Dorwin Cartwright

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Dorwin Philip Cartwright (* 3. März 1915 in Des Moines; † 18. Juli 2008 in Santa Barbara) war ein US-amerikanischer Sozialpsychologe und emeritierter Professor der University of Michigan.[1]

Leben

Er erwarb 1937 seinen Bachelor-Abschluss am Swarthmore College. Danach wechselte er an die Harvard University, wo er 1938 seinen Master-Abschluss erreichte und 1940 promovierte (Ph.D.). Sein Betreuer war Edwin Boring und der Titel seiner Dissertation lautete Decision-time in Relation to the Differentiation of the Phenomenal Field.

Nach seiner Promotion nahm er ein Postdoktorandenstipendium an der Iowa State University bei Kurt Lewin an. Als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten, zog er nach Washington, D.C. und arbeitete in dem Büro für Agrarökonomie des US-Landwirtschaftsministeriums, um sich Rensis Likerts Forschungsprogramm zur Bewertung von Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit den Kriegsanstrengungen anzuschließen. Seine erste Aufgabe war die Durchführung einer Reihe landesweiter Umfragen zur Wirksamkeit von Kriegsanleihenkampagnen und den Auswirkungen der Bombenangriffe auf die Moral der Zivilbevölkerung in Deutschland. 1945 wurde er außerordentlicher Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT).[2] Nach Lewins unerwartetem Tod im Jahr 1947 übernahm er die Leitung des von Kurt Lewin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründeten Research Center for Group Dynamics (dt. Forschungszentrums für Gruppendynamik). Seine Dissertanten am MIT waren Alex Bavelas, Harold H. Kelley, John Thibaut und Robert Zajonc. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Institut zu einem führenden Zentrum sozialwissenschaftlicher Forschung. 1948 überzeugte ihn sein Kollege Rensis Likert, das Zentrum an das Survey Research Center der University of Michigan zu verlegen. Die beiden Zentren fusionierten 1949 zum University of Michigan Institute for Social Research (ISR). In Michigan leitete er weiterhin das Forschungszentrum für Gruppendynamik und wurde gleichzeitig außerordentlicher Professor für Psychologie. Später wurde er Forschungskoordinator am ISR und Mitglied des Vorstands des Social Science Research Council. Er wirkte 31 Jahre lang als Professor für Psychologie an der University of Michigan.

Werk

Er gilt als einer der Begründer der Gruppendynamik, wobei seine Forschungsthemen die mathematischen Grundlagen der Gruppendynamik, insbesondere die mit Frank Harary entwickelte Graphentheorie, die Quellen sozialer Macht, die Natur der Gruppenstruktur und die Ursachen von Risikoverhalten in Gruppen umfassten.

Zu Beginn seiner Forschungskarriere führte er in dem Büro für Agrarökonomie des US-Landwirtschaftsministeriums neben landesweiten Umfragen zur Wirksamkeit von Kriegsanleihenkampagnen auch Studien zu Gruppendiskussionen und Gruppenentscheidungen durch, die zeigten, dass die Macht der Gruppe eine wichtige Rolle bei der Veränderung von Ernährungsgewohnheiten spielen konnte. So wurden beispielsweise Hausfrauen dazu angeregt, nahrhafte, aber weniger beliebte Fleischstücke zuzubereiten, um die kriegsbedingte Fleischknappheit zu lindern. Spätere Forschungen ergaben, dass sich auf ähnliche Weise auch die Produktivität von Arbeitsgruppen steigern ließ.

An der University of Michigan in Ann Arbor leitete er diverse Forschungsprojekte, darunter die Zusammenarbeit mit einer Ortsgruppe der United Auto Workers (UAW), um ein Programm zur Verbesserung der Akzeptanz von Minderheiten objektiv zu evaluieren. In einem Laborexperiment untersuchten er und seine Kollegen, wie sich Diskriminierung auf die Gruppenmoral auswirkte. Durch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Unternehmen und Bildungseinrichtungen haben er und seine Kollegen das sich entwickelnde Gebiet der Gruppendynamik in die Praxis überführt. Hier gab er auch „Field Theory in Social Science“ heraus, eine Sammlung wichtiger Artikel von Kurt Lewin. Er edierte außerdem „Studies in Social Power“, das mit Lewins Antrittsrede als Präsident der Society for the Psychological Study of Social Issues begann und eine Reihe theoretischer Arbeiten und Experimente enthielt. Im Schlusskapitel entwickelte er selbst sein feldtheoretisches Konzept sozialer Macht. Später wurde dies im Rahmen des von ihm koordinierten Forschungsprogramms des Research Center for Group Dynamics von John R. P. French und Bertram H. Raven weiter ausgearbeitet.

Gemeinsam mit Alvin Zander verfasste er 1953 das Werk „Gruppendynamik: Forschung und Theorie“, in dem sie die Arbeitsmethoden, Merkmale, Struktur und das Verhalten menschlicher Gruppen untersuchten. Nach diesen Ergebnissen hängt der Gruppenzusammenhalt von der Attraktivität der Gruppenzugehörigkeit und der Leichtigkeit der Begegnung und Kommunikation ab. Umgekehrt können Probleme, Frustrationen, Schwierigkeiten und ein ungünstiges Umfeld die Attraktivität einer Gruppe verringern, ihren Zusammenhalt schwächen und sogar zu ihrer Auflösung führen. Zudem legen Gruppen ihre eigenen Arbeitsstandards fest und üben Einfluss und Druck auf die Mitglieder aus, Aufgaben auf eine bestimmte Weise zu erledigen. Je kohäsiver eine Gruppe wird, desto mehr Macht und Einfluss übt sie auf ihre Mitglieder aus, und abweichende Mitglieder werden von der Gruppe ausgeschlossen. Daher sind Entscheidungen, die von der Gruppe selbst getroffen werden, relativ effektiver als Entscheidungen, die von einer Autorität auferlegt werden, da Gruppenentscheidungen die Verhaltensnormen ihrer Mitglieder verändern, während Entscheidungen von Autoritäten diese Normen nicht verändern. Die persönliche Zufriedenheit der Mitglieder und die Gruppenmoral ist in der Regel hoch, wenn eine Gruppe klare Ziele verfolgt und diese effektiv erreicht. Dies trifft zwar auf kleine Gruppen mit persönlichem Kontakt zu, ist aber in großen Organisationen weniger wahrscheinlich.

Ehrungen/Positionen

Privates

Er war fast 70 Jahre mit seiner Ehefrau Barbara verheiratet; aus der Ehe stammten die Töchter Patricia Alice Thomas und Susan Cartwright Clark sowie sein Sohn Peter. Er verstarb mit 93 Jahren an chronischem Nierenversagen.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Mit A. Zander: Group dynamics (3rd ed.). Harper + Row, New York City 1968 (Textarchiv – Internet Archive).
  • Mit Frank Harary; R. Z. Norman: Structural Models: An Introduction to the Theory of Directed Graphs. John Wiley & Sons, Hoboken 1965, ISBN 978-0-471-35130-6.
  • Studies im social Power. (PDF) Research Center for Group Dynamics, University of Michigan 1959.
  • Mit Alvin Zander: Group Dynamics Research & Theory. Row Petersen & Co, Evanston 1953.
Herausgeberschaften
  • Studies in Social Power. Hassell Street Press, Kalifornien 2021, ISBN 978-1-01-471508-1.
  • Feldtheorie in den Sozialwissenschaften: Ausgewählte theoretische Schriften von Kurt Lewin. Huber Verlag, Bern 1963.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Formalization and Progress in Psychology (1940) . In K. Lewin: Resolving social conflicts and field theory in social science (S. 169–190). American Psychological Association, Washington, DC 1997.
  • Contemporary social psychology in historical perspective. In: Social Psychology Quarterly, 1979, 42, S. 82–93.
  • Determinants of scientific progress: The case of research on the risky shift. In: American Psychologist, 1973, 28, S. 222–231.
  • Risk taking by individuals and groups: An assessment of research employing choice dilemmas. In: Journal of Personality and Social Psychology. 1971, 20, S. 361–378.
  • Mit Frank Harary: On the Coloring of Signed Graphs. In: Elemente Der Mathematik, 1968, 23, S. 85–89.
  • Mit Terry C. Gleason: A note on a matrix criterion for unique colorability of a signed graph. In: Psychometrika, 1967, 32 (3), S. 291–296.
  • Mit Terry C. Gleason: The number of paths and cycles in a digraph. In: Psychometrika, 1966, 31 (2), S. 179–199.
  • Mit Robert Alan Dahl: Studies in Social Power. In: Administrative Science Quarterly, 1960, 4, S. 510 ff.
  • Mit Frank Harary: Structural balance: a generalization of Heider's theory. In: Psychological review, 1956, 63 (5), S. 277–93.
  • Mit Alfred Ray Lindesmith; Alvin Frederick Zander; Muzafer Sherif; Carolyn Wood Sherif: Group Dynamics: Research and Theory. Groups in Harmony and Tension: An Integration of Studies on Intergroup Relations. In: American Sociological Review, 1954, 19, S. 228 ff.
  • Achieving change in people: some applications of group dynamics theory. In: Human Relations, 1951, 4, 381–392.
  • Some Principles of Mass Persuasion. In: Human Relations, 1949, 2, S. 253–267.
  • Mit Leon Festinger; Kathleen Barber; Juliet Fleischl; Josephine S. Gottsdanker; Annette Keysen; Gloria Leavitt: A Study of a Rumor: Its Origin and Spread. In: Human Relations, 1948, 1, S. 464–486.
  • A guide to public opinion polls. In: Journal of Consulting Psychology, 1945, 9, S. 201–202.
  • Mit Leon Festinger: A quantitative theory of decision. In: Psychological Review, 1943, 50, S. 595–621.
  • Relation of Decision-Time to the Categories of Response. In: American Journal of Psychology, 1941, 54, S. 174 ff.
  • On visual speed. In: Psychological research, 22 (3–4), 1938, S. 320–342.

Einzelnachweise

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