Emmanuel Sassen
niederländischer Politiker, MdEP und EU-Kommissar
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Emmanuel Marie Joseph Antony (Maan) Sassen (* 11. September 1911 in ’s-Hertogenbosch; † 20. Dezember 1995 ebenda) war ein niederländischer Politiker (KVP).[1] Er war von 1948 bis 1949 niederländischer Minister für Überseegebiete und von 1952 bis 1958 Mitglied der Ersten Kammer des Parlaments der Niederlande. Von 1952 bis 1958 gehörte er außerdem der Gemeinsamen Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl bzw. dem daraus hervorgegangenen Europäischen Parlament an. Anschließend war er bis 1967 Kommissionsmitglied der Europäischen Atomgemeinschaft und danach bis 1970 Kommissar für Wettbewerb in der Europäischen Kommission.
Leben
Emmanuel Sassen, Sohn eines Richters, legte 1930 das Abitur am altsprachlichen St. Jans-Lyceum in ’s-Hertogenbosch ab und studierte Rechtswissenschaften an der Katholischen Universität Nijmegen. Nach Bestehen des Doctoraalexamen (entspricht einem Magister, keine Promotion) war er von 1936 bis 1946 als Rechtsanwalt in ’s-Hertogenbosch tätig. Er trat 1938 der Roomsch-Katholieke Staatspartij (RKSP) bei und übernahm die Funktion des Parteisekretärs im Wahlkreis seiner Heimatstadt. 1939 wurde er Abgeordneter des Provinzparlaments von Noord-Brabant, dem er – mit Unterbrechung während der Besatzungszeit – bis Ende 1948 angehörte.
Während der deutschen Besetzung der Niederlande engagierte sich Sassen in der Nederlandsche Unie und war einer der drei Autoren von deren Grundsatzprogramm, bevor die Besatzungsmacht die Organisation Ende 1941 auflöste. Von Mai 1942 bis Dezember 1943 wurde er im Internierungslager Sint-Michielsgestel festgehalten. Nach seiner Entlassung veröffentlichte er Texte in den Untergrundzeitschriften Je Maintiendrai und Christofoor.
Nachdem der Süden der Niederlande im September 1944 von den Alliierten befreit worden war, gehörte Sassen zu den Mitbegründern der Nederlandse Volksbeweging (NVB). Von Januar 1945 bis Juni 1946 gehörte er den Gedeputeerde Staten (d. h. der Provinzregierung) von Noord-Brabant an. Er war nach Kriegsende Gründungsmitglied und bis 1948 einer von zwei stellvertretenden Vorsitzenden der Katholieke Volkspartij (KVP), der Nachfolgepartei der RKSP. Bei der ersten Nachkriegs-Parlamentswahl am 17. Mai 1946 wurde er in die Zweite Kammer der Generalstaaten gewählt.
Nach der vorgezogenen Neuwahl 1948, ausgelöst durch eine Verfassungsänderung, wurde Sassen im August 1948 zum Minister für Überseegebiete im Kabinett Drees/Van Schaik ernannt. Dies war der neue Name des Kolonialministeriums, der einer Neugestaltung der Beziehungen der Niederlande zu ihren früheren Kolonien Rechnung tragen sollte. Sassen war damit maßgeblich für die Politik gegenüber Indonesien (dem früheren Niederländisch-Indien) verantwortlich, das 1945 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, welche die Niederlande aber erst Ende 1949 anerkannten. In seiner Amtszeit führten die niederländischen Streitkräfte im Dezember 1948 und Januar 1949 die zweite „Polizeiaktion“ durch, hinter der sich tatsächlich eine Militäroperation gegen die indonesische Unabhängigkeitsbewegung verbarg.
Sassen wollte einer Unabhängigkeit Indonesiens nur in Form einer Föderation unter dauerhaftem niederländischen Einfluss zustimmen. Als der Hohe Vertreter der Krone in Indonesien, sein Parteikollege Louis Beel, unter dem Druck des UN-Sicherheitsrats einen Plan zur beschleunigten Übertragung der Souveränität an Indonesien vorlegte, änderte Sassen diesen dahingehend ab, dass die Souveränität nicht voreilig aus der Hand gegeben werden, eine Einmischung der Vereinten Nationen abgelehnt und die Anführer der Republik Indonesien weiter interniert bleiben sollten. Damit stieß Sassen auf erheblichen Widerstand im eigenen Kabinett, woraufhin er zur Vermeidung einer Regierungskrise am 14. Februar 1949 als Minister zurücktrat. Von 1952 bis 1958 war er Mitglied der (weniger mächtigen) Ersten Kammer des niederländischen Parlamentes.
Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte sich Sassen in der internationalen Vernetzung der christdemokratischen Parteien Europas engagiert. Im Februar 1947 nahm er in Luzern am Vorbereitungstreffen der Nouvelles Équipes Internationales (NEI) teil (einer Vorläuferin der Europäischen Volkspartei), deren stellvertretender Vorsitzender er von 1949 bis 1958 war. Von 1952 bis 1958 war er vom niederländischen Parlament delegiertes Mitglied der Gemeinsamen Versammlung des Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), aus der mit Inkrafttreten der Römischen Verträge Anfang 1958 das Europäische Parlament hervorging. In diesem war Sassen der erste Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Fraktion.[2]
Anfang 1958 wurde Sassen zum Mitglied der Kommission der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) ernannt. Nach der Fusion der Kommissionen von EGKS, Europäischer Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und Euratom 1967 gehörte er der gemeinsamen Europäischen Kommission an. Er folgte Hans von der Groeben als Kommissar für Wettbewerb nach und gehörte bis 1970 der Kommission unter dem Präsidenten Jean Rey an. Sein Nachfolger als Wettbewerbskommissar war der Luxemburger Albert Borschette, als niederländischer Kommissar der spätere Kommissionspräsident (1972–73) Sicco Mansholt.
Von Anfang 1971 bis Ende 1976 war Sassen ständiger Vertreter der Niederlande bei den Europäischen Gemeinschaften in Brüssel.
Emmanuel Sassen war ab 1939 mit Sophie Marie Louise Romme verheiratet, einer Nichte des KVP-Politikers Carl Romme, mit der er zwei Söhne und zwei Töchter bekam. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1978 in zweiter Ehe Jeannette Marie Henriette Koenen.
Ehrungen
- 1956: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
- 1986: Robert-Schuman-Medaille der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament
Literatur
- 50 Jahre Geschichte der EVP-Fraktion 1953-2003, Herausgegeben von der EVP-Fraktion, Seite 30