Ego-Depletion
Paradigma der Sozialpsychologie
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Bei dem Begriff Ego-Depletion (von lateinisch ego ‚ich‘ und neulateinisch depletio ‚Aderlass‘, zu deplere ‚ausleeren‘; hier im Sinne von „Selbsterschöpfung“) handelt es sich um ein Paradigma aus der Sozialpsychologie für den Bereich selbstregulatorischen Verhaltens. Die zentrale Aussage des Ego-Depletion-Modells ist, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle von der Willenskraft einer Person abhängt, die von einer allgemeinen (Selbstregulations-)Ressource gespeist wird. Die Ressource wird durch aufeinanderfolgende psychische Aufgabenstellungen, welche Willenskraft erfordern, verringert oder gar aufgezehrt, und zwar unabhängig von sonstigen Einflussfaktoren, also etwa körperlicher Erschöpfung. Dieses Konzept wird auch als Modell der regulatorischen Ressource bezeichnet.
Die erste Veröffentlichung zum Modell erfolgte 1998 durch Roy Baumeister und Kollegen.[1] Diese Studie wurde tausendfach zitiert und Ego-Depletion-Effekte wurden in den darauffolgenden Jahren in vielen anderen Studien belegt.[2] Seit Mitte der 2010er-Jahre ist das Modell aber stark in die Kritik geraten, weil die Ergebnisse neuerer großangelegter und präregistrierter Studien unter Beteiligung vieler Forschungsteams dem Modell widersprechen.[3][4]
Aussagen des Modells
Um bei einer Handlung Selbstkontrolle auszuüben, muss das Selbst Energie (es wird auch von Kraft oder Ressourcen gesprochen) aufwenden. Steht diese Energie anschließend nicht mehr in einem benötigten Ausmaß zur Verfügung, so ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle vorübergehend beeinträchtigt. Dieser Zustand wird dann als Ego-Depletion bezeichnet. Dieselbe Art von Energie wird für das Fällen von Entscheidungen, aktives Agieren und die Kontrolle von Impulsen, Gedanken und Emotionen verwendet. Das Ego-Depletion-Modell beruht im Wesentlichen auf drei Annahmen:
- Universalität: Dieselbe Ressource wird für eine Vielfalt von Aufgaben verwendet, die Selbstkontrolle erfordern.
- Beschränktheit: Die Ressource liegt nur in begrenztem Ausmaß vor und kann prinzipiell aufgebraucht werden.
- Abhängigkeit: Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle hängt ausschließlich von der Ressource ab.
Wird durch aktives willentliches Handeln die Energie teilweise oder vollständig verbraucht, so ist bei einer darauffolgenden Aufgabe die Selbstregulationsperformanz vermindert oder nicht mehr vorhanden. Nach dem Modell ähnelt die Willenskraft einem Muskel, welcher nach Anwendung kurzfristig erschöpft ist, sich langfristig jedoch trainieren lässt, so dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle wächst.
Biologische Grundlagen des Modells
Ein biologischer Erklärungsansatz ist die Abnahme von Glukose im Blut bei Menschen, die Selbstkontrolle erfordernde Aufgaben ausführen.[5][6] Allerdings wurde dieser Mechanismus in Frage gestellt, als Reanalysen der Daten der ursprünglichen Veröffentlichung zu diesem Thema den Mechanismus nicht unterstützten[7][8] und sich in Replikationen keine Auswirkungen des Blutzuckerspiegels fanden.[9] Auch eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2016 kam zum Ergebnis, dass sich bei allen drei Kosequenzen, die aus diesem Biologischen Erklärungsansatz folgen (1. Selbstkontrolle resultiert in niedrigerem Blutzuckerspiegel, 2. Blutzuckerspiegel hängt positiv mit der Leistung nach Selbstkontrolle zusammen, 3. Erhöhung des Blutzuckerspiegels durch Einnahme von Glukose verbessert die beeinträchtigte Selbstkontrollleistung) in der bisherigen Forschung Nulleffekte fanden.[10]
Rezeption des Modells
Forschungen zum Ego-Depletion-Modell wurden unter Sozialpsychologen seit etwa 2000 auch an anderen Universitäten als der Florida State University, wo der Begründer der Theorie (Roy Baumeister) forscht, durchgeführt, mittlerweile auch in Europa.
Darüber hinaus strahlte das Konzept der Ego-Depletion auch auf andere Bereiche in der Psychologie aus, z. B. auf die Marktforschung. Dort befasst man sich damit besonders im Hinblick auf das Thema Kontrollverlust und die Implikationen für Marketing und Personalführung.
Kritik und Replikationen
Laut Psychologieprofessor Michael Inzlicht wurde bereits in den 2000er Jahren unter Forschern geraunt, dass viele Schwierigkeiten hätten, die grundlegenden Befunde des Modells zu replizieren.[11] In der Forschungsliteratur bildete sich das allerdings nicht ab: Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2010, die 83 Studien zum Thema berücksichtigte berechnete einen robusten Effekt mit mittlerer Effektstärke (d+ von 0,62) von Ego-Depletion auf die verschiedenen Operationalisierungen der Selbstkontrolle.[2]
In einem 2013 veröffentlichten Kommentar[12] und einer 2014 veröffentlichten Studie[13] wurde das Ergebnis dieser Meta-Analyse anhand von Analysen wie Funnel-Plots in Frage gestellt, weil es starke Hinweise auf Publikationsbias gebe. Es sei unklar, ob es sich bei Ego-Depletion um ein reales Phänomen handle.
Die Autoren der Meta-Analyse starteten daraufhin eine präregistrierte experimentelle Überprüfung unter Beteiligung von 24 Forschungsteams. Trotz der großen Stichprobe (über 2.000 Teilnehmende) wurde kein signifikanter Effekt von Ego-Depletion gefunden.[3]
Diese Studie von Roy Baumeister und Kathleen Vohs (neben Baumeister eine der bekanntesten Forscherinnen zum Modell) kritisiert. Sie bezeichneten die Nutzung der spezifischen Operationalisierung im Replikationsversuch als törich (auch wenn sie dieser vor Durchführung der Studie zugestimmt hatten) und kündigten ihrerseits eine präregistrierte Studie unter Beteiligung mehrerer Forschungsgruppen an.[14] Allerdings wurde auch in dieser Studie (an der 36 Forschungsteams beteiligt waren und über 3.500 Versuchspersonen teilnahmen) kein signifikanter Ego-Depletion Effekt gefunden.[4] Eine weitere präregistrierte Studie aus dem Jahr 2020 unter der Beteiligung von 12 Forschungslaboren ergab zwar bei der Betrachtung aller Teilnehmenden einen knapp signifikanten Effekt von Ego Depletion, dieser war allerdings sehr klein (d = 0,1; etwa ein Sechstel der Effektstärke aus der Meta-Analyse). Bei Betrachtung der einzelnen Labore fanden sich bis auf eine Ausnahme keine signifikanten Effekte.[15]
Diese Befunde wurden verschiedentlich als Widerlegung des Modells interpretiert und als prominentes Beispiel für die Replikationskrise in der Psychologie beschrieben.[16][17][18][11] Roy Baumeister ist indes (Stand 2024) weiterhin der Ansicht, es gebe gute Argumente dafür, dass Ego-Depletion der bestreplizierte Befund der Sozialpsychologie sei.[19][20][21]
Literatur
- R. F. Baumeister, E. Bratslavsky, M. Muraven, D. M. Tice: Ego depletion: Is the active self a limited resource? In: Journal of Personality and Social Psychology. 74, 1998, S. 1252–1265.
- R. F. Baumeister, M. Muraven, D. M. Tice: Ego depletion: A resource model of volition, self-regulation, and controlled processing. In: Social Cognition. 18, 2000, S. 130–150.
- R. F. Baumeister, M. Gailliot, C. N. DeWall, M. Oaten: Self-Regulation and Personality: How Interventions Increase Regulatory Success, and How Depletion Moderates the Effects of Traits on Behavior. In: Journal of Personality. 74, 2006, S. 1773–1801.
- A. Unger: Ego Depletion – Verlust an Kontrolle. In: G. Raab, F. Unger: Marktpsychologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Gabler-Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-409-21596-4, S. 307–327.
- A. Unger: Der Einfluss von Ego Depletion auf das Risikoverhalten. Shaker Verlag, 2007, ISBN 978-3-8322-6278-5.