Erlichthof
Freilichtmuseum und kulturhistorisches Ensemble im nordöstlichen Sachsen in Rietschen
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Der Erlichthof in Rietschen ist ein regionalgeschichtlich und sozialgeschichtlich bedeutendes Freilichtmuseum und ein kulturhistorisches Ensemble im nordöstlichen Sachsen am Wolfsradweg gelegen, das sich durch seine einzigartigen Schrotholzhäuser auszeichnet. Die denkmalgeschützten Blockhäuser, die bis zu 300 Jahre alt sind, wurden vor dem Braunkohleabbau gerettet und am Ortsrand der Gemeinde Rietschen originalgetreu wieder aufgebaut.

Geschichte
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts prägten Schrotholzhäuser das Erscheinungsbild der sorbischen Dörfer in der Lausitzer Heide so auch um Rietschen. Nach und nach wurden diese traditionellen Holzbauten durch kostengünstigere und pflegeleichtere Gebäude aus Ziegel ersetzt. In den 1950er-Jahren führten geologische Untersuchungen zur Entdeckung umfangreicher Braunkohlevorkommen in der Region. Daraufhin wurde 1955 in den Rietschener Ortsteilen Mocholz, Viereichen, Altliebel und Zweibrücken ein Baustopp verhängt, da dort ein Bergbauschutzgebiet eingerichtet wurde. Die geplante Umsiedlung dieser Ortschaften begann im Jahr 1990, da die Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG), die zu dieser Zeit den Tagebau betrieb, sich vertraglich verpflichtete die denkmalgeschützten Schrotholzhäuser aus den betroffenen Dörfern sorgfältig abzutragen und an einem geeigneten Standort originalgetreu wieder aufzubauen. Für diesen Wiederaufbau bewarben sich mehrere Gemeinden, darunter Rietschen, Schleife und Weißwasser. Aufgrund seiner Nähe zu den abgebaggerten Siedlungsgebieten fiel die Entscheidung schließlich zugunsten von Rietschen. In der Nähe des Erlichtteiches entstand daraufhin der Erlichthof. Von 1992 bis 1995 wurden mehrere historische Gebäude aus dem Braunkohle-Tagebauvorfeld nach Rietschen versetzt und neu aufgebaut (transloziert)[1]:
- 1992 – Am Erlichthof 2: Scheune aus Kaschel, Umschrot und Fachwerk
- 1992 – Am Erlichthof 15: Schrotholzwohnhaus (aus Jerischke, Dorfstraße 23), saniert 1996/97 (Naturschutz und Touristik)
- 1993 – Am Erlichthof 1: ehem. Forsthaus (ehemalig Altliebel 37), Umgebinde, Schrotholz, saniert ab 1996, heute Gasthaus
- 1994 – Am Erlichthof 7: Schrotholzwohnhaus mit Umgebinde (ehemalig Viereichen 10), saniert bis 1997 (heute Ferienhaus)
- 1994/95 – Am Erlichthof 5: Scheune (ehemalig Altliebel 37), gehörte zum Forstanwesen, Fachwerk, (heute Webhaus)
- 1995 – Am Erlichthof 9: Schrotholzscheune (ehemalig Zweibrücken 26), (heute Keramikscheune)
1996 bis 1997 wurden das kleine freistehende Backhaus und die Dorfstraße „Am Erlichthof“ gebaut.
Bis 1997 wurden insgesamt 16 Schrotholzhäuser und Scheunen in die Erlichthofsiedlung umgesetzt.
1997 wurde das Ensemble im Rahmen eines Natur- und Fischerfestes offiziell eröffnet. Seitdem wird das Gelände kontinuierlich erweitert und beherbergt heute zahlreiche historische Gebäude, darunter Wohnhäuser, Scheunen, Werkstätten, eine Bäckerei, einen Hofladen und einen Spielplatz.
2001 wurden die „Kanzlerglocke“ und der Glockenturm feierlich eingeweiht und 2004 das Kontaktbüro „Wolf“ in der Theaterscheune eingerichtet. 2009 wurde das ehemalige Wohnhaus „Viereichen Nr. 2“ (Töpferei Herack) ein Ferienhaus und erhielt den Namen „Erlicht“. Die Hofschneiderei zog in die Theaterscheune um, schloss aber bereits 2013 wieder.
Architektur
Die markanten, schichtweise aufgebauten Schrotholzhäuser waren ursprünglich typische Wohn- und Wirtschaftsgebäude der sorbischen Heidebauern in der Oberlausitz. Einzigartig ist die Bauweise dieser Häuser: Mehrere Jahre vor dem Fällen wurden die ausgewählten Kiefern im Wald markiert und unterhalb der Krone durch ein spiralförmiges Entfernen der Rinde geringelt. Durch diese Behandlung sammelte sich im Inneren des Stammes Harz an, das die spätere Holzsubstanz auf natürliche Weise konservierte und sie widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Umwelteinflüsse machte. Nach dem Fällen bearbeitete man die Stämme mit dem Breitbeil, wobei ihre Form durch kantiges Behauen entstand. Diese Bearbeitungsweise gab den Balken auch ihren charakteristischen Namen.
Nutzung und Veranstaltungen
Das Gelände fungiert sowohl als Museumsdorf als auch als touristische Sehenswürdigkeit und Naherholungsziel mit benachbartem Wohnmobilstellplatz und einem Fahrradverleih in der Natur- und Touristinformation. In vielen der Häuser befinden sich heute Werkstätten für traditionelles Handwerk, ein Hofladen, Gastronomiebetriebe, ein Schokoladen, Ateliers sowie Ausstellungen, unter anderem zur Geschichte der Lausitzer Wölfe.
Regelmäßig finden auf dem Areal regionale Feste, Märkte sowie kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte und Kabarett statt. Führungen durch die Siedlung und spezielle Erlebnis-Angebote, darunter Kräuterwanderungen und Bildungsprogramme rund um Natur und Handwerk, ergänzen das Angebot.
Literatur
- Förderverein Schrothäuser Erlichthof (Hrsg.): Der Erlichthof und seine Nachbarn. Rietschen und die Umsetzung der historischen Schrotholzhäuser. Rietschen 1997.
Weblinks
- Seite der Erlichthofsiedlung
- Erlichthof Rietschen auf KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital.
- Erlichthof Rietschen auf tourismus-sorben.de