E. Tory Higgins
kanadischer Forscher und Psychologe
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Edward Tory Higgins (* 12. März 1946 in Montreal) ist ein kanadisch-US-amerikanischer emeritierter Professor für Psychologie und für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University.[1][2]

Leben
Einen B.A. erwarb er 1967 in den Fächern Soziologie und Anthropologie an der McGill University. Es folgte 1968 ein Master an der London School of Economics. Er promovierte 1973 zum (Ph.D.) im Fach Psychologie an der Columbia University.
Seine berufliche Karriere begann er 1972 als Assistenzprofessor am Department für Psychologie der Princeton University. Von 1977 bis 1981 war er außerordentlicher Professor am Department für Psychologie der University of Western Ontario. Von 1981 bis 1989 arbeitete er als Professor an der New York University. 1989 kehrte er an die Columbia University zurück und übernahm hier von 1994 bis 2001 den Vorsitz des Fachbereichs Psychologie. 2000 wurde er ausgewählt, um die Columbia University Lecture zu halten. Seit 2000 ist er Stanley-Schachter-Professor für Psychologie der Columbia University und seit 2002 Professor für Management an der Columbia Business School. Zusammen mit Heidi Grant Halvorson ist er Direktor des Motivation Science Center der Columbia University.
Werk
Er forschte zu sozialer Kognition, Selbst und Affekt, Motivation und Kognition, Kultur und Persönlichkeit sowie sozialer Entwicklung. Zu seinen wichtigsten Forschungsthemen gehören Verhaltensgesundheit und Interventionen, Sozial- und Intergruppenpsychologie, Konsumentenverhalten beim Markenkonsum und der Markenidentifikation, Entscheidungsfindung und Verhaltensökonomie, Psychologie des moralischen und emotionalen Urteilsvermögens, Medieneinfluss und Gesundheit sowie digitales Marketing und soziale Medien.
Zu seinen frühen Arbeiten zählt das 1977 mit William S. Rholes und Carl R. Jones durchgeführte „Donald-Experiment“ zum Priming-Effekt, das zu den klassischen Experimente in der Psychologie gehört. Mit ihm wurde gezeigt, wie zuvor aktivierte Informationen, sog. kognitive Schemata, die Interpretation mehrdeutiger Verhaltensweisen anderer Personen beeinflussen. Dabei lasen die Teilnehmer eine Beschreibung einer fiktiven Person namens Donald. Zuvor wurden Teilnehmern Wörter präsentiert, die entweder „abenteuerlustig“ (mutig) oder „waghalsig“ (leichtsinnig, töricht) waren. Der Text selbst beschrieb Donalds Handlungen mehrdeutig – er segelte über den Atlantik, fuhr Ski usw. Teilnehmer, die mit „waghalsig“ (leichtsinnig) geprimed wurden, bewerteten Donald negativer als diejenigen, die „abenteuerlustig“ geprimed wurden. Das Experiment belegt, dass Informationen, die zuvor im Gedächtnis aktiviert wurden, als Interpretationsrahmen für neue, unklare Informationen dienen.
Seine „Selbstdiskrepanztheorie“ (engl. Self-Discrepancy Theory) beschreibt die emotionalen Folgen von Unterschieden zwischen dem tatsächlichen Selbst und internen Standards wie dem idealen Selbst (Wünsche) oder dem Soll-Selbst (Verpflichtungen). Emotionale Probleme wie Unzufriedenheit, Angst oder Depression entstehen aus Abweichungen zwischen dem tatsächlichen Selbst (wie man ist) und idealen bzw. normativen Selbstbildern (wie man sein möchte/sollte). Diese Diskrepanzen erzeugen negativen psychischen Stress und motivieren dazu, das Selbstbild an die Ansprüche anzupassen.[3] Stimmen hingegen das tatsächliche Selbst und das ideale Selbst überein, erleben Menschen Glück und Zufriedenheit. Die Selbstdiskrepanztheorie unterscheidet zwischen Selbstregulation in Bezug auf Hoffnungen und Bestrebungen (Ideale) und Selbstregulation in Bezug auf Pflichten und Verpflichtungen (Sollen). Sie postuliert, dass ideale und sollenbezogene Selbstregulation zwei unterschiedliche Motivationssysteme darstellen, um Freude zu erlangen und Schmerz zu vermeiden. Eine zentrale Erkenntnis aus dieser Theorie ist auch, dass emotionale Belastung nicht vom Leben selbst herrührt, sondern vom Vergleich mit dem eigenen Selbst.
Seine „Theorie des regulatorischen Fokus“ entstand aus der Selbstdiskrepanztheorie und ist die Grundlage der Theorie der regulatorischen Passung. Sie besagt, dass Menschen Ziele entweder mit einem Promotionsfokus (Streben nach Wachstum, Gewinnen, Idealen) oder einem Präventionsfokus (Streben nach Sicherheit, Verlustvermeidung, Pflichten) verfolgen. Mit regulatorischer Passung ist gemeint, dass Leistung und Motivation höher sind, wenn die Strategie zur Zielerreichung mit dem Fokus übereinstimmt (z. B. eine sicherheitsorientierte Aufgabe für eine präventionsfokussierte Person).[4] Diese Theorie wurde auf verschiedene Bereiche angewendet, darunter auf Gruppenverzerrungen, Verhandlungstechniken, Zielerreichung und Wohlbefinden.
Seine spätere Forschung gilt der sogenannten „Geteilten Realität“ (engl. shared realities), also den zwischen einzelnen Personen oder in Gruppen geteilten Ansichten und Urteilen. Solche „Geteilte Realitäten“ festigen soziale Bindungen und schaffen subjektive Gewissheit. Sie erfüllen grundlegende Bedürfnisse nach sozialer Verbindung und bekräftigen die eigene Sicht auf die Welt. Sie spielen aber auch eine Rolle bei der Entwicklung von Vorurteilen, Stereotypen oder auch radikalen Überzeugungen.
Ehrungen/Positionen
- 2016: Gastforscher an der Universität Münster mit Förderung durch den Anneliese-Maier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung[5]
- Gastforscher am Center for Advanced Study in the Behavioural Sciences der Stanford University[6]
- 2006: Mitglied der American Academy of Arts and Sciences[7]
- Ambady Award für Mentoring Excellence von der Society for Personality and Social Psychology[8]
- 2006: Lifetime Contribution Award der International Society for Self & Identity
- 2005: Distinguished Scientist Award der Society of Experimental Social Psychology[9]
- 2004: Presidential Award for Outstanding Teaching der Columbia University[10]
- 2000: William James Fellow Award für herausragende Leistungen in der psychologischen Wissenschaft durch die American Psychological Society
- 2000: Preis der American Psychological Association für herausragende wissenschaftliche Beiträge
- 1999: Thomas M. Ostrom Award in Social Cognition
- 1996: Donald T. Campbell Award für herausragende Beiträge zur Sozialpsychologie durch die Society of Personality and Social Psychology
- 1989: MERIT Award des National Institute of Mental Health
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Mit Grant Halvorson: Focus: Use different ways of seeing the world for success and influence. Penguin Press, New York 2013, ISBN 978-0142180730.
- Shared Reality: What Makes Us Strong and Tears Us Apart. Oxford University Press, New York 2019, ISBN 978-0190948078.
- Beyond pleasure and pain: How motivation works (Oxford Series in Social Cognition and Social Neuroscience). Oxford University Press, New York, NY 2012, ISBN 978-0199356706.
- Herausgeberschaften
- Mit C. Peter Herman; Mark P. Zanna: Social Cognition: The Ontario Symposium Volume 1 (Psychology Revivals.) Routledge, Oxfordshire 2017, ISBN 978-1000649161.
- Mit Paul A. M. Van Lange; Arie W. Kruglanski: Handbook of Theories of Social Psychology: Volume One (SAGE Social Psychology Program). Sage Publications, Thousand Oaks, CA 2012, ISBN 978-1446250068.
- Mit C. Peter Herman; Mark P. Zanna: Physical Appearance, Stigma, and Social Behavior: The Ontario Symposium Volume 3 (Psychology Revivals). Routledge, Oxfordshire 2022, ISBN 978-1000649208.
- Mit Arie W. Kruglanski: Social Psychology (Second Edition: Handbook of Basic Principles 2nd Edition). Guilford, New York 2007, ISBN 978-1462514861.
- Mit A. W. Kruglanski: Theory construction in social-personality psychology (Special issue of Personality and Social Psychology Review). Psychology Press, Hove 2004, ISBN 978-0203764473.
- A. W. Kruglanski: Motivational science: Social and personality perspectives. Psychology Press, Hove 2000, ISBN 978-0863776977.
- Mit Arie W. Kruglanski: Motivational Science (Key Readings in Social Psychology). Psychology Press, Hove 2000, ISBN 978-0863776977.
- Mit Richard M. Sorrentino: Handbook of Motivation and Cognition, Volume 3: Interpersonal Context. The Guilford Press, New York City 1996, ISBN 978-1572300521.
- Mit Richard M. Sorrentino: Handbook of Motivation and Cognition, Volume 2: Foundations of Social Behavior. The Guilford Press, New York City 1990, ISBN 978-0898624328.
- Mit Richard M. Sorrentino: Handbook of Motivation and Cognition, Volume 1: Foundations of Social Behavior. The Guilford Press, New York City 1986, ISBN 978-0898626674.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Mit James F. M. Cornwell; Becca Franks; Emily Nakkawita: Life attunement experience: well-being and morality from the truth of a life. In: Motivation and emotion, 2025, S. 1–22.
- Mit Becca Franks; Charlene Chen; Katie Manley: Effective Challenge Regulation Coincides with Promotion Focus-Related Success and Emotional Well-Being. In: Journal of happiness studies, 2015, 17 (3), S. 981–994.
- Mit Antonio Pierro; Lavinia Cicero: Followers’ satisfaction from working with group-prototypic leaders: promotion focus as moderator. In: Journal of Experimental Social Psychology, 2009, 45 (5), S. 1105–1110.
- Mit Antonio Pierro; Susanne Leder; Lucia Mannetti; Arie W. Kruglanski; Antonio Aiello: Regulatory Mode Effects on Counterfactual Thinking and Regret. In: Journal of Experimental Social Psychology, 2008, 44 (2), S. 321–329.
- Mit Leslie R. M. Hausmann; John M. Levine: Communication and Group Perception: Extending the ‘Saying is Believing' Effect’. In: Group Processes & Intergroup Relations, 2008, 11 (4), S. 539–554.
- Value from hedonic experience and engagement. In: Psychological Review, 2006, 113 (3), S. 439–460.
- Mit J. Forster; N. Liberman: Accessibility from active and fulfilled goals. In: Journal of Experimental Social Psychology, 2005, 41, S. 220–239.
- Mit Arie W. Kruglanski: Theory Construction in Social Personality Psychology: Personal Experiences and Lessons Learned. In: Personality and Social Psychology Review, 2004, 8 (2), S. 96–97.
- Mit C. L. Idson; A. L. Freitas; S. Spiegel; D. C. Molden: Transfer of value from fit. In: Journal of Personality and Social Psychology, 2003, 84 (6), S. 1140–1153.
- Making a good decision: value from fit. In: American psychologist, 2000, 55 (11), S. 1217–1230.
- Social cognition: Learning about what matters in the social world. In: European Journal of Social Psychology, 2000, 30, S. 3–39.
- Promotion and prevention: Regulatory focus as a motivational principle. In: Advances in experimental social psychology, 1998, 30, S. 1–46.
- Beyond pleasure and pain. In: American psychologist, 1997, 52 (12), S. 1280–1300.
- Mit Zindel V. Segal; Jane E. Hood; Brian F. Shaw: A structural analysis of the self-schema construct in major depression. In: Cognitive therapy and research, 1988, 12 (5), S. 471–485.
- Self-discrepancy: a theory relating self and affect. In: Psychological review, 1987, 94 (3), S. 319–340.
- Mit William S. Rholes; Carl R Jones: Category accessibility and impression formation. In: Journal of experimental social psychology, 1977, 13 (2), 141–154.
Weblinks
- Literatur von und über E. Tory Higgins im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- E. Tory Higgins auf Google Scholar, abgerufen am 31. März 2026.
- E. Tory Higgins auf Research Gate, abgerufen am 31. März 2026.
- E. Tory Higgins auf Social Psychology Network, abgerufen am 31. März 2026.
- How Motivation Works auf YouTube, abgerufen am 31. März 2026.