Erwin Haarmann
deutscher Aktivist der bundesdeutschen „Homophilenbewegung“ der 1950er Jahre
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Erwin Haarmann (* 15. April 1915 in Lüdenscheid; † 13. September 1972 in Hagen) war ein Aktivist der bundesdeutschen „Homophilenbewegung“ der 1950er Jahre.
Leben und Wirken
Erwin Haarmann wurde am 15. April 1915 als ältester Sohn des Lüdenscheider Galvaniseurs Heinrich Haarmann (1885–1937) und dessen Frau Mina Anna geb. Berk (1892–1951) geboren. Er hatte drei jüngere Schwestern. Insbesondere die Mutter war als Adventistin sehr religiös.
Früher Lebensweg
Vor 1933 gehörte Erwin Haarmann zeitweise der KPD an und wurde im Sozialen Dienst des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes aktiv. Ab 1933 war er als „Abteiler“ in den Märkischen Drahtwerken in Lüdenscheid-Oberrahmede beschäftigt.
1937 trat er in das Predigerseminar der freikirchlichen Pilgermissionsanstalt St. Chrischona, heute Theologisches Seminar St. Chrischona, im Schweizerischen Kanton Basel ein. Sein Berufswunsch war Missionar. Doch konnte er seine Ausbildung nicht bis zum Ende absolvieren, da er im April 1940 vermutlich wegen seiner Homosexualität vorzeitig aus dem Seminar entlassen wurde. Erwin Haarmann kehrte nach Deutschland zurück und wurde wenig später zum Kriegsdienst in der Wehrmacht eingezogen. Aus diesem schied er im Hochsommer 1941 aus gesundheitlichen Gründen wieder aus. Ein Jahr zuvor hatte er sich, vermutlich aus Utilitätsgründen, mit einer jungen Frau aus seiner Nachbarschaft verlobt. Das Paar ging aber nie die Ehe ein.[1]
Von 1941 bis 1945 war Erwin Haarmann Abteilungsleiter im Lüdenscheider Gießereiunternehmen Richard Sieper & Söhne. Das Arbeitsverhältnis beendete er nach dem Zweiten Weltkrieg auf eigenen Wunsch und machte sich als Kaufmann selbstständig. Er wurde Mitglied der SPD und trat als Schulungsleiter der Jungsozialisten im Unterbezirk Altena-Lüdenscheid auf. Hier hielt er 1947 einen Vortrag unter dem Titel „Christentum und Sozialismus“, dessen Leitgedanken später auch veröffentlicht wurden.[2]
Kriminalisierung und erwachender Aktivismus
Anfang der 1950er Jahre wurde Erwin Haarmann erstmals wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen kriminalisiert. Am 24. Februar 1953 wurde er vom Landgericht Hagen wegen „Sittlichkeitsverbrechen“ nach § 175 StGB zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt stand er nachweislich in Kontakt mit zahlreichen anderen homosexuellen Männern im Raum Lüdenscheid und darüber hinaus, so etwa mit dem Berliner Maler und Grafiker Eberhardt Brucks (1917–2008) und dem Hamburger Kaufmann Oskar Kertscher (1893–1956). Insbesondere Kertscher kam in den 1950er-Jahren eine besondere Bedeutung zu, da er Verfassungsbeschwerde gegen den Fortbestand des § 175 StGB in der Bundesrepublik einlegte. Nach seinem Tod war indes das Karlsruher Bundesverfassungsgericht der Verpflichtung enthoben, sich weiter mit der Beschwerde zu befassen.
Nachdem Erwin Haarmann 1953 nach Hamburg gezogen war, ging er mit dem Verleger Christian Hansen Schmidt (1909–1962) eine Arbeitsgemeinschaft ein, die darin bestand, dass das Paar sukzessive zentrale Arbeitsbereiche der Bremer „Homophilenvereinigung“ Internationale Freundschaftsloge (IFLO) übernahm und nach Hamburg verlagerte.[3]
Zu diesem Zwecke etablierten Haarmann und Hansen Schmidt die Gesellschaft für Menschenrechte (GfM), die zeitweise noch vor der IFLO, dem Frankfurter Verein für humanitäre Lebensgestaltung (VhL), der Berliner Gesellschaft für Reform des Sexualrechts (GfRdS) und der Reutlinger Kameradschaft die runde die führende deutsche „Homophilenorganisation“ der 1950er Jahre war.
Sprachrohr der GfM war die nicht bebilderte Zeitschrift Humanitas (1953–1955), die unter den seinerzeitigen deutschsprachigen „Homophilenzeitschriften“ das höchste intellektuelle Niveau aufwies und zu ihren Mitarbeitern so namhafte Autoren wie Albrecht D. Dieckhoff, „Larion Gyburc-Hall“, Rudolf Klimmer, Erich Körner, Botho Laserstein, Konstantin Ortloff, Friedrich Franz Reinhard und Johannes Werres zählte. Redakteure der Zeitschrift waren Erwin Haarmann und Christian Hansen Schmidt, die auch die bebilderte Zeitschrift Hellas, eine Art „Schwesterprojekt“ von Humanitas, herausgaben.
Die Gesellschaft für Menschenrechte
Die Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte verstand sich als eine parteipolitisch und religiös nicht gebundene „Vereinigung von demokratisch gesinnten Menschen, die sich für die Verwirklichung und Weiterentwicklung der Menschenrechte im öffentlichen und privaten Leben“ einsetzte. Sie forderte die „unbedingte Gleichbehandlung“ aller Menschen ohne Unterscheidung nach ihrer sozialen, nationalen, rassischen und geschlechtlichen „Herkunft, Zugehörigkeit und Einstellung“.[4] Den heute einzig bekannten Teilen der Satzung nach nannte sie die Worte „homosexuell“ oder „Homosexualität“ nicht, und insofern kann sie als ein für ihre Zeit typischer „Tarnverein“ verstanden werden.[5]
Über die Mitarbeiter, die Zahl der Mitglieder und das Aktivitätsniveau der GfM liegen heute nur wenige gesicherte Angaben vor. Belegt ist, dass sich neben Erwin Haarmann und Christian Hansen Schmidt der Journalist Johannes Werres und der Rechtsanwalt Botho Laserstein in der GfM aktiv engagierten. Erwin Haarmann sprach im Herbst 1954 auf einer internationalen Tagung von „ungefähr 1000“ Mitgliedern der GfM, doch dürfte die Zahl viel zu hoch gegriffen gewesen sein.[6] Die GfM betrieb um 1954 mehrere Arbeitsgemeinschaften, so etwa eine theologische, eine juristisch-medizinische, eine pädagogische und eine literarisch-künstlerische AG.[7] Mit medizinisch-juristischen Befragungen war zudem ein „Institut für soziologische Forschungen“ betraut, das der GfM angegliedert war und dessen Vorsitz Botho Laserstein übernahm. Hier wurden zwei Fragebögen entwickelt, deren Auswertungen dazu dienen sollten, die Reformvorschläge der GfM zum „homosexuellen Strafrecht“ mit „beweiskräftigem Zahlenmaterial“ zu unterbauen.
Als Leiter des GfM-Sekretariats entwickelte Erwin Haarmann 1954 eine ausgedehnte Reisetätigkeit, um möglichst viele Gruppen im gesamten Bundesgebiet für die gemeinsame homophile Emanzipation zu begeistern. Im Zuge dessen schlossen sich mehrere „Kreise“ der GfM an, so der Hamburger Kreis, der Berliner Kreis, der Ruhr-Kreis, der Hannover Kreis, der Rheinische Kreis und der Bremer Kreis.[8] Etliche weitere Gruppen waren in Planung, doch ist unklar, ob sie je gegründet wurden.
Erwin Haarmann musste 1954 die vom Landgericht Hagen gegen ihn verhängte Haftstrafe in Hamburg absitzen. Um diese Zeit interessierte sich das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz für die GfM, und ein von Erwin Haarmann geplantes Buch unter dem Titel „Gefangene einer verbotenen Liebe“ wurde noch vor Drucklegung verboten.[9] Gleichzeitig brachte die Zeitschrift Humanitas dem Verlag Hansen Schmidt erhebliche finanzielle Verluste ein, so dass die GfM im Lauf des Jahres 1955 schließlich ihre gesamten Tätigkeiten einstellen musste.
Erwin Haarmann und Christian Hansen Schmidt betrieben ab Herbst 1955 zusammen das Lokal Bronzekeller in Hamburg, doch war der Betrieb als Zuschussgeschäft für die GfM geplant und misslang. In der Folge zog Erwin Haarmann Anfang 1956 nach Amsterdam und 1959 nach Österreich, wo er unter dem Namen „Henry Erwin Haarmann“ als Chefredakteur der Wiener Vierteljahreszeitschrift Europublica Revue, einer Zeitschrift für modernes Reisen, auftrat. Zwischenzeitig soll er sich wegen Konkursvergehen in Hamburger Untersuchungshaft befunden haben. Zeitweise arbeitete er auch als Redakteur der niederländischen Monatszeitschrift Aviatiek für „internationale Luftfahrt in Wort und Bild“.[10]
Einen letzten Versuch, eine überregionale Vereinigung für Homosexuelle in der Bundesrepublik Deutschland zu gründen, unternahm er ab 1964 aus dem Umfeld der Reutlinger Kameradschaft die runde, doch gelang ihm auch dieses Unternehmen nicht mehr.
Erwin Haarmann starb am 13. September 1972 in Hagen.
Wertung
Nach Johannes Werres, seinem zeitweiligen Mitarbeiter in der GfM, war Haarmann eine problematische Persönlichkeit. Er „konnte gut reden und andere beeindrucken“, so Werres, doch habe er schon bald den Beinamen „Diktator“ erhalten. Zudem sei er ein „harter Typ“ gewesen, der es liebte, wenn man sich ihm unterordnete.[11] Andere urteilten empathischer und differenzierter. So behauptete Eberhardt Brucks 2006: „Haarmann nahm kein Blatt vor den Mund, er war ein kämpferischer Typ. Er wurde angefeindet, man wollte ihn zur Strecke bringen.“[12] Der Aachener Literaturwissenschaftler und Publizist „Larion Gyburc-Hall“ (Werner Schmitz, 1919–1981) bezeichnete Haarmann in einem ihm gewidmeten Essay als „wahren Freund“.[13]
In den späten 1950er Jahren hatte unter Erwin Haarmanns aktivistischen homophilen Zeitgenossen kaum jemand Verständnis für sein früheres Agieren. Auf der 7. Arbeitstagung des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Frankfurt am Main im Sommer 1957 nahmen Vertreter von drei „homophilen“ Organisationen teil: des Frankfurter Vereins für humanitäre Lebensgestaltung (VhL), der Bremer Internationalen Freundschaftsloge (IFLO) und der Berliner Gesellschaft für Reform des Sexualrechts (GfRdS). Sie waren sich einig, dass eine deutsche Dachorganisation nach den „katastrophalen, durch die GfM herbeigeführten Ereignissen“ nicht mehr erwünscht sei.[14] Die GfM habe einst gute Ideen gehabt und eine seriöse Zeitschrift besessen, sie sei indes „in hochstaplerischer Weise“ zu groß aufgezogen gewesen. Den ins Ausland „entwichenen GfM-Sekretär“ erachtete man als gefährlich, und man wünschte keinerlei Beziehungen mehr zu ihm. Der Name Haarmanns wurde dabei nicht explizit genannt.
Literatur
- Raimund Wolfert: Erwin Haarmann (1915–1972). Annäherungen an einen „kämpferischen Typ“, den man zur Strecke bringen wollte. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 75/76 (November 2025), S. 78–103.