Ernst Zinner
deutscher Astronom und Wiederentdecker des Kometen Giacobini-Zinner
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Ernst Zinner (* 2. Februar 1886 in Goldberg, Provinz Schlesien; † 30. August 1970 in Planegg, Oberbayern) war ein deutscher Astronom und Astronomiehistoriker. Er ist der Wiederentdecker des Kometen Giacobini-Zinner.
Leben
Ernst Adolf Walter Gustav Zinner war das sechste Kind von Theodor Zinner (1842–1907) und Helene Zinner geb. Kahl (1855–1890). Der Vater, Theodor Zinner, war wiederum der Sohn von Rosette Döhner (1807–1884).[1] Ernst Zinner war demnach verwandt mit der Familie Döhner, darunter auch mit Sophie Döhner (1844–1933), die 1893 als eine der ersten Frauen allein eine Weltreise unternahm.[2]
Ernst Zinner erlangte 1904 das Abitur am Gymnasium Johanneum zu Liegnitz. Anschließend nahm er das Studium der Astronomie, Mathematik und Physik in Jena auf. Für das Wintersemester 1905/06 sowie für das Sommersemester 1906 schrieb sich Ernst Zinner an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ein. Sein letztes Semester verbrachte Ernst Zinner dann wieder an der Sächsischen Gesamt-Universität in Jena, wo er 1907 in Astronomie zum Doktor promoviert wurde. Seine Dissertation reichte Ernst Zinner ein unter dem Titel: »Ueber Beziehungen zwischen den wahren Ort eines Himmelskörpers und dem im Stereokomparator meßbaren Ort seines stereoskopischen Bildes«. Gutachter der Arbeit war Otto Knopf, Leiter der Universitäts-Sternwarte Jena.
Nach dem abgeschlossenen Studium in München und Jena und Forschungsaufenthalten in Lund (bei Carl Charlier), Paris (bei Jules Poincaré) und Heidelberg (bei Wilhelm Valentiner) arbeitete Zinner von 1910 bis 1919 in Bamberg bei dem Leiter der Bamberger-Sternwarte Ernst Hartwig.
Im Ersten Weltkrieg diente Ernst Zinner als Meteorologe und leitete die Feldwetterstation Maubeuge, die nach der französischen Stadt, in der sie stationiert war, benannt war. Von hier aus lieferte er Wetterdaten an die deutsche Luftwaffe. Nach eigener Aussage war Ernst Zinner bspw. an den Luftangriffen durch deutsche Zeppeline auf Paris in der Nacht vom 20. auf den 21. März 1915 beteiligt, indem seine Feldwetterstation die nötigen Wettervorhersagen berechnete. Ab Juni 1915 übernahm Ernst Zinner die Leitung der Feldwetterstation 18, welche an die Armeeabteilung Woyrsch angegliedert war. Von da an reiste Ernst Zinner zusammen mit der mobilen Feldwetterstation an verschiedene Orte von der sog. Ostfront. Von Mai bis November 1918 war Ernst Zinner dann in Belgien stationiert.[3]
Im Januar 1920 wird Ernst Zinner aufgrund seiner Abhandlung über »Die Beziehung zwischen den Größen und Lichtstärken der Sterne« an der Münchener Universität habilitiert. Seine Probevorlesung behandelte »Die Entwicklung der deutschen Astronomie bis zur Zeit des Regiomontan«. Im September desselben Jahres heiratete Ernst Zinner die Lehrerin Agnes Elise Susi Zinner geb. Naegelsbach (1887–1966).
Ab dem Wintersemester 1920 war Ernst Zinner Privatdozent und ab 1924 außerordentlicher Professor an der Universität München. Von 1926 bis 1953 war er Direktor der Karl Remeis-Sternwarte in Bamberg. Ab 1935 übernahm Zinner außerdem den Platz des 1. Vorsitzenden der Naturforschenden Gesellschaft Bamberg und blieb in diesem Amt bis 1954. 1961 ernannte zu seinem 75. Geburtstag die Naturwissenschaftliche Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt am Main Ernst Zinner zu ihrem Ehrendoktor (Dr. Dr. h.c.).
Neben seiner eigentlichen astronomischen Arbeit, insbesondere zu veränderlichen Sternen, verfasste Zinner bedeutende Werke zur Geschichte der Astronomie. Zu den bis heute von der Forschung am häufigsten verwendeten Werken zählt zum einen die »Geschichte und Bibliographie der astronomischen Literatur in Deutschland zur Zeit der Renaissance« von 1941 (1964 neu aufgelegt) sowie »Deutsche und niederländische astronomische Instrumente des 11.–18. Jahrhunderts« von 1956 (1967 neu aufgelegt).[4]
Am 23. Oktober 1913 entdeckte Zinner den gleichen Kometen wieder, den Michel Giacobini bereits im Jahre 1900 in Frankreich entdeckt hatte. Dies geschah zwei Umläufe später. Seitdem wird der Komet Giacobini-Zinner (21P) genannt.
Nach ihm ist der Mondkrater Zinner mit vier Kilometer Durchmesser benannt. Im Jahr 1939 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.[5] 1993 wurde der Asteroid (4615) Zinner nach ihm benannt.[6]
Der Nachlass
Ernst Zinner sammelte Zeit seines Lebens jegliche Hinweise zu Sonnenuhren und anderen astronomischen Instrumenten, die er in Handschriften, Katalogen etc. fand. Zusammen mit seiner Ehefrau, Susi Zinner, unternahm Ernst Zinner unzählige Reisen vor allem durch Deutschland, aber u. a. auch nach England, Italien, Frankreich, Russland und in die USA. Außerdem schrieb er seit den 1920er an sämtliche Stadtverwaltungen, Ortschaften, Bibliotheken, Museen usw. und fragte, ob sich in deren Besitz Aufzeichnungen zu Sonnenuhren befänden oder Handschriften zu Astronomen wie Regiomontanus, Kepler oder Coppernicus. Ernst und Susi Zinner dokumentierten auf ihren Fahrten vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg Nachweise sämtlicher astronomischer Instrumente und schufen auf diese Weise eine einzigartige Sammlung. Zudem dokumentierte das Ehepaar ihre Reisen mit zahlreichen Fotografien von Sonnenuhren und anderen astronomischen Geräten.
Diese Sammlung an Aufzeichnungen zu astronomischen Instrumenten bilden den Kern des Nachlasses von Ernst Zinner, der sich im Universitätsarchiv der Goethe-Universität Frankfurt a. M. befindet. Außerdem ist im Nachlass die wissenschaftliche sowie die private Korrespondenz von Ernst Zinner überliefert. Des Weiteren sind im Nachlass die durchgeschossenen Exemplare seiner wichtigsten Werke zu finden.
Ernst Zinner hat seinen wissenschaftlichen Nachlass an die Frankfurter Universität vermacht, weil er dort 1961 die Ehrendoktorwürde erhielt. Außerdem pflegte er einen engen Kontakt mit einigen Professoren der Naturwissenschaftlichen Fakultät, allen voran mit Willy Hartner. Dieser war es, der das sog. Zinner-Archiv an sein Institut, dem Institut für die Geschichte der Naturwissenschaften (IGN), holte. Ernst Zinner stellte die Bedingung, dass sein wissenschaftlicher Nachlass einem breiten Kreis an Forschenden offen zur Verfügung stehen sollte.[7]
1966 verkaufte Ernst Zinner bereits ein Großteil seiner Bibliothek an die Universitäts-Bibliothek der San Diego State University (California, USA). Dort befindet sich ein weiterer Teil des Nachlasses von Ernst Zinner.[8]
Mitgliedschaften (Auswahl)
- Internationale Astronomische Union (Kommission 41)
- Astronomische Gesellschaft
- Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina zu Halle
- Académie internationale d’histoire des sciences
- Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik
- Naturforschende Gesellschaft Bamberg
Auszeichnungen (Auswahl)
- Ehrendoktor der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt am Main (1961)
- Ehrenbürger der Stadt Königsberg (1962)
- Leibniz-Medaille (1943)
- Siemens-Preis (1943)
- Sudhoff-Plakette (1961)
- Bundesverdienstkreuz erster Klasse (1966)
Schriften (Auswahl)
- Ueber Beziehungen zwischen den wahren Ort eines Himmelskörpers und dem im Stereokomparator meßbaren Ort seines stereoskopischen Bildes. Diss. Univ. Jena, 1907.
- Verzeichnis der astronomischen Handschriften des deutschen Kulturgebietes, Beck, München 1925.
- Helligkeitsverzeichnis von 2373 Sternen bis zur Größe 5.50, Buchner, Bamberg 1926.
- Die Geschichte der Sternkunde von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart, Springer, Berlin 1931.[9]
- Johannes Kepler, Coleman, Lübeck 1934.
- Die fränkische Sternkunde im 11. bis 16 Jahrhundert. In: Bericht der naturforschenden Gesellschaft Bamberg, Nr. 27. 1934. PDF
- Das Leben und Wirken des Nikolaus Koppernick, Abhandlungen und Berichte, Deutsches Museum, Jahrgang 9, Heft 6, VDI Verlag, Berlin 1937.
- Leben und Werk des Johannes Müller, München 1938, Reprint Osnabrück 1968 (Biographie von Regiomontanus). Englische Übersetzung: Regiomontanus, North Holland 1990.
- Die ältesten Räderuhren und modernen Sonnenuhren. Forschungen über den Ursprung der modernen Wissenschaft, Bamberg 1939, S. 1–129 (= Bericht der Naturforschenden Gesellschaft, Band 28) (zobodat.at [PDF]).
- Geschichte und Bibliographie der astronomischen Literatur in Deutschland zur Zeit der Renaissance, 2. Auflage. Hiersemann, Stuttgart 1964, ISBN 3-7772-6407-5 (Erstausgabe Leipzig 1941).
- Entstehung und Ausbreitung der Copernicanischen Lehre, Beck, 2. Auflage 1988 (Erstausgabe 1943)
- Astronomie. Geschichte ihrer Probleme, München 1951 (= Orbis academicus 2, Band 1); Nachdruck: Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 1984, ISBN 3-495-44103-4.
- Astronomie, München: Alber 1951.
- Peter Henlein und die Erfindung der Taschenuhr. In: »Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie«, Bd. 4, 1953, S. 8–12.
- Zur Deutung der astrologischen Bleikapsel in Freiburg. In: »Forschungen und Fortschritte«, 30. Jg. Heft 3, Berlin 1956, S. 65–67.
- Deutsche und niederländische astronomische Instrumente des 11.–18. Jahrhunderts, Beck, München 1956; 2. Auflage ebenda 1967, Nachdruck 1979.
- Alte Sonnenuhren an europäischen Gebäuden, Steiner, Wiesbaden 1964.
Literatur
- Literatur von und über Ernst Zinner im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Diedrich Wattenberg: Ernst Zinner 2. Februar 1886 bis 30. August 1970 (Nachruf). In: Astronomische Nachrichten, Bd. 293 (1971), S. 79, bibcode:1971AN....293...79W.
- Silke Ackermann, Dormant Treasures. The Zinner-Archive at Frankfurt University. In: Nuncius, 16 (2001), S. 711–722. https://opac.regesta-imperii.de/id/1417984
- Josef H. Biller, Der Nachlass Ernst Zinner im Universitätsarchiv Frankfurt am Main. In: Aus dem Antiquariat. Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler, 9,1 (2011), S. 25–27.
- Karlheinz Schaldach, Das Ernst Zinner-Archiv. In: Anton von Gotstedter (Hrsg.): Ad radices. Festband zum fünfzigjährigen Bestehen des Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Stuttgart: Steiner 1994, S. 25–28.
- Otto Döhner, Die Geschlechter Döhner und Graf. Nachkommen und Ahnen. Ein Familienbuch mit 57 Abbildungen. Oberursel: Selbstverlag, 1972.
- Jürgen Hamel, Zinner, Ernst. In: Thomas Hockey (Hrsg.), Biographical encyclopedia of astronomers. (Springer reference), 2. Aufl., New York: Springer, 2014, S. 2426–2428.
- Freddy Litten, Astronomie in Bayern 1914–1945. Zugl.: München, Univ., Diss.: 1991. (Boethius, Bd. 30). Stuttgart, 1992.
- Gerald Johns, Literature of Time in the Ernst Zinner Collection San Diego State College Library. A Checklist. San Diego, 1969.
- Gerald Johns, Literature of Time in the Ernst Zinner Collection San Diego State College Library. A Checklist. San Diego, 1970.
Weblinks
- Ernst Zinner im Mathematics Genealogy Project (englisch)
- Univ.-Prof. Dr. Ernst Zinner. In: ZOBODAT.at. OÖ Landes-Kultur GmbH (mit einem Link zu seinen Publikationen in der Reihe Bericht der naturforschenden Gesellschaft Bamberg im Volltext).
- Veröffentlichungen von E. Zinner im Astrophysics Data System
- Porträt
- Ernst Zinner Manuscript Collection, San Diego
- Ernst Zinner Nachlass im Universitätsarchiv Frankfurt