftsphilosophie. Hingegen analysierte er Prozesse des Sprechens und Hörens.[8]

Skeptisch ist Ihde, der in mancherlei Hinsicht John Deweys pragmatischem Realismus folgt,[9] gegenüber der (europäischen) analytischen Philosophie, der Hermeneutik (Hans-Georg Gadamer) und der postmodernen Fixierung auf Texte (textism von Jacques Derrida, Michel Foucault und Paul Ricoeur),[10] aber auch gegenüber Techniksoziologen wie Bruno Latour und Steve Woolgar. Dabei handelt es sich um Ansätze, die das „Lesen“ und „Deuten“ in den Mittelpunkt rücken und dabei die körperlichen Dimensionen der menschlichen Praxis unterschlagen. Ihre Texte seien oft white, male, and elitist.[11] Das Verständnis der Welt als Buch oder Text sei eine anachronistische Schöpfungsgeschichte („Im Anfang war das Wort“, Joh. 1,1) und damit letztlich vorwissenschaftlich. Der Welt-als-Buch-Metapher stellt Ihde im Anschluss an den frühen Merleau-Ponty den Primat der körperlichen und sensorischen Wahrnehmung gegenüber, welche jedoch kulturell überformt wird wie etwa durch die Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance.[12] Technologien haben für Ihde keine Essenz, sondern verschiedene Bedeutungen oder Identitäten je nach Gebrauchsmodus. Die Multistabilität technischer Objekte bleibt jedoch in ihren verschiedenen Relationen zum Benutzer erhalten.[13]

Ihde kritisiert die Aufweichung des Wissenschaftsbegriffs durch den modernen europäischen Relativismus und Sozialkonstruktivismus ebenso wie das andere Extrem des Beharrens auf einem bisher erfolgreichen traditionellen Kanon disziplinärer Methoden, der sich inzwischen ununterbrochen ausweitet.[14] Hingegen erkennt er die innovativen Aspekte der Phänomenologie Heideggers an und fordert die aktive Beteiligung von Philosophen am Innovationsgeschehen. Michael Hafner hält Ihdes Ansatz in dieser Hinsicht jedoch für schwer operationalisierbar.[15]

Jan Slaby stellt fest, dass Ihdes Ansatz „ein eher affirmatives Verhältnis zu seinen Gegenständen ins Zentrum stellt und sich insofern habituell und stilistisch von vielen anderen postphänomenologischen Autorinnen und Autoren unterscheidet“, etwa von der feministischen oder antikolonialistischen Postphänomenologie.[16]

Schriften (Auswahl)

  • Technics and Praxis: A Philosophy of Technology (1979)
  • Technology and the Lifeworld: From Garden to Earth. Indiana University Press. (1990)
  • Postphenomenology (1995)
  • Husserl's Missing Technologies (2016)

Literatur

  • Oliver Müller: Postphänomenologie: Über eine technikphilosophische Methode. In: Radicalizing Phenomenology: Neue Perspektiven – Nouvelles perspectives. Phänomenologische Forschungen No. 2. Verlag Felix Meiner, Hamburg 2020, S. 165–184.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI