Enshittification
stetige Verschlechterung der Online-Erfahrungen
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Der Begriff Enshittification (englisch, wörtlich etwa Verscheißifizierung[1]), auch bekannt als Crapification oder Platform decay (deutsch Plattformverfall),[2] beschreibt die These, dass digitale Angebote, d. h. Onlinedienste und -plattformen, mit der Zeit an Qualität verlieren.
Die Ursache, so das Argument, sind wachsende Interessensgegensätze zwischen Betreibern und Nutzern: Anbieter versuchen, ihre Dienste bzw. Angebote stärker zu monetarisieren bei gleichzeitigen Einsparungen und gegebenenfalls auch mittels Verzichts bei der Produkt-Qualität bzw. Nutzerfreundlichkeit.[3] Geraten diese teilweise gegensätzlichen Interessen zu sehr ins Ungleichgewicht zu Ungunsten der Nutzer bzw. der Kunden, dann tritt oft als eines der dann zu bemängelnden Ergebnisse die Enshittification als eine Flut belangloser, austauschbarer Texte, die das Vertrauen der Nutzer untergraben,[4] auf.
Ein weiteres jüngeres Problem wird in diesem Kontext mittlerweile auch gesehen: Verursacht durch sogenannten KI-Slop werden mit Hilfe von künstlicher Intelligenz massenhaft Texte und Bilder generiert, die das Internet „vermüllen“.[5]
Beispiele für Enshittification
Als Beispiele für Enshittification können angesehen werden:
- eine abnehmende Qualität der Suchergebnisse bei zunehmender Werbung auf Google u. ä.,
- geboostete und algorithmisch optimierte Inhalte auf Facebook, TikTok oder Instagram,
- Fake-Produkte mit Fake-Bewertungen auf Amazon und bei anderen Onlinehändlern oder
- die Entwicklung von X (ehemals Twitter) nach der Übernahme von Elon Musk.[6]
- Ab dem Jahr 2023 wurden die Online-Dienste bzw. Applikationen Evernote,[7] Meetup,[8] Filmic,[9] Mosaic Group, Issuu, Streamyard[10] und auch WeTransfer von der in Mailand ansässigen Firma Bending Spoons aufgekauft. Im Anschluss wurde dann zunächst das vorherige Verkaufsmodell umgestellt, statt eines gegebenenfalls vorher vorhandenen Einmalpreises wurde ein Abomodell eingeführt bzw. bereits vorhandene Abonnement-Preise erhöht. Zudem wurde kurz nach der Übernahme ein Großteil der vorherigen jeweiligen Angestellten entlassen, was gemäß verschiedener Berichte negative Folgen auf deren Qualität und Nutzwert hatte. Nach der Übernahme des Routenplaner-Anbieters Komoot im März 2025[11] wurde Ende Mai 2025[12] bekannt, dass 75–85 % der Komoot-Mitarbeiter vom neuen Eigentümer Bending Spoons gekündigt worden waren.
- Dating-Apps, deren kostenlose Varianten immer schlechter werden, um Nutzer zum Kauf der zahlungspflichtigen Variante zu bewegen. Daraufhin ergibt sich ein Zielkonflikt zwischen dem Interesse der Anbieter, sie möglichst lange als zahlende Kunden zu behalten, und dem Wunsch der Kundschaft, die App nicht mehr brauchen zu müssen.[13]
- Beim Einsatz von KI in der Medizin: „Ein medizinisch geschulter Chatbot beantwortet Patienten- beziehungsweise Ärztefragen und stellt erste Diagnosen. Anfangs kontrollieren gut bezahlte Mediziner und Fachkräfte vor Ort die Ergebnisse, später wird das aufwendige Prüfen an schlecht bezahlte Hilfskräfte delegiert, immer weiter verdichtet und am Ende komplett abgeschafft mit der Begründung, der KI-Doc sei nun besser als der menschliche.“[3]
Dabei ist Enshittification nicht nur auf die Angebote von marktmächtigen Big-Tech-Unternehmen beschränkt.
Geschichte
Das Wort Enshittification wurde erstmals von Cory Doctorow in einem Blogpost auf Medium vom November 2022 verwendet,[14] der drei Monate später in Locus veröffentlicht wurde.[15] In einem weiteren Blogpost, der in der Januarausgabe 2023 von Wired veröffentlicht wurde, erweiterte er sein Argument.
Ausgangssituation und Lösungsansätze gemäß Doctorow
Doctorow schreibt, dass neue Plattformen nützliche Produkte und Dienstleistungen mit Verlusten anbieten, um neue Nutzer zu gewinnen. Sobald die Nutzer gebunden sind, verschiebt die Plattform die Überschüsse der Nutzer zu den Aktionären. Wenn Nutzer an die Plattform gebunden sind und keine Alternative haben, hat die Plattform keinen Anreiz mehr, die Qualität aufrechtzuerhalten. Er bringt dies mit dem Konzept des Rent-seeking in Verbindung, die durch Monopole wie Google im Bereich der Suchmaschinen ermöglicht werden.[16] Er schlug für das von ihm geschilderte Problem zwei Lösungsansätze vor:
- Der erste Lösungsansatz gemäß Doctorow ist das End-to-End-Prinzip, bei dem die Aufgabe einer Plattform darin besteht, Daten von bereitwilligen Absendern an bereitwillige Empfänger zuverlässig zu übermitteln. Auf Plattformen angewandt, bedeutet dies, dass die Nutzer das erhalten, was sie angefordert haben, und nicht das, was die Plattform bevorzugt präsentiert, um ihre eigenen Profite zu maximieren.
- Sein zweiter Lösungsansatz ist ein „Ausstiegsrecht“ für digitale Plattformen, bei dem die Nutzer einer Plattform problemlos zu einer anderen wechseln können, wenn sie mit ihr unzufrieden sind. Für die sozialen Medien erfordert dies Interoperabilität und die problemlose Datenübertragung, um den Netzwerkeffekten entgegenzuwirken, die die Nutzer „einschließen“, was einen fairen Wettbewerb zwischen den Plattformen verhindert.[17]
Weiterer Diskurs
Im Computerjournalismus wird der Begriff in analoger Weise auch auf vielfach zu beobachtende Veränderungen im Laufe des Produktlebenszyklus kommerzieller Anwendungssoftware verwendet, wie beispielsweise die Verschiebung von Features von freien auf Bezahl-Versionen, der Übergang bei Lizenzmodellen von Kauf- zu Abo-Modellen oder die Anreicherung von eigentlich ausentwickelter Software mit für den ursprünglichen Zweck unnötigen Features (Bloatware).
Doctorows Konzept wurde von verschiedenen Wissenschaftlern und Journalisten als Rahmen für das Verständnis des Qualitätsverlusts von Online-Plattformen herangezogen. Diskussionen über Enshittification sind in zahlreichen Medien erschienen, darunter auch Analysen darüber, wie Tech-Giganten wie Facebook, Google und Amazon ihre Geschäftsmodelle dahingehend verändert haben, dass sie Gewinne auf Kosten des Nutzererlebens priorisieren.[18][19] Der Begriff wurde dadurch zu einem Modewort in der Anglosphäre und kam auch im deutschsprachigen Raum an, wo Die Zeit ihn als „Verschlimmscheißerung“ übersetzte.[20] Die American Dialect Society wählte Enshittification 2023 zum Wort des Jahres.[21] 2024 wurde der Begriff auch von dem australischen Wörterbuch Macquarie Dictionary zum Wort des Jahres gewählt.[22]
Siehe auch
Weblinks
- Cory Doctorow: The ‘Enshittification’ of TikTok: Or how, exactly, platforms die (2023), auf Wired
- Cory Doctorow: Die Verschlimmscheißerung des Internets (2024), auf Zeit Online
- „Enshittification“: Warum Plattformen verfallen – und wie Unternehmen darauf reagieren sollten, auf netzlabor.de