Edoardo Weber

italienischer Ingenieur und Unternehmer From Wikipedia, the free encyclopedia

Edoardo Weber (* 29. November 1889 in Turin; † am 17. Mai 1945 oder danach in Bologna (verschollen)[1]) war ein italienischer Ingenieur und Unternehmer, der den Weber-Vergaser entwickelte. 1945, in den Tagen nach der Befreiung Italiens vom Faschismus und von der deutschen Besatzung, verschwand er spurlos.

Edoardo Weber (ca. 1940)

Biographie

Beruflicher Werdegang

Edoardo Weber (l.), Giulio Ramponi, Carlo Felice Trossi und Enzo Ferrari beim Rennen Parma–Poggio di Berceto im Juni 1933 mit einem Alfa Romeo 8C 2300 „Monza“
Weber-Doppelvergaser 45DCOE9

Edoardo Webers Vater stammte aus der Schweiz, seine italienische Mutter aus dem Piemont.[2] Edoardos Leidenschaft für Mechanik war familiär bedingt: Sein Großvater war Modellbauer und sein Vater Techniker in der Spinn- und Webmaschinenproduktion. Nach dem Gewinn mehrerer Stipendien und seinem Abschluss mit Auszeichnung an der Berufsschule im Jahr 1904 arbeitete Weber zunächst als Hilfsarbeiter und Technischer Zeichner in einer mechanischen Werkstatt.[1][3]

Ab 1907 war Weber bei Fiat tätig. 1912 wurde er Testfahrer für Verbrennungsmotoren und Automobile und im folgenden Jahr Werkstattmeister der Fiat-Niederlassung in Bologna. Im Ersten Weltkrieg diente er vier Jahre lang als Soldat und war Spezialist für die Heeresmotorisierung.[3] Nach dem Krieg arbeitete er für Fiat in Ferrara. Nach seiner Rückkehr nach Bologna, bis dahin eine von landwirtschaftlichen Betrieben geprägte Stadt, gründete er 1923 zusammen mit drei Partnern die Fabbrica Italiana Carburatori Weber, die einen Vergaser mit Verdampfer für Lastwagen herstellte,[4] und war später nach Ausscheiden der Partner einziger Inhaber des Unternehmens. Die von ihm entwickelte Vorrichtung „Econo-Super-Alimentatore“ (wegen seiner viereckigen Ummantelung cassetta genannt), die den Kraftstoffverbrauch senkte, wurde in den Vergasern des Fiat 501 und 505 eingebaut und dann für weitere Modelle verwendet.[3]

Anschließend baute Weber, der bis heute als „technisches Genie“ gepriesen wird,[5] seine erfolgreichen Doppelvergaser. Die Vergaser des Unternehmens wurden von Fiat, Maserati, Alfa Romeo und Ferrari erfolgreich auch in Rennwagen verwendet. Weber widmete sich ebenfalls Experimenten mit Turbokompressoren: Mit seinen so umgebauten Fahrzeugen nahm er bis 1927 selbst an verschiedenen Rennfahrten teil.[3][6] Das Unternehmen erreichte auf dem europäischen Markt für Motorantriebe eine führende Position und hielt schließlich einen Marktanteil von 65 Prozent.[7] Ab Beginn der 1930er Jahre hatten alle Ferraris Weber-Vergaser, bis diese in den 1980er Jahren von Einspritzmotoren abgelöst wurden.[8]

Nachdem Fiat 1937 beschlossen hatte, seine Serienfahrzeuge mit Weber-Vergasern auszustatten, eröffnete Weber am 21. April 1940 eine neue wegweisend ausgestattete Fabrik.[9] Das Werk erstreckte sich über eine Fläche von 40.000 Quadratmetern, davon 17.000 Quadratmeter überdacht, und beschäftigte rund 400 Mitarbeiter. Es hatte eine Betriebskantine mit eigener Küche, eine Krankenstation und einen Luftschutzbunker. In den Kriegsjahren ließ Weber das an das Werk angrenzende Land für die Kantine bestellen.[3] In einer parlamentarischen Anfrage aus dem Jahr 1993 wurden zahlreiche weitere soziale Aktivitäten von Weber aufgezählt.[10]

Edoardo Weber war Mitglied der Partito Nazionale Fascista (PNF).[11] 1937 wurde er zum Ritter des Ordens der Krone von Italien ernannt, und 1943 erhielt er die Auszeichnung „Cavaliere del Lavoro“.[1]

In der Publikation La Resistenza a Bologna. Testimonianze e Documenti heißt es von einem Zeitzeugen: „[…] Edoardo Weber war ein Industrieller alter Schule und verbrachte die meiste Zeit in der Fabrik. Er war ein bodenständiger Mann, der sicherlich faschistische Ideen hegte, und das weiß ich aus eigener Erfahrung, da er mir viele Predigten hielt, als er erfuhr, dass ich in der antifaschistischen Bewegung aktiv war. Er hatte ein gutmütiges Wesen und stand den altgedienten Arbeitern sehr nahe, fast väterlich. Die Angestellten waren ihm treu ergeben, während es unter den Arbeitern bereits Ende 1942, wenn auch in begrenztem Umfang, Widerstand gab.“[12] In einem Interview aus dem Jahr 2022 sagte Andrea Cozza vom Betriebsrat des Unternehmens Weber-Magneti Marelli: „Die älteren Arbeiter erzählten mir viele Geschichten über die Tradition des Klassenkampfes im Werk. Einige waren Partisanen gewesen […]. Während des Krieges wartete die Werkzeugabteilung von Weber heimlich die Waffen der Partisanen mit dem Einverständnis von Edoardo Weber, dem Inhaber, der vorgab, nichts zu wissen.“[13] Unter der deutschen Besatzung mussten Arbeiter und Fabrikation zum Teil in eine Baracke in Bazzano umziehen, nachdem die Deutschen vergeblich versucht hatten, sie nach Deutschland verlegen zu lassen, was Weber durch den Einsatz von Beziehungen verhindern konnte. Der Hauptsitz in Bologna wurde von der Wehrmacht für Rüstungsproduktion und als Fahrzeugdepot genutzt.[3]

Webers Verschwinden

Am 17. Mai 1945, wenige Wochen nach der Befreiung Bolognas von den Deutschen, verschwand der 55-jährige Edoardo Weber unter ungeklärten Umständen. Es gibt verschiedene Versionen: Zum einen heißt es, er sei in Bologna zu einem Abendspaziergang aufgebrochen und nie zurückgekehrt.[9] Eine andere Version besagt, er sei frühmorgens von zwei Zivilisten, die in einem Militärtransporter am Werksgelände eingetroffen waren, aus seinem Büro abgeholt worden und nie wiedergekehrt, während Webers Ehefrau angab, er sei von drei elegant gekleideten Zivilisten unter einem Vorwand aus seiner Wohnung geholt und mit einem Wagen mit italienischer Trikolore weggefahren. Die Männer sollen Schärpen des CLN getragen haben, eines politischen Gremiums der Widerstandsbewegung aus verschiedenen Gruppen.[3]

In den Tagen nach der Befreiung Bolognas von den Deutschen am 21. April 1945 wurden Tausende Menschen, die als Faschisten galten, aus Vergeltung, aber auch aus persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen getötet, oder sie verschwanden. Ihr Schicksal ist in zahlreichen Fällen weiterhin ungeklärt. Aus diesem Grund wurde die Emilia-Romagna später als „Dreieck des Todes“ bezeichnet.[3] Unternehmer, die mit Mussolinis Regime und den Deutschen kooperiert hatten, standen besonders im Fokus: Im Automobilbau waren dies etwa Ugo Gobbato, Geschäftsführer von Alfa Romeo, der am 28. April 1945 erschossen wurde. Auf Enzo Ferrari, dem Weber als einer seiner „treuesten Freunde“ galt,[14] soll ein Kopfgeld ausgesetzt gewesen sein.[15] Nachdem er vom Tod seines Freundes erfahren hatte, sei Ferrari „am Boden zerstört“ gewesen und habe sich in einem „Schockzustand“ befunden, überzeugt, er sei der Nächste auf einer Todesliste.[16] Ferrari schreibt in seiner Autobiographie, dass Weber „für die Fehler anderer mit dem Leben“ habe bezahlen müssen.[17] Weber sei zu Unrecht als Kollaborateur betrachtet worden, so die Ansicht des Historikers Del Monte.[16]

Webers Witwe war der Überzeugung, Fiat habe ihren Mann entführen und töten lassen, um in den Besitz seines Werkes zu kommen.[15] Tatsächlich übernahm Fiat nach Webers Verschwinden sukzessive die Kontrolle über die Fabbrica Italiana Carburatori Weber, bis das Unternehmen 1952 die Aktienmehrheit erwarb.[18]

1992 stellte der italienische Parlamentarier Filippo Berselli vom neofaschistischen Movimento Sociale Italiano eine parlamentarische Anfrage zum Fall Weber, in der Namen von zwei möglichen Verdächtigen – kommunistischen Aktivisten – genannt wurden. Die Antwort des Innenministers Nicola Mancino lautete, dass man nach dem Verschwinden Webers diese Männer überprüft habe, allerdings ohne Ergebnis. Sie seien inzwischen verstorben.[10] Noch 2007 gab es Berichte über neue Ermittlungen und Ausgrabungen in diesem Fall.[19] Als möglicher Ort eines Mordes an Weber wurde eine Stelle in der Nähe des Friedhofs Cimitero Monumentale della Certosa di Bologna angenommen, wo nach dem Hinweis eines anonymen Informanten ein Massengrab mit rund 20 Leichen unterhalb eines ehemaligen Munitionsdepots gefunden wurde.[20][21]

Webers Ehefrau Anna Bolelli (1897–1985) ließ jahrelang vergebens nach ihrem Mann oder dessen Leichnam suchen, setzte eine hohe Belohnung für Hinweise aus und wurde mehrfach Opfer von Betrügern.[3][22] Am 20. Oktober 1950 wurde Weber offiziell für tot erklärt.[20]

Gedenken

Kenotaph aus Carrara-Marmor für Weber auf dem Cimitero Monumentale della Certosa di Bologna. Entwurf von Augusto Panighi, Bildhauer Venanzio Baccilieri

1954 gab Webers Ehefrau Anna Bolelli zum Gedenken an ihren Ehemann ein monumentales Kenotaph in Auftrag. Es wurde von Augusto Panighi entworfen, besteht aus einem leeren Sarkophag aus Carrara-Marmor, der in Reliefs Szenen der Fabrikation bei Weber zeigt, und einer Stele mit der Büste Edoardo Webers. Es befindet sich in der „Sala Weber“ des Friedhofs Certosa.[23] Aus Dankbarkeit für deren Bemühungen spendete Anna Bolelli Weber den Carabinieri von Emilia-Romagna eine größere Summe, die ihr zu Ehren jährlich eine Messe abhalten.[24]

In Bologna wurde eine Straße nach Edoardo Weber benannt.[25]

Literatur

  • Anna Weber Bolelli: Edoardo Weber. [Privatdruck] Bologna, 1972.
  • Beppe Benfenati: Edoardo Weber – Illustre e apprezzato imprenditore di livello mondiale. In: ALIAV. Rivista dell’Associazione Diplomati Istituto Aldini Valerian. August 2017, S. 26–28 (aliav.it [PDF]).
  • Luca Del Monte: Enzo. Das Leben des Ferrari-Gründers. Delius Klasing Verlag, ISBN 978-3-667-12957-4.
Commons: Edoardo Weber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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